Hilflos im Strampler-Dschungel

Warum Männer keine Babykleider kaufen

Väter wechseln Windeln, schieben Kinderwagen und die ganz ambitionierten von ihnen riskieren sogar ein paar Monate Elternzeit. Aber eines tun sie nicht: Babykleider kaufen. Liegt das in den Genen, ist das pure Hilflosigkeit, oder fehlt die Lust am Shopping? Und gibt es Tricks, das zu ändern?

von Erik Paschen
  • Druck
  • Kommentare
  • Email
Vater Sohn anziehen
Foto: © iStockphoto.com/ lisegagne

Babykleider sind Frauensache?

Werfen wir einen Blick in einen Babyladen. Hochkonzentrierte Mütter und Omis durchkämmen die Kleiderständer und Regale. Ist das süße Rosa mit den vielen Knöpfen auch praktisch? Gibt es etwas Niedlicheres als Schühchen Größe 19, die genauso aussehen wie die Großen?

Ja, auch ein paar wenige Männer kann man entdecken, meistens samstags, sie stehen daneben, mehr oder wenig geduldig, schicksalsergeben. Aber allein einkaufende Väter? Fehlanzeige! Filialleiterin Solveig Stern bestätigt den ersten Eindruck. „Alleine kommt kaum ein Mann ins Geschäft. Und wenn, dann ist es nicht ganz freiwillig.“ Festmachen kann sie das am Kaufverhalten. Grob gesagt gäbe es zwei Typen von einkaufenden Vätern. „Wenn einer alleine kommt, hat er oft einen Zettel in der Hand. Da hat die Frau genau aufgeschrieben, was er mitnehmen soll. Entweder er kommt damit gleich zu uns und wir suchen die Sachen raus oder er versucht die Sachen selbst zu finden. Dann wird er bald zum Typ zwei.“ Den beschreibt die Fachfrau so: „Der andere Typ telefoniert mit seiner Frau. Entweder, weil er die Sachen nicht findet oder weil es den Artikel nicht mehr gibt. Dann ist er vollkommen hilflos, was er stattdessen nehmen soll.“

Es gibt aber auch Situationen, in denen der Mann aus eigenem Antrieb den Laden betritt. Nancy Klausgraber, Verkäuferin mit 18 Jahren Berufserfahrung: „Wenn die Mama schon im Krankenhaus liegt und der Papa was mitbringen will, dann sucht er auch alleine einen Strampler aus. Gerne mit dem Spruch ‚Papa ist der Beste’ oder mit der Deutschlandfahne drauf. Allerdings vergreift sich der Mann gerne, was die Größe anbelangt. Oder er will ein Spielzeug für Zweijährige. Ein typisches Zeichen dafür, dass er sich während der Schwangerschaft seiner Frau nicht wirklich mit den Eigenschaften und Bedürfnissen eines Neugeborenen auseinandergesetzt hat.“

Die Väter selbst widersprechen dem nicht. Sie geben zu, unsicher bei der Auswahl von Babybekleidung zu sein. „Ich kenn’ mich einfach nicht aus. Was passt zusammen? Zu Hause legt mir meine Frau alles auf die Wickelkommode, dann kann ich die Kleine auch anziehen“, gesteht ein Vater. „Du würdest unserer Kleinen am liebsten wieder die gleichen Sachen von gestern anziehen“, stimmt dessen Ehefrau zu. „Wenn ich nach Hause komme, kriege ich garantiert den Satz um die Ohren, was denn das da um Himmels Willen sei“, begründet ein anderer seine Haltung, die Sache lieber seiner Frau zu überlassen. Es gibt aber auch Väter, die zu einer klaren Rollenverteilung stehen: „Ich habe mit Babysachen kein Problem, weil ich mich damit nicht beschäftige. Das ist Frauensache“, formuliert es ein junger Vater eindeutig.

Was sagen Experten?

Damit ist aber immer noch nicht geklärt, ob der Mann nicht will oder nicht kann. Entwicklungspsychologen und Experten für Neuromarketing sind sich in einem einig. Der Mann tickte schon immer anders als die Frau. Das hat sich seit der Steinzeit nicht geändert. Früher gab es eine klare Aufgabenteilung. Die Frau ist für das häusliche Wohlbefinden zuständig, versorgt die Kinder und kümmert sich um die Feuerstelle. Der Mann ist auf der Jagd und beschützt die Familie gegen andere Clans. Olivia Shepherd vom Neuromarketing-Blog „Think Neuro!“, erklärt, warum diese Aufgabenteilung funktioniert. „Männer und Frauen werden von verschiedenen Hormonen gesteuert. Beim Mann spielt das Testosteron die entscheidende Rolle. Nach Dominanz strebend und begleitet von Euphorie will er seine Ziele verwirklichen. Die Frau dagegen entwickelt Dank des Östrogens eher einen ausgleichenden Charakter, der Bindungen pflegt und dem häusliches Wohl wichtig ist.“ Und was hat das nun mit dem Einkaufen zu tun?

Neuromarketingexperten wie Shepherd schreiben auch dem „Auftritt“ von Konsumartikeln diese Charaktereigenschaften zu. „Große Schrift, klare Botschaft, dunkle, eckige Verpackung weisen darauf hin, dass hier das dominanzgesteuerte Verhalten des Mannes angesprochen werden soll. Nun zeigen Sie mir mal einen Artikel im Babyladen, der so angeboten wird.“ Frauen, so Shepherd, sprechen dagegen auf weiches, Harmonie ausstrahlendes Design an. Sanfte Farben, weiche Stoffe, verspielte Details seien, dank Östrogen, wichtige Impulse für eine Kaufentscheidung.

Damit wäre der bockige Mann aus dem Schneider. Er kann gar nicht anders, als sich dem Babyladen zu verweigern. Es liegt in den Genen, der geschlechtsspezifische Hormoncocktail lässt sich nun mal nicht verändern.

Das ist dann doch etwas zu einfach. Schließlich entwickelt sich der einzelne Mann, geprägt von seiner Erziehung, seinem Umfeld und vielleicht auch von seiner Ehefrau zu einem zwar immer noch triebgesteuerten Wesen, aber mit durchaus einsichtigen Momenten. Der Mann wird, von Ausnahmen abgesehen, im Auswählen von Stramplern keine neue Lebensaufgabe entdecken, aber es gibt Möglichkeiten, wenigstens die Schwellenangst vor dem Babyladen abzubauen.

  • 1
  • 2