Pro und Contra

Brauchen wir eine Kindergartenpflicht?

Bislang können deutsche Eltern selbst entscheiden, ob ihre Sprösslinge den Kindergarten besuchen sollen oder nicht. Doch die Einführung einer Kindergartenpflicht wird immer wieder heiß diskutiert – so auch im Superwahljahr 2011. urbia hat Argumente gesammelt.

von Maja Roedenbeck
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Kindergarten Jungen Erzieherin
Foto: © iStockphoto/ fatihhoca

Die Argumente der Befürworter

Das Thema ist ein Dauerbrenner: Bereits im Jahr 2006 sagte Ursula von der Leyen in der „Bild am Sonntag“, ein verpflichtendes Kindergartenjahr vor der Einschulung könne insbesondere für ausländische Kinder sinnvoll sein. „Das verbessert Sprachkenntnis und Gruppenverhalten“, so die damalige Familienministerin. Im Superwahljahr 2011 hatte die Baden-Württembergische SPD das Thema zum Wahlkampfthema gemacht. Auf dem Programmparteitag für die Landtagswahl am 27. März sprach sich die Mehrheit der Delegierten für eine Kindergartenpflicht aller Kinder zwischen dem dritten Lebensjahr und der Einschulung aus.

Ein entsprechendes Gesetz ginge sogar noch weiter als die aktuelle Regelung bei unseren Nachbarn in Österreich, wo seit Beginn des Kindergartenjahres 2010/2011 in allen Bundesländern eine Kindergartenpflicht herrscht – allerdings erst ab einem Alter von fünf Jahren. Die Vorschulkinder müssen halbtags, mindestens 16 Stunden in der Woche, eine Einrichtung besuchen, können aber während der Schulferien und während dreier zusätzlicher Urlaubswochen zu Hause bleiben.

Integration und Frühförderung für benachteiligte Kinder

Das wichtigste Argument pro Kindergartenpflicht heißt „soziale Gerechtigkeit“. Denn: Während insgesamt rund 90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen in Deutschland eine Tagesstätte oder einen Kindergarten besuchen, tun das Kinder von Eltern mit niedrigem Einkommen und Bildungsniveau sowie Kinder mit Migrationshintergrund vergleichsweise seltener als Kinder von Eltern mit höherem Einkommen und Bildungsniveau sowie Kinder ohne Migrationshintergrund (Quelle: Statistisches Bundesamt, Zahlen von 2009). Gerade den ohnehin schon benachteiligten Kindern wird also eine wichtige Möglichkeit der Frühförderung und Integration vorenthalten. Das soll sich durch eine Kindergartenpflicht ändern. Schließlich – so die Befürworter – hätten wir alle was davon, denn das Zusammenleben der Bevölkerungsschichten und Kulturen in unserer Gesellschaft könnte durch gleichberechtigte Startchancen für den Nachwuchs nur besser werden.

Allen voran SPD-Politiker Thilo Sarrazin plädiert in seinem umstrittenen Buch „Deutschland schafft sich ab“ (Deutsche Verlags-Anstalt) für eine Kindergartenpflicht ab drei Jahren als „Hilfsangebot mit Aufforderungscharakter“ für Familien mit Migrationshintergrund. Aber auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) sagte vergangenen Dezember im Focus Magazin, sie halte es für sinnvoll, noch mehr Mädchen und Jungen vorschulische Bildung zu ermöglichen: „Während fast alle deutschen Kinder einen Kindergarten besuchen, sind es bei den Kindern mit Migrationshintergrund nur etwa 80 Prozent. Daher hege ich sehr viel Sympathie für die Idee meiner Parteifreundin Julia Klöckner, in Rheinland-Pfalz ein verpflichtendes Vorschuljahr einzuführen.“ Da diese Angelegenheit jedoch Ländersache sei, wolle sie sich nicht einmischen, so Schröder. Zuletzt argumentierte Baden-Württembergs SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid Ende Januar gegenüber Welt Online mit folgenden Worten für die Einführung einer Kindergartenpflicht ab drei Jahren: „Die ersten Lebensjahre sind entscheidend für die persönliche, soziale und sprachliche Entwicklung eines Kindes. Alle Kinder brauchen die gleichen Startchancen und sollten möglichst lange in den Kindergarten gehen.“ Es gehe darum, „einen regelmäßigen und mehrjährigen Zugang zu Sprachförderung und zu früher Bildung für alle zu gewährleisten.“

Der Kindergarten bereitet besser auf die Schule vor

Die Unterstützer der Kindergartenpflicht sprechen aber nicht nur aus der Perspektive von Kindern mit problematischem Hintergrund: Auch der Sprössling einer „heilen“ Familie, der mit einem oder zwei Geschwistern das Teilen üben kann, Frühenglisch-, Musik- und Sportkurse besucht und von liebenden Eltern Urvertrauen und Selbstbewusstsein vermittelt bekommt, könne zu Hause nicht so vielfältig gefördert werden und sich nicht so umfassend auf den Eintritt in die Gesellschaft (Schule) vorbereiten wie im Kindergarten, heißt es.

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