Wenn Kinder größer werden

Wachstumsschmerzen gibt es wirklich

Wenn einem Kind die Beine wehtun, meist die Ober- oder Unterschenkel, und das am frühen Abend oder in den frühen Morgenstunden, kann ein mysteriöses Leiden dahinter stecken: Wachstumsschmerzen. Kinderarzt Dr. Ulrich Fegeler erklärt, was es damit auf sich hat.

Autor: Maja Roedenbeck
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Kind Wachstum
Foto: © iStockphoto.com / Lokibaho

Wachstumsschmerzen: Beschwerden in den Beinen abklären lassen

Typischerweise in einem Alter zwischen drei und fünf sowie zwischen acht und zwölf Jahren treten die so genannten Wachstumsschmerzen bei Kindern auf, phasenweise an mehreren Tagen hintereinander und das insgesamt über Jahre hinweg. Der Schmerz kann eher leicht und gut zu ertragen, aber auch äußerst unangenehm und verstörend sein. „Manche Kinder wachen sogar weinend oder schreiend auf, das berichten auch Nachtschwestern aus der Kinderklinik“, weiß Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt aus Berlin und Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Da Eltern als Laien nicht wissen können, ob hinter den Symptomen tatsächlich ein harmloser Wachstumsschmerz oder eine Erkrankung steckt, heißt die Devise spätestens bei wiederholt auftretenden Anfällen oder einem dadurch deutlich verstörten Kind: Auf zum Kinderarzt!

„Bei Wachstumsschmerzen handelt es sich um einen unspezifischen Schmerz in den Muskeln an der Oberschenkelvorderseite, in den Waden oder Kniekehlen, der wechselnd an beiden Beinen auftritt und von alleine wieder aufhört“, erklärt Dr. Fegeler, „Obwohl es viele Theorien zu den Ursachen gibt, tappt die Wissenschaft bisher weitgehend im Dunkeln. Hängen die Wachstumsschmerzen mit den Wachstumshormonen zusammen, die nachts ausgeschüttet werden? Entstehen sie in der Knochenhaut oder in den Rezeptoren der Muskulatur? Wir wissen es nicht.“ Beobachtungen hätten aber ergeben, dass Wachstumsschmerzen familiär gehäuft und insbesondere nach einer außergewöhnlichen Anstrengung auftreten können. Etwa 25 bis 40 Prozent aller Kinder und Jugendlichen seien laut verschiedenen Studien davon betroffen.

Beinschmerzen können auch schwerwiegende Ursachen haben

Wachstumsschmerzen werden per Ausschlussdiagnose festgestellt, das heißt: Erst wenn sämtliche Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen wurden, kann der Kinderarzt sicher sein, dass ein Kind darunter leidet. Treten die Schmerzen immer am selben Bein auf, treten sie auch tagsüber auf oder humpelt das Kind sogar, handelt es sich NICHT um Wachstumsschmerzen. Genauso wenig, wenn statt der Schenkel die Gelenke (Knie oder Hüftgelenk) betroffen sind oder wenn die Schmerzen nicht von selbst wieder verschwinden. „Es könnte sich dann um Kinderrheuma (Juvenile Idiopathische Arthritis), einen Knochenbruch oder einen Knochentumor handeln“, sagt Dr. Fegeler, „Auch Leukämie, eine Hüftgelenksentzündung („Hüftschnupfen“) oder Morbus Perthes können Beinschmerzen verursachen.“

Solche teils schwerwiegenden Erkrankungen dürfen nicht übersehen werden. Das Problem ist allerdings, dass Kinder ihre Beschwerden oft nicht genau beschreiben können. „Manche zeigen auf ihr Knie, wenn es ihnen in der Hüfte wehtut“, weiß der Berliner Kinderarzt. Im Zweifelsfall oder bei einem konkreten Verdacht auf eine andere Erkrankung veranlasst er das Röntgen der Beine, eine Kernspintomografie oder einen Ultraschall. Grundsätzlich gilt jedoch: Wenn ein Kind bis auf die gelegentlichen nächtlichen Beinschmerzen putzmunter ist und sich normal entwickelt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass es sich um etwas Ernsthaftes handelt.

Kinderarzt-Tipps bei Wachstumsschmerzen

Wachstumsschmerzen mit Wärme behandeln

Zur Linderung der Wachstumsschmerzen Kind empfiehlt Dr. Fegeler zunächst Zuwendung: „Anders als bei einer ernsthaften Erkrankung empfindet das Kind eine Berührung der betroffenen Stelle als angenehm.“ Zunächst sollten die Eltern ihr vielleicht aus dem Schlaf hochgeschrecktes Kind beruhigen und sich seinen Schmerz beschreiben lassen. Dann helfen eine Massage der betroffenen Stelle, das Lockern der Beinmuskulatur und Dehnübungen. Auch eine Wärmekompresse, eine Wärmflasche oder ein Wärmpflaster können Linderung bewirken. Sind die Schmerzen besonders stark, kann der Kinder- und Jugendarzt Paracetamol oder Ibuprofen verordnen. „Normalerweise ist das aber nicht notwendig“, meint Dr. Fegeler.

Alternative Heilmethoden bei Wachstumsschmerzen

Nicht zuletzt kommt die Osteopathie als alternative Heilmethode zur Behandlung von Wachstumsschmerzen infrage. Das haben die Kölner Osteopathen Manuela Treinies und Malte Löhr bei ihrer wissenschaftlich begleiteten Studie „Die osteopathische Behandlung von kindlichen und juvenilen Wachstumsschmerzen“ mit 30 jungen Teilnehmern im Jahr 2008 nachgewiesen. Dabei wurden die betroffenen Kinder zwischen fünf und vierzehn Jahren viermal im Abstand von jeweils vier Wochen osteopathisch behandelt. Die Anzahl der Schmerzattacken pro Monat nahm dadurch um 85 Prozent ab. „Bei den meisten Kindern traten die Schmerzschübe zunächst seltener auf und blieben schließlich sogar ganz aus“, erzählt Co-Studienleiterin Manuela Treinies. Die Häufigkeit des nächtlichen Aufwachens wegen der Wachstumsschmerzen und die Häufigkeit des Weinens aufgrund von Schmerzattacken verbesserten sich um 100 Prozent – das heißt, nach der Behandlung weinte keines der Kinder mehr vor Schmerzen und keines wachte mehr nachts von den Schmerzen auf. Wie die Eltern im so genannten „Schmerztagebuch“ vermerkten, brauchten die osteopathisch behandelten Kinder deutlich weniger Medikamente als vorher. 93 Prozent der Eltern gaben an, dass ihr Kind die Behandlung sehr gut vertragen hätte.

Die osteopathischen Behandlungen, die den kleinen Studienteilnehmern geholfen haben, waren übrigens nicht eigens auf ihre Wachstumsschmerzen ausgerichtet. Der Linderungseffekt trat sozusagen als Nebenwirkung der osteopathischen Behandlung an anderen Körperstellen ein – nicht umsonst verfolgt die Osteopathie einen ganzheitlichen Ansatz. Manuela Treinies erklärt: „Die Osteopathie macht Verdichtungen im Gewebe des Patienten für seine Beschwerden verantwortlich. Denn wo das Gewebe verdichtet und blockiert ist, kann das Blut und können die Lymphe nicht fließen, die Nerven arbeiten nicht sauber. In dem Moment, in dem wir die Verdichtungen lösen und den Körper wieder harmonisieren, kommt er offenbar auch wieder besser mit seinen natürlichen Aufgaben wie dem Wachstum klar.“ Wachstum, so die Expertin, sei ein intensiver Prozess. Kinder könnten einen oder anderthalb Zentimeter in drei Tagen wachsen. „Kein Wunder, dass das zieht und schmerzt!“

Manuela Treinies betrachtet die Osteopathie als zusätzliche Behandlungsmethode zu den von Kinderarzt Dr. Fegeler vorgeschlagenen Mitteln. Wärmebehandlungen und Massagen könnten zwischen den Terminen beim Osteopathen gut von den Eltern durchgeführt werden. „Es hat uns nur irritiert, dass sich diese Standardtherapie bei Wachstumsschmerzen seit 1936 nicht verändert hat, während bei anderen Erkrankungen und Beschwerden ständig neue Ansätze und Medikamente ausprobiert werden“, sagt die Kölner Heilpraktikerin, „Nur der Tipp, Dehn- beziehungsweise Stretching-Übungen gegen Wachstumsschmerzen einzusetzen, stammt aus einer neueren Studie von 1988. Die teilnehmenden Kinder hatten damals nach achtzehnmonatiger Behandlung immerhin nur noch halb so oft Schmerzen.“ Die Begründung sei dieselbe wie bei der Osteopathie: Das Gewebe wird gelöst, der Körper kann wieder ungehindert arbeiten. Nicht zuletzt würden auch gute Erfolge mit Schüßler-Salzen wie Calzium phosphoricum D6 und Magnesium phosphoricum D6 erzielt, so Treinies. Welche Behandlungsmethode zu ihrem Kind passt, müssen seine Eltern am Ende selbst entscheiden.


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