Ein Interview

Können Steine glücklich sein?

Was bringen Philospohie-Kurse im Kindergarten- oder Grundschulalter? Warum macht es überhaupt Sinn, gemeinsam zu philosophieren? Ein urbia-Interview mit Christina Calvert vom Hamburger Verein "Philosophieren mit Kindern".

Autor: Antje Szillat
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Philosophiekurse: „Kant für Kleine"?

Steine glücklich
Foto: © Colourbox

Dr. Kristina Calvert ist Gründungsmitglied des Vereins „Philosophieren mit Kindern" in Hamburg, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, "den Respekt vor den Gedanken der Kinder zu fördern" und Kinder mit dem philosophischen Denken - verstanden als selber denken, vom anderen her denken, weiter denken - vertraut zu machen". Sie ist außerdem Autorin zahlreicher Bücher, zum Beispiel „Können Steine glücklich sein?“, „Philosophieren mit Fabeln“ und „Kinder philosophieren mit Frosch und Kröte“. Mit ihr sprach urbia-Autorin Antje Szillat.

urbia: Sich mit Kindern über den „Sinn des Lebens“ auszutauschen erfreut sich zunehmender Aufmerksamkeit. Selbst für Kindergarten- und Vorschulkinder werden schon sogenannte „Philosophieren mit Kindern-Kurse“ angeboten. An vielen Grundschulen findet man „Philosophieren“ als festes AG-Angebot auf dem Stundenplan. Was halten Sie von diesem Trend und wo kommt er Ihrer Meinung nach her?

Dr. Kristina Calvert: Natürlich halte ich ganz viel von diesem Trend. Wobei man natürlich klar unterscheiden sollte, dass es hierbei nicht um Philosophie für Kindern, also „Kant für Kleine“ oder Ähnliches handelt, sondern vermehrt um das Philosophieren mit Kindern. Es geht dabei um die Tätigkeit, dass man sich auf einer respektvollen Ebene mit den Kindern in einen Austausch begibt. Das heißt, dass ich versuche, erst einmal zu verstehen, was das Kind mit einer „Warum-Frage“ überhaupt in Erfahrung bringen möchte und nicht als Erwachsener gleich losgehe und sage: Du hast mich etwas über die Zeit gefragt oder warum das Weltall unendlich ist, dann erzähle ich dir mal was zur Uhr. Dass Kinder Fragen nach dem Sinn stellen, das ist natürlich schon immer so. Dass wir heute stärker darauf eingehen, hat damit zu tun, dass wir durch Pisa natürlich alle etwas angepickt waren und uns vermehrt darüber Gedanken machen, wie wir unsere Kinder besser in ihren Kompetenzen ausbilden können.

Neulich hörte ich von der Mutter eines siebenjährigen Jungen folgenden Satz: „Ich möchte meinem Sohn etwas über 'die alten Werte' vermitteln und das funktioniert sehr gut, wenn ich mit ihm philosophiere.“ Was haben „alte Werte“ mit Philosophie zu tun? Und kann dieser Ansatz wirklich funktionieren?

Calvert: Ja und nein. Natürlich haben alte Werte etwas mit dem Philosophieren zu tun, weil alte Werte zu der Frage „Was soll ich tun?“ gehören – also zu den Ethik-Fragen. Doch Philosophieren ist keine andere Art der Ethikunterweisung, sondern soll Kinder dazu anregen „selber zu denken“, miteinander zu denken und weiterzudenken. Und das natürlich auch über solche Fragen wie: Was ist richtig?, Was ist recht? oder Welche Regeln sollte man befolgen?. Aber diese Regeln werden nicht vorgegeben und auch nicht irgendwo versteckt eingebaut, wie es beispielsweise in der sogenannten „Ostereier Pädagogik“ üblich ist. Ganz nach dem Motto: Ich verstecke die Regel in meiner Geschichte und am Ende kommen die Kinder darauf. Darum geht es wirklich nicht beim Philosophieren, sondern vielmehr darum, die Logik-Kompetenz und die kreative Kompetenz der Kinder durch philosophisch relevante Fragen anzuregen und nicht, sie zu unterweisen.

Einfach gemeinsam neugierig sein

Warum ist es - besonders für kleine Kinder - so wichtig nicht jede Frage beantwortet zu bekommen, sondern sich selbst „auf die Suche nach Antworten“ zu begeben? Kann dies für die Entwicklung eines Kindes positive Auswirkungen haben und eventuell die Einstellung zum Leben verändern bzw. formen? Oder ist Ihnen diese Theorie zu weit hergeholt?

Calvert: Die Kinder werden geboren mit den zwei grundsätzlichen Fähigkeiten neugierig zu sein und sich zu wundern. Und diese Neugierde zu behalten - sich zu bewahren - ist Grundsatz allen Forschens. Wir können nicht forschen, und dazu muss ich noch nicht einmal ein großer Wissenschaftler sein, wenn wir uns kein Wissen aneignen wollen. Forschen ist der Grundsatz sich Wissen anzueignen. Und wenn wir schon ganz früh den Kindern das Fragen abgewöhnen, dann schaffen wir uns lauter kleine Kinder, die Ähnlichkeit mit einem Nürnberger Trichter haben: Deckel oben aufmachen - Wissen oben reinschütten - einmal gut durchschütteln und darauf hoffen, dass auch das dabei herauskommt, was ursprünglich mal gefragt wurde. Und genau das wollen wir natürlich beim Philosophieren nicht, sondern wir setzen beim „Sich-Wundern“ an und bei dieser Neugierde und versuchen, das Kind gerade in diesem Punkt „ganz wach“ zu halten.

Wunder dich weiter, Kind. Versuch mehr Klarheit zu finden, das auf jeden Fall, denn das ist natürlich der Antrieb, mich in dieser Welt zu orientieren. Die bekannte Jugendforscherin Donata Elschenbroich sagt dazu: „Wenn wir aufmerksam sind, dann mögen wir uns und andere. Und aufmerksam sind wir immer dann, wenn wir neugierig sind.“ Das sind die Gründe, warum wir als Erwachsene die Fragen der Kinder nicht immer gleich beantworten sollten.

Ab welchem Alter sind „Philosophieren mit Kindern Kurse“ empfehlenswert und was lernen die Kinder dabei?

Calvert: Empfehlenswert sind solche Kurse für Kinder ab circa vier Jahren. Hier bei uns in Hamburg und natürlich bundesweit auch, werden zunehmend in Kindergärten Kurse angeboten. Man möchte hier frühzeitig die Kompetenz „zu denken“ bei den Kindern stärker fördern. Natürlich brauchen Kinder nicht lernen „zu denken“ - das klingt schon fast ein bisschen paradox. Doch man muss ihnen einen Raum gegeben, dieses Denken - dieses „SELBER DENKEN“ vor allen Dingen - zu erproben und nicht nur das nachvollziehen, was andere schon einmal gesagt haben.

Das ist ein Lernprozess auf beiden Seiten: Für die Erwachsenen, mehr auf das zu hören, was das Kind sagt und für das Kind, das zu benutzen, was es an Dingen mitgeliefert bekommen hat – was im Gehirn alles möglich ist. Also, die eine Seite ist wirklich „sich zu nutzen“ - das ist ein emanzipierender Auftrag - und die zweite, dass sie ihre kreativen Kenntnisse erweitern - das heißt die Fantasietätigkeit so einsetzen, dass sie ihnen auch einen denkerischen Vorteil gibt.

Ein philosophisches Gespräch mit Kind - wie kommt das in Gang?

Wie können Eltern mit ihren Kindern philosophieren – wie könnte ein solches Gespräch aussehen und überhaupt „in Gang“ kommen?

Calvert: Allerbeste Möglichkeit ist: Ich gehe mit meinem Kind spazieren und das Kind stellt eine Frage. Und nun fange ich nicht sofort an all das, was ich dazu weiß, bis ins letzte Detail zu erklären und zu beantworten, sondern gebe die Frage zurück, indem ich sage: Was hast Du da eben gefragt? Wie meinst Du das eigentlich? Und als nächsten Schritt: Was würdest Du denn dazu sagen? Wie könnte das denn sein?

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass ich als Mutter oder Vater vielleicht auch gar nicht so viel zu diesem Thema weiß. Ich gehe also in den Buchladen (oder ans eigene Bücherregal) und eigne mir das Wissen an. Aber nicht in der „Ecke“ Sachbuch oder „Was ist Was“, nein, ich wähle ganz bewusst das Regal mit den Kindernbüchern und schaue, was es an guten Bilderbüchern zu diesem Thema - die keine Antwort geben, sondern die das Denken der Kinder zu diesem Thema weiter vorantreiben – gibt.

Und dann besorge ich mir so ein Kinderbuch, wenn es beispielsweise um das Thema Freundschaft geht, dann würde ich das Buch von Helma Heine „Freunde“ nehmen und mir dann ganz genau mit dem Kind anschauen, was meinen denn die, was Freundschaft ist? Und ist das wirklich Freundschaft? Abenteuer miteinander bestehen oder zusammen zu spielen, bedeutet das Freundschaft? Oder inwiefern ist das gemeinsame Essen ein Weg Freundschaft zu pflegen? Das sind zum Beispiel ganz einfache Wege mit dem Kind in ein gemeinsames Philosophieren zu kommen.


Respekt vor den Gedanken der Kinder

Können Sie unseren LeserInnen mehr über die Aufgaben, Vorgehensweisen und Ziele von „Philosophieren mit Kindern Hamburg“ erläutern?

Calvert: Wir haben uns sehr intensiv darüber Gedanken gemacht, was für einen Slogan wir für den Verein wählen können, der am besten das transportiert, was wir wollen. Dabei sind wir auf „Respekt vor den Gedanken der Kinder“ gekommen, denn das ist für uns ein ganz wesentlicher Punkt unserer Arbeit. Wir möchten, das Erwachsene wieder mit ihren Kindern in einen respektvollen Dialog einsteigen können. Ich persönlich bekomme oftmals von Eltern, die bei mir einen Kursus besucht haben, die Rückmeldung, dass zum Beispiel am Abend plötzlich Themen von Seiten des Kindes auf den Tisch gekommen sind, die beim Philosophieren behandelt wurden. Für die Eltern ist das dann oftmals ein regelrechtes AHA-Erlebnis, wenn sie feststellen, was für Gedanken sich das Kind zu diesem Thema machen kann und macht. Sie lernen ihr Kind von einer vollkommen neuen Seite kennen und gehen ein bisschen weg davon, „Kinder zu trivialisieren“. Nichts schlimmer, als ein Kind nicht wirklich Ernst zu nehmen - mit seinen Nöten und Sorgen.

Und das ist genau einer der wichtigen Punkte: Respektvollen Umgang miteinander! Und wir wollen den gesellschaftlichen Diskurs zu diesem Thema in Gang bringen und halten. Dafür bieten wir jede Menge außerschulische Kurse „Philosophieren mit Kindern“ an. Ein weiteres Anliegen ist uns die Ausbildung bzw. Weiterbildung von Lehrern, die übrigens sehr gut angenommen wird. Wir wollen die Haltung von Lehrern ihren Schülern gegenüber verändern.

Mehr Informationen über den Verein Philosophieren mit Kindern Hamburg e. V. erhältst du auf der Homepage des Vereins: www.philosophieren-mit-kindern-hamburg.de


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