Wie vorbeugen? Wie reagieren?

Gefährlicher Trend: Mädchen und Alkohol

Zwar trinken Mädchen immer noch weniger Alkohol als Jungen, sie holen aber erschreckend auf. Es werden sogar mehr junge Mädchen mit Alkoholvergiftung in Kliniken eingeliefert als Jungen. Woran liegt das? Können Eltern vorbeugen? Wie reagieren, wenn die Tochter angetrunken nach Hause kommt?

Autor: Gabriele Möller
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Angetrunkene Mädchen werden leicht Opfer sexueller Gewalt

Mädchen Alkohol Flasche
Foto: © iStockphoto.com/ TACrafts

Alkohol ist für viele Jugendliche erschreckend alltäglich. Laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) haben zwei Drittel aller Schüler zwischen zehn und 18 Jahren schon Alkohol getrunken. Sie fangen dabei durchschnittlich mit 15 Jahren an, viele machen aber schon mit zwölf erste Erfahrungen mit Bier und Wein. 37 Prozent aller Jugendlichen, so die Studie, greifen mindestens einmal pro Woche zum Glas.

Das „Vorglühen“ vor der Party mit Bier (bei Jungen) oder Drinks aus Limonaden und Schnaps (bevorzugt von Mädchen) ist dabei nur die erste Stufe. Mehr als 40 Prozent aller Jugendlichen praktizieren mindestens einmal pro Monat das „Binge-Drinking“ (engl. binge = Saufgelage), bei dem es gilt, in möglichst kurzer Zeit betrunken zu werden. Die Zahl dieser „Koma-Säufer" steigt: Im Jahr 2000 waren es laut Statistischem Bundesamt noch 9500, im Jahr 2008 schon 25.700 Jugendliche. Dies führen Suchtexperten nur zum Teil darauf zurück, dass die Umgebung heute aufgeklärter ist und früher den Notarzt ruft. Für Mädchen ist der Vollrausch dabei besonders gefährlich, warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Sie erreichen bei gleicher Alkoholmenge deutlich höhere Promillezahlen als Jungen, weil sie eine geringere Blutmenge haben. Dies ist auch der Grund dafür, dass die Zahl der Mädchen, die mit Alkoholvergiftung in Kliniken eingeliefert werden, größer ist als die der männlichen Teenager.

Nicht nur der Alkohol selbst bedroht aber die Gesundheit der Mädchen. Sie haben in angetrunkenem Zustand ein hohes Risiko, Opfer von sexuellen Übergriffen und sexueller oder anderer Gewalt zu werden. Wie Jungen haben und verursachen sie außerdem häufiger Unfälle (bei denen oft auch Unbeteiligte zu Schaden kommen) und verletzen sich eher.

Mädchen holen beim Alkoholkonsum auf

In Berlin wurde vor einiger Zeit eine Zwölfjährige mit 2,15 Promille von der Polizei aufgegriffen. Sie hatte angegeben, aus Liebeskummer Wodka mit Cola getrunken zu haben. Eine absolute Ausnahme? Leider nicht. Jeder fünfte Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren trinkt mindestens einmal monatlich bis zum Umfallen, so die BZgA in ihrem Suchtbericht 2009. „Meinen ersten Vollrausch hatte ich an Fasching, als ich 13 war. Naja, so besonders, wie alle erzählen, war’s nicht. Eher gar nicht toll“, erzählt Doreen (14 *). „Meine Eltern sind streng gegen Alk. Aber es ist halt normal, dass man ab und zu was trinkt. Solange du noch weißt, was du tust, und nicht kotzend in der Ecke liegst und dich blamierst, ist alles okay“, findet Sabrina (14). „Meine Eltern sind total gegen Alkohol und verbieten ihn mir auch. Aber in meinem Freundeskreis gehört das einfach zu einer gelungenen Party dazu“, erzählt Tamara (15). „Mit 13 war ich das erste Mal angetrunken, von Grappa und Bier. Mit 14 ging es dann los auf Partys, die wir bei meinem damals 19jährigen Freund veranstaltet haben. Natürlich hat der dann auch Bier und Schnaps gekauft“, erinnert sich Michelle (19). „Mit 13 habe ich mich schon abends mit Freunden einfach in eine Bar gesetzt. Dass das ging, lag wohl daran, dass ich älter aussehe“, erzählt Bianca (15).

Erschreckend ist, wie oft Eltern nicht wissen (wollen), dass ihr Kind schon Alkohol trinkt. „Mit meinen Eltern habe ich nie darüber geredet. Und ich bin mir sehr sicher, dass sie auch quasi nie was davon mitbekommen haben“, erzählt Michelle. „Meine Eltern haben noch nie realisiert, dass ich ab und zu schon ein bis zwei Becks in mir habe, wenn ich heim komme“, glaubt auch Bianca.

* alle Namen geändert

Die Tochter fühlt sich überfordert, wie können Eltern vorbeugen?

Die Gründe, warum Mädchen heute früher und mehr trinken sind nicht leicht zu fassen. Einer von ihnen ist die Verwischung der traditionellen Rollenmuster. "Das Verhalten unserer Jugend ist 'unisex'. Die Rollenverteilung ist nicht mehr klar definiert. Mädchen probieren riskantere Verhaltensweisen aus, dringen auch beim Alkohol in bislang männliche Domänen ein", so Dr. Edelhard Thoms, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Parkkrankenhaus Leipzig.

Ein weiterer Grund ist, dass viele Mädchen in ihrem Alltag zu wenig Herausforderungen haben. „Wenn Shopping und Starbucks die einzigen Freizeitbeschäftigungen sind, mangelt es an Herausforderungen. Das Leben ist so langweilig, dass man offen ist für alles“, erläutern Frederik Kronthaler und Anne Lubinski, Leiter der Drogenberatungsstelle condrobs in München. Dass Alkohol generell schon bei 13jährigen salonfähig ist, liege auch an der Verwischung zwischen der Welt der Jugendlichen und der Erwachsenen: „Diese Trennung ist in vielen Familien aufgehoben. Kinder werden wie Freunde behandelt und mit massiven Problemen wie Arbeitslosigkeit, Geldnot oder Scheidung konfrontiert“, so die Suchtberater. Hier könne der Alkohol auch eine Flucht vor Überforderung sein.

Alkohol – keine Frage der sozialen Schicht

Wieder andere Teens wollen mit dem Alkoholtrinken schlicht in der Clique dazu gehören. Aus Sicht des Kölner Suchtforschers Michael Klein kommt aber auch den Eltern eine große Bedeutung zu. "Stark gefährdet sind Kinder von alkoholkranken Eltern", so Klein. Aber auch schwelende Konflikte in der Paarbeziehung der Eltern oder zu wenig Interesse der Eltern am Jugendlichen fördern Ängste und Selbstzweifel und damit einen frühen Umgang mit Alkohol.

Viele Eltern glauben, dass Alkohol bei Jugendlichen eher ein Problem sozial benachteiligter Schichten sei. Ein Trugschluss, denn im Gegenteil trinken Gymnasiasten gegenüber Real- und Hauptschülern überdurchschnittlich häufig. Jeder dritte Gymnasiast trinkt bereits regelmäßig Alkohol (gegenüber jedem Vierten an anderen Schulformen). Ein Grund, so Silke Rupprecht von der Leuphana Universität in Lüneburg, sei der gefühlte hohe Leistungsdruck am Gymnasium.

Können Eltern vorbeugen?

Eltern können nicht immer verhindern, dass ihr Teenie früh gefährliche Experimente mit Alkohol macht. Zu groß ist dafür der zunehmende Einfluss der Freunde. Trotzdem können sie das Risiko senken. „Die Familie spielt eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Werten, Normen und Verhaltensmustern. Sie bietet den Kindern Schutz und Rückhalt bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben - und auch bei den damit verbundenen Risiken“, so Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der BZgA.

Das wissen viele Eltern natürlich, aber was bedeutet das in der Praxis? Der zentrale Begriff ist für Suchtexperten hier die „partnerschaftliche Familie“. In ihr herrscht ein Klima von gegenseitigem Verständnis, Anteilnahme, Aufmerksamkeit. Teenager fühlen sich von den Eltern begleitet und geachtet, Eltern und Heranwachsender bleiben im Gespräch. Miteinander zu reden heißt dabei nicht, dass es keine Konflikte gäbe. Sondern, dass Eltern versuchen, die Sichtweise ihres Teenagers zu verstehen und dies auch zeigen. Sie fragen nach und interessieren sich nicht nur für schulische Leistungen, sondern auch dafür, wie es ihrem Kind in der Schule und der Clique geht. Sie unternehmen viel mit dem Jugendlichen gemeinsam. Sie bleiben am Kind und zeigen unbeirrt Interesse, auch wenn sich der Teen spröde oder ablehnend gibt.

Was tun, wenn die Tochter angetrunken heim kommt?

Trotzdem kann es passieren: Die Tochter kommt später heim als verabredet, sie ist patzig, spricht verwaschen, und rasch wird klar: Sie ist angetrunken. Die Reaktion der Eltern auf den ersten Schrecken ist meistens Wut. „Doch Vorwürfe und Schimpfen erreichen den Teenager jetzt nicht“, so Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Die Eltern sollten gelassen bleiben, rät die Fachfrau im urbia-Gespräch. „Das Wichtigste ist zu prüfen, ob medizinische Hilfe nötig ist. Man sollte schauen: Ist das Kind ansprechbar? Hat es normale Reflexe?“ Falls Zweifel bestehen, muss der Notarzt gerufen werden. Doch auch wenn dies nicht nötig erscheint, sollten Eltern den Jugendlichen während der Nacht nicht allein lassen. „Angetrunkene Teenager wollen sich meist nur noch hinlegen. Hier besteht die Gefahr, dass es zum Erbrechen und infolgedessen zu Atemproblemen kommt, wenn das Erbrochene nicht abfließen kann.“ Aber auch nach einem weniger stark angetrunkenen Kind sollten die Eltern mindestens alle 30 Minuten sehen, so Merfert-Diete.

Ist am nächsten Morgen Schule, wird pünktlich geweckt, Schuleschwänzen sollte es auch bei Katerbeschwerden nicht geben. Noch am selben Tag sollte das Thema Alkohol besprochen werden. „Wichtig ist, dass das Gespräch nicht unter Zeitdruck oder zwischen Tür und Angel stattfindet, sondern dass dafür wirklich Ruhe vorhanden ist“, betont Suchtexpertin Merfert-Diete. Doch wie spricht man mit einem lustlosen Teen, der alles abblockt? „Eltern überwinden die Abwehr des Mädchens am besten, indem sie zuerst von sich und ihren Gefühlen sprechen“, so die Fachfrau. Sie könnten sagen: „Ich habe mich sehr erschrocken, als du angetrunken nach Hause gekommen bist. Ich weiß, dass Alkohol schlecht ist für Jugendliche, sie können sogar Hirnschäden davon bekommen.“ Es sei auch wichtig, dem Mädchen zu sagen, dass man angetrunken kaum noch kontrollieren kann, wer was mit einem macht. „Viele Jugendliche wissen außerdem nicht, dass es über das Betrunkensein hinaus Langzeitschäden gibt, die man anfangs noch nicht bemerkt.“ Hierzu gehören die Suchtgefahr und Entwicklungsstörungen des Gehirns oder der Persönlichkeit.

Auch eigenes Trinkverhalten unter die Lupe nehmen

Danach muss der Teenager Gelegenheit bekommen, seine Sicht der Dinge zu schildern: warum getrunken wurde, wie es dazu kam, was daran angenehm oder unangenehm war. In der letzten Phase des Gesprächs sollten gemeinsam Regeln festgelegt werden: Es wird bestimmt, ob, bei welchen Anlässen und wie viel getrunken werden darf. Klar sollte dabei sein, dass überhaupt nur Alkohol getrunken wird, wenn die Eltern dabei sind. „Totale Kontrolle ist nicht möglich. Deswegen ist es wichtig, dem Teenager zu zeigen, dass man bereit ist, ihm zu vertrauen – und dies auch tut“, so Merfert-Diete. Die meisten Jugendlichen möchten dieses Vertrauen nicht enttäuschen. „Man kann auch Konsequenzen ankündigen für den Fall, dass die Regeln gebrochen werden. Falls man dies tut, sollte die Sanktion dann auch erfolgen, sonst macht man sich unglaubwürdig“.

Eltern sollten außerdem auf die gesetzlichen Bestimmungen pochen, wonach Kinder unter 16 Jahren keinen Alkohol in der Öffentlichkeit trinken dürfen, und unter 18 keine hochprozentigen Getränke (Schnaps). „Wichtig ist das Vorbild der Eltern. Sie müssen einen risikobewussten Umgang mit Alkohol vorleben“, so Merfert-Diete. Dazu gehöre, dass Eltern niemals vor dem Autofahren tränken, und auch nicht bei Belastungen oder Stress. Damit nicht der Eindruck entstehe, Alkohol könne Probleme lösen oder schlechte Gefühle lindern. „Eltern sollten deutlich sagen, dass Alkohol ein Rauschgift ist. Zwar eines, dass man als Erwachsener in kleinen Mengen trinken kann, aber bei dem man immer um die Risiken wissen muss.“ Eltern sollten selbst nur wenig und nicht täglich Alkohol trinken - und sich natürlich niemals betrinken.


„Nein“ zum Alkohol: so geht’s leichter - Hilfe für Jugendliche

Sich von der Gruppe mit einer unpopulären Haltung abzugrenzen, fällt Teenagern schwer. Trotzdem gibt es trotz aller Negativ-Schlagzeilen viele Jugendliche, die nicht mitmachen. „Ich finde es immer voll lächerlich, wenn sich schon Vierzehnjährige betrinken. Außerdem schmeckt mir das überhaupt nicht. Ich trinke lieber Cola“, erzählt Magdalena (14). Und auch Vallie (15) sagt selbstbewusst: „Wenn die sich selber zerstören, ist das ihre Schuld, dass müssen sie selber verantworten. Aber bitte: Was ist das schon für ein Leben, wenn man die ganze Zeit tut, was andere [die Clique] von einem wollen?“

Hat man einen lockeren Spruch parat, fällt das Neinsagen leichter. Ein paar Anregungen für Teenager:

  • Nee du, ich brauch’ meine Gehirnzellen noch!
  • Sag’ mal: Säufst du noch oder lebst du schon?
  • Wie sagt man NEIN auf deinem Planeten?
  • Danke, ich bin auch so crazy genug
  • Ich will mit 17 meinen „Lappen“ machen, wenn ich vorher wegen Alkohol auffalle, geht das nicht!
  • Nein, mir geht’s bereits großartig!
  • Danke, ich habe auch so genug Fantasie
  • Nee, da ess’ ich ja Mamas Graupensuppe noch lieber
  • Ich bin allergisch
  • Nein, bei dem Wetter echt nicht
  • Hä? Saufen ist doch längst wieder out!
  • Ich versuche zur Zeit, mal weniger beliebt zu sein
  • Nein, zum Glück brauch' ich das nicht

Warum Alkohol für Jugendliche schädlich ist - weitere Infos für Eltern

  • Bei Jugendlichen setzt die Wirkung des Alkohols verspätet ein, so dass sie zunächst große Mengen trinken können, bevor sie plötzlich bewusstlos werden.
  • Bei einer Alkoholvergiftung kann es zum tödlichen Atemstillstand kommen, Jugendliche können aber auch an ihrem eigenen Erbrochenen ersticken, wenn sie bewusstlos sind oder angetrunken schlafen.
  • Alkohol bremst das Hirnwachstum von Jugendlichen, das erst mit etwa 18 Jahren abgeschlossen ist. Schon bei geringeren Mengen Alkohols sterben Gehirnzellen ab.
  • Wenn die Leber Alkohol abbaut, setzt sie keine Glukose frei. Die folgende Unterzuckerung kann zur Bewusstlosigkeit führen.
  • Mädchen und Frauen können Alkohol schlechter abbauen als Männer, da sie weniger von den dafür nötigen Enzymen besitzen.
  • Beim Abbau von Alkohol wird Ethanol freigesetzt, das die Ausschüttung von "Glückshormonen" ankurbelt. Je früher das Belohnungszentrum im Gehirn auf diese Weise stimuliert wird, desto tiefer brennt sich der Effekt ein.
  • Bei Teenagern kann es daher schon nach sechs Monaten häufigeren Alkoholkonsums zur Abhängigkeit kommen.

Weitere Informationen

  • Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: „Alkohol – reden wir darüber
  • Elternbrief der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen HLS
  • Hotline der Sucht- und Drogen-Hotline der BZgA: 01805 – 31 30 31
    (Krisen- und Notfallberatung für den Akutfall)
  • Info-Telefon zur Suchtvorbeugung der BZgA: 0221 / 89 20 31
    (bei allgemeinen Fragen oder Beratungswunsch)


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