Mensch ärgere dich nicht!

Mein Kind kann nicht verlieren

"Memory", "Fang den Hut", "Monopoly" und Co. zu spielen macht Riesenspaß und ergibt noch mal ein schönes Plus an Familienzeit. Was aber, wenn ein Mitspieler partout nicht verlieren kann? Und: Warum es so wichtig ist, auch mal nicht auf der Gewinnerseite zu stehen.

Autor: Christiane Bertelsmann
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Verlieren fällt Kindern nicht leicht

Mädchen Familie Mensch-ärgere-Dich-nicht Spiel
Foto: © panthermedia.net/ Arne Trautmann

Jetzt wird’s knapp. Wenn Leas Würfel eine Drei zeigt, darf sie mit ihrem gelben Männchen ins Ziel laufen. Doch Lea hat Pech: Sie würfelt eine Vier. „Blödes Spiel!“ Voller Wut feuert die Fünfjährige das Spielbrett vom Tisch. „Immer verlier ich. Ich mach nicht mehr mit. Nie mehr!“ Rumms, die Kinderzimmertüre knallt. „Das Spiel ist doch noch gar nicht zu Ende, Lea“, ruft ihr die Mutter hinterher. Lea hört nichts. Etwas ratlos sitzt die Familie am Wohnzimmertisch. Die Spielfiguren liegen verstreut auf dem Boden, das Spielbrett unterm Tisch. Und das Stimmungsbarometer zeigt Richtung Keller.

„Gerade recht jungen Kindern fällt es schwer zu verlieren“, sagt die Dortmunder Diplom-Pädagogin Kerstin Bahrfeck-Wichitill. „Aus diesem Nicht-verlieren-Können spricht die Angst, nicht gut genug zu sein, eine Schwäche zu haben und diese zeigen zu müssen.“

Verlieren bedeutet, eine Schwäche zeigen zu müssen

Auch größere Kinder und Erwachsene können ein Problem damit haben zu verlieren. Bei vielen Kindern gibt sich diese Schwierigkeit ganz von alleine – indem sie anderen beim Spielen zuschauen und beobachten, dass die anderen es ja auch aushalten, nicht der Beste zu sein.

Auf dem Weg dorthin kann und sollte man die Kinder unterstützen und ihnen helfen, verlieren zu lernen. Dazu muss man aber erst einmal verstehen, was in einem vermeintlich schlechten Verlierer vorgeht. Etwa mit drei Jahren ist ein Kind von seiner Entwicklung her in der Lage, zu begreifen, dass es gerade verliert. Oder anders gesagt: Es spürt die Unterschiede zwischen Macht und Schwäche. „Ein Verlierer ist in den Augen eines Kindes auch der, dem das andere Kind den Bagger wegnimmt“, sagt Jürgen Zeh, Spiel- und Kreativtrainer aus Nürnberg. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Für Kleinkinder ist das wie eine Demütigung, ein persönlicher Angriff, wenn sie nicht gewinnen.“

Tröstende Worte, wie „nächstes Mal bist Du der Gewinner“, nutzen in solchen Situationen wenig. „Kinder leben sehr im Augenblick: Jetzt hab ich verloren, jetzt bin ich schlecht. Ob sie morgen gewinnen, ist ihnen im Moment der vermeintlichen Niederlage egal“, sagt Pädagogin Bahrfeck-Wichitill. „Vielleicht sollten Sie sich als Eltern fragen, wie Sie selbst mit dem Gewinnen und Verlieren umgehen, ob Sie auch in schwierigen Situationen durchhalten oder schnell die Flinte ins Korn werfen und aus der Haut fahren, wenn es nicht so läuft, wie Sie es sich wünschen“, so Bahrfeck-Wichitill. „Oft überträgt sich das auf das Kind.“ Auch wenn ein Kind meistens seinen Willen bekommt, kann es Probleme damit kriegen, wenn plötzlich durch ein Spiel die Regeln bestimmt werden.

Dass Kinder lernen müssen, mit solchen Frustrationen umzugehen, liegt auf der Hand. „Verlieren zu können ist eine Fähigkeit, die man dringend braucht“, sagt auch Pädagogin Bahrfeck-Wichitill. „Auch im späteren Leben steht man leider nicht immer auf der Gewinner-Seite.“

Was du tun kannst, damit dein Kind verlieren lernt, beantwortet der bekannte Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge in unserem Expertenvideo:

Verlieren lernen – so kann’s gehen

„Die Königsdisziplin besteht darin, mit einem Lächeln zu verlieren“, sagt Spieleexperte Jürgen Zeh. Nun sind wir alle nicht zu coolen Verlierern geboren. Es rumort ganz schön in uns, wenn die Spiel-Glücksfee mal nicht so auf unserer Seite steht. Und für die Kids ist das natürlich doppelt schwierig.

So kannst du deinem Kind helfen, verlieren zu lernen

  • Rollenspiele trainieren - mal Superheld, mal Helfer:
    Bei Rollenspielen, die besonders Kindergartenkinder lieben, kann dein Kind sich darin üben, in verschiedene Charaktere zu schlüpfen und damit unterschiedliche Eigenschaften auszuprobieren. Mal spielt es die tolle Prinzessin, mal die Untertanen. Mal das Superpokémon, das alle anderen platt macht, mal den unterlegenen Gegner. „Wenn Sie Ihr Kind beim Spielen beobachten, dann werden Sie sehen, dass es häufig die Rollen wechselt“, sagt die Pädagogin Kerstin Bahrfeck-Wichitill. „So probiert es spielerisch die unterschiedlichen Machtstrukturen aus. Und es begreift, was es heißt, einen Perspektivenwechsel zu machen: Heute muss ich mich von der Königin herumkommandieren lassen, aber nächstes Mal bin ich der Chef.“
  • Die richtigen Spiele auswählen:
    Gerade für Spielanfänger gilt: Überfordere dein Kind nicht mit komplizierten Spielregeln. Reduziere das Spielmaterial. Wenn du mit deinem Vierjährigen mit dem Spiele-Klassiker Memory anfängst, dann nimm erstmal nur vier oder fünf Kartenpaare. „Die meisten Kinder sind erst im Vorschulalter so weit, dass sie Gesellschaftsspiele spielen können“, weiß Jürgen Zeh. „Teamspiele oder Geschicklichkeitsspiele, bei denen die Konzentration auf dem Tun liegt, sind für Spiel-Anfänger ideal.“ Und noch etwas: Das Spiel sollte kurz und überschaubar sein – fünf oder zehn Minuten reichen völlig für den Anfang. Das ist etwa die Zeitspanne, in der Kinder im Kindergartenalter konzentriert bei einer Sache bleiben können.
  • Wutausbrüche kanalisieren:
    Enttäuschung ist ok, Wut auch. Aber die sollte nicht an den Mitspielern oder am Spielmaterial ausgelassen werden. „Stellen Sie lieber ein Wut-Kissen bereit, auf das der Verlierer eindreschen darf – das ist besser, als das Spielbrett umzuwerfen“, rät Kerstin Bahrfeck-Wichitill. Wenn es extrem wird, also wenn ein (größeres) Kind immer wieder durch seine Wutanfälle das Spiel sprengt: Versuche, Ruhe zu bewahren. Schimpfen oder verbieten nutzt gar nichts, sondern bestätigt das Kind eher in seiner Kränkung. Spiele stattdessen weiter  – ohne den Wüterich. So wird das Kind von alleine neugierig und ist bei der nächsten Runde oder beim nächsten Spieleabend wieder voll dabei.
  • Kleinere Kinder auch mal gewinnen lassen:
    Kinder brauchen ein angemessenes Maß an Gewinnen und Niederlagen. Nur zu verlieren, macht niemandem Spaß. „Klar bin ich als Erwachsene einem Fünfjährigen überlegen“, sagt Pädagogin Bahrfeck-Wichitill. „Warum soll ich dann nicht mal meinem Sohn oder meiner Tochter ein Erfolgserlebnis gönnen? Ich muss es aber auch verlieren lassen – oder es knapp und spannend werden lassen.“ Und Vorsicht: Gewinnen-Lassen funktioniert nur bei kleineren Kindern. „Die Größeren merken das sofort und fühlen sich nicht ernst genommen“, so Jürgen Zeh, „da muss man ehrlich sein.“
  • Nach Kinderregeln spielen:
    Guter Kompromiss bei Spielen, bei denen Erwachsene Kindern überlegen sind: Spielen nach Kinderregeln. Etwa so: Kinder dürfen zweimal würfeln, Erwachsene einmal. Wichtig dabei: Mache die Regeln vor dem Spiel fest – Regeländerung bei laufendem Spiel gilt nicht.
  • Teams bilden:
    Eine prima Regel für Schwer-Verlierer: Im Team spielen. Also mit Papa oder Mama gemeinsam. Denn zu zweit verliert sich's leichter – und man kann immer noch dem anderen die Schuld in die Schuhe schieben, wenn man doch nicht so viel Glück hatte.

Gesellschaftsspiele – ist das denn noch zeitgemäß?

Zugegeben: Im Zeitalter von Nintendo, Wii und Co. kommt man sich fast schon ein wenig altmodisch vor, wenn man ganz real im Hier und Jetzt mit Würfel und Spielbrett hantiert. Klar, auch ein Computerspiel mit mehreren oder eine Runde Wii kann älteren Kindern – und ihren Eltern - Spass machen. Doch in Sachen Sozialkompetenz und Kommunikation sind die guten alten Brettspiele unschlagbar.

Im Prinzip lässt sich der Vorteil des Gesellschaftsspiels gegenüber dem Computerspiel auf eine einfache Formel bringen: Beim Computerspiel schaut man in den Bildschirm, beim Gesellschaftsspiel in die Gesichter der Mitspieler - und lernt darin zu lesen: Hat Mama gute Karten auf der Hand oder blufft sie nur? „Spielen bringt Menschen zusammen“, argumentiert Spieleexperte Jürgen Zeh, „man lacht zusammen, redet miteinander. Es ist urdemokratisch und generationenübergreifend – Enkel, Eltern und Großeltern sitzen an einem Tisch.“

Was man bei Gesellschaftsspielen lernen kann

Wer gelernt hat zu verlieren (oder gerade auf dem Weg dahin ist), trainiert seine emotionale Intelligenz. Die Gewinner üben sich im Mitgefühl, im Empathie-Empfinden – indem sie den Verlierer nicht auslachen, sondern seine Gefühle verstehen und respektieren.

Vieles, was man beim Spielen lernt, kann man im täglichen Leben einsetzen – Reaktionsvermögen etwa bei besonders rasanten Spielen. Oder Teamgeist: Werfe ich mit meinem nächsten Wurf Mama oder Papa raus, oder lieber meinen großen Bruder? Auch Intuition wird geschult: Nehme ich jetzt schon den Joker oder warte ich lieber bis zur nächsten Runde?


Service: Welches Spiel passt zu uns?

Wer mit Kindern spielt, denen es noch schwer fällt zu verlieren, sollte ganz besonders darauf achten, die passenden Spiele auszuwählen. Spielexperte Jürgen Zeh und das Team vom „Spiel des Jahres“ haben uns bei der Auswahl geholfen.

Kindergartenalter (2,5 bis 4 Jahre)

Für die ganz Kleinen: Mein Mäuschen-Farbspiel
(Verlag Ravensburger, ab 2,5 Jahre, Preis: etwa 20 Euro)
Ein Spiel, bei dem die Allerkleinsten einfache Regeln lernen können – und wie nebenbei die Farben lernen.

Teamspiel-Klassiker für Kindergartenkinder: Obstgarten
(Haba, 18,99 Euro)
Für kleine Kinder ist es schön, wenn das Spiel in eine Geschichte verpackt ist  - so wie bei Obstgarten. Da will der freche Rabe das Obst von den Bäumen klauen. Im Team spielen die Kinder gegen den Obstdieb.

Für Memory-Neulinge: Kinder memory Mitbringspiel
(von Ravensburger, ab 4 Jahre, 6,98 Euro)
Der Klassiker unter den Memorys. Mit schönen, einfachen, farbenfrohen Bildern. Wenn man nur wenige Memorypaare nimmt, ist das Spiel schon für 4-Jährige geeignet.

Vorschulalter

Memory-Spiel mit großem Spaßfaktor: Zicke-Zacke Igelkacke
(Zoch, 15,98 Euro)
Süße Spielfiguren aus Holz und eine spaßige Geschichte dazu. Funktioniert nach dem Memory-Prinzip

Kooperationsspiel für Käferfans: Maskenball der Käfer
(Selecta, 19,99 Euro (Kinderspiel des Jahres 2002))
Die Krabbelkäfer müssen untereinander ihre Punkte tauschen  - da ist Teamwork unter den Spielern gefragt.

Schulkinder und Familienspiele:

Lernspiel für Rechts- und Links-Verwechsler: Rinks & Lechts
(Amigo, 7,99 Euro, ab 6)
Rasantes Kartenspiel um die alte Frage: Wo ist denn nun rechts oder links.

Geschicklichkeitstraining: Klickado
(Drei Magier Spiele, 27,95 Euro, ab 6)
Der kleine Igel will am Trapez turnen – und die Spieler schmücken sein Stachelkleid mittels bunter Magnetstäbchen. Ein sehr ungewöhnliches Geschicklichkeitsspiel

Kommunikativer Spieleklassiker: Headbanz für Kids
(Noris Spiele, 14,99 Euro)
„Wer bin ich?“ kennt jeder Partygänger. Hier gibt’s die kindgerechte Version des Spieleklassikers. Fördert Kombinationsgabe und hilft, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Glücksspiel mit Meeresbewohnern: Kleine Fische
(Amigo, ca. 7 Euro)
Das ideale Spiel für unterwegs. Und besonders gut für Kinder, die nicht gut verlieren können. Da es ein Glücksspiel ist, kommt jeder mal zum (Fisch)-Zug.

Für Sprachtalente: Tabu
(Heidelberger Spielverlag, 27,98 Euro, ab 10, Spiel des Jahres 2010)
Der Begriff auf der Karte ist tabu, man muss ihn umschreiben. Hierbei sind Sprachwitz und Phantasie gefragt. Wer gewinnt oder verliert, steht gar nicht so sehr im Vordergrund, eher die Aktion.


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