"Ich bin dein Popilot"

Was Kinder uns Eltern lehren

Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen, heißt es. urbia-Autorin Kathrin Wittwer hält ihre Tochter eher für den berühmt-berüchtigten Wink mit dem Zaunpfahl: Bei den wirklich wichtigen Dingen des Lebens hat sie für ihre Eltern eindeutig mehr Weisheiten und Lektionen als Fragen im Gepäck.

Autor: Kathrin Wittwer
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Wer beflügelt hier eigentlich wen?

Mutter bewundert Kind
Foto: © iStockphoto.com/ treasurephoto

„Mama, ich bin dein Popilot.“ Als dieser bedeutungsschwangere Satz das erste Mal erscholl, waren wir frisch von der ersten Flugreise mit unserer damals Zweijährigen zurückgekehrt. Es haperte noch mit der Aussprache, aber das Prinzip eines Co-Piloten hatte sie sehr wohl verstanden: Das sind die Leute, die den Chef unterstützen – und wenn’s sein muss seine Aufgaben übernehmen. Also sagen wo’s lang geht. Inzwischen bin ich überzeugt: Mit ihrem Spruch stellte mein Kind nicht nur die aktuellen Machtverhältnisse in unserem Haushalt fest. Vielmehr beschloss sie im gleichen Zuge, sich perspektivisch aus der Rockzipfelposition herauszuarbeiten. Mich beschleicht jedenfalls immer öfter das Gefühl, dass ihr die Koordinaten unseres gemeinsamen Fluges durchs Leben besser bekannt sind als mir. Dass ich überhaupt noch am Steuer sitze, scheint nur reine Formsache. Die wirklich wichtigen Ansagen, verpackt in wegweisende Lebenslektionen, kommen längst von der Rückbank.

Lektion 1: Flexibilität – Male dir nichts aus, denn es wird nichts draus

Basisarbeit dafür hatte meine Tochter – nur nichts anbrennen lassen – bereits während der gesamten Schwangerschaft geleistet. Nie hätte ich mir vorstellen können, was in so ein paar Monaten alles schief gehen kann und dass mich schon eine winzige Erdnuss dermaßen fest im Griff haben würde. Egal was wir planten – ob für Arbeit, Hochzeit oder Nestbau – sie legte jedes Mal ein „Mit mir nicht“-Veto ein und achtete penibel auf Willensdurchsetzung. In Folge hatten wir bei ihrer überraschend frühen und reichlich holprigen Landung nicht einmal eine Windel im Haus. Lebensnotwendiger wäre ohnehin ein gut gefüllter Ohrstöpselvorrat für uns gewesen, denn ihre Kommandos presste das neue Familienmitglied von Anfang an mit sagenhafter Lautstärke und ungebremster Ausdauer aus ihrem winzigen Körper. Damit läutete sie bei mir einen Tinnitus ein, der seither bei jedem Einschalten ihrer Sirene zuverlässig mit anspringt. Um meine Augen haben sich derweil die Konsequenzen des 13-monatigen Schlafentzuges manifestiert. Trotzdem muss ich anerkennen, dass sie uns mit diesen Terrornächten eine Fähigkeit verpasste, die sonst nur Elitetruppen der Bundeswehr in teurer Ausbildung erlernen: ungeachtet einer fehlenden Nachtruhe voll einsatzfähig zu sein. Unser Schlaftraining mit ihr lief hingegen vollkommen ins Leere.

Lektion 2: Akzeptanz – So ist es nun mal

Dass das Kind gegen Manipulations- und Erziehungsversuche eine gewisse natürliche Immunität besitzt, mussten wir auch beim Essen feststellen: Wir hatten Beikost mustergültig eingeführt, zur richtigen Zeit und mit der richtigen Mischung – denn mit Abwechslung lassen sich die kleinen Geschmacksnerven in dieser Phase ja gut auf Vielfalt einstellen, sagt die Wissenschaft. Wir achteten auf Gesundheit, Frische und Selbermachen, dünsteten, garten und kochten. Der Aufwand hat sich gelohnt: Wenn ich mein Kind heute frage, was es essen mag, kann ich ohne Angst vor Verlusten meine gesamten Ersparnisse darauf verwetten, dass es sich lange Nudeln mit Tomatensoße wünscht. Oder Eierkuchen. Oder Fischstäbchen. Oder Milchreis. Kurzum: das klassische Kindermenü aller Restaurants dieses Landes, über das ich mich bislang bei jedem Auswärtsessen aufgeregt habe. Und nun reihe auch ich mich geschlagen und demütig bei all jenen Küchenchefs ein, die sich dem Diktat der unbelehrbaren Nachwuchsgaumen beugen und Schultern zuckend ein billiges „So ist es nun mal“ zu ihrer Verteidigung vorbringen.

Lektion 3: Manieren und Etikette – Popser gehören nicht auf den Tisch

Überhaupt wirft gerade das Thema Essen bei uns regelmäßig die Frage „Wer erzieht hier wen?“ auf. In unserem Bemühen, dem Kind gute Vorbilder zu sein, stellten wir einst ein Sparschwein auf, in das wir jedes Mal einen „Strafeuwo“ einzahlen müssen, wenn wir unsere eigenen Regeln – nicht mit vollem Mund reden, mit dem Essen keine Faxen machen… – missachten. Weil das Kind das Klimpern des Geldes faszinierend findet, lässt sie auch nicht das kleinste Vergehen ungesühnt. Vor allem, seit sie in der KiTa viel mehr Regeln beigebracht bekommt, als uns jemals wichtig waren – Ellenbogen vom Tisch, Schüssel zum Mund, nicht Mund zur Schüssel… – tappen wir regelmäßig in teure Fallen. Die bislang schärfste und äußerst indignierte Zurechtweisung erfuhren wir letztes Neujahr, als der frisch entleerte Hummer mit dem Hinterteil zu ihr gewandt auf dem Tisch stand: „Nehmt Ihr bitte mal den Popser weg?!“ Ich gebe dem Sparschwein noch ein Jahr, dann wird sich unser Kind damit in den sorglosen Ruhestand begeben können. Aus pädagogischer Sicht ist die Vorbildaktion allerdings grandios gescheitert. Das Kind erkennt zwar jedes Fehlverhalten messerscharf, sieht sich deshalb aber noch lang nicht gezwungen, es selbst zu vermeiden: „Ich hab ja gar keine Euwos, also kann ich auch keine Strafe zahlen“, stellte sie lakonisch fest, während ihr bei dieser Rede das Mittagessen aus dem vollem Mund purzelte.

Lektion 4:  Veränderung – Alles hat seine Zeit

Stolz und Wehmut zugleich schlichen sich kürzlich in mein Herz, als das Kind am Abend alle Kuscheltiere aus ihrem Zimmer verbannt wissen wollte: „Mama, nimm die raus, die sind so laut, die stören mich beim Schlafen, die ollen Tuscheltiere.“ Wie bitte? War es nicht erst vorgestern, dass wir angesichts unbeholfen-herziger Sprachversuche über „Eimarmannbaum“ (Weihnachtsbaum), „Bimmeltuch“ (Wimmelbuch), „Pfötchen“ (Brötchen) und „Imme-iefel“ (Gummibärchen) lachten? Und jetzt macht sie – definitiv Papas Gene aktivierend – solche Wortspiele? Und zählt auch mal eben bis 20? Wo war die Zeit, in der es in ihrem Zahlenkosmos nur „1 – 2 – 4“ gab, so unbeirrbar, dass wir dahinter schon eine Anspielung vermuteten, unsere Dreierkonstellation sei nicht der Erwähnung wert und solle doch bitte um ein Geschwisterchen aufgestockt werden? Unvergesslich auch die Phase, in der sich das Kind mit einer international anerkannten Aussprache methodisch auf einen Job in China vorzubereiten schien: Alles fing mit „l“ an. Beispielsweise gingen wir auf die Wiese zum „Lumen lücken“, und zur Guten Nacht wurden uns „Lutscher“ auf die Wange geschmatzt. Derartige Ambitionen, später mal so weit von uns wegzuziehen, versetzten uns in Alarmbereitschaft, und so steckten wir die Kleine bei nächster Gelegenheit zwecks Schadensbegrenzung in eine „Europa-Kita“. Das beeindruckende Ergebnis der dortigen Förderpolitik: „Ich kann jetzt Frere Jacke auf Deutschland sagen.“

Zugegeben, es ist einfacher sich mit ihr zu verständigen und die Ursachen für orkanartige Heulanfälle zu ergründen, seit ihre Artikulationen dem menschlichen Ohr bekannte Formen angenommen haben. Aber ein besonderer Platz in meinem Herzen gehört doch auf ewig jenen Wortschöpfungen, die dauerhaft Eingang in unseren, dank ihr einzigartigen, Familienwortschatz gefunden haben. Cornflakes jeder Art heißen bei uns aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen, aber völlig selbstverständlich „Dauties“. Das lecker weiche Pizzabrot zum Grillen ist mittlerweile auch bei befreundeten Familien besser als „Brotkaugummi“ bekannt. Das Meer wird – E Viva Espana – seit dem Spanienurlaub jetzt selbst im hohen Norden „Elmar“ genannt.

Lektion 5: Toleranz und Fairness – Immer dein Freund, nie mehr dein Freund

Nein, nicht alles, was das Kind in unser Leben gebracht hat, überzeugt mit solch liebenswerter Besonderheit, nicht alles halte ich tatsächlich für eine echte Bereicherung. Lillifee und sonstige rosarote Tüllträgerinnen haben mir zum Beispiel ebenso wenig gefehlt wie Konversationen im sonntäglichen Morgengrauen. Aber wenn Kind und Freundin nach einer Meinungsverschiedenheit in harmonischer Eintracht beschließen: „Ich will dich nie mehr wiedersehen.“ „Ich dich auch nicht.“ „Ich bin immer nicht mehr dein Freund.“ „Ok, ich auch nicht.“ „Wollen wir zusammen Kaffeetrinken?“ „Jaaa!“, dann ist das für mich ganz großes, direkt ins Herz gehendes Unterhaltungsprogramm. Auch in Sachen Fairness habe ich dank meiner Tochter vorbildliches Verhalten kennenlernen dürfen: Während mein Kind mit den Worten „Ich versteck mich unterm Tisch!“ in der Küche im Erdgeschoss verschwand, ließ ihr Spielkamerad ihr großzügig die Illusion, ein unentdeckbares Versteck gefunden zu haben, und stapfte mit „Ok, ich such dich oben!“ die Treppe ins Obergeschoss hinauf.

Lektion 6: Gelassenheit – Vertrau mir, ich weiß, was ich tue

„Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel“ heißt es so schön. Mein Kind lehrt mich eher: Mama, ich hab doch längst tolle Flügel. Das Beste, was du für mich tun kannst ist, sie mir nicht zu stutzen. Dann krieg ich das mit dem Leben ziemlich gut hin. Wenn ich Hilfe brauch, sag ich das schon. In der Tat – egal, worum wir uns bei ihr in den letzten Jahren gesorgt hatten, es erwies sich stets als unnötig. Unbeirrt von jedem Drängen oder von Vorgaben irgendwelcher Experten geht die Maus ihren Weg, zu ihrer Zeit, mit ihren eigenen Methoden. Und arbeitet mit Ermahnungen, offenen Konfrontationen und weisem Kindermund geduldig daran, dass Mama auch irgendwann noch mal den richtigen Kurs findet. Mein allerliebster Popilot – für all das von Herzen Dank!

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