Hormon-Umstellung

Haarausfall nach der Geburt

Während der Schwangerschaft erfreuen sich viele Frauen einer glänzenden und ungewöhnlich vollen Haarpracht. Ist das Baby dann auf der Welt, geschieht leider oft das Gegenteil. Plötzlich wirken die Haare stumpf und matt oder fallen sogar büschelweise aus. Wie kommt zum Haarausfall? Und was kann man dagegen tun?

Autor: Anja Schimanke
Seitenanfang

Hilfe! Meine Haare fallen aus

Frau Haare Bürste
Foto: © iStockphoto.com / dundanim

Dass man Hängebrüste vom Stillen bekommen kann, klar, davon hatte Sabine Riemer schon mal was gehört. Und auch, dass sie die Schwangerschaft unter Umständen einen Zahn kostet. Vor Baby Blues hatte man sie vorgewarnt. Natürlich ungefragt. Selbst auf Schwabbelbauch und Dammschnitt hatte sie sich schon innerlich eingestellt. Und Glück gehabt - nichts von alledem ist Realität geworden. Von Haarausfall nach der Geburt erzählte ihr allerdings keiner. Deshalb war Sabine völlig irritiert, als ihr gut drei Monate nach der Geburt von ihrer Tochter Lilly vermehrt die Haare ausgingen: „Als ich nach dem Haarewaschen die Badewanne ausspülen wollte, bekam ich einen echten Schreck – überall klebten meine Haare und verstopften sogar den Siphon!“, erinnert sie sich. Als dann auch noch ihre Bürste nach dem Kämmen voller Haare ist, und danach immer noch lose Haare herausfallen, ist sie in Alarmbereitschaft. Liegt es am Stillen? Vielleicht ist es eine Mangelerscheinung? Oder sind die Hormone Schuld? Mit Entsetzen stellt sie fest, dass sie ihre Haare überall findet, auf ihrem Kopfkissen, im Essen, auf dem Boden und ihren Oberteilen. Sie zupft und sammelt und ertappt sich dabei, wie sie ständig in ihre Haare greift, um zu prüfen, ob schon wieder welche locker sind und herausgezogen werden können. Sie verliert nicht nur Haare, sondern auch die Nerven. „Ich hatte das Gefühl, dass meine Haare plötzlich überall waren“, resümiert Sabine rückblickend, „aber immer weniger da, wo sie hingehören – auf meinem Kopf!“

Wurzel des Übels: Östrogenspiegel sinkt

Sabine ist nicht die einzige Frau, der nach einer Geburt vermehrt Kopfhaare ausgehen. Alle Neu-Mütter sind vom so genannten postpartalen Effluvium (post partum = nach der Geburt, Effluvium = gesteigerter Haarausfall) betroffen, eine Form des diffusen Haarausfalls. So nennen Experten den Prozess, wenn die Haare gleichmäßig verteilt am ganzen Kopf ausgehen. Bei der einen sind das mehr, bei der anderen weniger Haare. Das ist völlig normal nach der Geburt. Warum? In der Schwangerschaft werden durch den Östrogenschub mehr Haare (ca. 95 Prozent) als üblich (ca. 85-90 Prozent) in der Wachstumsphase gehalten. Darum haben schwangere Frauen meistens auch so schönes, dickes und glänzendes Haar. Nach der Geburt sinkt der Östrogenspiegel abrupt und schickt vermehrt Haare in die Ruhephase, an deren Ende sie nach rund drei Monaten ausfallen. Dieser Haarwechsel wird von jeder Frau, je nach Haarstruktur und –fülle, unterschiedlich wahrgenommen. Nicht alle Mütter leiden oder sorgen sich deshalb.

„Einige reagieren mit Panik“, weiß der Dermatologe Dr. Uwe Schwichtenberg aus Erfahrung. „Sie sind zumeist hochgradig beunruhigt und sehen sich in ihrer Persönlichkeit bedroht.“ Professor Dr. Henning Hamm, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des Universitätsklinikums Würzburg, erklärt warum: „Es gibt kaum etwas, was Frauen mehr beunruhigt als Haarausfall. Die betroffenen Frauen haben Angst, dass ihnen alle Haare ausgehen und dass sie eine Glatze bekommen. Sie denken, der Zustand läuft auf eine Perücke hinaus!“ Denn Haare sind für die meisten Frauen weit mehr, als nur ein „natürlich nachwachsender Rohstoff“ – sie sind ein Spiegel ihres subjektiven Gesundheitszustandes und wirken entsprechend stark auf das seelische Befinden. „Mit einer Verschlechterung des Haarzustands gehen häufig Ängste, Verunsicherungen und depressive Stimmungslagen einher“, kann Nils Krüger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Hamburg, Fachrichtung Kosmetikwissenschaft, bestätigen und erklärt weiter, wie sich das auf die Lebensqualität auswirkt: „Konkret bedeutet dies häufig Verlust von Selbstbewusstsein, Angst vor Verschlimmerung und Attraktivitätsverlust, Angst vor Ablehnung und Spott.“

Haarausfall stoppt von selbst

Doch keine Panik! „Es ist nicht möglich, dass eine Frau durch ein postpartales Effluvium alle Haare verliert“, versichert Dr. Schwichtenberg. Denn nach spätestens sechs Monaten, also ca. neun Monate nach der Geburt, hat sich der Zustand von ganz alleine wieder normalisiert. Die Vermutung, dass Stress als Auslöser für Haarausfall in Frage kommt, ist laut Professor Hamm nicht gut belegt. „Das wird viel häufiger angenommen, als es tatsächlich der Fall ist.“ Ob es Shampoos, Spülungen, Vitaminpräparate gibt, die Haare stärken und die Wurzeln festigen können, wollen wir wissen? „Die meisten halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand“, so der Haarspezialist. Das einzige, was während des Haarwechsels hilft, so sein Kollege Schwichtenberg: „Geduld! Die Tatsache, dass genauso viele Haare nachwachsen, sieht man ja leider nicht sofort.“ Denn Haare wachsen etwa 0,2 bis 0,5 Millimeter am Tag, macht ein bis zwei Zentimeter im Monat.

 

Wenn der Haarausfall länger andauert

Falls der diffuse Haarausfall besonders stark ist, länger als ein halbes Jahr nach der Geburt anhält oder betroffene Frauen sich sorgen und unsicher sind, sollte unbedingt ein Dermatologe zu Rate gezogen werden. Sie sind Experten, was Haare angeht, und einige bieten sogar eine spezielle Haarsprechstunde an, um der Ursache für den anhaltenden diffusen Haarausfall auf die Spur zu kommen. Denn davon gibt es viele. Gerade nach einer Schwangerschaft und in der Stillzeit kann es zu Mangelerscheinungen von Eiweiß, Vitaminen und Spurenelementen wie Zink und Eisen kommen. Eisenmangel ist eine der häufigsten Ursachen und lässt sich am besten an einem erniedrigten Eisenspeicherwert erkennen, der immer mit untersucht werden sollte. Auch eine Diät, um lästige Pfunde nach der Geburt loszuwerden, kann Haarausfall verursachen. Absetzen der Pille, die vor der Schwangerschaft eventuell Einfluss auf den Hormonhaushalt und somit auf das Haarwachstum hatte, kommt ebenfalls in Betracht. Ferner können eine Infektionskrankheit, Schilddrüsenfunktionsstörungen und Entzündungen der Kopfhaut für einen diffusen Haarausfall verantwortlich sein. Selten stecken sogar bösartige Erkrankungen dahinter. So oder so: Je schneller die Ursache gefunden wird, desto eher kann mit der Therapie begonnen werden – und desto eher können die Haare wieder sprießen.

Haare gut – alles gut

Im Grunde sind unsere Haare nichts weiter als leblose Hornfäden, die unsere Kopfhaut vor Sonne schützen sollen. Ein Gemisch aus Keratin, Schwefel, Wasser und Fett. Etwa 100.000 Stück hat jeder von uns auf dem Kopf. Dass jeder Mensch bis zu hundert Haare am Tag verliert, hat sich bei den meisten schon herumgesprochen. Das gilt natürlich nur für solche mit vollbehaarten Köpfen. Dann herrscht „da oben“ ein reges Treiben, Ruhe- und Wachstumsphasen wechseln sich ab, egal ob blond, brünett, schwarz oder rot, glatt, gekräuselt, lang oder kurz. Ein ständiges Kommen und Gehen, manchmal durch dick und dünn, im wahrsten Sinne: Haare können uns signalisieren, ob in unserem Inneren alles in Ordnung ist. „Haare drücken seelisches Erleben und Wollen, aber auch Krankheit und Wohlbefinden aus und können wünschenswerte Merkmale der eigenen Persönlichkeit betonen“, so Nils Krüger. „Sie sind ein wichtiger non-verbaler Schlüsselreiz der Eindrucksbildung und auch für die Selbstpräsentation von hoher Bedeutung.“ Eine Studie von Reinhold Berger zu diesem Thema ergab für Frauen vier verschiedene Kommunikationstypen: die Individuelle, die ihr Haar als Schmuck und Ausdrucksmittel ihrer Persönlichkeit einsetzt, die Sympathische, die mit ihren Haaren Ordnungssinn ausstrahlen und Sympathie erzeugen möchte, die Weibliche, die ihr Haar als Signal für ihre Weiblichkeit und Sexualität versteht und die Natürliche, die frei sein möchte von dekorativen Äußerlichkeiten und ihr Haar nicht als Träger von Persönlichkeitsmerkmale versteht. Sabine entscheidet sich spontan für Typ zwei, die Ordnungsliebende. Nachdem ein Hautarzt sie über „postpartales Effluvium“ aufgeklärt hat und sie somit beruhigt war, hat sich das Chaos zuerst in ihrem Kopf und nach gut vier Monaten auch auf ihrem Kopf von selbst gelegt. Hairvorragend.

Weitere Infos unter: www.haarerkrankungen.de


Unsere Partner
  • SteriPharm Folio
  • Pampers
  • Nestle Bebe
  • Eltern Grußkarten
  • Vorname.com
  • Schöner Wohnen Shop