Wenn Kinder - und Eltern - Hilfe brauchen

Psychotherapien für Kinder und Jugendliche

Etwa 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden unter psychischen Problemen wie Aggressionen, Depressionen oder Essstörungen. Unser Artikel sagt, was Eltern bei Auffälligkeiten tun können, wann Kind und Familie professionelle Hilfe brauchen und stellt wichtige Therapien vor.

von Kathrin Wittwer
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Kinder Hilfe Psychotherapie
Foto: © Panthermedia.net/ Katja Beetz

Wie kommt es zu seelischen Störungen?

Auffälliges Verhalten bei Kindern und Jugendlichen gehört in Deutschland fast zum Alltag: Gut jedes 5. Kind zwischen 7 und 17 Jahren leidet unter einer psychischen Störung, sagt der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Zu den häufigsten Problemen gehören AD(H)S und Aggressionen im Grundschulalter, Depressionen, Essstörungen, Alkoholmissbrauch und regelverletztendes Verhalten bei Jugendlichen. Sehr häufig treten Ängste wie Verlust-, Kontakt- oder Leistungsängste auf.

Die Ursachen dafür sind komplex. Zum einen begünstigen unter anderem die Gene, schwierige Bedingungen in der Schwangerschaft oder in der ersten Lebenszeit, dass ein Mensch für seelische Störungen leichter anfällig sein kann. Zum anderen kommt es auf diverse Einflussfaktoren an, ob sich aus dieser Anlage tatsächlich Auffälligkeiten – und in welcher Intensität – entwickeln. Mögliche Auslöser sind Traumata wie Unfälle oder Misshandlungen. Für Kinder bestehen höhere Risiken außerdem z.B. dann, wenn die Eltern selbst psychisch krank sind, wenn es viel Streit in der Familie oder Trennungen gibt. Auch die Überforderung und Orientierungslosigkeit von Kindern – und vieler Eltern – in unserer schnelllebigen Leistungsgesellschaft spielen eine Rolle.

Was ist eigentlich „normal“?

So dramatisch das klingt: Nicht jedes Kind, das ein scheinbar auffälliges Verhalten zeigt, benötigt gleich eine Therapie. „Alle Kinder sind irgendwann einmal auch Problemkinder und alle Familien haben Probleme zu bewältigen“, so die Psychologen Manfred Döpfner und Franz Petermann in ihrem Buch „Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen“. „Probleme sind keine Ausnahmen, sondern die Normalität.“ Die meisten seien so gelagert, dass sie mit Eltern, Freunden, vielleicht auch mit Erziehern und Lehrern aus der Welt zu schaffen seien. Allerdings wird Verhalten, das vermeintlich von der Norm abweicht, heute schneller als störend und damit als krankhaft empfunden: Was, wie gern angeführt wird, beim wilden, neugierigen und frechen Michel aus Lönneberga noch lustig war, fällt heute schon in die Kategorie ADHS, weil in einer Leistungsgesellschaft bereits Kinder reibungslos funktionieren sollten. Verständnis für ihre besonderen Bedürfnisse und für kindliches Verhalten geht dabei zunehmend verloren.

Gestört oder kreativ?

In ihrem Buch „Was auffällige Kinder uns sagen wollen“ stellen die Psychologen Gertraud Finger und Traudel Simon-Wundt außerdem fest: Kinder, die Sorgen machen, wollen umsorgt sein. In der Regel ginge es dem Kind darum, auf einen Misstand aufmerksam zu machen: „Kinder, die ihrer Umgebung Schwierigkeiten machen, haben selbst Schwierigkeiten.“ Wird ihr Verhalten als Störung oder gar Böswilligkeit bekämpft, gerät eine Familie in einen Teufelskreis. Gelingt es den Eltern jedoch, hinzuhören, hinzusehen und zu hinterfragen, was ihr Kind mit seinem Verhalten sagen will, lassen sich oft Auswege und ein neues Miteinander finden. Manche Fachleute sprechen deshalb von „Verhaltenskreativität“, da die Auffälligkeiten sinnvolle Veränderungsprozesse anstoßen. Aus elterlicher Sicht ist es also vor allem wichtig, das Kind nicht als „böse“ abzuurteilen, sondern der Sache auf den Grund zu gehen, ruhig zu bleiben, Verständnis zu zeigen, sich Zeit fürs Kind zu nehmen, seine Schwächen zu akzeptieren und Stärken zu fördern.

Wann ist es Zeit für eine Therapie?

Leidet ein Kind stark aber unter einem Problem und sind die Eltern überfordert, ist es sinnvoll, sich professionelle Hilfe zu suchen, raten Döpfner und Petermann. Beeinträchtigt das Problem das Familienleben, tritt es über einen längeren Zeitraum auf und zeigt sich auch außerhalb der Familie (z.B. in Kita oder Schule), sind das ebenfalls Anzeichen für einen Gang zum Therapeuten. Dann ist es wichtig, dass Eltern ihr Kind zum Mitmachen bei einer Therapie und zum Dabeibleiben motivieren. Sie können begleitend Hilfen wie Elterntrainings erhalten. In manchen Therapien für Kinder gehören Sitzungen für die Eltern sogar dazu.

Wie findet man die passende Therapie und den richtigen Therapeuten?

Therapiemethoden gibt es inzwischen fast wie Sand am Meer. Für einen Laien ist dieser Dschungel an sich teilweise nur in Details unterscheidenden Verfahren kaum durchschaubar und einschätzbar. Eltern sollten sich hierbei also unbedingt Rat holen, zum Beispiel beim Kinderarzt, der aus seiner Kenntnis über Kind und Familie passende Empfehlungen geben kann. Unterstützung bieten darüber hinaus Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) sowie Erziehungs- und Familienberatungsstellen, die sogar selbst Therapeuten stellen können. Entscheidend für den Erfolg einer Therapie ist, dass Eltern und Kind dem Therapeuten vertrauen, dass die „Chemie stimmt“. Bei klassischen Therapien, die von zugelassenen Kinder- und Jugendlichen-PsychotherapeutInnen durchgeführt und von den Krankenkassen bezahlt werden, darf man dafür „probatorische Sitzungen“ in Anspruch nehmen: Kennenlernstunden, nach denen Patient und Therapeut entscheiden, ob sie zusammenarbeiten möchten.