Ursache von Schmerzen und Unfruchtbarkeit

Endometriose erkennen und behandeln

Wohl jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter ist betroffen, gut die Hälfte von ihnen leidet unter Regel- und anderen Schmerzen, bei bis zu 50 Prozent der unerfüllten Kinderwünsche soll sie dahinter stecken: Endometriose. Was ist das für eine Erkrankung und was kann man dagegen tun?

Autor: Kathrin Wittwer
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Klassisches Kernmerkmal: starke, schmerzhafte Menstruation

Frau Bauchschmerzen
Foto: © panthermedia.net/ citalliance

Maries* Familienplanung war nach zwei  Wunschkindern abgeschlossen, ihr Mann hatte sich sterilisieren lassen, damit sie keine Hormone mehr nehmen musste. Mit dem Absetzen der Pille aber kamen die Schmerzen. „Ich hatte Krämpfe im Unterleib, starke Regelblutungen, Probleme mit dem Stuhlgang und zum Teil konnte ich nicht stehen oder sitzen, weil ich so starken Druck im Unterleib hatte“, erzählt sie. „Immer, wenn die Blutung angefangen hat. Manchmal musste ich mich sogar krankschreiben lassen. Es war die Hölle.“ Carola hatte schon als Teenager starke Menstruationsschmerzen, Dana so schlimm, dass sie ohne Schmerzmittel nicht aufstehen konnte, dazu kamen Durchfälle und Krämpfe nach dem Wasserlassen. Ihr aller Problem: Endometriose.

Was ist Endometriose?

Hinter dem seltsamen Wort steckt ein nahezu mysteriöses Frauenleiden. Es entsteht, wenn sich Zellen der Gebärmutterschleimhaut (= Endometrium) in anderen Organen ansiedeln, gewöhnlich im Unterleib, selten weiter entfernt. Warum und wie die Zellen wandern, weiß man nicht, es gibt nur Theorien und die hohe Wahrscheinlichkeit einer genetischen Veranlagung. Was man aber weiß ist, dass die Zellen an ihrer neuen Stätte weiter ihrer ursprünglichen Aufgabe nachgehen: Zyklusgerecht verdicken sie unter Östrogeneinfluss vor dem Eisprung, bauen dann unter der Wirkung des Gelbkörperhormons wieder ab und bluten schließlich während der Menstruation. Nur dass Blut und Reste hier nicht abgestoßen werden, sondern sich stauen. Daraus entstehen Entzündungen und Verwachsungen. Und die verursachen – nicht zwingend, aber häufig – Schmerzen, regelmäßig mit der Monatsblutung oder sogar permanent, beim Stuhlgang, beim Sex, selbst in Rücken oder Beinen.

Symptome werden oft verkannt

Obwohl gutartig, mindern aktive Endometriosen Gesundheit und Wohlbefinden damit erheblich. Sind Fortpflanzungsorgane befallen, leidet überdies die Fruchtbarkeit.Nicht selten ist es deshalb ein unerfüllter Kinderwunsch, der überhaupt zur Diagnose führt. „Bei ausbleibender  Schwangerschaft dauert es durchschnittlich zwei bis drei Jahre, bis Endometriose als Grund erkannt wird“, sagt Dr. Julia Bartley, Oberärztin und Leiterin des Endometriose-Zentrums an der Berliner Charité. „Gehen Frauen ‚nur’ wegen Regelschmerzen zum Arzt, sind es sechs Jahre. Schlicht, weil die Schmerzen nicht ernst genommen werden.“ Zwar ist Endometriose weder neu noch selten: Jährlich sollen 40.000 Fälle dazu kommen und bis zu 80 Prozent aller chronischen Unterbauchschmerzen damit zu erklären sein. Trotzdem (er)kennen viele Ärzte das Krankheitsbild nicht. Etliche Diagnosen werden nur zufällig bei anderen Operationen oder Bauchspiegelungen gestellt.

„Es hat sich niemand für meine Beschwerden interessiert, bis eine Zyste operiert werden musste“, erzählt Dana. „Dabei fand man Endometrioseherde in Darm und Becken, an Muttermund, Eierstöcken und Eileitern.“ Carola war 28, als Schmerzen außerhalb der Menstruation endlich den Befund brachten: „Ein Ultraschall zeigte im Bauchraum Flüssigkeit, die sich als Blut herausstellte. Bei einer Bauchspiegelung wurde eine Wucherung in Golfballgröße zwischen Gebärmutter und Blase entfernt.“

Chronische Regelschmerzen sind nie normal

Dass man die nicht früher entdeckte, lag auch daran, dass Carola ihren üblichen Mens-Schmerzen nie nachgegangen war: „Ich war gar nicht auf die Idee gekommen, dass die nicht normal sein könnten. Meine Mutter und Tante hatten das gleiche Problem und sagten, da muss man eben durch.“ Muss man aber nicht, betont Dr. Bartley: „Sobald eine Frau sich durch Regelschmerzen krank fühlt, ihre Lebensqualität eingeschränkt ist, vielleicht sogar Schmerzmittel nicht mehr helfen oder die Schmerzen von Übelkeit und Erbrechen begleitet werden, ist das definitiv nicht normal.“ Auch nicht bei jungen Mädchen: Endometriose kann sich jederzeit bemerkbar machen, durchaus schon ab der ersten Menstruation. Garantiert wirksame vorbeugende Maßnahmen gibt es nicht.

Für die Diagnose am besten zum Experten

Die eigene Erkrankungswahrscheinlichkeit lässt sich mit dem „Endo-Test“ der Europäischen Endometriose-Liga einschätzen. Gewissheit verschaffen aber nur ärztliche Untersuchungen, am besten beim Spezialisten, zum Beispiel in einem der über 40 deutschen Endometriose-Zentren, wie Dr. Bartley eines leitet. „Wir machen zunächst eine ausführliche Schmerzanamnese“, erklärt sie das Vorgehen. „Dann folgt in der Regel eine gynäkologische Untersuchung mit Tastbefund und  Ultraschall. Anhand der Ergebnisse werden weitere diagnostische Schritte und die Therapieoptionen besprochen.“ Die hängen von Schweregrad und Ort der Wucherungen, vom Alter der Frau und einem Kinderwunsch ab. Fast immer greifen mehrere Ansätze ineinander.

Die klassischen Behandlungen: OP, Hormone, Schmerztherapie

Häufig werden die Herde operiert, oft in einem Schritt mit der Diagnose via Bauchspiegelung. Marie rang sich zur OP durch, als sie aufgrund der unerträglichen Schmerzen einmal fast ohnmächtig wurde. Ein schwerer Befall inklusive völlig durchwachsener Gebärmutter machte eine Entfernung des Uterus notwendig. „Seitdem bin ich nahezu beschwerdefrei und habe diesen Schritt nicht bereut“, resümiert sie. Dana hat bereits sieben Eingriffe und drei Reha-Maßnahmen hinter sich, dazu eine Wechseljahrestherapie gemacht und, wie auch Carola nach ihrer OP, kontinuierlich eine Gestagenpille genommen. Diese Methoden sollen durch Bremsung des Östrogens den  Zyklus beenden und so die Herde austrocknen. Der Umkehrschluss, Östrogenpillen könnten Endometriose fördern, wird zwar diskutiert, Beweise dafür gibt es derzeit aber keine. „Man kann auch ganz pragmatisch vorgehen und es bei Endometrioseverdacht zunächst nur mit einer Gestagenpille versuchen“, sagt Dr. Ewald Becherer, Frauenarzt und Endometriose-Spezialist aus Wiesbaden. „Bis die Schmerzen abklingen, werden zusätzlich Schmerzmittel eingesetzt.“

Bei Kinderwunsch: Hoffen auf schnelle Schwangerschaft

Weder OP noch Pille gewährleisten allerdings endgültige Heilung. Bei Kinderwunsch gilt darum nach Eingriff oder Absetzen der Pille: „Zyklen konsequent nutzen und hoffen, dass es klappt, bevor die Herde sich wieder aufbauen“, sagt Dr. Becherer. Carola hatte Glück: „Trotz Endometriose, nach 13 Jahren Pille, davon vier ohne Zyklus durch das Gestagen, war ich gleich im zweiten Zyklus schwanger“, freut sich die werdende Mama. Klappt es nicht, „überweise ich nach drei bis neun Monaten an ein Kinderwunsch-Zentrum“, so Dr. Becherer. Ob auf natürlichem Weg, durch Ovarstimulation und Insemination oder künstliche Befruchtung – die Chancen stehen relativ gut, macht Dr. Bartley Mut: „Man kann sagen, dass sich am Ende bei gut zwei Drittel der Frauen der Kinderwunsch erfüllt.“ In der Schwangerschaft hat Endometriose keine Auswirkungen auf den Verlauf, die Geburt oder die Gesundheit des Kindes.

Neuraltherapie, Osteopathie, Ernährung: Was noch alles helfen kann

Nicht jede Frau findet eine OP eine ansprechende Option, nicht alle kommen mit den Wirkungen von Hormonpräparaten zurecht. Auch deshalb ist es sinnvoll, sich an einen Spezialisten zu wenden, der besser als der durchschnittliche Gynäkologe über Alternativen Bescheid weiß. Und davon gibt es etliche, zeigen Dr. Becherer und 25 weitere Experten im Buch „Endometriose ganzheitlich verstehen und behandeln“: Die Möglichkeiten von Neuraltherapie, Physiotherapie, Reflexzonenmassage und Osteopathie werden hier vorgestellt, von Homöopathie und TCM, Phytotherapie und Yoga sowie eine sorgfältige Lebenspflege und gesunde Ernährung mit viel Gemüse und ungesättigten Fettsäuren, wenig Fleisch, Wurst und Käse empfohlen. Anderweitig wird der Verzicht auf Weizen angeraten.


Auch den Ursachen einen Namen geben

Die vielfältigen Herangehensweisen verdeutlichen: Für das komplexe Rätsel Endometriose gibt es keine simple Lösung. Vor allem darf der seelische Aspekt der Krankheit nie unterschätzt werden. Sein Anteil zeigt sich gut am Schmerzempfinden: „Ob eine Frau Schmerzen durch Endometriose hat, hängt weder zwangsläufig von der Menge noch der Größe der Herde ab“, sagt Ewald Becherer. „Schmerzen sind auch ein psychologisches Erlebnis, abhängig von der Situation und wie es der Frau geht. Es ist schwer zu sagen, ob die Schmerzen immer 1:1 von der Endometriose kommen.“ Oder wie er es im Buch ausdrückt: „Ihr Befund hat einen Namen – aber nicht Ihr Schmerz!“ Mit seinen Patientinnen bespricht der Arzt darum, welche Konflikte das Leiden begünstigt haben könnten: „Es lohnt sich, möglichen psychosomatischen Ursachen auf den Grund zu gehen.“

Die Psyche leidet mit

Psychologische Unterstützung ist auch dringend ratsam, wenn die Beschwerden wiederum die Seele belasten: „Gerade bei jungen Mädchen leidet infolge der Schmerzen schnell das Bild vom eigenen Körper, das Frau-Sein wird negativ belegt statt sich über Reifen und Wachsen zu freuen,  Depressionen kommen häufiger vor“, weiß Dr. Bartley. Chronische Schmerzen, die nicht ernst genommen werden, Schmerzen, die Auswirkungen auf Sex und Beziehung haben, regelmäßig zu Arbeitsausfällen führen, ständige Ängste vor der nächsten Attacke und davor, dass nie ein Grund gefunden wird, ergo keine Besserung in Aussicht steht – all diese Faktoren beinträchtigen Lebenslust und –qualität immens.

Beschwerden verschwinden nicht immer automatisch mit den Wechseljahren

Sie können sogar verhindern, dass Endometriose-Probleme, wie natürlich wäre, mit den Wechseljahren abklingen: „Der Körper hat ein Schmerzgedächtnis, das durch psychologische Aspekte nach dem Ende der Ursachen weiter wirken kann“, erklärt Dr. Becherer. Zum Beispiel, wenn das Wunschkind ausbleibt. Damit muss sich vielleicht auch Dana, seit drei Jahren arbeitsunfähig, auseinandersetzen: „Ein Kinderwunsch ist durch die Konsequenzen der Endometriose höchstens noch mit einer ICSI-Behandlung realisierbar“, sagt sie. „Dazu fehlt mir aktuell aber die Kraft. Erst muss ich die vielen Probleme, die die lange Krankenphase verursacht hat, aufarbeiten.“ Und langsam in den Arbeitsalltag zurückfinden.

* Alle Namen geändert

Service

Zum Weiterlesen

  • Ewald Becherer, Adolf E. Schindler (Hrsg.): Endometriose. Ganzheitlich verstehen und behandeln – ein Ratgeber. Kohlhammer. 2010. ISBN-13: 978-3170203426. 22 Euro.
  • Nicole von Hoerschelmann: Endometriose. Schmerzfrei durch optimale Ernährung und einen gesundheitsfördernden Umgang mit Stress. Diametric. 2011. ISBN-13: 978-3938580219. 21,90 Euro.

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