Kolumne 'Fröhliches Familienleben'
Warum Trotz nervt, aber stark macht
Wenn die Nerven einer Mutter ohnehin zum Zerreißen gespannt sind, weil ihre Tochter gerade ihren ersten Trotzanfall in der Öffentlichkeit durchlebt, kann sie auf eines garantiert verzichten: Auf bösartige Kommentare selbst ernannter Erziehungsprofis!
"Ich will da aber nicht rein"
Als meine Tochter ihren ersten „Trotzanfall“ hatte, fiel ich aus allen Wolken. Wir bummelten zu zweit über den Weihnachtsmarkt, als mir die geniale Idee kam, mal eben kurz in einen Schuhladen hineinzuschauen. Irgendwie hatte ich plötzlich das dringende Bedürfnis, ein paar Stiefel anzuprobieren. „Ich will da aber nicht rein!“ schrie meine Kleine unvermittelt und stampfte energisch mit dem Fuß auf den Boden. Sie zog ihre kleine Stirn in viele viele Falten, ihre Augen funkelten böse. Huch! Ich erschrak und begann zu grübeln: Was hat sie plötzlich gegen diesen Laden? Hatte ich sie schon zu oft mit meinem Schuhtick genervt? Hatte ich was Falsches gesagt? Was tun? Ich versuchte es damit, ruhig zu bleiben: „Dauert auch nicht lang, versprochen!“ War ihr doch egal. Sie wollte einfach nicht, auch nicht kurz. Punktum, basta. Alle meine rhetorischen Überredenskünste versagten. Ich hatte keine Chance. „Nein, da geh ich nich‘ rein, ICH WILL NICHT!“ Ihr Widerstand wuchs, parallel dazu meine Hilflosigkeit. Da stand sie nun, eine kleine Zweijährige, überschäumend vor scheinbar grundloser Wut. Und das nur, weil ich in ein Schuhgeschäft gehen wollte? Ich verstand die Welt nicht mehr. Bislang war unser Zusammenleben doch so friedlich verlaufen. Harmonisch geradezu. Und nun dieses sinnfreie Gezeter?
Selbsternannte Erziehungsprofis
Während ich noch ratlos meinen wirren Gedanken nachhing, geschah das Unvermeidliche: Ein älterer Herr am Krückstock blieb stehen, warf erst einen leicht verächtlichen Blick auf mich, dann auf mein Rumpelstilzchen. „Die braucht wohl mal 'ne ordentliche Tracht Prügel!“, raunzte er mir zu. Na danke. Ein selbst ernannter Erziehungsprofi mit Überzeugungen der schwarzen Pädagogik hatte mir gerade noch gefehlt. Nun tobte meine Kleine noch mehr: „Neihein, brauch ich gaaar nihicht!“ schrie sie, hektisch nach Luft schnappend. Kaum dass ich dem Alten „So ein Blödsinn!“ hinterherrufen konnte, stand schon die nächste Schlaubergerin vor uns: „Wenn du nicht gleich artig bist,“ sagte sie und fuchtelte meiner Tochter mit dem Zeigefinger vor der Nase herum, “dann kommt der Nikolaus bestimmt nicht zu dir.“ Noch bevor ich auf diese konstruktive Replik argumentativ eingehen konnte, war die rüstige Rentnerin auch schon wieder verschwunden. Meinem kleinen Trotzkopf standen indessen die Tränen in den Augen: “Mama, stimmt das?“ schluchzte sie: „Kommt jetzt der Nikolaus nicht zu mir?“ - „Doch natürlich!“, sagte ich, mittlerweile selbst erschüttert über den Kummer, der mein Kind gepackt hatte, „der Nikolaus kommt auf jeden Fall.“
In diesem Moment ließ sie sich umarmen, sie legte ihr Köpfchen an meine Schulter, seufzte tief und beruhigte sich langsam. Dann richtete sie sich abrupt auf, wischte ihre Tränen weg und verkündete stolz: „So, und jetzt können wir in den Schuhladen gehen.“ Allerdings war ich dazu nun irgendwie zu erschöpft. Stattdessen kauften wir eine XXL-Portion Popcorn, stiefelten nach Hause, legten uns aufs Bett und blätterten stundenlang sehr nervenschonend in Bilderbüchern herum.

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