Von wegen stille Nacht

Weihnachten in Patchwork-Familien

Es ist nicht leicht, an Weihnachten den Erwartungen aller Familienmitglieder gerecht zu werden. Besonders Patchwork-Familien benötigen ein ausgeklügeltes Bescherungs- und Besuchssystem.

Autor: Heike Byn
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Patchwork - und die Folgen für das Fest der Familie

Patchwork-Teaser
Foto: © Colourbox

Weihnachten ist das Fest der Familie, der Liebe und des Friedens. Natürlich gibt es sie immer noch, die behaglichen Tage im Kreise der Lieben. Wo schöne Geschenke den Besitzer wechseln, alle anregende Gespräche führen und die Enkel erfahren, was Oma einst als junges Mädchen so alles anstellte. Aber auch das ist Realität: Bereits in den Wochen vor Weihnachten brummen die Telefone bei der Seelsorge und den Familienberatungsstellen. Fragen sich getrennt lebende Paare, ob sie noch einmal zusammen feiern sollen – der Kinder wegen. Häufen sich nach dem Fest die Anfragen bei Scheidungsanwälten.

Die Patchwork-Familien der Republik kennen das alles, denn sie sind schon einen Schritt weiter und das Ergebnis aus zwei gescheiterten Beziehungen oder Ehen. 1,5 Millionen Kinder leben nach Berechnungen des Deutschen Jugendinstituts in München inzwischen mit einem leiblichen Elternteil plus Stiefvater oder –mutter und unterschiedlich vielen Stiefgeschwistern. Das bleibt natürlich auch nicht ohne Folgen für das Weihnachtsfest. Die Logistik stellt dabei ungemein hohe Anforderungen an alle Beteiligten. Wer feiert mit wem und welchen Kindern in wessen Wohnung mit welcher Oma und wessen Opa?

Wann feiert wer bei wem?

Logistik ist ein gutes Stichwort: Auf dem Küchentisch hat Sabine Maasmann* eine Tabelle ausgebreitet. Darin hat die Personalchefin jedes Familienmitglied mit einer anderen Farbe gekennzeichnet, damit sie auf einen Blick erkennt, wer sich wann und wo während der Weihnachtstage aufhält. Aus erster Ehe hat Sabine drei Kinder: Max (10), Fritz (8) und Marie (6). Nach ihrer Scheidung von Karl vor vier Jahren ist sie mit dem Trio in das große Haus ihrer Tante in der Nachbarstadt gezogen. "Ich brauchte den Abstand zu meinem Mann und den Platz, damit die Kinder und ich uns neu sortieren konnten", erzählt sie. "Nie hätte ich damals gedacht, dass ich mich je wieder fest binden würde und dass so schnell."

Schon im ersten Jahr nach der Scheidung lernte Sabine Werner kennen und lieben. Und bereits nach anderthalb Jahren zog der selbstständige Programmierer mit Kind und Kegel in die Vorstadtvilla ein. Kind und Kegel heißen Lennart (9) und Charlotte (13), stammen aus Werners geschiedener Ehe mit Caro und waren genau wie die anderen Kids anfangs wenig begeistert von der Vorstellung, auf einen Schlag neue Geschwister und einen neuen Mann respektive eine neue Frau im Haus zu bekommen. "Werner und ich hatten so eine tolle Vorstellung von unserer neuen Großfamilie. Wir wohnten gerade zwei Monate alle zusammen, da stand Weihnachten vor der Tür und wir hatten die tollsten Pläne", erinnert sich Sabine. Doch stattdessen gab es Streit mit den Ex-Partnern und unzufriedene Kinder.

Fünf Kinder unter einen Hut bringen

Daraus hat die siebenköpfige Patchwork-Familie gelernt und organisiert das Fest der Liebe seither sorgsam vorbereitet und mit allen Beteiligten besprochen: Heiligabend, so hat es der gemeinsame Familienrat beschlossen, feiern Werner und Sabine gemeinsam mit ihren fünf Kindern zu Hause. "Es gibt schon am frühen Abend selbst gemachte Pizza und Eis mit heißen Kirschen. Mehr nicht. Dann kommt die Bescherung, bei der Werner und ich zuerst die Geschenke für unsere ‚eigenen’ Kinder verteilen. Das ist denen ganz wichtig. Den Rest des Abends spielen und erzählen wir zusammen", erklärt die Personalmanagerin. Am 1. Weihnachtstag starten die Besuche: Werners Ex-Frau Caro und ihr neuer Freund holen die Kinder Lennart und Charlotte ab und fahren mit ihnen zu Caros Eltern. Es folgt der Bescherung zweiter Teil. Sabines Kinder Max, Fritz und Marie werden von ihren Großeltern abgeholt. Ebenso liebe wie tolerante Exemplare ihrer Art, die kein Problem mit dem neuen Partner ihrer Tochter haben, jedoch mit ihrem aggressiven Ex-Schwiegersohn, der seine Kinder dann bei ihnen besuchen darf. "Mein Vater nennt das ein ‚Treffen auf neutralem Boden’, wo er Karl besser im Blick hat. Seit wir diese Lösung gefunden haben, fühle ich mich wohler und bin bereit, die Kinder loszulassen", seufzt Sabine.

Am 2. Weihnachtstag geht’s noch mal so richtig rund – auch das haben sich die Kinder so gewünscht: Charlotte hat "familienfrei" und darf ihren 15-jährigen Freund bei seinen Eltern besuchen, während ihr Vater etwas gemeinsam mit Sohn Lennart unternimmt. Sabine nutzt die Abwesenheit der anderen, um mit ihren Kindern einen Tag lang so richtig schön im Haus abzuhängen. Familie Weihnachten: "Alles ist erlaubt: laut Musik hören, Plätzchen bis zum Umfallen futtern, stundenlang Herumtrödeln. Das muss einfach mal sein, wo unser Alltag in der Großfamilie doch fast nur aus Regeln, Zeitplänen und Organisation besteht."

Fassade für die Kinder aufrecht erhalten

Von solcherart Gelassenheit können Stefan und Lara Petersen derzeit nur träumen. Stefan, Tierarzt mit eigener Praxis, hat einen Sohn aus erster Ehe - Finn (8), der bei den beiden lebt, weil seine Mutter Susan als Stewardess ständig unterwegs ist. Vor drei Jahren hat Stefan die Kosmetikerin Lara geheiratet, inzwischen haben beide eine Tochter, Sofie (2). Wegen des Altersunterschieds kommt es nur selten zu Rivalitäten zwischen den beiden Stiefgeschwistern, Finn spielt sogar mit Leib und Seele die Rolle des älteren Bruders, des Beschützers. "Doch uns allen gruselt es noch immer beim Gedanken an Weihnachten, weil es die letzten Jahre solch’ ein Horror war", erzählt Stefan Petersen.

Im ersten Jahr nach der Trennung hatten Stefan und seine Ex-Frau noch versucht, aus Liebe zum Kind zu Dritt zu feiern. "Da saßen wir dann schweigend und mit schlechter Laune im Wohnzimmer. Uns waren die endlosen Streitereien noch zu gut im Ohr, als dass wir unbefangen miteinander reden konnten. Und mittendrin der arme Finn. Als dann noch meine Schwiegereltern kamen, und uns baten es noch mal miteinander zu versuchen, war es ganz aus", erzählt Stefan und schüttelt den Kopf. Deshalb soll Weihnachten 2005 für die kleine Patchwork-Familie ein neuer Anfang zu Viert sein: Heiligabend holt Susan Finn zu sich und feiert gemeinsam mit ihren Eltern und Sohn. Sobald Finn am 1. Weihnachtstag wieder bei Stefan und Lara ist, düst die Familie ab in den Winterurlaub. "Das ist ein Experiment von dem wir hoffen, dass es all’ die unangenehmen Gefühle, die wir mit dem Fest verbinden, in Spaß und Freude verwandelt. Damit meine Eltern auch was von Finn und Sofie haben, nehmen wir die einfach mit. So haben dann Lara und ich auch mal Zeit für uns", versucht sich Stefan Petersen in vorsichtiger Freude.

Kinder, Eltern, Großeltern – alle sind in das weihnachtliche Bescherungs- und Besuchssystem von Patchwork-Familien einzubinden. Das ist für die Maasmanns und Petersens eine schwierige Aufgabe, die in Zukunft wohl auf noch mehr Familienverbünde zukommen wird. Denn durch die gestiegene Lebenserwartung heutiger Menschen vergrößern sich die Familien. Und durch Trennungen und Wiederverheiratungen vervielfältigen sie sich noch einmal in Stief- und Patchwork-Familien. Und weil sich die moderne Familie derart ausdehnt, dehnt sich auch Weihnachten aus: auf die Tage "zwischen den Jahren".


Scheidung ist nicht das Ende der Welt

Wie bei der weit verzweigten Familie von Juwelier Franz Knappertz (54). Der lebenslustige Rheinländer ist seit einigen Jahren glücklich liiert mit Marion (49). Die geschiedene Geschäftsführerin einer Zeitarbeits-Firma ist kinderlos. "Ein Glück", sagt Franz lakonisch, "sonst wäre das Ganze noch chaotischer." Denn aus seiner ersten Ehe mit Sophia hat Franz einen erwachsenen Sohn, Andreas (24). Der wiederum ist inzwischen selbst verheiratet und stolzer Vater von Fenja (3), ein zweites Kind ist unterwegs. In zweiter Ehe war der Goldschmied verheiratet mit Doris, der gemeinsame Sohn Sascha (13) lebt bereits seit Jahren in einem Schweizer Internat. Um als Familie zusammenzuwachsen und gemeinsam Weihnachten zu feiern, dafür gab es keine Gelegenheit. Zu groß ist der Altersunterschied zwischen den "Kindern" Andreas und Sascha. Und schließlich haben die beiden auch mit ihrem Vater nie zusammen unter einem Dach gelebt.

Dafür schwebt Franz Knappertz und seiner Lebensgefährtin Marion jetzt etwas anderes vor: "Den Kindern und Enkeln an Weihnachten zu zeigen, dass eine geschiedene Ehe nicht das Ende der Welt ist", bringt Franz Knappertz es auf den Punkt. Dass sich die entzweiten Elternteile nach der Phase der Verletzungen und Konflikte auch wieder freundschaftlich begegnen können. "Und dass aus Scheidungskindern nicht zwangsläufig Schwerverbrecher werden", lacht Franz. Heiligabend wird er mit seiner Freundin Marion gemeinsam feiern und "essen, bis der Arzt kommt", erzählt der Hobby-Koch. Während Sohn Andreas bei den Seinen bleibt und Sascha den Tag mit seiner Mutter verbringt. Am 1. Weihnachtstag laden dann Franz und Marion Sohn Andreas plus Familie und Sascha mit seiner Mutter zu sich nach Hause ein. "Das hat auch schon im letzten Jahr ganz gut geklappt. Wir alle sind sehr temperamentvoll, da ist richtig Leben in der Bude", erzählt Franz. Nur seine erste Frau, Sophia, wird nicht mit dabei sein. "Die hat seit der Scheidung mit mir nur das Nötigste geredet. Das ist schade. Vor allem für Andreas. Der leidet heute noch darunter." Und weil so viele Menschen nicht alles, was sie bewegt und interessiert an Weihnachten loswerden können, nimmt sich das Gros der Familie zwischen Weihnachten und Neujahr frei, "um Raum für Gespräche zu haben. Mal mit meinem großen Sohn an der Theke der Kneipe um die Ecke, mal mit dem Schwiegervater beim Wald-Spaziergang. Danach reicht es uns allen wieder für eine Weile und wir können beruhigt auseinander gehen", so Franz Knappertz.

Kein Streit, kein Stress: Wie das Weihnachtsfest gelingt

Birgit Britz, Sozialarbeiterin und Ehe- und Familienberaterin bei der Katholischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen in Köln, gibt Antworten auf die häufigsten Fragen von Patchwork-Familien.

Was macht das Weihnachtsfest von Patchwork-Familien so besonders?

Wie für alle anderen Familien auch ist Weihnachten für Patchwork-Familien das Fest, mit dem die höchsten Erwartungen und die meisten Hoffnungen verbunden sind. Das ist ja an sich schon eine Hypothek. Bei den neu zusammengesetzten Familien kommt hinzu, dass sich hier ganz neue Beziehungssysteme mit unterschiedlichen individuellen Vorlieben für Festtags-Rituale zusammenfinden, um auf neue Weise "das" Fest der Familie zu feiern. Das ist keine leichte Übung im Hinblick auf verletzte und gekränkte Gefühle, die oft in starkem Kontrast zur Sehnsucht nach friedvoller Weihnacht stehen.

Worin liegt denn das Hauptproblem?

Die Elternteile müssen oft schmerzlich realisieren, dass die Weihnachtsfeste, wie sie sie aus der Vergangenheit kennen, vorbei sind. Weihnachten – so wie immer – davon müssen sie sich verabschieden. Das ist eine bittere Realität, aber auch eine Chance. Es hilft, sich bewusst zu machen, was sich durch die neue Familienkonstellation verändert hat, um darauf neu zu reagieren. Und sich zu fragen: Was kann bleiben, und was brauchen wir neu und anders? War bisher die Christmette der Dreh- und Angelpunkt an Heiligabend, spielt aber der Kirchgang für die Stiefkinder keine Rolle, gilt es einen Kompromiss zu finden: wie zum Beispiel gemeinsam bei Kerzenschein die Weihnachtsgeschichte zu lesen oder vorzulesen.

Wie können Eltern die Kinder auf Weihnachten vorbereiten?

In erster Linie ist es wichtig, Kinder mit der veränderten Realität vertraut zu machen und ihre Gefühle – wie Trauer und Wut – zuzulassen. Manche Kinder erleben die neue Situation sogar als Entlastung. Erst dann sollten Eltern in einem zweiten Schritt gemeinsam mit ihren Kindern überlegen, was ihnen wichtig ist. Wollen die Kinder an Heiligabend beschert werden oder lieber am Morgen des 1. Weihnachtstages? Unternehmungen mit Kindern und Verwandtenbesuche sollte man planen, aber nicht bis ins letzte Detail. Lieber einen zeitlichen Puffer schaffen, der auch Raum für Improvisationen lässt, wenn eins der Kinder krank wird oder mehr Zuwendung braucht. Ruhig die Kinder in die Festtagsplanungen mit und um ihre Meinungen gefragt werden. Vor allem gleichaltrige Stiefgeschwister leben in Konkurrenz miteinander. Deshalb sollten sich die Elternteile auch und gerade an Weihnachten Zeit nehmen, um mit ihren eigenen Kindern etwas zu unternehmen. Das kann ein gemeinsamer Spaziergang sein oder ein Kinobesuch. Eben alles, was Spaß macht.

Was macht eine gute Atmosphäre fürs Fest aus?

Am besten mit den Vorüberlegungen schon im Sommer anfangen und den getrennt lebenden oder geschiedenen Partner in die Vorbereitung einbeziehen. Ist ein gemeinsames Gespräch darüber (noch) nicht möglich, so kann man dem anderen die Vorschläge ruhig schriftlich vorlegen, damit er in Ruhe darauf reagieren kann. Dann steht die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner an, mit dem alle leben können. Die Rituale und Programmpunkte ‚runterfahren’, nicht zu viel vornehmen, wie zum Beispiel ein 4-Gänge-Menü, das noch nie gekocht wurde. Dafür mehr auf Freiräume achten und vor allem sich und die Kinder entlasten. Hilfreich ist auch, sich rechtzeitig vorzustellen, was im schlimmsten Fall passieren könnte, und wie man dann reagieren würde. Die Realität zeigt, dass solch’ ein Horror-Szenario so gut wie nie eintritt.

Was tun, wenn der "Baum brennt", wenn es trotz aller Vorkehrungen Streit gibt?

Für die Beteiligten ist es dann am besten, den Rückzug anzutreten. Falls der Besuch bei der "Noch-Schwiegerfamilie" doch konflikthafter wird, als man aushalten kann oder will, sollte man eine Ausweichmöglichkeit in Reserve haben. Vielleicht gibt es eine gute Freundin, die im Hintergrund als Zufluchtsort zur Verfügung steht. Die Kinder kann man – so schwer das ist – auch noch am nächsten Tag bei den Schwiegereltern abholen. Auch wenn man merkt, dass einen Gefühle überwältigen und man die Kontrolle verliert, sollte man sich eine Auszeit gönnen – eine Runde spazieren gehen oder kurz im Schlafzimmer verschnaufen bringt Abstand. Vielleicht kann man sich auch sagen: wir alle sind nur Menschen. Im nächsten Jahr wird es besser und leichter gehen, weil neue Erfahrungen hinzugekommen sind.

Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge hat in diesem Video Tipps für Patchworkfamilien, in denen es oft Streit gibt:

 

*alle Namen wurden von der Redaktion geändert


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