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Wie sich wissenschaftliche „Fakten“ ändern

Babys dürfen keine Kuhmilch trinken, Zucker macht Kinder zappelig und Wunden heilen am besten an der Luft - Vieles, was Wissenschaftler lange propagierten, ist inzwischen widerlegt.

Autor: Gabriele Möller
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Neue wissenschaftliche Fakten
Foto: © colourbox

Schwangere und Eltern haben ein hohes Verantwortungsgefühl und möchten gern alles richtig machen. Doch das ist gar nicht so leicht, denn es zeigte sich: Zahlreiche Behauptungen von Forschern, die oft über viele Jahre hinweg gültig schienen, stimmen nun doch nicht. 17 verbreitete Thesen, die inzwischen überholt sind:

Nach langer Pilleneinnahme wird man schwerer schwanger

Fakt ist: Die Universität Frankfurt führte eine Studie mit 650 Frauen durch, die lange die Pille eingenommen hatten. Das Ergebnis: 610 von ihnen wurden nach dem Absetzen der Pille innerhalb eines Jahres schwanger, mehr als die Hälfte davon bereits in den ersten drei Zyklen. Diese Quote entspricht derjenigen von Frauen, die zuvor nicht mit der Pille verhütet haben. Anders ist es nach der Dreimonatsspritze: Hier, so die Fachleute, kann es längere Zeit dauern, bis wieder ein regelmäßiger Eisprung stattfindet.

Häufiger Sex senkt die Spermienqualität

Fakt ist: Eine Zeitlang empfahlen Ärzte Paaren mit Kinderwunsch, nur alle zwei bis drei Tage Sex zu haben, weil Spermienmenge und - qualität dann höher seien. Doch eine neue australische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass täglicher Sex zwar tatsächlich die Spermienanzahl reduziert, dabei aber gleichzeitig auch der Anteil nicht intakter Spermien verringert wird. Und dadurch werde die Zeugungsfähigkeit sogar erhöht: Denn es komme bei der männlichen Fruchtbarkeit mehr auf die Qualität, als auf die Menge der Spermien im Ejakulat an.


Bettruhe kann eine frühe Fehlgeburt verhindern

Fakt ist: Bis in die jüngste Zeit empfahlen Ärzte bei Blutungen in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten oft Bettruhe. Doch inzwischen sind sich die meisten Gynäkologen einig: Eine drohende Fehlgeburt in der Früh-Schwangerschaft ist in der Regel nicht aufzuhalten. Denn ihre häufigsten Ursachen (wie zum Beispiel eine Entwicklungsstörung beim Embryo) lassen sich durch Schonung oder Bettruhe nicht beeinflussen.

Ab 35 Jahren ist man risikoschwanger

Fakt ist: Zwar gelten laut Mutterpass bereits 35-Jährige als " Risikoschwangere". Viele Gynäkologen sehen diesen Begriff jedoch als überholt an. Denn Studien haben gezeigt, dass bei guter Betreuung auch ab 35 nicht von einer höheren Gefahr für Mutter und Baby ausgegangen werden muss. Zwar sind ältere Schwangere etwas anfälliger für bestimmte Probleme. Dies wird aber dadurch ausgeglichen, dass reifere Mütter die Vorsorge-Untersuchung gewissenhafter wahrnehmen als jüngere, so dass Störungen meist früh erkannt werden.

Bei Blasensprung per Krankenwagen in die Klinik

Fakt ist: Bei den meisten Frauen hat sich das Baby längst fest ins Becken gesenkt, wenn es kurz vor dem Entbindungstermin zum Blasensprung kommt. Nur, wenn es sich noch nicht gesenkt hat, kann es zum Nabelschnurvorfall kommen, bei die Schnur unters Köpfchen rutscht und von diesem gedrückt wird. Diese Komplikation ist selten, und es konnte bisher nicht bewiesen werden, dass ein Liegendtransport sie überhaupt verhindert. Entbindungskliniken betonen daher heute, dass es ausreiche, bei Blasensprung zügig ins Krankenhaus zu kommen, dass aber ein Krankenwagen oder ein Liegendtransport nicht nötig seien.

In der Schwangerschaft ist Kaffee nicht gut

Fakt ist: Früher galt eine Warnung vor Kaffee, Cola und Tee, denn das enthaltene Koffein erhöhe den Herzschlag des Babys oder sorge für geringeres Wachstum beim Kind im Bauch. Inzwischen sehen Ärzte dies gemäßigter: Nachteile gibt es nur bei sehr starkem Konsum. Ein Glas Cola oder ein bis zwei Tassen Kaffee bzw. Tee am Tag gelten als unschädlich.

Erst ab 160 mmHg hat eine Schwangere Bluthochdruck

Fakt ist: Während bei vielen ehemaligen Empfehlungen von Wissenschaftlern heute mehr Gelassenheit regiert, gilt dies in Sachen Blutdruck nicht. Während der Blutdruck früher erst als zu hoch galt, wenn der systolische (obere) Wert über 160 mm Hg lag, gilt dies heute schon, wenn der Blutdruck mehrmals 140/90 oder mehr mm Hg erreicht. Ab hier werden bei einer Schwangeren, die bisher normalen Blutdruck hatte, weitere Untersuchungen vorgenommen, um zu klären, ob eine Präeklampsie (gefährliche Stoffwechselstörung in der Schwangerschaft) vorliegt.

Ist das nicht der Fall, spricht der Arzt mit der Frau über bestimmte Belastungen, die den Blutdruck ansteigen lassen (Übergewicht, Stress, Bewegungsmangel, Ernährung), und wie sie diese selbst beeinflussen kann. Notfalls verschreibt er auch ein blutdrucksenkendes Medikament.

Der Wochenfluss enthält gefährliche Bakterien

Fakt ist: Der Wochenfluss enthält zahlreiche Keime. Doch die Mehrzahl dieser Keime ist "apathogen", also nicht krankheitserregend, betonen Forscher. Der Wochenfluss ist nur dann wirklich infektiös, wenn er eitrig ist, also eine Entzündung der Gebärmutter vorliegt. Dies bleibt der Wöchnerin aber nicht verborgen: Infektiöser Wochenfluss riecht fischartig oder eitrig, die Frau hat Fieber und Schmerzen im Unterbauch.

Babys sind so klein, weil sie sonst nicht durchs Becken passen

Fakt ist: Bisher glaubte man, dass Menschenbabys so winzig und hilflos geboren werden, weil sie sonst nicht mehr durchs mütterliche Becken passen würden. Und das Becken habe die Natur deshalb nicht breiter gestaltet, weil Frauen sonst nicht mehr stabil laufen könnten. Doch Forscher fanden jüngst heraus: Auch wenn die Evolution ihnen ein breiteres Becken beschert hätte, hätten Frauen damit keinerlei Probleme.

Deshalb nahmen die Wissenschaftler nun den Energie-Umsatz von Schwangeren unter die Lupe. Das überraschende Ergebnis: Menschenfrauen gebären ihr Baby gerade noch rechtzeitig, bevor ihr Körper seine Leistungsgrenze erreicht. Denn je weiter entwickelt das Ungeborene, desto mehr Energie braucht der Organismus seiner Mutter, um es zu versorgen.

Kuhmilch im ersten Lebensjahr fördert Allergien

Fakt ist: Die frühere Empfehlung, Babys im ersten Lebensjahr gar keine Kuhmilch zu geben, gilt inzwischen nicht mehr. Dennoch empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), keine Kuhmilch in den ersten sechs Lebensmonaten zu geben. Grund ist unter anderem der zu hohe Eiweiß- und Mineralstoffgehalt von Kuhmilch, die zugleich zu wenige mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Eisen und Jod enthält. Ab dem zweiten Lebenshalbjahr darf Kuhmilch im Getreide-Milch-Brei verwendet werden, wobei (ungesüßter) Joghurt die Vollmilch ersetzen darf.

Nüsse, Fisch und Eier sind für Babys verboten

Fakt ist: Bis vor kurzem hieß es, kleine Kinder dürften im ersten Lebensjahr weder Soja, Weizen, Fisch und Nüsse, noch Hühnereiweiß essen. Doch dies konnte die Häufigkeit von Allergien bei Kindern nicht senken. Heute sagen die meisten Fachleute: Schon ab dem Beikoststart dürfen diese Dinge auf dem Speiseplan stehen (Nüsse niemals ganz, sondern z. B. als kleine Menge Nuss-Mus aus dem Bioladen). Denn gerade im Alter von vier bis sechs Monaten gewöhnt sich der Körper besonders gut an Lebensmittel, die später oft Unverträglichkeiten auslösen. Das gilt auch für das Eiweiß Gluten, das in Form von Getreidebrei ebenfalls schon ab dem fünften Monat erlaubt ist.

Sechs Monate Vollstillen schützt vor Allergien

Fakt ist: Die frühere Empfehlung von Allergologen, ein Baby möglichst sechs Monate voll zu stillen, ist überholt. Es konnte nicht belegt werden, dass dies einen günstigen Einfluss auf die Vermeidung von Allergien hat, sagt die Deutsche Haut- und Allergiehilfe (DHA). Vielmehr gilt heute der Zeitraum vom vollendeten vierten bis Ende des sechsten Monats als optimal für den Beikost-Beginn. Denn jetzt ist der Körper besonders tolerant gegenüber neuen Lebensmitteln.

Zucker macht Kinder zappelig

Fakt ist: Lange warnten Ernährungsfachleute: Viele Süßigkeiten sorgen für eine Art Zucker-Flash bei Kindern und machen sie zappelig. Besonders schlecht sei Süßes für hyperaktive Kinder. Auch Eltern hatten oft den Eindruck, dass viel Süßes ihr Kind aufgedreht macht. Doch die Auswertung von zwölf Doppelblindstudien durch Wissenschaftler ergab keinen Hinweis darauf, dass Kinder nach Zuckerkonsum "hibbeliger" würden. Dies galt nicht einmal bei hyperaktiven Kindern, auch sie waren nicht unruhiger als sonst.

Dafür aber hielten einige der Studien etwas sehr Überraschendes bereit: Sagte man den Eltern der kleinen Probanden, ihr Kind habe gerade viel Zucker bekommen, stuften sie das Verhalten ihres Sprösslings als auffällig unruhig ein - obwohl das Kind in Wirklichkeit gar keinen Zucker erhalten hatte.

Getragene Schuhe sind schlecht für Kinderfüße

Fakt ist: Früher wurde gewarnt, dass gebrauchte Schuhe die Form ihres Vorgängers angenommen hätten und daher schädlich für die Füße eines anderen Kindes seien. Doch Orthopäden sagen heute, dass gebrauchte Schuhe für Kinderfüße kein Problem sind, solange sie gut passen, vorn noch einen knappen Zentimeter Platz haben und die Sohle nicht einseitig abgelaufen ist.

Wunden heilen am besten an der Luft

Fakt ist: Aufgeschlagene Knie und andere Verletzungen bei Kindern, das weiß man inzwischen, heilen am besten, wenn sie mit einem Pflaster feucht gehalten werden. Denn die zur Heilung wichtigen Immunzellen zur Infektionsabwehr bleiben bei trockenen Wunden nur im Randbereich, während sie bei feuchten über die ganze Wundfläche "schwimmen" können. In der Apotheke gibt es spezielle Pflaster, die beim Feuchthalten der Wunde helfen.

Dreck und Hausstaub schaden dem Baby

Fakt ist: Ein Haushalt mit Baby muss nicht klinisch rein sein, eine Keimbekämpfung mit desinfizierenden Putz- oder Waschmitteln ist nicht notwendig. Es reicht, sich regelmäßig die Hände zu waschen und den Haushalt normal sauber zu halten. Babys dürfen auch auf dem Boden, im Garten oder dem Spielplatz krabbeln und ihr Händchen danach in den Mund stecken, ohne dass größere Gefahren drohen. Auch Maßnahmen zur Verringerung der Hausstaubmilben in der Wohnung oder dem Babybett werden von Fachleuten nicht mehr empfohlen (außer bei nachgewiesener Allergie gegen Hausstaub).

Ursache für Koliken liegt in der Ernährung der stillenden Mutter

Fakt ist:  Dreimonatskoliken (schmerzhafte Blähungen) beim Baby sind nur selten auf Kohl, Sauerkraut, Zwiebeln oder Hülsenfrüchte im Essen seiner stillenden Mutter zurückzuführen. Die Koliken treten daher auch bei nicht gestillten Kindern auf. Die Ursache, sagen Entwicklungsforscher heute, ist vielmehr eine Überforderung des noch sehr empfindlichen Nervensystems des Babys durch äußere Reize. Weil der Darm auch als "Bauch-Gehirn" fungiert, also ein sehr komplexes Nervengeflecht besitzt, können schon ganz normale Alltagseindrücke Babys Darm krampfen lassen. Manchmal sind auch Unruhe und Stress bei der Mutter ein Faktor. Im Alter von etwa drei Monaten ist der Darm vieler Babys aber schon robuster gegen Irritationen, die Koliken bessern sich.


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