Deutsche lehnen Geschlechtswahl ab

Keine Jungs oder Mädchen auf Wunsch

Ein uralter Traum der Menschen, das Geschlecht von Kindern wählen zu können, ist Wirklichkeit geworden. Aber wer wollte diese Möglichkeit tatsächlich nutzen, wenn hierzulande die Geschlechtswahl im Labor erlaubt wäre?

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Ein alter Traum: Das Geschlecht des Kindes wählen

Frau schwanger Jungen und Maedchenkleidung
Foto: © panthermedia.net/ Stefan Kassal

Seit alters her haben die Menschen nach Mitteln und Wegen gesucht, um das Geschlecht ihrer Kinder beeinflussen zu können. So hat der griechische Philosoph Aristoteles beispielsweise vorgeschlagen, dass Paare, die einen Sohn bekommen wollen, während des kühlen und trockenen Nordwindes, und Paare, die ein Mädchen bekommen wollen, während des warmen und feuchten Südwindes miteinander schlafen sollten. Der uralte Traum, das Geschlecht unserer Kinder vorherbestimmen zu können, ist inzwischen wahr geworden. Dank einer neuen Technologie können es sich Paare jetzt tatsächlich selbst aussuchen, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen haben wollen. Um sich den Wunsch nach einem Kind ihrer Wahl zu erfüllen, müssen sie lediglich in eine Klinik für Fortpflanzungsmedizin gehen und die für die Befruchtung vorgesehenen Samenzellen filtern lassen. Wer eine Tochter möchte, lässt sich mit den Spermien befruchten, die ein X-Chromosom enthalten, und wer einen Sohn möchte, lässt sich mit den Spermien befruchten, die ein Y-Chromosom enthalten. Die Kosten dieses Verfahrens, das bislang nur in den USA zugelassen ist, belaufen sich auf umgerechnet etwa 2000 Euro.

In Deutschland sind Politiker, Philosophen und Sozialwissenschaftler besorgt, dass die neue Technologie zu einer drastischen Verschiebung des Geschlechterverhältnisses führen und in Zukunft weitaus mehr Jungen als Mädchen geboren werden könnten. Um herauszufinden, ob diese Befürchtung begründet ist, hat eine Arbeitsgruppe der Justus-Liebig-Universität Gießen eine FORSA-Umfrage in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse nun in veröffentlicht wurden.

Die Deutschen bevorzugen kein bestimmtes Geschlecht

"Damit es zu einem Ungleichgewicht des Geschlechterverhältnisses kommen kann", erklären die Forscher, "müssten mindestens zwei Bedingungen erfüllt sein. Erstens, müsste es eine deutliche Vorliebe für Kinder eines ganz bestimmten Geschlechts geben, und zweitens müsste ein entsprechend hohes Interesse an der Nutzung der Technologie zur vorgeburtlichen Geschlechtswahl bestehen." Um zu prüfen, ob diese beiden Bedingungen tatsächlich erfüllt sind, haben sie 1094 Männer und Frauen im Alter von 18 bis 45 Jahren befragt. Wie sich zeigte, haben die Deutschen keine Vorliebe für Kinder eines bestimmten Geschlechts. Auf die Frage "Wenn Sie es sich aussuchen könnten, hätten Sie dann lieber ausschließlich Jungen, ausschließlich Mädchen, mehr Jungen als Mädchen, mehr Mädchen als Jungen, genauso viele Jungen wie Mädchen oder wäre Ihnen das Geschlecht Ihrer Kinder gleich?", antworteten 30 Prozent, dass sie gerne genauso viele Jungen wie Mädchen hätten; 58 Prozent der Befragten wäre das Geschlecht ihrer Kinder vollkommen egal; 4 Prozent hätten gerne mehr Jungen als Mädchen, 3 Prozent mehr Mädchen als Jungen, 1 Prozent ausschließlich Mädchen und 1 Prozent ausschließlich Jungen.

Auf die Frage, ob sie bereit wären, in ein Zentrum für Reproduktionsmedizin zu gehen und 2000 Euro für eine Geschlechtswahl zu bezahlen, antworteten 6 Prozent, dass sie sich das vorstellen könnten. 92 Prozent der Befragten sagten jedoch, dass dies für sie auf keinen Fall in Frage käme. Um herauszufinden, ob es lediglich die mit der Technologie verbundenen Kosten und Mühen sind, die sie von der Nutzung der Geschlechtswahl abhalten, sind die 92 Prozent, die mit "nein" geantwortet hatten, anschließend gefragt worden, ob sie von der neuen Technologie Gebrauch machen würden, wenn sie in jeder ärztlichen Praxis durchgeführt werden könnte und von der Krankenkasse bezahlt werden würde. Für 94 Prozent der Befragten wäre eine Geschlechtswahl auch unter diesen Umständen ausgeschlossen.

Selbst wenn es ein Medikament zur vorgeburtlichen Geschlechtswahl gäbe und Paare vor dem Geschlechtsverkehr lediglich eine "rosa Pille" einnehmen müssten, um ein Mädchen zu bekommen, oder eine "blaue Pille" einnehmen müssten, um einen Jungen zu bekommen, würden nur acht Prozent davon Gebrauch machen wollen.

Wer bereits drei Mädchen hat, wünscht sich einen Jungen

Wie die Gießener Arbeitsgruppe versichert, decken sich ihre Ergebnisse mit den Erfahrungen so genannter "Gender Clinics". Weltweit gibt es derzeit etwa 65 Kliniken, die Paaren eine vorgeburtliche Geschlechtswahl anbieten. Allein in Großbritannien gibt es drei solcher Kliniken - in London, Birmingham und Glasgow. Offenbar ist es jedoch kein florierendes Geschäft. Zusammengenommen behandeln diese drei Zentren jedes Jahr nur etwa 150 Paare. Ihre Klientel ist dabei nahezu ausnahmslos auf Paare beschränkt, die schon mehrere Kinder haben: "Mehr als 95 Prozent ihrer Patienten sind Paare, die bereits zwei oder drei Kinder desselben Geschlechts haben und sich sehnlichst ein Kind des jeweils anderen Geschlechts wünschen. Sie wählen Jungen, wenn sie bereits mehrere Mädchen haben, und Mädchen, wenn sie bereits mehrere Jungen haben."

Auf der Grundlage ihrer repräsentativen Umfrage und aus den Erfahrungen der Gender Clinics schließen die Gießener Forscher, dass ein freier Zugang zur vorgeburtlichen Geschlechtswahl - zumindest in einem Land wie Deutschland - kaum zu einer Verschiebung des Geschlechterverhältnisses führen würde. Eine mögliche Störung des natürlichen Gleichgewichts der Geschlechter ist jedoch nur einer von vielen Einwänden gegen die vorgeburtliche Geschlechtswahl. Andere Bedenken beziehen sich darauf, dass sie einen Missbrauch begrenzerter medizinischer Ressourcen darstelle, eine Stereotypisierung der Geschlechter befördere - wenn Paare, die bereits ein starres Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit mitbringen, das Geschlecht ihres Babys wählen können - und einem gefährlichen Trend zur Zeugung von "Designer-Babys" Vorschub leiste. All diese Bedenken müssen bei der Frage, ob die vorgeburtliche Geschlechtswahl gesetzlich zugelassen oder verboten werden soll, berücksichtigt werden.
Dass so erstaunlich wenige Menschen in Deutschland ein Interesse daran haben, sich das Geschlecht ihrer Kinder auswählen zu können, hat offenbar einen ganz einfachen Grund. Wie die Gießener Forscher aus einer zweiten, bislang noch unveröffentlichten Umfrage wissen, sind rund 85 Prozent der Deutschen der Ansicht, dass Kinder um ihrer selbst willen geliebt werden sollen und nicht wegen irgendwelcher Eigenschaften wie Schönheit, Intelligenz oder Geschlecht.(idw)


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