Zwiespältige Gefühle

Muss ich mein Kind immer lieb haben?

Natürlich lieben wir unser Kind. Sehr sogar. Gut, vielleicht nicht ganz so sehr, wenn das Kleinkind Himbeersaft auf die weiße Couch geschüttet oder der Teenie sich hat piercen lassen, ohne zu fragen. Manchmal sind die Gefühle gegenüber dem Nachwuchs alles andere als liebevoll. Warum Eltern sich dafür nicht schämen müssen.

von Gabriele Möller
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Mutterliebe
Foto: © Panthermedia.net/ Laura Boese

Man kann sein Kind nicht 24 Stunden täglich (nur) lieben

„Wenn meine Tochter Hausaufgaben macht, gibt es immer wieder Situationen, wo sie mich unheimlich nervt. Hat sie zum Beispiel eine Frage an mich, hört sie sich die Erklärung gar nicht an, sondern schreit nach wenigen Sekunden: ‚Das stimmt doch gar nicht!’ Manchmal wirft sie dann vor Ungeduld ihre Hefte auf den Fußboden. Diese Art mag ich überhaupt nicht an ihr. Zum Glück ist das immer nur kurz“, berichtet Andrea M. (39), Mutter von zwei Kindern (5 und 12). „Ehrlich gesagt finde ich es langweilig, mit meinen Kindern zu spielen. Ich muss mich richtig zu Memory oder so zwingen. Ich zähle beinahe die Minuten und bin froh, wenn es vorbei ist“, gibt Dorothee M. (43) zu. „Ich mache deshalb lieber etwas mit ihnen, das auch mir Spaß macht, zum Beispiel backen oder auch musizieren.“

„Es kommt im Alltag immer wieder vor: Es gab vielleicht schon drei nervige Situationen mit meinen Kindern, die ich gut gemeistert habe. Die vierte Situation ist dann eine zuviel und jagt mich auf die Palme. Ich glaube aber, im Kern liebt man sein Kind trotzdem immer“, beschreibt Sophia M. (43) ihre Gefühle. „Es ist wie bei einer Zwiebel, man hat nicht immer Zugriff auf das Innerste. Es ist aber immer da, wenn auch überlagert von den Nervereien im Alltag. Dass die Liebe nie ganz weg ist, wird ja auch klar, wenn man überlegt: Was wäre, wenn dem Kind jetzt etwas passieren würde? Egal, wie sauer man gerade noch war, die Liebe wäre doch dann sofort da.“

Manchmal reagieren Eltern auch ablehnend in Situationen, in denen früher ihre eigenen Eltern vielleicht ungeduldig reagiert haben. „Wenn mein kleiner Sohn hinfällt, fällt es mir schwer, ihn zu trösten. Ich schimpfe dann und sage: ‚Siehst du, das kommt davon, dass du nie guckst, wohin du läufst!“, erzählt Jennifer H. (38). „Meine Eltern taten sich auch immer schwer damit, uns Geschwister zu trösten. Ich habe in so einem Moment auch eine richtige Blockade. Erst nach einigen Momenten schaffe ich es, auf ihn zuzugehen. Später tut es mir oft Leid, dass ich nicht liebevoll reagiert habe.“

Die Anderen scheinen immer die besseren Eltern zu sein

Es gibt auch in unserer aufgeklärten Gesellschaft noch Tabus, die wir kaum in Frage stellen. Eines davon ist, sein Kind nicht stets und bedingungslos zu lieben. Der Mutter-Mythos, wonach eine Frau immer geduldig und liebevoll auf jede noch so schwierige Situation mit ihrem Kind zu reagieren hat, ist nicht totzukriegen. Zwar ahnen Frauen längst, dass etwas nicht stimmt mit dieser Erwartungshaltung, die sie da verinnerlicht haben. Doch stellen sich trotzdem fast automatisch Schuldgefühle ein, wenn sie auch einmal Abneigung gegenüber ihrem Kind empfinden. Verstärkt werden diese Gefühle noch durch die starke Psychologisierung des Lebens: Eltern, so verstehen viele Laien die Botschaft der Psychologie, seien grundsätzlich an allem Schuld, was mit ihren Kindern nicht geradlinig laufe – und zudem allein und ununterbrochen dafür verantwortlich, dass ihr Kind später zu einem glücklichen Menschen wird.

Sie könne sich nicht daran erinnern, "jemals eine Mutter behandelt zu haben, die nicht ‚Geheimnisse’ hütete über die Art und Weise, wie ihr Verhalten und ihre Gefühle ihren Kindern geschadet hätten", schreibt auch die amerikanische Psychoanalytikerin Shari Thurer von der Universität Boston. Vor allem Mütter (einen Vater-Mythos gibt es nämlich nicht) werden also insgeheim von Befürchtungen geplagt, mit dieser oder jener ungeduldigen Reaktion bestimmt irgendwelchen seelischen Schaden beim Kind angerichtet zu haben. Die Schuldgefühle verhindern aber zuverlässig, dass Mütter (und auch Väter) untereinander über ihre Empfindungen reden. Und dies wiederum führt dazu, dass sie sich allein auf weiter Flur wähnen unter all jenen, die wahrscheinlich „bessere“ Eltern sind als sie selbst.

Auch in der Liebe gilt: Kein Licht ohne Schatten

Dabei könnten Eltern mit ihren überhöhten Selbstansprüchen aufhören und aufatmen. Es geht nämlich anderen Müttern und Vätern nicht anders als ihnen. „Nur Zen-Meisterinnen, die zur Erleuchtung gelangt sind, schauen auf ihre schwierigen, außer Kontrolle geratenen Kinder – und fühlen nichts als immense Achtung, Offenheit und Neugier“, beruhigt die Familientherapeutin Harriet Lerner. „Meine Kinder“, so bekennt auch die Dichterin Adrienne Rich, „lösen bei mir das heftigste Leid aus, das ich kenne: Den Schmerz des Hin- und Hergerissenseins, des mörderischen Wechsels zwischen bitterer Ablehnung und angeschlagenen Nerven einerseits – und der seligsten Freude über die Kinder andererseits.“

Dieses Hin- und Hergerissensein ist ganz natürlich, findet Gwendolyn Fischer: „Indem ich (...) mich um meines Kindes willen in meinen Himmel dehne, entfessele ich gleichzeitig einen anderen Menschen in mir, der finster ist. Gerade die Anstrengungsbereitschaft, die Bereitschaft zu tätiger Liebe, führt einen schonungslos an die eigenen Defizite heran. Eine Schere geht auf: der Himmel öffnet sich, und der Abgrund öffnet sich auch“, beschreibt die Pfarrerin die zwiespältigen Erfahrungen von Eltern.

Ungute Emotionen lösen Scham aus

Diesen Abgrund benennt die Psychotherapeutin Rozsika Parker noch drastischer: Sie spricht sogar von Hassgefühlen, die Mütter und Väter in manchen Augenblicken ihrem Kind gegenüber haben können: „Ich habe viel mit Begriffen herum probiert. Aber letztendlich hat kein anderes Wort die harschen Gefühle getroffen, die so viele Eltern zeitweise empfinden: den Groll, die Feindseligkeit, das Aufgebrachtsein, die Wut und die Abneigung.“ Auf solche Gefühle der Abneigung reagierten besonders Mütter aber mit Scham, sie fühlten sich als schlechte, unnatürliche Mutter. Hier entstehe leicht ein Teufelskreis, weil sie ihr eigenes Kind dann unbewusst als Auslöser schlechter Gefühle wahrnähmen - was dann wiederum negative Gefühle gegenüber dem Kind verursache, so die Autorin des Buches „Torn in Two: The Experience of Maternal Ambivalence“ (engl. Entzwei gerissen: die Erfahrung mütterlicher Ambivalenz).