Interview mit Dr. Marianne Koch

Die Gesundheit unserer Kinder

Welche Entwicklungsschritte durchlaufen Kinder, während sie heranwachsen und was brauchen sie, um sich gesund entfalten zu können? Darum geht es in diesem Buch von Dr. Marianne Koch. Wir sprachen mit der Bestseller-Autorin.

Autor: Petra Fleckenstein
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Eltern brauchen besseres Grundwissen über Entwicklung

Gesundheit unserer Kinder dtv
Foto: © dtv

Dr. Marianne Koch, bekannt als ehemalige Filmschauspielerin, Fernsehmoderatorin, Buchautorin und Medizinjournalistin hat nach Bestsellern wie "Mein Gesundheitsbuch" und "Körperintelligenz" nun ein Buch über "Die Gesundheit unserer Kinder" geschrieben. In lebendiger und gut verständlicher Sprache zeichnet sie darin die körperlichen und geistigen Entwicklungsschritte von Kindern nach und erklärt, welche Bedingungen die Kleinen brauchen, um gesund aufzuwachsen und sich zu entfalten. urbia sprach mit der Fachärztin für Innere Medizin und erfolgreichen Autorin über ihr Buch, die Auswirkungen von Fernsehen und Computer, Schule und das "Alleine-Gelassen-Werden" von Eltern in der heutigen Gesellschaft.

Welche Erfahrungen haben Sie dazu veranlasst, dieses Buch zu schreiben?

Dr. Marianne Koch: Es waren weniger persönliche Erfahrungen, sondern die Erkenntnis, dass Kinder der am meisten benachteiligte und vernachlässigte Teil unserer Gesellschaft sind:

Wer schützt Kinder zum Beispiel vor einer skrupellosen Nahrungsmittelindustrie, deren heftig beworbene Produkte ihre Gesundheit bedrohen? Wer schützt sie vor Städte- und Wohnungsplanern, die ihr natürliches Bedürfnis nach Bewegung mehr und mehr einschränken? Wer schützt sie vor einem Schulsystem, das sie viel zu früh und ungeachtet ihrer eigentlichen Begabungen in Verlierer und Gewinner selektiert? Das Sport- und Musikunterricht als unwichtig und daher oft als verzichtbar bewertet. Wer schützt sie vor vor den Auswirkungen von Fernsehen und Computernutzung? Und wer hilft Eltern, den Spagat zwischen Ausbildung, beruflichem Fortkommen, Broterwerb, Familie und womöglich Betreuung der eigenen Eltern zu bewältigen – eine Aufgabenfülle, bei der oft nicht genügend Zeit für die Kinder bleibt?

Diese Fragen waren es, die mich dieses Buch schreiben ließen. Und der Wunsch, nicht nur diese – und viele andere – Probleme zu diskutieren, sondern Mut zu machen und Eltern davon zu überzeugen, dass sie dennoch das große Los gezogen haben: Sie haben Kinder!

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Buchhinweis: "Die Gesundheit unserer Kinder. Was Sie über Ihre körperliche und geistige Entwicklung wissen sollten", dtv premium, 14,50 EUR Ihr Buch vermittelt Basiswissen darüber, was zu einer gesunden Entwicklung gehört. Fehlt dieses Wissen Ihrer Meinung nach heutigen Eltern öfters?

Mit Sicherheit. Es fängt bei den Impfungen an, über die oft Horrorgeschichten verbreitet werden und lässt Eltern im Ungewissen, welche körperlichen und kognitiven Entwicklungen in der frühen Kindheit gefördert werden sollten; welche Art von „Erziehung“ wichtig ist für ein Kind oder wie man Werte vermittelt.

So haben Eltern im allgemeinen keine Ahnung davon, dass das Gehirn eines Babys Schaden nimmt, wenn man es schon mit zwei Jahren vor einen Fernseher setzt, und dass Kinder ein Leben lang zu süße und fette Speisen lieben werden, wenn sie als Kleinkinder damit gefüttert werden. Oder dass sie lebenslang keine ausreichend festen Knochen haben werden, wenn sie als Jugendliche Cola statt Milch trinken und sich zu wenig bewegen.

Die armen Eltern ahnen auch nicht – und leiden dann entsprechend –, warum die Pubertät ihre Kinder zu merkwürdigen, anarchischen Wesen macht. (Weil in dieser Zeit beispielsweise die Gehirnzellen neu verschaltet werden.) Dies nur als eine kleine Auswahl von all den Erkenntnissen, die Entwicklungsbiologen in den letzten Jahren gewonnen haben, und die ich in diesem Buch vermitteln möchte.

Was sind für Sie die wichtigsten Bedingungen für eine gesunde und gelingende Kindheit?

  • Eine feste und zuverlässige emotionale Beziehung („frühkindliche Bindung“) zur Mutter (oder einer Ersatzperson) in den ersten 12 bis 18 Monaten – das entscheidende Element für das spätere Ich-Bewusstsein und die sozialen Fähigkeiten des Kindes.
  • Von Anfang an ein Ordnungssystem, also Orientierung und Halt – die Stützpfeiler von „Erziehung“.
  • Selbstvertrauen – also die Überzeugung „ich bin wichtig, ich bin begabt, aus mir kann einmal etwas werden“.
  • Genügend Zeit für tägliche Gespräche – vor allem auch über strittige Dinge.
  • „Egal, was kommt, wir stehen zu dir!“ als Motto für die Pubertät.
  • Liebe. Die von den Eltern empfangene Liebe ist immer noch das wichtigste, prägendste und im Grunde unverzichtbare Element im Leben eines Kindes.

Zunehmender Fernsehkonsum macht dumm, dick und aggressiv

Sie beziehen sehr klar und kritisch Position gegen zu frühes und zu häufiges Fernsehen und Computerspielen. Was sind in Ihren Augen die Gefahren?

Große internationale wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass der zunehmende Fernsehkonsum die Kinder in den Industrienationen „dumm, dick und aggressiv“ macht.

Dumm, weil ihre Fantasie und ihre kreativen Fähigkeiten durch die meisten Programme unterdrückt werden (Ausnahme: Sendungen wie "Sesamstraße", "Sendung mit der Maus", etc.). Je mehr Zeit sie vor dem Fernseher oder Computerspielen verbringen, desto schlechter sind ihre schulischen Leistungen. Dick, weil Fernsehen in vielen Familien an die Stelle von Sport und Bewegung getreten ist. Aggressiv, weil 93,6 Prozent der Filme, Fernsehspiele und Serien Gewalt enthalten, gefolgt von (an zweiter Stelle) Kindersendungen (!) mit 89,4 Prozent. Ein Kind kann erst ab ca. acht Jahren den Unterschied zwischen Realität und Fiktion (Erfundenes, Erdachtes) verstehen. Kein Wunder, dass viele unter massiven Ängsten leiden und dass sie glauben, Konflikte könne man nur mit der Faust oder mit dem Messer oder Revolver austragen. Und dass Killer-Computerspiele eben doch Gewaltfantasien in den Gehirnen der Jugendlichen auslösen.

Es ist ein Buch über Gesundheit, in dem z.B. Kinderkrankheiten thematisch nicht vorkommen, warum?

Es gibt eine ganze Reihe von guten Büchern über Kinderkrankheiten. Mir kam es mehr auf die Verhinderung von Fehlentwicklungen im Kindesalter an und darauf, wie man Kinder in unserem Gesellschaftssystem am besten fördern kann.

Schule - Kinder brauchen mehr Sport und Musik

Sie haben keine Scheu davor, an verschiedenen Stellen Ihres Buches unser Schulsystem scharf zu kritisieren. Woran hapert es in den Schulen?

Ich denke, ich befinde mich mit dieser Kritik in guter Gesellschaft. Langsam dämmert es auch den Vertretern der verkrusteten patriarchalischen Pädagogik, dass unser System nicht mehr geeignet ist (wenn es dies überhaupt einmal war), die Kinder - alle Kinder! - so zu fördern, dass sie später den Anforderungen einer modernen Welt gewachsen sind.

Ich finde es nicht akzeptabel, dass wir im Vergleich zu fast allen Ländern, viel weniger Geld für das Schul- und Erziehungswesen ausgeben. Dadurch sind unsere Klassen viel zu groß, um Kinder individuell unterstützen zu können. Die Lehrer werden falsch ausgebildet, nämlich hauptsächlich in Sachwissen, statt auch in Psychologie und moderner Pädagogik. Die Entscheidung über den weiteren schulischen Weg findet in einem Alter statt, in dem Begabungen noch nicht sicher erkennbar sind, schon gar nicht bei Kindern mit einem unterprivilegierten sozialen Hintergrund - mit den bekannten katastrophalen Folgen für sie.

Wir haben außerdem durch die rigiden Vorschriften der Kultusministerien ein freudloses Schulwesen, weitgehend ohne individuelle Gestaltungsmöglichkeiten im Unterricht, ohne genügend Sport und Musik, ohne Chance, den Schulalltag für die Kids nicht nur zur Pflicht, sondern immer wieder auch zu einem Vergnügen zu machen.

Im Kapitel 'Vom Glück ein Kind zu haben' sprechen Sie vom 'Allein-Gelassen-Werden' der Eltern und der mangelnden Unterstützung durch die Solidargemeinschaft. Was müsste anders werden?

In einer Gesellschaft, die eben nur mehr aus individuellen Kleinfamilien besteht - und in der Egoismus oft sogar noch zur Tugend erklärt wird, dürfte es sehr schwierig sein, Strukturen aufzubauen, die Kinder als gemeinsames Vermögen und ihr Gedeihen als gemeinsame Aufgabe definieren. Die jetzigen Initiativen mit Ausbau der Kinderkrippen und der finanziellen Unterstützung der Eltern sind dafür sicher richtig, aber eben bei weitem nicht ausreichend.

Sie sind selbst Mutter. Gibt es einen Grundsatz oder eine Quintessenz aus Ihrem Erfahrungsschatz zum Leben mit Kindern, den oder die Sie gerne werdenden und frisch gebackenen Eltern weitergeben würden?

Ich habe sicher als Mutter nicht alles richtig gemacht - niemand kann das. Und es kommt wohl auch nicht darauf an, alles richtig zu machen. Wichtig ist es, so denke ich, den Kindern das Gefühl zu geben, dass man sie liebt, bewundert und als eigenständige Wesen respektiert. Und vor allem immer für sie da ist.

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