Krank ist die Gesellschaft?

Der große Streit um ADHS

Um ADHS wird viel gestritten. Krank seien nicht die Kinder, krank sei die Gesellschaft, lautet eine der Positionen. In diesem Artikel geht es um die Argumente der ADHS-Kritiker.

Autor: Petra Fleckenstein

Zahlreiche Kritiker

Kinder mit Schulranzen laufen
Foto: © iStockphoto.com, skynesher

ADHS hat sich nicht nur zu einem der häufigsten Störungsbilder im Kindes- und Jugendalter entwickelt, die "neue" Krankheit stand und steht auch im Mittelpunkt einer teils erbittert geführten Debatte. Kritiker des in jüngster Zeit immer genauer definierten Krankheitsbilds werfen der Medizin zum Beispiel vor, unliebsame und unbequeme Verhaltensweisen von Kindern einfach zur Krankheit zu erklären und diese dann durch Medikamente bekämpfen zu wollen. Andere erklären die Unruhe und Unkonzentriertheit mancher Kinder als eine vollkommen gesunde Reaktion auf eine kranke Gesellschaft. Und wiederum andere kritisieren die gehirnorganische Erklärung von ADHS und bezweifeln, dass ein Dopaminmangel tatsächlich als Ursache der Störung anzusehen sei.

Zweifel an der hirnorganischen Erklärung

Besonders der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther kritisiert, dass bei den gängigen Erklärungen von ADHS "die Folgen einer Fehlentwicklung mit deren Ursachen verwechselt" würden. Da das Gehirn ein lebenslang formbares, sich veränderndes und anpassungsfähiges Organ sei, betrachtet Hüther die mittels bildgebender Verfahren sichtbar gemachten Veränderungen in den Gehirnen von Kindern mit ADHS nicht als Ursache von ADHS. Er sieht sie vielmehr als Folge einer unzureichenden Interaktion zwischen Kind und Umwelt, die sich ungünstig auf den Hirnreifungsprozess auswirkt. In seinem gemeinsam mit dem Kinderpsychiater Helmut Bonney veröffentlichten Buch "Neues vom Zappelphilipp" heißt es:

"Unsere genetischen Anlagen zeichnen sich eben nur dadurch aus, dass sie die Herausbildung eines hochkomplexen, zeitlebens lernfähigen Gehirns ermöglichen. Ob aber unsere Kinder ein solches Gehirn tatsächlich entwickeln oder ob sie nur eine Kümmerversion dessen ausbilden, was daraus hätte werden können, hängt nicht von ihren Genen ab, sondern davon, ob und wie gut es uns gelingt, die zur optimalen Entfaltung dieser Anlagen erforderlichen Voraussetzungen zu erfüllen."

Anders ausgedrückt: Unser Gehirn entwickelt sich nicht einfach nach einem festgelegten genetischen Programm, sondern welche komplexen Verschaltungen sich herausbilden und welche Gehirnstrukturen wachsen können, das hängt davon ab, wie viel Zuwendung, Anleitung, Ermunterung und aktive Teilnahme ein Kind während der ersten Lebensmonate und Jahre erfährt. Demnach ist die Ursache von ADHS nicht in einer Fehlfunktion im Gehirn und da im Dopaminhaushalt zu suchen, sondern die Fehlfunktion ist umgekehrt durch unzureichende Anregung und eine gestörte Interaktion zwischen Kind und seiner Umgebung entstanden, so Hüthers These.

Krankes Kind oder kranke Gesellschaft?

"War Michel von Lönneberga aufmerksamkeitsgestört?" lautet der Titel eines Buches, dessen Autor Henning Köhler sich ebenfalls kritisch mit ADHS auseinandersetzt. Seine These ist bereits in dem provozierenden Titel vollständig enthalten: Wie Astrid Lindgrens beliebte Kinderbuchfigur Michel gibt und gab es immer wieder Kinder, die ihren Eltern, ihren Lehrern, ihren Nachbarn das Leben häufig schwer machen. Das ist nichts Neues. Was sich jedoch geändert hat, ist die gesellschaftliche Toleranz gegenüber solchen Kindern. Heute, so die Annahme des Autors, würde ein Kind wie Michel von Lönneberga Gefahr laufen, als krank eingestuft zu werden. Er würde unserem "Terror der Zweckmäßigkeit" und der "Magie des reibungslosen Funktionierens" zum Opfer fallen. Seine lebhafte kindliche Neugier, die immer wieder zu kleinen Malheurs führt, und seine in Erwachsenenaugen manchmal unsinnigen Handlungen jedoch würden durch ein Medikament bekämpft und gedämpft. Köhler sieht das "Problem" Hyperaktivität als Ausdruck eines zunehmenden Auseinanderdriftens von Kinder- und Erwachsenenwelt:

"Und wie reagiert die Erwachsenenwelt? Ihren Machtvorteil nutzend lokalisiert sie das Dilemma in den Kindern (in ihren Genen, in ihren Gehirnen) und verleiht dieser Fiktion allerlei einschüchternde Namen, die suggerieren sollen, es handle sich um einen objektiven Sachverhalt."

Anstatt wahrzunehmen, wie verrückt und für Kinder immer unerträglicher sich unsere Lebenswelt entwickelt, würden einfach diese Kinder, die "wie ein verwirrtes Vögelchen" in einem zu engen Käfig herumflattern, als krank, gestört, als von Geburt an fehlerhaft bezeichnet. Köhler plädiert dafür, diese "Fehlersuche", die alles für krank erklärt, was von der Norm abweicht und für Erwachsene beunruhigend und störend ist, aufzugeben und stattdessen den wertschätzenden Blick zu schulen, auf "Schatzsuche" zu gehen und gemeinsam mit den Kindern den Anspruch auf ein "spielerisches Leben" zu verteidigen: "Wir müssen alles, was mit defekt- und defizitorientierten Klassifizierungen zusammenhängt, beiseite schieben, ja überhaupt alle Bewertungen meiden."

Was unter unserer für Kinder immer unerträglicheren Lebenswelt im Einzelnen zu verstehen sei, das kommt in gesellschaftskritischen Ansätzen von Soziologen und Philosophen immer wieder zur Sprache. Danach gehören Bewegungsarmut, zu häufiger Fernsehkonsum, Reizüberflutung, Beschleunigung unseres Lebens, die Tendenz, viele Dinge gleichzeitig zu tun und sich nicht mehr auf eine Sache zu konzentrieren, Vernachlässigung von Kindern, Leistungsdruck und Sinnentlehrung zu den Faktoren, auf die Kinder zum Beispiel mit ADHS reagieren.

Vermeintlich sichere Diagnose?

Auch der im Artikel "Hat mein Kind ADHS?" vorgestellte Kriterienkatalog zur Diagnose oder zum Ausschluss von ADHS, ist Gegenstand der Kritik. Zum Beispiel der Lehrer, Buchautor und systemische ADHS-Berater Bernd Mumbach zeigt in seinem Buch "ADS verstehen und ganzheitlich heilen" auf, dass Kriterien, wie "häufig unaufmerksam", "zappelt häufig" oder ist "häufig unnötig laut" keineswegs als objektive Symptome einzustufen sind. Sie sind im Gegenteil von der Beobachtung und subjektiven Bewertung des Fragenden abhängig. Ob ein Kind einfach bisweilen zappelig ist oder ob die Zappeligkeit als übermäßig und damit möglicherweise krankhaft eingestuft wird, hängt in hohem Maße von der Empfindlichkeit oder Toleranz des Betrachters ab. Auch Prof. Gerd Lehmkuhl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln, sieht bei ADHS die "Gefahr, dass alles, was an Störverhalten vorhanden ist, unter das Krankheitsbild subsumiert wird" und weist auf eine in den USA durchgeführte Studie hin, nach der Nachuntersuchungen von Kindern, die gegen ADHS behandelt wurden, ergaben, dass 50 Prozent dieser Kinder nie die nötigen Kriterien für ADHS erfüllt hatten.

Kritik am steigenden Verbrauch von Methylphenidat

 Mit der Skepsis, ob ADHS überhaupt sicher zu diagnostizieren sei, geht häufig auch die Kritik am sprunghaften Anstieg der Methyphenidat-Verordnungen einher. Der Heilpädagoge und Kindertherapeut Henning Köhler äußert in seinem bereits erwähnten Buch gar den Verdacht, dass "massenhaft Kinder, deren Verhalten nicht den Erwartungen entspricht, eine Droge erhalten, deren Zweck darin besteht, sie gefügig zu machen." Zwar wird die häufige Verordnung des Medikaments auch damit erklärt, dass die Therapie von ADHS stark verbessert worden sei. Doch auch die frühere Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, bewertete die Verbrauchsentwicklung von Methylphenidat, "die von 1993 bis 2001 auf das 20-fache von 34 kg auf 639 kg angestiegen ist und sich bekanntlich in den letzten Jahren in etwa jeweils verdoppelt hat", in einer Stellungnahme aus dem Jahre 2002 kritisch. Das Bundesministerium für Gesundheit gab verschiedene Studien in Auftrag, die u.a. dem Verdacht einer leichtfertigen Verschreibung von Methylphenidat auf den Grund gehen sollten. Bei einer "Untersuchung der Arzneimittelversorgung von Kindern mit hyperkinetischem Syndrom" (2002) wurden deutliche regionale Unterschiede bei der Verordnungshäufigkeit festgestellt. Besonders oft wurden Medikamente gegen ADHS demnach in der Region Würzburg 9- bis12-jährigen Jungen verordnet (9,5 Prozent). Ein weiteres Ergebnis der Studie, das aufhorchen ließ: Nicht nur Kinderärzte, Kinder- und Jugendpsychiater und Allgemeinärzte, auch andere Ärzte verordnen Medikamente gegen ADHS. Außerdem wurden Verordnungen von Methylphenidat an Kinder unter sechs Jahren entdeckt - eine Altersgruppe, für die das Arzneimittel nicht zugelassen ist.