Schreikinder, Speikinder, Schlafprobleme

Osteopathie: Hilfe für kleine Sorgenkinder?

Endloses Schreien, übermäßiges Speien, wochenlange Schlafstörungen. Nach Odysseen durch Arztpraxen erhalten Eltern manchmal den Rat, mit ihrem Kind zum Osteopathen zu gehen. Lohnt sich das? Und was macht der überhaupt? In unserem Artikel geht es um die Frage, was die Osteopathie für Babys und Kinder tun kann.

von Kathrin Wittwer
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Baby Ostheopathie
Foto: © iStockphoto/ Anutik

Heilen nur durch Handauflegen?

Sanft, schonend, ganz behutsam. Nur hier und da ein klein wenig rumdrücken – schon ist ein Problem aus der Welt geschafft. So scheint es jedenfalls, liest und hört man von den wahren Wundern, die Osteopathen angeblich vollbringen können. Schreibabys, die ihre Eltern schier in den Wahnsinn trieben, sind plötzlich lammfromm. Krabbelkinder, die einfach nicht laufen mochten, werden quasi über Nacht zu Rennmäusen. Ob bei Säuglingsbeschwerden oder Wachstumsschmerzen, Beckenschiefstand oder Zahnregulierungen, auffälligem Verhalten oder Schielen: Überall soll die Osteopathie helfen können, nur durch ein bisschen Handauflegen? „Die Erklärungen, wie Osteopathie funktioniert, muten leider manchmal noch primitiv und populäresoterisch an“, sagt Torsten Liem, erfahrener Kinderosteopath aus Hamburg und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinderosteopathie (DGKO). Dabei ist das Fundament der Osteopathie sehr real und komplex: Sie orientiert sich exakt an der Anatomie, Physiologie und Biochemie des Menschen, studiert detailgenau Blut- und Nervenbahnen, Gewebe und Muskeln, Skelett und Organe, wie sie aufgebaut sind, wie sie funktionieren. Und vor allem: wie durch Bindegewebe und Flüssigkeiten alles in unserem Körper miteinander in Verbindung steht. Blut und Co. reichen in jede Zelle und versorgen sie mit Nährstoffen, so dass alle ihren Dienst verrichten können. Das hält unseren Körper gesund und am Leben. Immer wieder aber kommt es vor, so sagen Osteopathen, dass Fluss und Bewegung beeinträchtigt werden, beispielsweise durch eingeengte Nerven.

Einmal Kopf gerade rücken, bitte

„Bei Kindern scheinen Blockaden sehr oft bei schweren Geburten oder Geburtskomplikationen zu entstehen“, erklärt Torsten Liem. Der Körper – stets darauf bedacht, gesund zu bleiben – versucht dann, die Störung auszugleichen: Andere Stellen müssen die ausgefallene Funktion mit übernehmen. Das endet oft in Überlastungen, die über Kettenreaktionen an ganz unterschiedlichen Punkten Beschwerden auslösen können. „Am häufigsten kommen Babys mit Schädelasymmetrien, Entwicklungs-, Schlaf- und Verdauungsstörungen, Ohrenbeschwerden und übermäßigem Weinen und Schreien in unsere Praxis“, zählt Liem auf.

Ein typischer solcher Fall war Anton: „Anton war ein paar Wochen alt, als wir bemerkten, dass er seinen Kopf kaum nach rechts drehen konnte und sich einseitig platt lag“, erzählt seine Mutter Grit. „Nachts hat er uns mit Schreitiraden auf Trab gehalten.“ Abwarten, sagte die Kinderärztin. Die besorgte Mutter ging lieber zu einer Kinderosteopathin. Die diagnostizierte eine Schädelasymmetrie durch Rotationseinschränkungen. Um deren Ursache an Antons Körper zu finden, schickte sie die wichtigsten Werkzeuge eines Osteopathen auf die Suche: die Hände. Gut geschult und geübt ertasten und erspüren sie Gewebeveränderungen, die auf Störungen hinweisen. Bei Anton waren es Blockaden an der Wirbelsäule. Gelöst wurden sie mit sanften Handbewegungen und viel Fingerspitzengefühl. „Schon nach der ersten Behandlung konnte Anton den Kopf problemlos in beide Richtungen drehen, und nachts war deutlich mehr Ruhe“, erinnert sich Grit.

Das Übel an der Wurzel packen

Osteopathen behandeln selten die offensichtlichen Problemstellen. In erster Linie suchen sie die Ursprungsblockade. Die Ursache muss weg, damit sich die Symptomkette von hier aus nach und nach auflösen kann. Bei Dreimonatskoliken hat man damit Erfolg, zeigt eine kleine Studie aus 2002. Osteopathie hilft zum Beispiel, wenn die Blähungenentstehen, weil der für die Verdauung zuständige Nerv bei der Geburt vielleicht am Hals eingeengt wurde. Die gern verschriebenen Anti-Blähungsmittel bleiben da zwangsläufig unwirksam. Patentrezepte gibt es angesichts vieler möglicher Ursachen nicht, bestätigt Torsten Liem: „Die Behandlungen in der Studie waren stets sehr individuell, keine wirkte bei jedem Baby gleich gut.“ Nur das Ergebnis war bei der Mehrzahl der Kinder gleich: Sie weinten deutlich seltener und weniger und zeigten so, dass es ihnen besser ging.

Von Kopf bis Fuß durchleuchtet

Therapeuten tasten dabei mitnichten einfach drauflos: Zu einer professionellen osteopathischen Behandlung gehört immer eine sehr genaue Beschäftigung mit dem Patienten. Die umfasst nicht nur aktuelle Beschwerden, sondern im Fall von Anton zum Beispiel auch seinen und Grits Weg seit Beginn der Schwangerschaft. War etwas passiert, gab es Medikamente, lief die Geburt schwierig? Wurden mögliche Ursachen schon schulmedizinisch abgeklärt? „Endlich hat sich mal jemand Anton aus allen Blickwinkeln angeguckt, ein echter Ganzkörperstatus“, so Grit. Zeit und Ruhe nehmen, zuhören und den Dingen auf den Grund gehen, ganzheitlich und individuell: Diese Aspekte einer osteopathischen Behandlung sprechen gerade Mütter sehr an. „Beim Osteopathen habe ich endlich das Gefühl, dass jemand richtig zuhört, dass Hannes* wirklich im Mittelpunkt steht. Allein das hilft enorm“, sagt auch Jasmin*, die gerade zum ersten Mal beim Osteopathen war. Ihr Sohn, zweieinhalb, ist ein Unruhegeist, hat oft Gleichgewichtsprobleme. Kein Arzt bis hin zum Neurologen und Genexperten konnte den Grund dafür finden. Der Osteopath, empfohlen von einer Hebamme, diagnostizierte nun eine Verhärtung im hinteren Schädelbereich. Ein – für Jasmin nachvollziehbares – vorgeburtliches Trauma soll die verursacht haben. Sie bewirkt, dass Hannes ständig wie unter Strom steht. Einen Versuch, daran zu arbeiten, ist es wert, sagt die Mutter. Große Erwartungen habe sie aber angesichts der bisherigen Odyssee lieber nicht.

Osteopathie kann einiges, aber nicht alles

„Erwartungen, dass sich Beschwerden einfach so in Luft auflösen, wären aus meiner Sicht überzogen“, meint Torsten Liem ganz grundsätzlich. Die Osteopathie kann zwar sehr sanft wirkungsvoll Gesundungsprozesse einleiten und gerade bei Kindern oft schnelle Heilungsreaktionen erzielen. Denn Blockaden haben sich bei ihnen noch nicht lange festgesetzt, die Gewebe und Organe sind noch nicht fertig geformt und sprechen selbst auf behutsamste Impulse leicht an. Aber, so Liem: „Nicht jede Selbsteinschätzung von Osteopathen, sogar kleinste Veränderungen zum Beispiel in Gefäßen tief im Kopf finden zu können, kann wissenschaftlich bestätigt werden.“ Ein seriöser Osteopath sollte seine eigenen Grenzen genauso kennen wie die der Osteopathie allgemein. Die finden sich bei akuten Notfällen, bei bakteriellen Infekten, bei Brüchen und offenen Wunden. Hier kann ein Osteopath nur begleitend tätig werden und Folgeerscheinungen behandeln. „Die Osteopathie ist ebenso wenig eine Wundertherapie wie andere Heilmethoden“, bringt es Liem auf den Punkt.

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