Schwere Diagnose, langer Weg
Autismus bei Kindern erkennen
Autismus – das ist viel mehr als das Klischee vom beziehungsunfähigen Mathegenie, tatsächlich hat Autismus viele unterschiedliche Gesichter. Unser Artikel gibt einen Einblick, was alles dazu gehören kann, wie schwierig eine Diagnose ist und welche Hilfen dann möglich sind.
Der lange Weg zur Autismus-Diagnose
„Es gab kleine Zeichen, dass Leon* anders war“, erinnert sich Jana*, die Mutter des heute Sechsjährigen. „Schon als Baby konnte er keinen Blickkontakt herstellen oder reagierte nie, wenn man ihn rief. Das ging Jahre so.“ Motorisch entwickelte sich Leon normal, sprachlich gar nicht. Dann kamen Wahrnehmungsstörungen dazu, er konnte Flüssigseife nicht mehr berühren und hatte Wutanfälle, bei denen er den Kopf hart auf den Boden schlug. Jana dachte an Autismus, mehrere Ärzte wiegelten ab. Schließlich wechselte die Familie zu einem Kinderneurologen. Von ihm wurden Leon und sein bis dato unauffälliger einjähriger Bruder Nils* gleich beim ersten Besuch zwei Stunden lang untersucht. Das Ergebnis: der Rat, sich mit Frühförderstelle und Sozialpädagogischem Zentrum in Verbindung zu setzen und sieben Überweisungen, auf denen unter vielem anderen erstmals das Wort Autismus stand. Und das war nur der Anfang ihres langen Weges. Erst zwei Jahre später stand offiziell fest: Beide Kinder sind Autisten.
Autismus hat viele Gesichter: „den“ Autisten gibt es nicht
Autisten, so impliziert es der griechische Wortstamm „autos“ = „selbst“, sind Menschen, die mehr oder weniger in sich selbst leben. Probleme, mit anderen zu kommunizieren und in Beziehung zu treten, gelten als Kernmerkmale. Stereotype Handlungen, fehlendes Einfühlungsvermögen und Sprachbesonderheiten sind einige weitere Charakteristika, die Autisten zugeschrieben werden. Allerdings: Ob und in welcher Form sie sich zeigen, wie stark man sie bemerkt und mit welchen Konsequenzen, ist stets individuell, kann sich im Laufe des Lebens auch ändern.
Jana beobachtet beispielsweise an ihren Söhnen: „Leon ist distanzlos – Nils kann Nähe nicht leiden, Leon kommt mit vielen Menschen kaum zurecht – Nils hatte damit nie ein Problem.“ Auch bei der Intelligenz gibt es eine Variation von schwerer Minderung bis zur Hochbegabung. Zudem treten häufig parallel noch andere Auffälligkeiten wie etwa Epilepsie oder ADHS auf, deren Symptome nicht immer klar abzugrenzen sind. Auch Kinder mit Down-Syndrom können zugleich Autisten sein, und da sich auch in diesen Fällen einige Symptome gleichen, wird eine klare Diagnosestellung oft erschwert.
Asperger, Kanner, atypischer Autismus: die bekanntesten Erscheinungsformen
Die Bandbreite der Ausprägungen wird heute unter dem Begriff „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS) zusammengefasst. Noch kategorisiert man darin aber trotzdem, je nach Symptomschwerpunkten, verschiedene Erscheinungsformen: Bei „frühkindlichem Autismus“, dem Kanner-Syndrom (wie es Nils aufweist), sind die Kinder bereits früh in sich gekehrt, nehmen wenig Anteil an der Umgebung, lernen manchmal gar nicht sprechen oder verlieren diese Fähigkeit wieder, sind auf Rituale fixiert und werden bei Veränderungen aggressiv oder ziehen sich zurück.
Als „High Functioning“-Autisten (wie Leon) bezeichnet man Kinder, die ähnliche Kriterien erfüllen, ihre Verzögerungen aber durch einen höheren Intellekt besser ausgleichen können und motorisch fit sind. Beim „atypischen Autismus“ setzen die Symptome erst nach dem dritten Geburtstag ein und zentrieren in sehr geringen geistigen Fähigkeiten.
Das „Asperger-Syndrom“ ist ebenfalls in den ersten drei Jahren kaum bemerkbar, wird bei vielen, wenn überhaupt, sogar erst im Teenager- oder Erwachsenenalter erkannt. Asperger-Autisten sprechen oft früh und eher altklug. Sie sind normal bis – meist auf bestimmten Gebieten – hoch begabt. Eigenheiten fallen in der nonverbalen und zwischenmenschlichen Kommunikation auf, zum Beispiel an fehlender Gesichtserkennung und wortwörtlichen Interpretationen.







