Wahrnehmungsstörung bei Kindern

Kinder lernen mit allen Sinnen

Kinder, deren Wahrnehmung gestört ist, fallen auf: Sie zappeln, stolpern, sind reizbar und hören nicht richtig zu. In diesem Artikel geht es darum, Wahrnehmungsstörungen zu erkennen und betroffene Kinder im Alltag richtig zu fördern.

Autor: Rita Steininger
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Wahrnehmungsstörungen bei Kindern: 15 Prozent betroffen

Junge balanciert Baumstamm
Foto: © Panthermedia, Nicole Effinger

"Pssst, Kinder, seid bitte leise, sonst kann ich nicht weiterlesen!" Die Erzieherin in der Kindergartengruppe wirft einen strengen Blick in die Runde und es wird ruhig im Zimmer. Weiter geht es mit dem Märchen vom Froschkönig. Doch schon nach einer Minute setzt das Gemurmel im Stuhlkreis wieder ein: Etliche Kinder kichern, tuscheln und schwätzen miteinander. Mitten in der Geschichte fragt der fünfjährige Manuel plötzlich: "Wieso ist der Frosch auf den Fisch gehüpft?" – "Auf den Tisch, Manuel, nicht auf den Fisch!" Die anderen Kinder lachen lauthals los und Manuel fängt an, verlegen herumzukaspern. Niemand achtet mehr auf die Geschichte. Die Erzieherin seufzt und klappt das Märchenbuch zu.

Wieder einmal kommt die Erzieherin ins Grübeln, denn es ist nicht das erste Mal, dass ihr bei Manuel ungewöhnliche Verhaltensweisen auffallen: Was man ihm sagt, scheint er meistens falsch oder gar nicht zu verstehen. Häufig reagiert er nicht, wenn man ihn anspricht – nicht einmal, wenn man ihn lobt. Was mag nur dahinter stecken?

Um die Frage vorweg zu beantworten: Es ist eine Wahrnehmungsstörung – genauer gesagt, eine Störung der Hörwahrnehmung –, die Manuel zu schaffen macht. Allgemein treten Wahrnehmungsstörungen bei etwa 15 Prozent aller Kinder auf, Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Doch es kann schwierig sein, solche Störungen zu erkennen, da Kinder gewöhnlich sehr bestrebt sind, von ihren Defiziten abzulenken – zum Beispiel, wie Manuel, durch Herumkaspern.

Eltern und Erzieher sollten daher sehr aufmerksam sein und die Entwicklung jedes Kindes genau beobachten. Dazu ist wichtig zu wissen: Was ist Wahrnehmung überhaupt und woran erkennt man Wahrnehmungsstörungen? Und vor allem: Was kann man tun, um einem betroffenen Kind rechtzeitig zu helfen?

Was ist Wahrnehmung?

Wahrnehmung ist die Aufnahme von Reizen durch die Sinnesorgane und ihre Verarbeitung im Gehirn. Die sieben Sinne (Sinnesorgane) sind: der Sehsinn (Augen), der Gehörsinn (Ohren), der Geruchssinn (Nase), der Geschmackssinn (Zunge), der Haut- oder Tastsinn (Haut) sowie der Muskel- und Stellungssinn, der zusammen mit dem Gleichgewichtssinn die Körperwahrnehmung und Bewegung entscheidend beeinflusst.

Schon bei neugeborenen Babys sind alle diese Sinne mehr oder weniger gut ausgebildet, sie müssen sich aber im Lauf der ersten Lebensjahre noch weiter ausdifferenzieren. Nicht nur das, sie müssen auch lernen, optimal zusammenzuarbeiten, um verschiedene Sinneseindrücke immer besser zu einem "sinn-vollen" Ganzen zu verknüpfen. Nur so kann sich ein Kind gesund entwickeln und wesentliche Fähigkeiten entfalten: vom Denken, Lernen, Sprechen und Verhalten bis hin zur Körpergeschicklichkeit und koordinierten Bewegung.

Wahrnehmungsstörungen erkennen

Ganz allgemein äußern sich Wahrnehmungsstörungen durch verschiedenste Merkmale – hier nur einige Beispiele:

  • Bei einer Störung der Hörwahrnehmung hat das Kind Schwierigkeiten, Gehörtes richtig zu verstehen und einzuordnen, und reagiert daher häufig nicht angemessen.
  • Eine Störung der Sehwahrnehmung kann unter anderem bewirken, dass ein Kind Entfernungen nicht richtig einschätzen kann und Schwierigkeiten mit der räumlichen Orientierung hat.
  • Bei Störungen der Grob- und Feinmotorik stellt sich das Kind tollpatschig und ungeschickt an, beispielsweise beim Dreiradfahren oder bei Alltagsanforderungen wie Schuhe binden und Kleidung zuknöpfen.
  • Wenn die Wahrnehmung der Haut gestört ist, kann das Kind sehr berührungs- und schmerzempfindlich sein, oft wehrt es sogar Zärtlichkeiten vehement ab.
  • Bei einer Überempfindlichkeit des Gleichgewichtssinns vermeidet das Kind alle Bewegungen, die das Gleichgewicht stimulieren: Schaukeln, Klettern, Balancieren.
  • Nicht zuletzt gehen Wahrnehmungsstörungen sehr oft mit Konzentrationsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten einher.

Bei Verdacht auf Wahrnehmungsstörungen sollten Eltern ihr Kind unbedingt ärztlich untersuchen lassen. Am besten wenden sie sich an ihren Kinderarzt oder einen Neurologen, der ihnen die ärztliche Verordnung für eine gegebenenfalls anstehende Therapie ausstellen kann (zum Beispiel Ergotherapie oder Krankengymnastik).

Zeigt ein Kind deutliche Verhaltensauffälligkeiten, wenden sich Eltern oft als Erstes an eine Erziehungsberatungsstelle. Auch das ist sehr zu empfehlen, denn dort bekommt man nicht nur solide pädagogische Anleitungen für den Alltag, sondern gegebenenfalls auch Hinweise auf sinnvolle Therapie- und Fördermöglichkeiten.

Als dritte sehr wichtige Möglichkeit, um Wahrnehmungsstörungen möglichst früh zu erkennen, sollten Eltern das Gespräch mit den Erzieherinnen im Kindergarten suchen. Denn oftmals äußern sich Wahrnehmungsstörungen zu Hause ganz anders als in einer Gruppensituation. Bei einer Störung der Hörwahrnehmung beispielsweise spielt die Geräuschkulisse im Kindergarten eine wichtige Rolle. Das betroffene Kind ist ab einem gewissen Lärmpegel nicht mehr in der Lage, gezielte Informationen aufzunehmen, da es die Hintergrundgeräusche nicht ausblenden kann. Die Folge: Es versteht Gesagtes nicht und kann daher nicht angemessen reagieren. Zu Hause ist das anders. Dort hat man weder den Lärmpegel einer großen Gruppe noch muss man ihn über einen Gruppenraum hinweg übertönen, sondern kann das Kind direkt ansprechen. So fallen einem die Verständnisschwierigkeiten des Kindes weniger auf.


Die Perspektive wechseln

Um ein betroffenes Kind nicht durch unangemessene Vorwürfe zu frustrieren, sondern stattdessen mehr Verständnis seine Situation aufzubringen, sollten Eltern und Erzieher einmal versuchen, sich in seine Lage zu versetzen. Zum Beispiel mit diesem kleinen Experiment, das eine Störung der Hörwahrnehmung nachzuempfinden hilft: Man steckt sich ein Paar Ohropax in die Ohren und versucht, sich in einem größeren Personenkreis an einem Gespräch zu beteiligen. Das dürfte schwierig sein, da durch die Geräuschkulisse in der Runde einzelne Informationen nicht mehr klar ankommen. Auf alle Fälle kostet es viel Konzentration und ist daher auf Dauer äußerst anstrengend – eine Situation, mit der betroffene Kinder ständig zu kämpfen haben.

Ein weiterer Versuch, um sich in ein Kind mit feinmotorischen Schwierigkeiten hineinzuversetzen: Man klebt sich an jeder Hand zwei Finger mit Tesafilm zusammen (auf der einen Seite Zeige- und Mittelfinger, auf der anderen Mittel- und Ringfinger) und versucht anschließend, etwas Hübsches zu basteln. Wer sich auf diese Weise für einige Zeit mit Papier, Schere und Kleber abgemüht hat – vermutlich ohne sonderlichen Erfolg –, wird sich das nächste Mal sicher mehr Gedanken machen, bevor er zu seinem Kind sagt: "Ein bisschen mehr Mühe könntest du dir schon geben!"

Lernen mit allen Sinnen: Im Alltag fördern

Was können Eltern nun – neben einer professionellen Förderung – selber tun, um die Wahrnehmung ihres Kindes gezielt zu fördern und seine gesunde Entwicklung zu unterstützen?

Als erste Möglichkeit bietet sich die Mitarbeit im ganz normalen Alltag an. Anstatt nur auf bequeme Haushaltsgeräte zurückzugreifen sollten die Eltern ihr Kind bewusst zu kleinen Tätigkeiten heranziehen: Einen Teig anrühren, den Fußboden kehren, Geschirr abtrocknen – all das sind Aufgaben, bei denen schon die Kleinsten mithelfen können und die ihnen das schöne Gefühl vermitteln, etwas Wertvolles zu leisten. Ganz nebenbei werden Wahrnehmung und Geschicklichkeit in vielfältiger Weise trainiert.

Besonderen Spaß aber versprechen kreative Förderspiele für zuhause, wie auch Wahrnehmungsspiele im Kindergarten, die mit allen Sinnen lernen lassen und nicht nur kleine, sondern auch größere Kinder zum Mitmachen motivieren. Hier ein paar Beispiele:

  • Kalt, wärmer, heiß: Aufmerksam zuhören und genau hinsehen sind die beiden Voraussetzungen, um bei diesem Spiel Erfolg zu haben. Das Kind wird aus dem Zimmer geschickt und die Mutter oder der Vater versteckt einen Gegenstand im Raum, zum Beispiel ein Spielzeugauto. Wenn das Kind hereinkommt, fängt es an zu suchen. Ist es noch weit vom Versteck entfernt, sagt der Erwachsene „kalt“, dreht es sich in die Richtung des Verstecks, sagt er „lauwarm“, und je näher das Kind kommt, desto öfter wiederholt der Erwachsene den Hinweis „wärmer“. Ist das Kind ganz nah am Versteck, ruft der Erwachsene „heiß“ – und gleich ist der Gegenstand gefunden! Dieses Spiel trainiert die Hör- und Sehwahrnehmung gleichermaßen.
  • Rückenbild: Das Kind setzt sich auf den Boden und hat ein dünnes, etwa 50 Zentimeter langes Seil vor sich liegen. Der Erwachsene kniet hinter ihm und malt mit dem Zeigefinger eine einfache Figur auf seinen Rücken, beispielsweise eine Sechs oder ein Dreieck. Das Kind soll versuchen, die Figur mit dem Seil nachzulegen. Dieses Spiel trainiert den Hautsinn und vermittelt wertvolle Spürerfahrungen.
  • Muskelspiele: Man füllt zwei gleich große, undurchsichtige Behälter mit unterschiedlichen Materialien und legt sie dem Kind in beide Hände. Das Kind soll wie mit einer Balkenwaage abwägen, welche Seite die schwerere ist. Danach wird die Einschätzung mit einer echten Waage überprüft. Dieses Experiment übt den Muskel- und Stellungssinn.
  • Balancierparcours: Auf dem Fußboden wird verschiedenes Material (Klebebänder, Bretter, dicke Seile, Bänke, Holzkisten, Holzscheiben) so ausgelegt, dass ein großzügiger Rundweg entsteht, der sowohl gerade Strecken als auch weite Kurven enthält. Auf diesem Parcours kann das Kind seinen Gleichgewichtssinn und seine Körperkoordination trainieren.

Diese und viele weitere Anregungen, Experimente und Spiele, aber auch Hinweise auf professionelle Therapie- und Fördermöglichkeiten für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen enthält der Elternratgeber:

Rita SteiningerKinder lernen mit allen SinnenWahrnehmung im Alltag fördernKlett-Cotta, 2005


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