Sehnsucht nach Gelassenheit
Mütter und die Angst vor dem Scheitern
Nach außen hin entspannt, innen verunsichert, überfordert, perfektionistisch und unzufrieden – so sind deutsche Mütter laut einer Studie, die das Kölner rheingold Institut auf Initiative der Firma Milupa durchgeführt hat. Studienleiterin Nicole Hanisch räumt mit dem vorherrschenden Mütterideal auf.
Deutsche Mütter: Weniger Klagen, mehr Unsicherheit
Die gute Nachricht lautet: Mütter von heute jammern nicht mehr so viel. „Noch vor ein paar Jahren haben die deutschen Frauen in unseren Befragungen ungehemmt geklagt: über die Belastung, die sie empfanden, weil sie sich ganz allein für das Wohlergehen ihrer Familien zuständig fühlten“, erinnert sich Studienleiterin Nicole Hanisch vom rheingold Institut. „Selbst Frauen mit Partner sahen sich geradezu als Alleinerziehende.“ Offenbar ein typisch deutsches Phänomen. Denn von französischen Müttern beispielsweise, so die Diplom-Psychologin, sei diese Klagekultur nicht bekannt gewesen.
Dass Mütter in Deutschland heute weniger Grund zum Jammern haben, mag ein Stück weit damit zusammenhängen, dass sich immer mehr Väter dazu durchringen, zumindest einen Teil der Familienverantwortung zu übernehmen. Doch vor allem wagen sie heute nicht mehr laut zu klagen, selbst wenn ihnen danach zumute ist. Denn das vorherrschende Idealbild einer modernen Mutter sieht eine entspannte Frau vor, die souverän mit Kind, Beruf und Partnerschaft jongliert.
In Zahlen sieht der Status quo laut Milupa-Studie so aus: 78 Prozent der befragten Frauen tragen Gelassenheit als große Vision beim Thema Kinderkriegen und Kinderhaben vor sich her, doch nur 44 Prozent fühlen sich wirklich entspannt. „Die nach außen hin aufgetragene Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Kind ist nur Attitüde. Sie dient dazu, Ängste und eine tiefe Unzufriedenheit zu kaschieren“, weiß Nicole Hanisch, „Die viel zitierte Yoga- oder Latte-Macchiato-Mama, die locker, spontan und zufrieden mit Kind auf der Matte oder im Café sitzt, gibt es so gar nicht.“ Sie sitzt zwar da und ist für jede andere Mutter, die gestresst den tütenbehangenen Kinderwagen vorbeischiebt, Salz in der Wunde. Aber tief im Innern fühlen beide Frauen dasselbe.
Bekannte Probleme, neue Offenheit
Die Ängste und Unsicherheiten, die die Mütter in der rheingold-Befragung beschreiben, sind bekannt. Im Kreise der engsten Freundinnen und in der Anonymität von Elternforen wird immer wieder darüber diskutiert. In Magazinkolumnen outen sich mutige Autorinnen als unperfekte Mamis – allerdings zwecks Selbstschutz meist mit einem Augenzwinkern. Neu ist, dass sich so viele Mütter so offen und so ernsthaft bekennen: zu der Angst, durch die Familiengründung finanziell und sozial abzusteigen. Zu der Angst, ihre Attraktivität als Frau zu verlieren und deshalb vom Partner verlassen zu werden. Zu der Angst, vor kinderlosen Freunden oder anderen Müttern als überfordert dazustehen und ihr Gesicht zu verlieren.
Die Ansprüche an sich selbst, mit denen die Frauen auf ihre Ängste und Unsicherheiten reagieren, sind zum Teil geradezu absurd – das legt zumindest die Studie nahe: „Man bekommt ein Kind, macht also eine der einschneidensten Erfahrungen des menschlichen Lebens überhaupt, und möchte doch unverändert daraus hervorgehen“, staunt Nicole Hanisch vom rheingold Institut. „Den Freunden zuliebe möchte man auch mit Kind zum spontanen Pferdestehlen bereitstehen oder Fernreisen nach Neuseeland unternehmen, anstatt sich auf die neue Lebensphase und die logischerweise damit einhergehenden Veränderungen einzulassen.“ Mit jeder Entscheidung für einen bestimmten Lebensweg schließen wir zahlreiche andere Optionen aus. Das ist aber keine Persönlichkeitsschwäche, sondern das ist der natürliche Lauf der Dinge.
61 Prozent der befragten Frauen sehen ihre Kinder als eine Art Rohdiamant, der geschliffen werden muss, und glauben, dass ein entspannter Umgang mit dem Kind eine wichtige Voraussetzung ist, damit das gelingen kann. Doch anstatt dann auch wirklich entspannt mit dem Sprössling umzugehen, zwingen sie ihm ihren Förderwahn auf. „Bei jedem Spielplatzbesuch wird mindestens eine Übung eingebaut, die die Grobmotorik fördert“, weiß Nicole Hanisch, „Frauen von heute begreifen ihr Kind als Projekt, das sie vorbereiten und umsetzen können wie sie es vorher mit beruflichen Projekten getan haben. Nur lassen sich Kinder nun mal nicht organisieren und nach den mütterlichen Vorstellungen formen.“
Mütter im Zickenkrieg
Mütter von heute wünschen sich Vorbilder und Fürsprecher, die ihre Situation in der Öffentlichkeit darstellen und für Verständnis werben, doch anstatt in anderen Müttern gefühlsmäßig Gleichgesinnte zu sehen und sich mit ihnen zu verbünden, zicken sie gegen jede Mutter, die ein anderes Rollenbild oder ein anderes Lebensmodell gewählt hat als sie selbst: Vollzeitmamas gegen berufstätige Mütter, Ökomütter gegen „Es darf auch mal was Ungesundes sein“-Mütter, Spätgebärende gegen junge Mütter, Prenzlauer-Berg-Mütter gegen Provinzmütter.







