Versteh' einer das Kind

Was Kinder sagen - und was sie wirklich meinen

Übersetzungshilfe für Eltern: Was meint ein kleines Kind wirklich, wenn es sagt: "Du bist böse!", "Nochmal, nochmal!" oder "Die Erzieherin ist gemein zu mir!"? Wir helfen Ihnen, häufige Kindersätze zu "entschlüsseln".

Autor: Gabriele Möller
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Neun Sätze, die Sie nicht auf die Goldwaage legen sollten

Kleinkind verstehen
Foto: © JackF - Fotolia.com

"Nein, ich will nicht!"

Der O-Ton-Klassiker: Das Kind kann erst wenig sprechen, aber ein energisches "Nein!" oder "Will nich'!" geht immer. Vielleicht hat der junge Rebell keine Lust, in den Buggy zu steigen, oder den Spielplatz heimwärts zu verlassen.

Was das Kind eigentlich sagt: Etwas bestimmtes zu sagen für Kinder nicht immer, das auch wörtlich zu meinen. Hier geht es in Wahrheit darum: "Warum hast du noch Macht über mich, wenn ich mich doch schon so stark und unabhängig fühle?" oder auch: "Du willst, dass ich etwas mache, aber: meine Hände wollen nicht, meine Füße wollen nicht, und mein Kopf will auch nicht!"

Die Entwicklungsphase: die Entdeckung der eigenen Persönlichkeit. Jetzt meldet sich "der Impuls an, mitzugestalten und mitzuentscheiden in dieser Welt", erläutert Kinder-Psychotherapeutin Ursula Neumann. "Ein Kind könnte sich nicht zu einem eigenständigen Menschen entwickeln, wäre es nicht mit dieser Kraft ausgestattet." Ein Kind muss also manchmal Nein sagen - es hält es aber auch aus, wenn die Eltern sich bei Wichtigem trotzdem durchsetzen.

"Ich mag dich nicht mehr!"

Der O-Ton-Klassiker: "Ich hab' dich gar nicht mehr lieb!" tönt es erbittert, weil dem Kind die vierte Runde auf dem Kirmeskarussell verweigert wurde. Viele Mütter und auch Väter fühlen sich getroffen, wenn ihr Sprössling zu diesem scheinbar schweren Geschütz greift. Zu Unrecht, denn eigentlich sagt das Kind etwas ganz Anderes.

Übersetzung: "Ich fühle mich gerade total hilflos, weil ich nicht gegen dich ankomme!" Das Gefühl, den übermächtigen Erwachsenen wieder mal unterlegen zu sein, tut weh. Da will sich der Frust Luft machen, und es wird scharf geschossen. Schon die Kleinen wissen dabei, dass jeder Mensch geliebt sein will, auch Mama und Papa.

Entwicklungsphase: Abgrenzung von den Eltern, aber auf fester emotionaler Basis: Nur weil das Kind die Eltern lieb hat und sich auch ihrer Liebe völlig sicher ist, kann es überhaupt so einen Satz riskieren, erklären Entwicklungspsychologen. Eltern sollten deshalb gelassen reagieren: "Du bist enttäuscht, das kann ich verstehen!"

"Nochmal, nochmal!"

O-Ton-Klassiker: "Erzähl' mir die Geschichte nochmal!" oder: "Mach' nochmal vor, wie Onkel Benny ausgerutscht ist!" Das Lieblingsmärchen, aber auch eine lustige Begebenheit kann ein kleines Kind gar nicht oft genug hören.

Übersetzung: "Ich fühle mich sicher, wenn ich weiß, was als nächstes kommt, oder wie eine Geschichte ausgeht!"

Entwicklungsphase: Weil die Wahrnehmung eines kleinen Kindes sich immer mehr erweitert, wird auch seine Welt größer und unübersichtlicher. "Wiederholungen geben Sicherheit. Nicht nur die Gewissheit, dass in einem bereits zum zehnten Mal vorgelesenen Buch immer wieder dasselbe passiert – auch regelmäßige Tagesabläufe geben einem kleinen Menschen Urvertrauen", betont Diplom-Psychologe Fridolin Sickinger.

"Du bist blöd!"

 O-Ton Kind: "Du Assloch!" schallt es empört, weil der Kindergarten-Kumpel gerade das Lego-Teil weggeschnappt hat, das das eigene Raumschiff perfekt gemacht hätte. Auch Eltern bekommen oft ein erbostes "Du bist blöd!" zu hören, wenn sie die Quengelware an der Supermarktkasse verweigern.

Übersetzung: "Ich bin zwar sauer, klar. Aber zugleich gefällt mir dieses starke Wort, ich muss es einfach mal ausprobieren!"

Entwicklungsphase: Experimentieren mit Sprache. Das Kind will wissen: Welche Macht haben Wörter? Kann ich mit starken Ausdrücken mehr bewirken? Eltern können jetzt entgegnen: "Ich will nicht, dass du das zu mir sagst, das fühlt sich schlecht an." Im Wiederholungsfall können sie das Wort auch ignorieren. So erfährt das Kind: Kraftausdrücke verpuffen wirkungslos.

"Guck mal, die Blumen sind müde!"

O-Ton-Klassiker: "Die Gänseblümchen gehen zu, sie sind müde!" Was so poetisch klingt, markiert einen großen Entwicklungsschritt des Kindes in Sachen Denken und Sprache.

Übersetzung: "Wenn ich selbst schlafen gehe, mache ich die Augen zu. Und wenn die Blumen abends müde sind, schließen sie natürlich ihre Kelche."

Entwicklungsphase: Der Entwicklungsforscher Jean Piaget beobachtete, dass Kinder bis vier Jahre Naturerscheinungen erklären, als ob es sich um menschliche Aktionen handelte. Das Kind schließt dabei von sich auf Andere und Anderes - das ist eine große Transferleistung, auch wenn seine Schlussfolgerung oft noch nicht stimmen.

"Die Erzieherin ist gemein zu mir!"

Der O-Ton-Klassiker: "Die Erzieherin war heute total gemein!" Was Eltern alarmiert aufhorchen lässt, umschreibt oft etwas Harmloses.

Übersetzung: "Ich soll mich an Regeln halten, die ich von zu Hause so nicht kenne. Das finde ich sehr mühsam - und irgendwie auch nicht nett von der Erzieherin. Vielleicht solidarisieren sich Mama und Papa mit mir, wenn ich sage, dass sie böse ist?"

Entwicklungsphase: Für kleine Kinder ist es nicht einfach zu verstehen, welche Regeln im Kindergarten gelten und warum. Erst ab etwa dreieinhalb Jahren erkennt ein Kind, dass die Kiga-Stimmung nur dann gut ist, wenn alle mithelfen und Rücksicht aufeinander nehmen.

"Onkel Gert, hast du deinen Senf mit?"

Der O-Ton-Klassiker: "Onkel Gert, wo hast du denn deinen Senf?" oder "Mama, reg' dich nicht künstlich auf!" Manche Sätze der Jüngsten machen ratlos. Oft ist ein wenig Forschungsarbeit nötig, um zu verstehen, was dahinter steckt.

Die Übersetzung:  "Der Papa sagt immer, dass Onkel Gert zu allem seinen Senf dazu gibt. Da wird er den Senf bestimmt dabei haben" oder: "Das hat der Opa neulich gesagt, und Oma war sauer. Mal sehen, wie jetzt die Mama reagiert. Vielleicht verstehe ich dann, was der Satz bedeutet."

Entwicklungsphase: Kinder bis zum Schulalter nehmen Sprache wörtlich und kennen keine Doppelbedeutungen. Sie lernen zudem nicht nur Wörter, sondern auch komplette Phrasen, die sie aber zunächst oft nicht verstehen.

"Das Geschenk kannst du wieder mitnehmen!"

Der O-Ton-Klassiker: Die Oma hat ein Holzpuzzle zum Zusammenstecken mitgebracht. Anstatt sich zu freuen, sagt der Enkel: "Das kannst du wieder mitnehmen!" Die anwesenden Erwachsenen wittern Undankbarkeit. Doch das Kind will gar nicht unhöflich sein.

Übersetzung: "Ich spiele doch schon lange nicht mehr mit solchem Babykram. Ich hatte mir eigentlich ein ferngesteuertes Auto gewünscht. Jetzt bin ich enttäuscht."

Entwicklungsphase: Jüngere Kinder können sich noch nicht verstellen. "Wenn uns ein Kind mit seinem Verhalten brüskiert, steckt kaum je eine absichtliche Böswilligkeit dahinter. Oft ist das Kind ganz einfach ehrlicher, als es uns gerade passt", erklärt der Schweizer Entwicklungsforscher Prof. Remo Largo.

"Weißt du, was heute passiert ist?"

Der O-Ton-Klassiker: "Heute ist der Julian im Kindergarten hingefallen, und da ist sein Arm durchgebrochen!" Fragen die erschreckten Eltern genauer nach, zeichnet sich manchmal ab, dass das Ganze nicht ganz so dramatisch war. Doch warum übertreibt das Kind so?

Übersetzung: "Eigentlich war Julians Arm nur ein bisschen rot. Aber ich verstehe zum ersten Mal den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Und damit Mama und Papa das auch würdigen, übertreibe ich die Sache ein bisschen!"

Entwicklungsphase:  Das Kind lernt, dass viele Dinge die Folge von etwas sind, das davor passiert ist: Wenn, dann… Zugleich liebt es Übertreibungen, denn die machen die Konturen der Ereignisse schärfer - und helfen ihm so, sie besser zu verstehen.

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