Plädoyer für ein bisschen Dankbarkeit

Familien in Deutschland: Uns geht es doch gut

Zu teure Kinderbetreuung, zu wenig Elterngeld und für die 100 Euro Betreuungsgeld kann man sich auch fast nichts kaufen? Unsere Autorin will das Gemecker über Leistungen für Familien nicht so recht verstehen und empfindet vielmehr Dankbarkeit. Ein vielleicht etwas provokatives Plädoyer.

Autor: Monika Maruschka
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Mutter Baby glücklich
Foto: © iStockphoto.com/ NadyaPhoto

Müde blicke ich aus dem Fenster. Vor dem dunklen Himmel zeichnet sich die Silhouette des Kölner Doms ab. 7.00 Uhr morgens am 30. Dezember, es ist noch nicht einmal hell. Schöner Ausblick eigentlich – wenn ich mich nicht mit meinem vierjährigen Sohn in einer Zahnarztnotfallpraxis befinden würde. Zahnschmerzen. Seit gestern. Natürlich am Wochenende und auch noch zwischen den Jahren. Die letzte Nacht kaum geschlafen, das Kind hat sich mit der schmerzenden Backe hin und her gewälzt. Jetzt liegt es ermattet auf dem Zahnarztstuhl und harrt Paracetamol-gedopt erstaunlich geduldig der Dinge, die da kommen mögen. Vielleicht liegt es an der ruhigen Morgenstimmung, vielleicht spielt mir auch nur mein vernebeltes, nach Schlaf verlangendes Mutterhirn einen Streich: Es will mir nicht gelingen, über die unruhige Nacht oder das kranke Kind zu verzweifeln. Im Gegenteil. Es überrollt mich eine Welle der Dankbarkeit. Dankbarkeit? Morgens um sieben beim Zahnarzt? An einem Sonntagmorgen? Ja, wann denn sonst?

Arzttermine zur Unzeit und Geldgeschenke vom Staat

Ich lebe in einem Land, in dem ich mit meinem kleinen Kind zu einer völligen Unzeit in einer schön eingerichteten Praxis in wenigen Minuten einer gut ausgebildeten Zahnärztin gegenübertreten werde, die mein Kind von seinen Schmerzen befreien wird. Dank der Familienversicherung meiner Kinder in der gesetzlichen Krankenkasse auch noch kostenlos. Das ist nicht in vielen Ländern dieser Erde selbstverständlich. Um halb neun liegen mein Sohn – wie erwartet schmerzfrei – und ich wieder im Bett und schlafen noch eine Runde. Ja, ich bin dankbar.

Und wo ich gerade dabei bin: Monat für Monat überweist mit die Familienkasse 558 Euro Kindergeld. Einfach so. Weil ich mich entschlossen habe, Kinder zu bekommen. Seit ich vor acht Jahren Mutter geworden bin, wurde das ganze zweimal erhöht: Für mein erstes Kind inzwischen über 19 Prozent, für das dritte – genau, das dass gerade noch auf dem Zahnarztstuhl lag – sogar um 23 Prozent. So viel "Gehaltserhöhung" muss man von einem Arbeitgeber erst einmal bekommen, oder?

Betrug beim Elterngeld?

Für eben jenes Kind bekam ich 2008 sogar Elterngeld. Toll! Die beiden anderen musste ich noch ohne extra „Geschenke“ im ersten Jahr finanzieren. Nun gab es eine Lohnersatzleitung, weil ich nicht arbeitete, als ich mein Baby versorgte. Statt großer Freude über das geschenkte Geld, lese ich aber oft von Betrug. Betrug, weil es das Elterngeld eigentlich gar nicht die oft erwähnten zwölf Monate gibt, sondern „nur“ zehn. Während der ersten beiden Monate erhalte ich ja Mutterschaftsgeld.

Mutterschaftsgeld, stimmt, das war ja auch noch: 14 Wochen bekomme ich einfach mein normales Gehalt von der Krankenkasse und meinem Arbeitgeber gezahlt. Besagter Zahnarztpatient kam sogar zwei Wochen zu spät, da waren es glatt 16 Wochen.

Ein Lohn wird einmal ersetzt

Wie viele Lohnersatzleistungen wollen die Mütter denn? Ein Lohn wird einmal ersetzt. Zugegeben, die Informationslage ist manchmal etwas mühsam und viele Details wie Progressionsvorbehalt beim Elterngeld etc. sind erst beim zweiten oder dritten Mal zu verstehen – wenn überhaupt. Aber sollte man nicht einfach als allererstes im Kopf haben, dass die Auszahlung eines Elterngeldes oder ein 14 Wochen langer Mutterschutz keine Selbstverständlichkeit sind? Oder wie es die Userin fraukef im urbia-Forum schreibt: 
„Von Betrug würde ich persönlich nur dann reden, wenn ich einen Vertrag hätte: Habe ich nicht mit Vater Staat. Ich habe nicht unterschrieben, dass ich Kinder kriege, und das Bundesministerium für Familie hat nicht unterschrieben, dass sie mir Geld dafür bezahlen.“

Die beschriebenen Leistungen stehen mir alle gesetzlich zu. Aber manchmal regt mich einfach die Nehmermentalität sehr auf, weil sich kaum einer mehr über die Gesetze, die das ermöglichen, freut. Das Magazin "Der Spiegel" stellte Anfang des Jahres die Familienleistungen in Frage, nachdem eine Studie die Leistungen als "unwirksam" berzeichnet hatte. Was Familienpolitik bewirken soll, ist noch die Frage. Mehr Kinder? Deutlich ist jedoch, dass die Nutznießer der Leistungen diese oft nicht zu schätzen wissen.

Betreuungsgeld: Eine große Ungerechtigkeit?

Noch bevor überhaupt die ersten 100 Euro Betreuungsgeld ausgezahlt sind, wird bereits heftig geschimpft. Weil manche Eltern befürchten, bei einer zweijährigen Auszahlung des Elterngeldes nicht zeitgleich im zweiten Jahr auch noch Betreuungsgeld zu bekommen, sprechen sie bereits in Online-Kommentaren von „Verarsche“ und „einem schlechten Scherz“. Man muss das Betreuungsgeld nicht mögen, um sich über solche Reaktionen zu wundern.

Und ja, neue Leistungen werden in den meisten Fällen zu einem bestimmten Stichtag eingeführt (z.B. auch das Elterngeld 2007). Es wird immer Familien geben, die eine Leistung gerade eben nicht mehr bekommen, weil das Kind "zu früh" geboren wurde. Das ist schade, vielleicht sogar Pech, aber nicht ungerecht oder "Schwachsinn", wie in manchen Kommentaren zu lesen.

Was ist mir Kinderbetreuung wert?

Streitpunkt sind auch gerne die Kosten für die  Kinderbetreuung. Ja, es wäre natürlich besser für mein Konto – wie in manchem Bundesländern schon geschehen, wenn die Kinderbetreuung kostenlos wäre. Da hätte ich überhaupt nichts dagegen. Trotzdem ist doch eine qualifizierte Kinderbetreuung (inkl. Miete, Einrichtung etc.) erst einmal eine Sache, die einen Wert hat – finde ich. Für meine drei Kinder zahle ich etwa 200 Euro für 45 Stunden die Woche. Das haut netto natürlich ins Familienbudget, wohl kaum eine Familie könnte einen solchen Betrag nicht an anderer Stelle gut brauchen. Pro Stunde sind das aber gerade einmal 30 Cent (!) pro Kind. Die klamme Stadt Köln bezuschusst das ordentlich. Und ich freue mich jetzt einfach mal, dass es ihr das wert ist.

Natürlich gibt es auch bei mir die Momente, in denen ich Elternsein in diesem Land undankbar und anstrengend finde. Und es gibt auf jeden Fall Familien, die bei der Suche nach Betreuung oder einer familienfreundlichen Beschäftigung wenig Grund zur Dankbarkeit haben. Gerade Selbständige oder Privatversicherte sind sicher nicht in allen Bereichen so gut abgesichert. Aber trotz allem ist es doch vielleicht für uns und unsere Kinder gesünder, sich über so manche allzu selbstverständlich gewordene Leistung einmal wieder zu freuen - oder zumindest nicht zu ärgern.

Wenn ich mich doch mal ärgere, denke ich gerne an ein Gespräch mit einem Freund aus den USA und seine fassungslose Reaktion zurück, als ich ihm von der Möglichkeit einer dreiwöchigen Mutter-Kind-Kur in Deutschland erzählte. Da hatte er gerade mit Mühe die Krankenversicherung für sein Kind finanziert. Das hätte morgens um sieben am Sonntag keine Zahnschmerzen bekommen dürfen. Mehr Kinder bekommen die Amerikaner aber übrigens trotzdem.

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