Fantasie und freies Spiel
Ein Tag im Waldorfkindergarten
Kinder wollen nicht in einer künstlichen Kinderwelt untergebracht werden. Sie möchten daran teilhaben, was die Erwachsenen tun. Im Waldorfkindergarten geht das.
Freies Spiel am Morgen
Um neun Uhr morgens herrscht im Waldorfkindergarten Düsseldorf-Heerdt schon ausgelassene Stimmung: Ein paar Kinder spielen in der Puppenecke, während sich andere gerade mit Tüchern verkleiden. In der Bauecke entsteht eine Zwergenhöhle. Der Morgen beginnt mit "Freiem Spiel", bei dem sich die Kinder ihre Spielecken und Spielsachen selbst aussuchen.
Heute ist Dienstag. Da gibt es immer selbst gebackene Brötchen, die die Kinder zusammen mit den Erzieherinnen backen. Jeden Morgen vereint das gemeinsame Frühstück alle Kinder. Ein Lied oder ein Reim leiten es ein. Nach dem Frühstück geht es häufig nach draußen, wo die Sprösslinge wieder frei spielen und toben. "Die Kinder leben hier in einem festen Rhythmus. Das ´Freie Spiel´ wechselt mit gemeinsamen Tätigkeiten wie Morgenkreis und Märchenstunde, Frühstück und Mittagessen ab", erläutert die Leiterin der Einrichtung Sabine Hoffmann. So gibt es Phasen, in denen entweder mehr der Körper oder die Sinne angesprochen werden. Es gibt laute und leise Tätigkeiten, wilde und ruhige. Der Körper eines Kindes kann sich somit richtig austoben und dann auch wieder zur Ruhe kommen. Die Sinne werden ganz vielfältig angesprochen. "Durch diese Phasen des ´Einatmens´ und ´Ausatmens´ bekommt ein Kind die Kraft, die für seine körperliche und seelische Entwicklung so wichtig ist", erklärt Sabine Hoffmann. "Wir kennen in der Natur ja auch Sommer und Winter, Tag und Nacht, Ebbe und Flut." Der feste Tagesrhythmus macht den Kindern Spaß. Sie wissen immer, was passiert.
Mittwoch ist Pizzatag
Auch die Woche hat einen festen Speiseplan und einen Plan für künstlerische und sportliche Aktivitäten. Die Vorfreude auf den Pizzatag, den Mittwoch, oder den Nudeltag am Donnerstag wird immer gründlich ausgekostet. "Dienstag ist der Tag, an dem die Kinder mit Ton und anderen Materialien modellieren. Und freitags malen wir mit Wasserfarben," erzählt die Leiterin aus Düsseldorf. Montags kommt eine ausgebildete Eurythmielehrerin in den Kindergarten. Eurythmie wurde von Rudolf Steiner, dem Gründungsvater der Waldorfpädagogik, ins Leben gerufen. Sie vereint Sprache mit Bewegung. Manchmal können die Kinder zu den eurythmischen Bewegungen und Formen Orffsche Instrumente spielen. Hierzu zählen beispielsweise Klanghölzer und pentatonisch (in einer Harmonie aus fünf Tönen) gestimmte Kinderharfen.
Mit den Jahreszeiten leben
Im Waldorfkindergarten gibt es keine Projektwochen. "Wir gestalten das Kindergartenjahr nach den Jahrezeiten und Festen," erklärt Sabine Hoffmann. "So lesen oder erzählen wir passende Geschichten, zum Beispiel zur Weihnachts- oder Osterzeit, die täglich fortlaufen. Auch gibt es Morgenreime zur jeweiligen Jahreszeit, die sich täglich wiederholen. Denn Kinder lieben Wiederholungen und genießen bereits erfahrene und erlernte Dinge immer wieder," sagt die Düsseldorferin.
Dass Mittwoch der Pizza- und Freitag der Wasserfarbentag ist, hat auch damit zu tun, dass Kinder weder nach dem Kalender noch nach der Uhr leben. Sie orientieren sich an Ereignissen und Feiertagen, an Jahres- und Ferienzeiten.

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