Kuckuckskinder

Schwanger! Aber nicht vom Partner

Nicht wissen, von welchem Mann das Kind ist, ist nicht nur für die werdende Mutter ein großes Dilemma. Auch die vermeintlichen Väter und die Kinder können sich früher oder später in einer verzweifelten Lage befinden. Maja Roedenbeck mit einem Plädoyer für die Flucht nach vorn.

von Maja Roedenbeck
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Zwei Babys sitzend

Kuckuckskinder: Jedes zehnte Kind im falschen "Nest"?

In der offiziellen Rechtssprechung heißt es "Kindesunterschiebung", wenn eine Frau den falschen Mann als Vater ihres Sohnes oder ihrer Tochter ausgibt. Doch der Begriff "Kuckuckskinder" ist in der Öffentlichkeit wesentlich bekannter. Von einem Tabuthema kann längst nicht mehr die Rede sein, nachdem jahrelang in allen ehemaligen Erfolgstalkshows von Oliver Geissen bis Vera Int-Veen vor laufender Kamera Vaterschaftstest-Ergebnisse verlesen wurden. Auch als Nischenthema kann die Kindesunterschiebung nicht gelten, wenn die Journalistin Simone Schmollack in ihrem Protokollband "Kuckuckskinder, Kuckuckseltern" eine erstaunlich hohe Dunkelziffer berechnet: "Schätzungen besagen, dass jedes fünfte bis zehnte Neugeborene ein Kuckuckskind ist, in Deutschland sind das etwa 25.000 bis 40.000 jedes Jahr. Eine 2005 in der Ärzte Zeitung veröffentlichte britische Studie hat eine Kuckuckskinder-Rate von 3,7 Prozent in Europa ausgemacht." Harald Euler, der an der Universität Kassel über die psychischen Folgen von Vaterschaftstests forscht, hält gegenüber dpa eine Rate von drei Prozent für realistischer. Andererseits sprechen Hildegard Haas und Claus Waldenmaier, beide Experten für genetische Diagnostik, in ihrem Buch "Der Kuckucksfaktor" wieder von 10 Prozent aller Schwangeren, die laut Erfahrungen von Gynäkologen nicht wissen, wer der Vater des Babys ist, und von "Millionen von Kuckuckskindern, die derzeit in Deutschland leben".

So verwundert es nicht, dass das Thema auch im urbia-Forum immer wieder diskutiert wird, zum Beispiel als die Userin "meingeheimnis" um Rat bat: "Ich bin verheiratet und hatte eine Affäre mit einem ebenfalls verheirateten Mann. Es ging immer nur um Sex, nie um Gefühle, wir waren uns einig, dass wir beide bei unseren Partnern bleiben wollen. Jetzt bin ich schwanger und ich weiß nicht von wem. Ich weiß auch nicht, wie ich damit umgehen soll. Am liebsten würde ich schweigen und nach der Geburt einen Test machen lassen, aber ich habe ein furchtbar schlechtes Gewissen beiden gegenüber. Vielleicht wäre es besser ehrlich zu sein, aber dann mache ich vielleicht vollkommen grundlos zwei Ehen kaputt. Was soll ich denn nur machen?"

Notlüge zum Wohl des Kindes?

Man braucht kein Moralapostel zu sein, um ganz spontan mit der Antwort zu kommen, die "echtjetzt" im urbia-Forum postet: "Wenn es nur um die Affäre ginge, hätte ich gesagt: Beende es und sag Deinem Mann nichts davon. Aber hier geht es um ein Kind, verdammt. Wenn Du es bekommst, dann spiel gefälligst mit offenen Karten! Du hast Scheiße gebaut und jetzt steh auch dazu!" Doch so einfach ist das für die Kuckucksmütter nicht. Sie verschweigen den echten Kindsvater ja nicht, um irgendjemanden zu ärgern, sondern, wie Expertin Simone Schmollack formuliert, "aus einem urmenschlichen Verlangen heraus: der Sehnsucht nach Harmonie. Sie werden getrieben von einem Instinkt, der dem Leben zugrunde liegt: Existenzsicherung. Sie wollen dem Kind ein Zuhause und Schutz geben." Auch wenn es für Außenstehende absurd klingt: Die Mütter haben bei all ihren Lügen nur das Wohl ihrer Kinder im Sinn – oder sie reden es sich zumindest überzeugend ein. Das Autorenpaar Haas und Waldenmaier lenkt den Blick zudem auf die Tatsache, dass Kuckuckskinder so wie auch Seitensprünge eine lange Tradition in der Menschheit (und auch im Tierreich) haben, die bis in die Psyche der Steinzeit zurückreicht: "Das Verhalten, das die Forscher [z.B. bei Vögeln] als ‚extra-pair mating’ bezeichnen, soll offenbar die genetische Stärke der jungen Küken verbessern. Auch bei Menschen gibt es diese ‚genetischen Programme’, die auch dazu führen, dass die meisten Seitensprünge bei Frauen dann passieren, wenn sie ihre fruchtbaren Tage haben."

Es ist also nicht damit getan, die Kindesunterschiebung als persönliche Charakterschwäche einzelner Frauen zu werten, denn sie findet innerhalb eines gesellschaftlichen, biologischen und psychologischen Rahmens statt. Doch auch wenn diese Erkenntnis die Kuckucksmütter etwas entlastet – sie legitimiert die Kindesunterschiebung nicht.

Unter dem Betrug leiden alle

Das vermeintlich "sichere Zuhause", das Mütter ihren Kuckuckskindern zunächst bieten können, wenn sie schweigen, bleibt eine Illusion – bis zu dem Tag, an dem das Geheimnis auffliegt. Und das wird mit großer Wahrscheinlichkeit passieren, wie die Fallbeispiele in Simone Schmollacks Protokollband deutlich machen. In der Geschichte des 52-jährigen Walter wurden im Dorf vierzehn Jahre lang Gerüchte verbreitet, bis seine Mutter davon Wind bekam und ihren Sohn damit konfrontierte. In der Geschichte des vermeintlich fünffachen Vaters Friedemann war es die Kindergärtnerin, die ihn darauf ansprach, dass sein Zweitjüngster sich im Charakter, aber auch in bestimmten Körpermerkmalen ganz grundsätzlich von seinen vier Brüdern unterschied. Kuckuckskinder berichten, sie hätten auch ohne konkreten Anlass gespürt, dass in ihrer Familie "irgendwas nicht stimmte", dass sie "irgendwie nicht dazugehörten", und die Lüge aus eigenem Antrieb entlarvt. Kuckucksmütter erzählen, sie hätten irgendwann einfach keine Kraft mehr gehabt und gebeichtet.

Das Chaos, das dann im Leben aller Beteiligten entsteht, ist wesentlich größer als das Chaos, das zu erwarten ist, wenn die Mutter schon in der Schwangerschaft mit offenen Karten spielt: Kinder müssen einsehen, dass sie um ihre Herkunft betrogen worden sind, und verlieren nicht selten ihre Väter, die sich vollkommen von ihnen abwenden. Scheinväter reagieren teils mit heftiger Wut, so wie Walter: "Der Betrug, dachte ich, ist schwer genug. Aber dass mich Sylvia auch noch zum Gespött der Leute machte, wog schwerer als jede ihrer Lügen. Das wird sie mir büßen, schwor ich." Haas und Waldenmaier ergänzen: "Bei den Vätern ist uns eine besondere Reaktion immer wieder aufgefallen: ein großer Schreck, wenn sie aufgrund des DNA-Tests nicht als der leibliche Vater in Frage kommen. Ihre erste Überlegung kommt dann prompt: Bin ich überhaupt zeugungsfähig?" Während für viele Scheinväter diese unmittelbar mit ihrer Männlichkeit zusammenhängende Frage mehr wiegt als der Verrat, gibt es auch Betroffene wie Friedemann, die auf emotionaler Ebene leiden: "Jutta und ich haben bisher eine gute Ehe geführt. Wir haben tolle Kinder, sind gesund und haben keine größeren Probleme. Warum tut sie mir so etwas an? Ich bin vollkommen durcheinander. Was soll nun aus uns werden?"

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