Entwicklungsförderung

Zu schnell zur Therapie?

25 Prozent aller Kinder eines Jahrgangs bekommen bis zum neunten Lebensjahr eine entwicklungsfördernde Therapie verschrieben. Muss das wirklich sein?

Autor: Andrea Lützenkirchen
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Spätentwickler oder entwicklungsverzögert?

Maedchen Therapiesituation
Foto: © iStockphoto.com/ ktaylorg

Kein Kind entwickelt sich wie das andere, jedes hat sein eigenes Tempo. So ist es für den Kinderarzt nicht immer einfach einzuschätzen, ob ein Kind nur ein Spätentwickler ist oder sich seine Entwicklung so deutlich verzögert, dass es eine besondere Unterstützung braucht. Hierzu zwei Beispiele:

  • Mit 17 Monaten machte Paul noch keine Anstalten zum selbstständigen Laufen. Als ihn seine Mutter besorgt der Kinderärztin vorstellte, wurde sie beruhigt: "Lassen Sie ihm Zeit. Er ist im Laufen ein Spätentwickler, aber das kommt schon noch." Sechs Wochen später vollführte Paul seine ersten freien Schritte und mit 20 Monaten rannte er genauso schnell wie seine Altersgenossen.
  • Mit 14 Monaten konnte die Tochter von Ute Brakelmann aus Köln noch nicht laufen. Ihr Kinderarzt schickte sie zur Krankengymnastik. Das Kind sei "motorisch nicht voll da", lautete seine Begründung. Die Krankengymnastin war anderer Meinung als der Arzt. "Dieses Mädchen kann laufen", sagte sie überzeugt. Und wirklich: Sofie stand auf und machte ihre ersten wackeligen Schritte.

25 Prozent werden zur Therapie geschickt

Rund einem Viertel aller Kinder wird bis zum neunten Lebensjahr eine entwicklungsfördernde Therapie verschrieben: Logopädie, Ergotherapie, Krankengymnastik, Spieltherapie und andere. Zu diesem Ergebnis kommt eine jetzt veröffentlichte Studie in Bayern. "Dieses Ergebnis ist bedenklich", meint Professor Dr. med. Hans-Georg Schlack vom Rheinischen Kinderneurologischen Zentrum in Bonn. "Dass viele Kinder logopädischer, krankengymnastischer oder anderer Hilfe bedürfen, steht außer Frage. Aber es kann nicht sein, dass 25 Prozent aller Kinder in Deutschland therapiebedürftig sind." Zumindest nicht aus medizinischer Sicht, denn nicht 25 Prozent, sondern nur vier bis fünf Prozent aller Kinder leiden an ernsthaften Störungen oder Behinderungen der motorischen, sprachlichen oder geistigen Entwicklung. Bei einer etwa gleich großen Zahl handelt es sich um leichtere Entwicklungsprobleme, die eine Therapie nötig machen. Darüber hinaus bräuchten allerdings weit mehr Kinder Hilfe, um sich normal zu entwickeln. Wo Kindern in der Schule häufig das Gefühl der Unfähigkeit vermittelt werde und sie im Elternhaus primär "Fernsehen und Pommes" angeboten bekämen, seien Therapeuten heute doch oft die einzigen, die "das Kind so annehmen wie es ist", sagt Professor Remo Largo von der Universitäts-Kinderklinik in Zürich (Quelle: Ärzte-Zeitung v. 19.10.01).

Nachteile einer voreiligen Therapie

Stress für Eltern und Kinder

Doch was spricht eigentlich gegen eine voreilige Therapie? "Wo sie wirklich angebracht ist, kann eine entwicklungsfördernde Therapie sehr hilfreich sein. Eine unnötige Therapie sollte einem Kind aber erspart bleiben", sagt Schlack. Eine Therapie bedeutet immer auch Stress für das Kind und die Eltern. Ein Kind, das zur Therapie geschickt wird, hat das Gefühl, dass seine Eltern und der Arzt nicht zufrieden mit ihm sind. Es fühlt sich in Frage gestellt und nicht so akzeptiert, wie es ist. Für die Eltern bedeutet eine Therapie immer auch einen zusätzlichen Termin, der viel Zeit in Anspruch nimmt.

Hohe Kosten

Hinzu kommt der enorme finanzielle Aufwand. Eine therapeutische Behandlung kostet pro Kind 1000 – 1500 € im Jahr. Die Krankenkassen haben die Notbremse gezogen und die Heilmittelverordnung verschärft. Seit dem 1. Juli 2001 sind die Kriterien, die der Entscheidung für oder gegen eine entwicklungsfördernde Therapie zugrunde liegen, strenger geworden.

Gründe für den hohen Therapiebedarf

Ein Grund dafür, dass Kinder heute immer öfter zur Therapie geschickt werden, ist oft mangelhaftes Wissen über die kindliche Entwicklung. Zwar laufen die meisten Kinder im Alter von 13 bis 14 Monaten, doch ist die Spanne größer als weithin angenommen: Kinder lernen zwischen neun und 22 Monaten laufen, ohne dass bei einer Verzögerung gleich Anlass zur Sorge besteht. Aber nicht nur Eltern, sondern auch Erzieherinnen und Kinderärzte sind nach Meinung Schlacks zu wenig über das unterschiedliche Entwicklungstempo von Kindern informiert. "Ihr praktisches Wissen erlernen angehende Kinderärzte in der Klinik, wo es fast immer um akute Krankheitsfälle geht", sagt Professor Schlack. "Das Thema Entwicklung spielt in ihrer Ausbildung kaum eine Rolle." Dabei ist das Wissen darüber, wie und wann sich ein Kind seine Fähigkeiten aneignet, vorhanden. Aber dieses Wissen muss weiter verbreitet werden.

Soziale Faktoren und Umweltbedingungen

Einen weiteren Grund für den Anstieg von Entwicklungsrückständen und Teilleistungsschwächen sieht Schlack in sozialen und gesellschaftlichen Faktoren und familiären Umständen. "Die Triebfeder der Entwicklung ist die eigene Aktivität", erklärt der Experte. Kinder werden heute vielfach gehindert, ihrer angeborenen Lust an der Bewegung und am vielfältigen Lernen nachzugeben. Sie können die in ihnen angelegten Fähigkeiten nicht trainieren, wenn sie mit dem Auto überallhin transportiert werden und viel Zeit vor dem Fernseher verbringen statt zu laufen, zu springen und zu klettern. "In vielen Familien wird nur noch wenig miteinander gesprochen, so dass die Kinder auch ihr Sprachvermögen nicht richtig entfalten können", sagt Schlack. Da ist es nicht verwunderlich, wenn auch das Leseverständnis der Kinder unterentwickelt bleibt, wie die aktuelle PISA-Studie es jetzt dramatisch aufgezeigt hat. Auch bieten unsere Städte nur wenig Spielraum für Kinder, wo sie ungefährdet ihrer Kreativität und Experimentierfreude freien Lauf lassen könnten. Eine halbe Stunde Ergotherapie oder Krankengymnastik kann diese Defizite nicht ausgleichen. "Da hat Therapie nur noch eine Alibifunktion", meint der Kinderneurologe.

Therapeutisches Überangebot

Die Zahl der Praxen, die klassische entwicklungsfördernde Behandlungen wie Ergotherapie, Logopädie oder Krankengymnastik anbieten, ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Zudem wird das Angebot anderer Richtungen, deren Grenzen zur Esoterik fließend sind, immer größer. Auch Klang-Therapeuten und Anwender der Chranio-Sakralen Massage wollen sich ein Stück vom Therapie-Kuchen abschneiden. Und wo das Angebot groß ist, wird auch der Bedarf geweckt und die Nachfrage steigt. "Nicht selten setzen Eltern Kinderärzte unter Druck, ihrem Kind eine Therapie zu verschreiben", sagt Professor Schlack. Sie zahlen ihre Beiträge für die Krankenkasse und wollen für ihr Geld auch etwas zurückbekommen. Dabei vergessen sie, dass das gesetzliche Krankenkassensystem auf dem Solidarprinzip beruht.

Wunsch der Eltern nach dem fast "perfekten Kind"

Ein Rolle spielt auch der Drang vieler Eltern nach dem "vollkommenen Kind". Wie oft soll das eigene Kind schneller, schlauer, schöner sein als die Altersgenossen auf dem Spielplatz. Da sind Fehler im System nicht erlaubt und wenn ein Kind sich zu langsam entwickelt, soll der Therapeut der Natur auf die Sprünge helfen. Hier ist die Einsicht der Eltern notwendig, dass jedes Kind ein Recht auf sein persönliches Entwicklungstempo hat.

Hilfe durch Sozialpädiatrische Zentren

Wenn es zweifelhaft ist, ob ein Kind an einer Entwicklungsstörung leidet oder einfach ein Spätentwickler ist, können sich die Eltern - in Absprache mit dem Kinderarzt - an ein Sozialpädiatrisches Zentrum wenden. Diese Zentren sind heute in fast jeder Großstadt zu finden.

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