Verantwortung oder Überforderung?

Wie viel können Kinder schon selbst entscheiden?

"Willst du lieber in den Zoo oder ins Schwimmbad?" Kinder möglichst viel selbst entscheiden zu lassen, ist gut gemeint, kann aber auch überfordern.

Autor: Gabriele Möller
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Kinder bestimmen in fast allen Bereichen mit

Kind Entscheidung
Foto: © fotolia.com/ nastia1983

86 Prozent aller sechs- bis 13-jährigen Mädchen und Jungen dürfen mit entscheiden, welche Einrichtung sie für ihr Kinderzimmer wollen, und zwei Drittel bestimmen mit, ob die Familie am Wochenende in den Zoo, den Freizeitpark oder in den Zirkus geht. Das ermittelte die repräsentative Studie „Kids-Verbraucheranalyse 2013“. Fast neun von zehn Kindern verfügen danach außerdem allein über ihr Taschengeld, wählen ihre Bücher selbst aus und reden dabei mit, was im Kühlschrank der Familie landet. Und wenn der Nachwuchs Markenklamotten oder -turnschuhe verlangt, geben weit mehr als die Hälfte der Mütter und Väter nach.

Eltern wollen Kinder einfach in möglichst viele Entscheidungen mit einbeziehen. Sie sind sogar dazu verpflichtet, denn Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention legt fest: Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass sein Wille berücksichtigt wird bei allen Angelegenheiten, die es selbst betreffen.

Je jünger das Kind, desto leichter droht Überforderung

Doch das kindliche Mitspracherecht hat auch Schattenseiten. Nicht nur macht es den Nachwuchs für die Konsumindustrie extrem reizvoll, weil er das Kaufverhalten seiner Eltern so wunderbar mit steuert. Zu viel selbst entscheiden zu dürfen, oder besser: zu müssen, kann Kinder auch überfordern. "Ich war heute mit Lea schnell unten den Müll wegbringen, und da wäre sie am liebsten gleich weiter zu einem kleinen Spaziergang losgestiefelt", berichtet die Mutter der knapp Dreijährigen. "Weil wir aber nicht wetterfest angezogen waren, bin ich mit ihr nochmal hochgegangen. Lea fing dann im Flur an zu spielen, und als ich ihr die Jacke gezeigt habe, kam keine Reaktion. Da wollte ich ihr die Schuhe wieder ausziehen, aber da hat sie gemeckert. Also habe ich sie etwa zehn Mal gefragt, ob sie spazieren will, oder lieber oben spielen. Wieder keine Reaktion. Erst, als ich meine Jacke angezogen habe, ist sie freudestrahlend angekommen, hat auch ihre Jacke angezogen und wir sind losgegangen."

Was war passiert? "Selbstbestimmung ist erstrebenswert - aber nur dann, wenn das Kind kompetent ist", erklärt der Schweizer Entwicklungsforscher Prof. Remo Largo ("Kinderjahre"). Lea aber ist zu jung, um sich vorzustellen, ob der Spaziergang oder das Spielen zu Hause mehr Spaß machen wird - sie war mit dieser Entscheidung überfordert. Sobald ihre  Mutter die Führung übernahm, konnte Lea erleichtert  mitziehen. Largo betont, dass Wohlbefinden und Selbstwertgefühl des Nachwuchses nicht automatisch "gestärkt werden, wenn das Kind überfordert wird."

Informationen werden nach Bauchgefühl gewertet

Vor allem, wenn ein Kind bei wichtigen Dingen selbst entscheiden soll, gibt es ein weiteres Problem: Kinder "können schon sehr früh informierte Entscheidungen treffen, das heißt, recht viele Informationen in der Umwelt berücksichtigen", erklärt Prof. Dr. Tilmann Betsch, Psychologe an der Universität Erfurt. Bis zum Ende des Grundschulalters aber  "fließen objektiv irrelevante Informationen genauso in ihre Entscheidungen ein, wie wahrscheinliche", so der Fachmann in einem Radiointerview. Darf ein Viertklässler also zum Beispiel selbst bestimmen, auf welche weiterführende Schule er gehen möchte, wählt er kaum danach, welche Schulform zu den eigenen Leistungen und Begabungen passt. Sondern vor allem danach, wo seine Freunde auch hingehen. So kommt es leicht zur Unter- oder Überforderung an der neuen Schule. 

Tipps für jedes Alter: Balance zwischen Führung und Selbständigkeit

Doch was kann ein Kind - und ab wann - selbst oder zumindest mit entscheiden, und wie viel Unterstützung ist dabei nötig? Letztlich müssen die Eltern die Balance zwischen Führung auf der einen und Förderung der Selbständigkeit auf der anderen Seite immer finden. Eine Orientierung gibt diese Übersicht:

  • Kinder von zwei bis vier Jahren: Um sie nicht zu überfordern, sollten nicht mehr als zwei Dinge zur Auswahl stehen. Vor allem aber müssen diese Alternativen für das Auge sichtbar sein. Ein Kindergartenkind kann also bereits eine Wahl zwischen zwei bereit gelegten Outfits treffen. Dieses "Wahlrecht" kommt seinem Wunsch nach Eigenständigkeit entgegen und kann morgendliche Verweigerung beim Anziehen vermeiden. Ähnliches gilt beim Essen. Heikle Esser dürfen schauen: Was sieht leckerer aus? Banane oder Apfel? Wurst oder Käse? Broccoli oder Möhrchen? 

  • Kinder von fünf bis sechs Jahren: Sie können schon Entscheidungen treffen zu Dingen, die sie nicht sehen können, sondern sich vor dem inneren Auge vorstellen müssen. Auch hier sollte die Auswahl zwei Möglichkeiten nicht überschreiten, die außerdem in nicht zu weiter Zukunft liegen. Kinder in diesem Alter können zum Beispiel meist sofort sagen, ob sie lieber ins Freibad oder in den Zoo möchten, oder ob sie lieber mit Papa zur Tankstelle oder mit Mama in die Stadt gehen wollen. Sie wissen auch, ob sie zu Weihnachten das rote oder das silberfarbene Fahrrad möchten.

  • Kinder bis zehn Jahre: Sie sind schon in der Lage, weiter in die Zukunft zu denken und auch solche Entscheidungen zu treffen, deren Konsequenzen nicht sofort zu spüren sind. Sie können deshalb schon bestimmen, wie ihr Kinderzimmer gestaltet werden soll oder wo der Familienurlaub stattfindet. Außerdem schaffen sie es nach Beobachtung von Prof. Betsch bereits, sich von den Einflüsterungen Anderer abzugrenzen: Haben sich die Ratschläge des besten Kumpels als schlecht erwiesen, wird seine Meinung bei zukünftigen Entscheidungen ausgeblendet. Zur Mitbestimmung gehört aber auch, Verantwortung zu übernehmen: Kinder können jetzt kleine Aufgaben im Haushalt übernehmen, die sie selbst wählen (Müll rausbringen, Kleintiere ausmisten, Spülmaschine ausräumen). Steht der Wechsel in die weiterführende Schule an, sollten Eltern über die geeignete Schulform entscheiden, das Kind aber darf (nach Besichtigung mehrerer Schulen) bei der Wahl der konkreten Schule mit entscheiden.

  • Kinder über zehn Jahre: Sie können schwierigere Zusammenhänge betrachten, logisch und abstrakt denken, die Folgen vorab mit berücksichtigen und Argumente abwägen. Sie sind im besten Alter für den sog. "Familienrat", bei dem jeder angehört wird, seine Sichtweise einbringen darf und schließlich eine von allen akzeptierte Entscheidung getroffen wird (in Sachen Urlaub, Aufgaben im Haushalt, Wochenendgestaltung, Anschaffungen). Weil Kinder sich in der Familienkonferenz gehört und wertgeschätzt fühlen, sind sie meist auch bereit, hier getroffene Vereinbarungen einzuhalten.

  • Ab einem Alter von 14 Jahren: Jugendliche können in allen sie betreffenden Lebensbereichen mit entscheiden. Ausgiebige Diskussionen gehören daher jetzt zum Alltag, egal ob es ums erste Piercing, die Kleidung oder Frisur, das abendliche Zubettgehen, oder das erste Bier auf einer Party geht. Da Teens aber noch keine Erwachsenen sind, darf es ein paar Regeln geben, die nicht verhandelbar sind (zu Ausgehzeiten, Alkohol, Dauer und Art des Computerkonsums, größere Kaufentscheidungen). Die Jugendlichen dürfen jetzt auch bei einer Trennung der Eltern noch mehr dabei mitreden, bei welchem Elternteil sie leben wollen. Trotzdem raten Fachleute, den Nachwuchs dabei gemeinsam zu unterstützen. Sonst "können Kinder sehr leicht in einen Loyalitätskonflikt geraten, Schuldgefühle gegenüber dem Elternteil entwickeln, 'gegen' das sie sich entschieden haben", warnt Dipl.-Psych. Verena Febres Mendoza aus Fulda in einer Veröffentlichung der Familienberatungsstelle. 
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