Trotz STIKO-Empfehlungen

Impfen: Was Eltern entscheiden dürfen

Der Plan der Ständigen Impfkommission (STIKO) enthält eindeutige, von Experten durchdachte, rechtlich abgesicherte Empfehlungen zu sinnvollen Immunisierungen für Kinder. Rund ein Drittel aller Eltern sucht trotzdem individuelle Wege. Wie können die aussehen? Was gibt es dabei zu bedenken?

Autor: Kathrin Wittwer
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Ein Standard, keine Pflicht

Mädchen Impfung
Foto: © fotolia.com/ photophonie

Die öffentlichen Immunisierungsempfehlungen der STIKO gelten seit einem Urteil des Bundesgerichtshofes 1999 als medizinischer Standard in Deutschland. Viele interpretieren dies nahezu als verbindliche Vorschrift. Eine Pflicht sind sie dennoch nicht. Eltern haben grundsätzlich das Recht zu entscheiden, ob sie ihr Kind impfen lassen, wogegen, wann und, im Rahmen der Verfügbarkeit, welche Kombination von Impfstoffen eingesetzt wird.

Diese Entscheidungen kann ihnen niemand abnehmen. Immerhin ist jede Impfung im Sinne des § 223 des Strafgesetzbuches eine Körperverletzung, greift sie doch u.a. mit einem Stich und Krankheitserregern in einen gesunden Organismus ein. Dies wird nicht bestraft, wenn der zu Impfende oder seine Sorgeberechtigten dem nach ausreichender Aufklärung über Nutzen und Risiken ausdrücklich zustimmen.

Das Ja eines Elternteils genügt

Dafür reicht es, wenn ein Elternteil grünes Licht gibt – selbst wenn das andere strikt dagegen ist. „Bei Uneinigkeit sollte man sich mit einer neutralen Stelle zusammensetzen und einen Kompromiss aushandeln“, rät der Wiesbadener Arzt Dr. Klaus Hartmann, auch als Gutachter für Impfschäden tätig. „Dass einer zähneknirschend klein beigibt und darauf wartet, dass irgendwas passiert und dann sagt, ich hab’s ja gewusst, ist jedenfalls eine unschöne Situation, die man vermeiden sollte.“

Nur ein Prozent Impfgegner

Etwa ein Prozent aller Eltern sind laut einer (aber nicht absolut repräsentativen) Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 2011 Impfgegner. Nicht zu impfen ist legitim, wird allerdings, und darauf müssen Eltern sich einstellen, oft und von vielen Seiten verurteilt: von Familienmitgliedern, anderen Eltern, die ihr eigenes Kind in Gefahr sehen, von Kindereinrichtungen, den Medien, von zahlreichen Ärzten, die ungeimpfte Patienten strikt ablehnen.

Auch der Münchner Kinderarzt und Gründungsmitglied des Vereins „Ärzte für die individuelle Impfentscheidung" Dr. Martin Hirte kann den völligen Verzicht auf Impfungen nicht empfehlen, „auch wegen des sozialen Charakters. Aber ich respektiere, wenn Eltern anders denken und werfe sie nicht aus der Praxis.“ Impfgegner sollten sich jedoch, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit gering sei, des Risikos eines gesundheitlichen Schadens durch eine Infektionskrankheit wirklich sehr bewusst sein und mit diesem Risiko leben können, mahnt Hirte in seinem Buch „Impfen Pro & Contra“. 

Wenn impfen, was impfen?

Derzeit enthält der STIKO-Impfkalender für kleine Kinder Immunisierungen gegen 13 verschiedene Infektionskrankheiten. Hinter den meisten steckt neben dem Schutz der einzelnen Person das übergeordnete Ziel, durch eine hohe Impfrate Epidemien zu vermeiden.

Laut BZgA lassen rund zwei Drittel der Eltern ihre Kinder nach diesem Plan impfen, ein gutes Drittel nur selektiv. Den geringsten Zuspruch erhalten demnach mit etwa 60 Prozent die Immunisierungen gegen Pneumokokken und (von vielen Ärzten unterstützt) Windpocken.

Dr. Martin Hirte legt Eltern eine Grundausstattung ans Herz, die (auch wegen der sozialen Komponente) Tetanus, Diphtherie und Polio sowie die Mumps-Masern-Röteln-Kombi (MMR) umfasst. „Man kann auch sagen, ich impfe mein Kind im zweiten Lebensjahr erst mal nur gegen Masern und vor der  Pubertät kommt dann noch die MMR. Das ist medizinisch kein Problem, selbst wenn Masern dann letztlich viermal geimpft wurden.“

Suchen Eltern einen ganz eigenen Weg, kommen sie um die Mühen einer systematischen (und selbst dann nur bedingt aussagekräftigen) Recherche kaum herum, meint Dr. Klaus Hartmann und rät: „Jede Familie sollte sich eine Liste aller Impfungen machen und Punkt für Punkt durchgehen, wie hoch sie das Ansteckungsrisiko finden, welche Daten es zu den Nebenwirkungen gibt, wie wichtig ihnen die sozialen Aspekte sind.“ Seine eigenen Kinder hat er im ersten Lebensjahr mit der Fünffachkombination Tetanus, Diphtherie, Polio, Keuchhusten und Hib impfen lassen, später MMR.

Für verzichtbar (sofern es in der Familie keinen Fall gibt) hält Dr. Hartmann den Schutz gegen Hepatitis B. Martin Hirte sieht die Rotaviren-Immunisierung für gestillte Säuglinge als überflüssig an, „weil diese daran kaum erkranken.“

Tipps vom Kinderarzt: Impfungen für Kinder und Babys

Welche Impfstoffe?

Für viele Immunisierungen stehen verschiedene Impfstoffe zur Verfügung, die sich im Gehalt an Konservierungsmitteln und Wirkverstärkern oder in der Kombination und Anzahl von Erregern unterscheiden. Zwar sei es nicht möglich, hundertprozentig auf alle Wünsche eingehen, sagt Dr. Hirte, „aber man hat schon viel kreativen Spielraum, die vorhandenen Impfstoffe mit den eigenen Empfehlungen und den Wünschen der Eltern abzugleichen.“ Allerdings müssen Eltern damit rechnen, dass nicht jeder Arzt bereit ist, einen solchen Aufwand zu betreiben, auch weil viele fürchten, durch das Abweichen vom STIKO-Plan ein juristisches Risiko einzugehen.

Wie ist das bei Allergien und chronischen Krankheiten?

Prinzipiell, sagt die STIKO (und auch Dr. Hirte), gibt es kein Kind, das man besser überhaupt nicht impfen sollte. Aber einige Faktoren erfordern eine sorgfältige Auswahl an Impfstoffen, erklärt Dr. Jan Leidel, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie und aktueller Vorsitzender der STIKO: „Zum Beispiel eine Hühnereiweißallergie, die nicht sehr häufig ist, aber wichtig, weil man hier Impfstoffe wählen muss, die nicht in Hühnereiern vermehrt wurden. Bei Immunschwächen können Lebendimpfstoffe unter Umständen nicht verwendet werden. Solche Kinder sind aber auch in erhöhtem Maße durch Krankheiten bedroht, so dass, wenn Totimpfstoffe zur Verfügung stehen, eine Impfung in den meisten Fällen sehr sinnvoll ist.“

Wann impfen?

Gerade Babys mit ihrem unausgereiften Immunsystem haben ein höheres Risiko, an Infektionen schwer zu erkranken. Um sie zu davor schützen, wird mit Impfungen bereits ab der sechsten Lebenswoche begonnen und das Gros aller Immunisierungen noch im ersten Lebensjahr verabreicht. Sorgen, dass gerade die Unreife des Immun- sowie des Nervensystems andererseits auch dazu führe, dass Säuglinge Impfungen schlechter vertragen, sind aus Sicht der STIKO unbegründet.

Dr. Martin Hirte ist, vor allem mit Blick auf das umstrittene Konservierungsmittel Aluminium (es steht im Verdacht, Schäden an Immun- und Nervensystem hervorzurufen), hingegen vorsichtig, den jungen Organismus in Serie mit solchen Herausforderungen zu konfrontieren: „Aus meiner Erfahrung ist die Verträglichkeit besser, wenn Kinder erst gegen Ende des ersten Lebensjahres mit Impfungen belastet werden." Gerade bei Tetanus, Diphtherie und Polio könne man aufgrund der geringen Ansteckungsgefahr bis dahin mit der Impfung warten.

Das kann Dr. Hartmann nachvollziehen: „Prinzipiell ist diese Idee nicht grundverkehrt, erst zu impfen, wenn das Kind immunologisch ein bisschen reifer ist. Dann reagiert es erstens besser auf die Impfung und zweitens hat man als Arzt auch mehr Vorgeschichte, die man beurteilen kann. Bei einem Kind mit drei Monaten sieht man viele Probleme noch gar nicht, seien es Immundefekte oder Entwicklungsverzögerungen. Wie soll da bei Auffälligkeiten später entschieden werden, ob die konkret durchs Impfen kamen oder auch so gekommen wären?“ Das führt, weiß der Gutachter, oft zu „strittigen Fällen und unselig langen Prozessen.“ Er weiß aber genauso: „Jeder Arzt, der sich nicht an das STIKO-Impfschema hält, kommt in eine tückische Situation, wenn das Kind im ersten Jahr zum Beispiel eine Meningitis bekommt und die Eltern ihn deshalb verklagen.“ Viele Ärzte werden einem solchen alternativen Vorgehen deshalb nicht zustimmen, sowohl aus juristischen Gründen wie auch aufgrund der schwereren Krankheitsverläufe bei Babys.

Was gibt es bei Frühchen zu beachten?

Laut STIKO sollen Frühchen – sofern es im Einzelfall keine konkreten ärztlichen Einwände gibt – nicht nach ihrem ursprünglichen Geburtstermin, sondern nach tatsächlichem Alter geimpft werden. Nach manchen Impfungen sollten zwar bei vor der 32. SSW Geborenen Herz- und Lungenfunktion überwacht werden, um etwaige Impfkomplikationen schnell zu erkennen. Trotzdem falle das Risiko-Nutzen-Verhältnis insgesamt positiv für die Impfstoffe aus, sagt das Robert-Koch-Institut.

Dr. Hirte ist auch hier zurückhaltender: „Ich kläre Eltern darüber auf, dass bei Frühchen das Risiko für bakterielle Erkrankungen im ersten Lebensjahr höher ist. So etwas will man ja mit den frühen Impfungen verhindern. Aber gerade bei  Frühchen gibt es Studien, die das Risiko eines Herz- und Atemstillstandes belegen. Deshalb halte ich es für günstiger, frühestens zwei Monate nach dem errechneten Geburtstermin oder auch noch später mit dem Impfen zu beginnen.“ Er betont aber, dass jede Impfung individuell zu besprechen sei: „Da spielt es zum Beispiel eine Rolle, ob das Kind beatmet werden musste, aber auch Lebensführungsfaktoren, also ob das Kind gestillt wird, ob die Mutter raucht und so weiter.“

Was, wenn man erst nach dem Kindergartenalter mit Impfungen beginnt?

Entscheiden Eltern sich später als nach den empfohlenen Zeiten, ihr Kind doch noch impfen zu lassen, „ist das kein Problem, man kann jede Impfung nachholen“, beruhigt Dr. Hirte.

„Es gibt Krankheiten, da ist die Kuh aus meiner Sicht ab dem zweiten Lebensjahr praktisch vom Eis“, gibt Dr. Hartmann zu bedenken. „Keuchhusten und Hib zum Beispiel, oder auch Pneumokokken. Wer das erste Lebensjahr ohne überstanden hat, braucht eigentlich keine Impfung mehr, weil man danach in aller Regel nicht mehr lebensbedrohlich erkrankt, wenn man das bekommt. Auch Windpocken sind überflüssig, die steckt ein immunologisch fittes Kind weg. Immer anraten würde ich die MMR, da sollte man vor der Pubertät ein Auge drauf haben.“


Sollten sich auch Eltern impfen lassen – und warum?

Frischgebackenen Eltern wird empfohlen, sich selbst auch noch einmal impfen zu lassen. Dass sie damit, wie propagiert wird, verhindern, zur Ansteckungsgefahr für ihr Kind zu werden, ist für manche Ärzte wenig relevant, „da Kinder, sofern sie nicht ausschließlich behütet zu Hause sind, in der Regel doch Kontakte zu anderen Kindern und damit einer viel höheren Ansteckungsgefahr haben“, so Dr. Hartmann.

Gewichtiger scheint hier, dass die sogenannten Kinderkrankheiten bei Erwachsenen einen gravierenderen Verlauf nehmen können. Dr. Hirte rät deshalb, dass Eltern (vor allem mit ungeimpften Kindern) selbst ausreichend geschützt sein sollten, und zwar gegen Masern, „weil ein zunehmender Teil der masernkranken Erwachsene sind, und bei denen gibt es viel häufiger Komplikationen“, gegen Windpocken (wegen der Gefahr einer Lungenentzündung) und Väter gegen Mumps (wegen der Gefahr einer Hodenentzündung mit Einschränkung der Fruchtbarkeit).

Für Dr. Leidel ist die Keuchhustenimmunisierung für Erwachsene sehr relevant, „weil Keuchhusten kaum noch eine Kinderkrankheit ist, sondern das Durchschnittsalter der Erkrankten bei 42 Jahren liegt.“

Service

Im Netz

Literatur

  • Carl-Friedrich Theill / Stiftung Wartentest: Impfen. Die richtige Strategie. Stiftung Warentest. 2013. ISBN-13: 978-3868511369. 18,90 Euro.

  • Dr. Martin Hirte: Impfen Pro & Contra. Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung. Knaur. 17. Auflage 2012. ISBN-13: 978-3426876190. 12,99 Euro.


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