Angeboren oder gelernt

Typisch Mädchen - typisch Junge?

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Vorurteil oder Wahrheit?

Sieben gängige Meinungen: Vorurteil oder Wahrheit?

  • Jungen sind aggressiver als Mädchen
  • Der Eindruck vieler Eltern stimmt: Jungen sind nach der Beobachtung von Wissenschaftlern tatsächlich etwas aggressiver als Mädchen. Schon im dritten Lebensjahr beginnen Jungen, Dinge mit dem ganzen Körper zu stoßen und zu schieben und Spielzeuge zusammenkrachen zu lassen. Bereits vierjährige Jungen mögen Wettkämpfe und beschäftigen sich viel mit dem Thema Gewinnen oder Verlieren. Aber woher kommt das? „Man nimmt an, dass das Testosteron hier eine wichtige Rolle spielt, ein Hormon, das mit Kampfgeist in Verbindung gebracht wird“, so Susan Gilbert in ihrem Buch „Typisch Junge! Typisch Mädchen“. Und die Historikerin Susa Schindler ergänzt in ihrer Untersuchung: „Es gibt die Theorie, dass Hormone auch die Entwicklung des Gehirns steuern. So dass Jungen und Mädchen ein jeweils anderes ‚Gehirngeschlecht’ hätten, da sie im Mutterleib unterschiedlich hohen Mengen an weiblichen und männlichen Sexualhormonen ausgesetzt waren“. Ein wichtiger Grund ist aber auch, dass Eltern mit Jungen schon früh anders, nämlich rauer umgehen als mit Mädchen. Und dass in unserer Gesellschaft aggressives Verhalten bei Jungen eher als normal angesehen und mehr toleriert wird. Auch das Fernsehen führt vor, dass Konkurrenz typisch männlich ist: Dort werden vor allem männlich geprägte Wettkampf-Sportarten (Fußball) übertragen. „Es ist keine Frage, dass Jungen die zumeist männlichen Sporthelden nachahmen“, erklärt Gilbert. Auch in Zeichentrickfilmen für die Kleinsten werden männliche Figuren deutlich aggressiver dargestellt als weibliche. Etwas Erstaunliches fanden die Forscher ebenfalls heraus: Im Gegensatz zu Mädchenfreundschaften beeinflusst Konkurrenzverhalten Jungenfreundschaften nicht negativ – es gehört schon für kleine Jungs einfach dazu.

  • Mädchen sind fürsorglicher
  • Wenn Mädchen im Kindergartenalter ein kleines Baby sehen, machen sie oft entzückt “oh” und drücken den Wunsch aus, es zu halten und es zu füttern, während Jungen hier oft mit Gleichgültigkeit reagieren. Mädchen scheinen also mehr Interesse an Babies und am Imitieren von versorgenden Verhaltensweisen („Mutter-Vater-Kind“-Spiele) zu haben. Ursache könnten die weiblichen Geschlechtshormone sein, die bereits im Mutterleib wirksam wurden. Sie sollen die Fähigkeit zum Mitfühlen verstärken. Genaues wissen die Fachleute aber noch nicht. Auch Nachahmung spielt eine Rolle: Immer noch sehen sie, dass vor allem Mama (selbst wenn sie berufstätig ist) den Haushalt schmeißt und für die Versorgung der Kinder zuständig ist. Dies spiegelt sich in ihrem Spiel wider. Dennoch können auch Jungen sehr fürsorgliches Verhalten zeigen. Experten betonen, dass es der Gesellschaft gut täte, wenn Eltern ihren Söhnen oft Gelegenheit dazu geben würden (Trösten von kleinen Geschwistern, Pflege von Tieren) – denn hier hat Wut keinen Platz: „Fürsorglichkeit kann ein Gegenmittel gegen Gewalt sein“, betont die amerikanische Gender (= Geschlechter) -forscherin Carol Nagy Jacklin.

  • Mädchen sind ängstlicher als Jungen
  • Bei Kleinkindern haben Verhaltensforscher beobachtet, dass es tendenziell etwas mehr ängstliche Mädchen als Jungen gibt. Man vermutet hier eine erbliche Veranlagung, die etwas häufiger bei Mädchen vorkommt. Als viel wichtiger bewerten sie aber die Erziehung: Jerome Kagan von der amerikanischen Harvard University glaubt, dass Mädchen vor allem lernen Angst zu haben: Weil Eltern gegenüber Mädchen häufiger überfürsorglich und überbehütend sind und Töchter zu oft zur Vorsicht mahnen. Lassen Eltern sie dagegen ihre eigenen Erfahrungen machen, indem sie sie zum Beispiel nicht übermäßig trösten, wenn sie gefallen sind, werden solche Mädchen nach seiner Beobachtung deutlich weniger ängstlich.

  • Mädchen sind netter und haben ein besseres Sozialverhalten
  • Mädchen sind nach Ansicht der Genderforschung etwas kompromissbereiter, offener und rücksichtsvoller als Jungen. Sie sind aber nicht unbedingt „lieber“, sie zeigen ihre Wut vielmehr auf andere Weise als Jungs: nämlich eher mit Worten als körperlich, und oft eher „hinten herum“ (Lästereien) als direkt. Wissenschaftler führen dies zum einen auf unterschiedliche Arten von Freundschaften zurück: Kleine Mädchen spielen oft zu zweit oder in kleinen Gruppen, Jungen haben öfters einen größeren, aber lockereren Freundeskreis. Da Mädchenfreundschaften tiefer gehen, verlieren Mädchen mehr, wenn sie sich aggressiv verhalten, erläutert Susan Gilbert. Eine weitere Ursache ist aber, dass Eltern und Gesellschaft den Mädchen ein offen aggressives Verhalten eher übel nehmen, so dass Mädchen lernen müssen, andere Ausdrucksformen von Wut zu finden.

  • Jungs bevorzugen Autos, Mädchen Puppen
  • Die eingangs erwähnte (oder soll ich sagen beklagte) Vorliebe meines Sohnes für Fahrzeuge ist offenbar durchaus typisch: “Schon unsere kleinen Kinder suchen sich geschlechtsspezifisches Spielzeug aus. Und wenn Sie Zeichnungen von kleinen Jungen und Mädchen anschauen, sind die Bilder ganz unterschiedlich. Jungen zum Beispiel zeichnen gern Flugzeuge oder Darstellungen von Kämpfen“, erläutert der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibel-Eibesfeldt in einem Interview. Wissenschaftler glauben, dass die Vorliebe für Fahrzeuge daher kommt, dass Jungen sich mehr für Bewegtes als für Unbewegtes interessieren und so ihr räumliches Vorstellungsvermögen trainieren. Auch der etwas „burschikosere“ Charakter von Jungen sei damit verbunden. Diese Vorliebe sei vermutlich durch den frühen Einfluss des männlichen Geschlechtshormons Testosteron auf das männliche Gehirn beeinflusst, so die amerikanische Wissenschaftlerin Sheri Berenbaum. Wieder einmal ist es jedoch schlicht auch Erziehungssache: Jungen „Mädchenspielzeug“ zu schenken und umgekehrt, gilt oft immer noch als unpassend. Dennoch gibt es Mädchen, die Autos viel mehr schätzen als Puppen, und viele Jungs sieht man heute glücklich und ganz selbstverständlich einen Puppenwagen vor sich her schieben.

  • Mädchen sind in der Entwicklung eine Nasenlänge voraus
  • Im feinmotorischen Bereich haben Mädchen im Kindergartenalter gegenüber Jungen tatsächlich einen Vorsprung von etwa sechs Monaten, so Susan Gilbert. Man vermutet auch hier hormonell bedingte Unterschiede im Aufbau des Gehirns von Mädchen und Jungen. Auch fangen Mädchen etwas früher an zu sprechen. Hierfür gibt es zwei Ursachen: Experimente zeigten, dass das Gehirn weiblicher Babys mehr sprachliche Informationen speichern kann als das von Jungen, und dass sie außerdem etwas länger konzentriert zuhören können. Dies animiert die Eltern im Gegenzug dazu, mit ihren Töchtern mehr und länger zu sprechen. Und das sorgt natürlich umgekehrt für eine raschere Sprachentwicklung der Mädchen. Hier gibt es also einen Ping-Pong-Effekt.

  • Jungen können besser rechnen
  • Forscher konnten zwischen Jungen und Mädchen keine Unterschiede in der Intelligenz feststellen. Allerdings gibt es offenbar unterschiedliche Stärken beider Geschlechter. Die amerikanischen Forscher Camilla Benbow und Julian C. Stanley fanden heraus, dass Jungen sich beim Umgang mit Zahlen leichter tun. Sowohl bei der Überlegenheit der Jungs im Rechnen als auch bei erwähnten der Mädchen im sprachlichen Bereich nehmen viele Wissenschaftler angeborene Unterschiede im Gehirn als Ursache an. Hier meldet die Biologin Dr. Sigrid Schmitz Bedenken an: „Die enorme Dynamik unserer Hirnplastizität (= Anpassungsfähigkeit), dieses ständige Wechselspiel zwischen biologischer Strukturbildung und Umwelteinflüssen, macht unseren entscheidenden Evolutionsvorteil aus. Lernen und Verhalten verursachen Veränderungen im Gehirn.“ Unterschiede im Gehirn von Mädchen und Jungen müssen also nicht angeboren sein, sondern können auch durch unterschiedliche Förderung in bestimmten Bereichen entstehen.