Kinder und Kreativität

Matschen, malen, schnippeln

Kreativ sind alle Kinder - wenn man sie nur lässt und ihnen bisweilen Anregungen bietet. Unsere Autorin erzählt von ihren mehr oder weniger gelungenen Bemühungen, ihre beiden Kleinkinder kreativitätsfördernd zu erziehen.

Autor: Constanze Nieder
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Kreativ sind alle Kinder - wenn man sie lässt

Junge basteln schneiden
Foto: © iStockphoto.com/ Fertnig

"Mama, guck mal, hier ist ein ganz toller Stein", ruft Carlina (4), während ich ihre kleine Schwester Louisa (knapp zwei Jahre alt) aus dem Autositz nehme. Die kostbaren neuen Funde verschwinden in Carlinas Tasche und ich kann Louisa gerade noch davon abhalten, die ersten Blüten der Pfingstrosen abzupflücken. Zurück im Haus steuern meine Töchter zielsicher Schere, Tesafilm und das Geschenkpapier mit den bunten Herzen an, das ich aus Versehen liegen ließ. Mist! Beide rücken mit ihren Zick-Zackscheren dem Papier zu Leibe. Nun, wenigstens kann ich jetzt kochen.

Kunstpädagogen, Erzieherinnen und Entwicklungspsychologen weisen ja immer wieder darauf hin, wie wichtig das Experimentieren mit verschiedenen Materialien für die Entwicklung der Kinder ist. Kinder sind neugierig; sie wollen die Dinge, die sie umgeben be-greifen, sie wollen die Welt mit allen Sinnen entdecken, sie sehen, fühlen, riechen, schmecken, ertasten; sie beobachten und wollen zugleich selbst gestalten. Dafür nehmen sie alle Dinge, die sie gerade zur Hand haben: Egal ob es nun Pfingstrosenblüten, Steine oder der Ketchup ist, mit dem sie "hübsche" Bilder mit dem Finger auf den Tisch malen, oder auch die Tageszeitung, die sich zerreißen, zerknüllen, zerschneiden, falten, bekleben oder bemalen lässt.

"Maale", ertönt schon bald Louisas fordernder Ruf nach Stiften und Papier. Und eingedenk der genannten Erkenntnisse von Entwicklungspsychologen versorge ich sie unversehens mit dem gewünschten Material. Mit einem Prittstift klebt sie die Geschenkpapierschnitzel auf ein weißes Blatt. Als wir essen können, sehe ich, dass sich in die Buntstifte-Federmappe doch wieder ein paar Filzstifte – die ich gerne außerhalb Louisas Reichweite deponiere - geschmuggelt haben. Louisa hat damit zwar auch auf Papier gemalt, aber zwischendurch hat sie die Filzer wohl als Lippenstift umfunktioniert. Hoffentlich sind die Stifte wirklich so ungefährlich, wie es auf dem Ökosiegel stand! Für den Nachmittag nehme ich mir vor, die Kreativität meiner Süßen etwas in Bahnen zu lenken.

Was Hirnforscher herausgefunden haben

Bereits als Babys haben wir unseren Töchtern die verschiedensten Materialien, Formen und Farben zur Entdeckung und Bearbeitung geboten. Ob es nun die Knister- und Quitsch-Krabbeldecke, die Holzbausteine, die Feder, mit der sich so herrlich der Bauch kitzeln lässt, bunte "Zaubertücher" oder der mit Reis gefüllte Luftballon, der sich nicht nur schön anfühlt und fliegt, sondern auch noch Musik macht, waren. Intuitiv sind wir damit den Empfehlungen gefolgt, die sich aus der neueren Hirnforschung ergeben: Bieten wir dem Kind ausreichende Anregungen, dann tragen wir dazu bei, dass sich bei ihm die Ausbildung und Vernetzung der Nervenzellen verbessern kann. Manchmal sind es aber auch die ungewollten Anreize, die den Forscherdrang der Kleinen herausfordern: Der Wassernapf der Katzen lässt sich prima mit einem Löffel in Mamas Schuhe entleeren und die Erde aus dem Blumentopf eignet sich zum Verdunkeln der Fenster ...

Natürlich möchten wir unseren Töchtern Räume eröffnen, damit sie ihre Kreativität ausleben und erweitern können. Stärkt das selbständige Gestalten und Experimentieren doch das Selbstbewusstsein, fördert die Konzentrationsfähigkeit, regt Sinne und Fantasie an und dient gelegentlich der Entspannung. Also überrasche ich meine Töchter nach dem Mittagsschlaf mit der Ankündigung: "Wir malen heute mal was mit Fingerfarbe." Carlina ist gleich Feuer und Flamme: "Welche Fenster bemalen wir denn?" Doch dieses Mal lenke ich den Eifer meiner Süßen lieber auf ein großes Stück Papier. Von der vergangenen Fingermalaktion sind nämlich immer noch Spuren auf den weißen Kunststoffrahmen der Fenster zu sehen. Deshalb war die Fingerfarbe auch lange Zeit in den Keller verbannt. Ebenso wie die Knete, mit der Carlina gerne alles Mögliche formte, die Louisa aber ebensogerne aß.

Ein Fingerfarben-Experiment

Auf der Wiese rolle ich daher dieses Mal ein großes Stück Tapete aus, beschwere sie an den Enden mit dicken Steinen, stelle die Töpfe mit Fingerfarbe bereit und lege einen Waschlappen sowie ein altes Handtuch daneben. Carlina hat sich gleich den roten Topf geschnappt und beschmiert ihre linke Hand damit: "Mama, ich mache Handabdrücke." In der Zwischenzeit versucht Louisa den gelben Topf zu öffnen, ich kann gerade noch verhindern, dass sich die komplette Farbe auf der Wiese ausbreitet. Selbstverständlich möchte Louisa auch Handabdrücke fertigen. Carlina wird sauer, weil ihre kleine Schwester die Handabdrücke ausgerechnet über ihre eigenen macht. Ich kann Carlina beruhigen, aber Ruhe gönnt Louisa mir nicht: Jetzt öffnet sie den blauen Topf – ich schaffe es, das Ausschwappen zumindest einzugrenzen. Louisa greift mit der gelben Hand tief in das Gefäß, verreibt mit der anderen Hand die Farbe und bedruckt jetzt eine freie Fläche des Papiers. Selbständig wäscht sich Carlina mit dem Waschlappen die Hände sauber, weil sie jetzt mit einer anderen Farbe Fußabdrücke machen will. Louisa beobachtet ihre Schwester, nimmt sich den farbigen Waschlappen und "wäscht" sich das Gesicht. "Mama, guck mal Louisa hat Farbe im Gesicht", lacht Carlina. Ich säubere den Waschlappen im Wassereimer und reinige Louisas Gesicht.

"Mama, kannst du mir bei den Fußabdrücken mal helfen?" Klar, mache ich. Louisa braucht auch Unterstützung, um ihre angeschmierten Füße auf das Papier zu drücken. Gerne gleichzeitig wollen die beiden jetzt im Wassereimer ihre Füße waschen. Beim Gerangel um das begehrte Objekt fliegt der Eimer um und eine ganze Ladung Wasser fließt auf die ausgerollte Tapete. Carlina versucht, das Papier mit dem Handtuch zu trocknen – es entsteht eine ganz eigene Wischtechnik; Louisas Fußabdrücke sind gerade noch zu erahnen. Louisa möchte jetzt mit Rot malen, Carlina auch. Nach dem Rot nimmt sie wieder blaue Farbe und freut sich, dass daraus Lila entsteht. "Mama, Louisa malt ja nur Krikelkrakel", spottet Carlina. Irgendwie bin ich froh, als Nils, der Nachbarsjunge, mit dem Roller um die Ecke kommt und mit den beiden spielen möchte.

Abends zeigen die beiden das großformatige Bild voller Stolz ihrem Papa. "Papi, da", deutet Louisa aufgeregt auf ihre Hand- und Fußabdrücke. Carlina überlegt gemeinsam mit ihm, wo man es am besten hinhängen kann.


Schon Einjährige können malen und basteln

"Wenn Kinder selbst etwas gestaltet haben, dann sind sie stolz. Sie freuen sich, wenn das Kunstwerk einen besonderen Platz bekommt und die Erwachsenen damit ihre Wertschätzung für das Gefertigte ausdrücken", betont Andrea Hoffmann aus Leverkusen und spricht sich für das Anlegen einer Sammelmappe aus. Für die ausgebildete Erzieherin und Mutter dreier Kinder spielt die Förderung von Kreativität bei Kindern eine große Rolle. In der Spielgruppe, die sie leitet, hat sie immer wieder neue Ideen, was bereits Einjährige basteln können. Da ist beispielsweise das Farbspiel mit Murmel: In einen Kartondeckel wird ein Blatt Papier gelegt, mit Hilfe der Mütter tropfen die Kleinen dann sehr flüssige Wasserfarbe auf das Papier. Die Kinder legen dann eine Murmel auf das Papier und bewegen den Kartondeckel. Die rollende Murmel sorgt für ein eigenwilliges Farb- und Musterspiel. Die Kinder freuen sich über das Experiment, manche von ihnen wollen das Papier gar nicht mehr aus den Händen geben.

"Ich halte es für sehr wichtig, schon ganz früh mit den Kindern anzufangen zu malen und zu basteln", sagt Andrea Hoffmann. Etwa mit einem Jahr können Kinder bereits mit Buntstiften umgehen. Nach ihrer Überzeugung könnten die Jungen und Mädchen schon mit etwa 21 Monaten anfangen, mit der Kinderschere zu werkeln - natürlich unter Aufsicht. Im Fachhandel gibt es spezielle Scheren, die nur Papier schneiden. Das Schneiden mit der Schere fördert die Feinmotorik und ist eine wichtige Vorbereitung für die Schule: Wer gut mit der Schere umgehen kann, kann auch gut einen Stift halten und hat es beim Schreiben einfacher, belegen verschiedene Untersuchungen.

In welchem Alter die Kinder mit welchen Materialien (Wasserfarbe, Stoff, Filz, Gips, Draht, Holz, Salzteig, Wachs) arbeiten und welche Techniken (Wisch-, Spritz- oder Tropftechnik, Stanzen, Kleben, Schneiden, Drucken, Prickeln) sie anwenden, hänge aber auch mit dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes zusammen, unterstreicht Andrea Hoffmann. Manche Eltern hätten Scheu, mit ihren Kindern zu malen, weil sie glauben, es selbst nicht zu können. "Man muss den Kindern nichts Großartiges vormalen. Es reicht schon wenn man ihnen Papier, Bunt-, Wachs- und Filzstifte und Kreide zur Verfügung stellt. Kinder müssen die Materialien, aber auch die Zeit haben, sich selbst auszuprobieren", unterstreicht die Leverkusenerin.

Material gibt's überall

Auch während ihrer Arbeit als Erzieherin hat Andrea Hoffmann großen Wert auf eigenständiges Arbeiten der Kinder gelegt. "Ich habe ganz wenig mit vorgearbeiteten Schablonen gearbeitet. Die Kinder sollten eher bestimmte Dinge beobachten oder in die Natur gehen und dann das Gesehene gestalterisch umsetzen."

Aus den vielen Naturmaterialien, die Kinder beim Spaziergang im Wald finden, können sie einzigartige Kunst- und Gebrauchsgegenstände anfertigen. Manchmal müssen sie dafür nicht einmal handwerken, mit ein bisschen Phantasie wird aus einem Stock eine Säge, aus einer Kastanie ein Ball oder aus der frisch gepflückten Gänseblümchenwiese ein "ganz tolles Taufkleid für die Puppe". Aus aufgesammelten Blütenblättern entsteht ein mehr oder weniger duftendes Potpourri, aus Baumrinden wird ein Teelichthalter. Aber natürlich wird mit den Materialien auch gearbeitet: schöne Blätter werden aufgeklebt; mit der gefundenen Säge wird ein dicker Lehmbrocken zerkleinert, die im Urlaub gefundenen Muscheln dienen zur Verzierung der gebackenen Kuchen im Sandkasten, die Steine werden in der Regentonne gewaschen und dienen anschließend als Teller für die Butterblumen-Löwenzahn-Suppe. Gelegentlich werden die Kinder auch selbst zum "Kunstwerk", wenn sie sich im Sommer beispielsweise mit einem Lehm-Sand-Wasser-Gemisch einschmieren und eine wahre Freude daran haben, wenn nach der Trockenphase nach und nach wieder alles von der Haut abbröckelt.

Wichtig ist es, dem Kind die Möglichkeit zu geben, seinen eigenen Stil zu finden. "Das muss kein perfektes Kunstwerk sein", meint Andrea Hoffmann und richtet sich an die Erwachsenen, den Kindern nicht ihre eigenen Vorstellungen aufzudrücken und damit die Kreativität der Kinder im Keim zu ersticken: "Was wir schön finden, finden nicht unbedingt die Kinder schön."

Gefühle ausdrücken

Das Malen von Bildern hat für die dreifache Mutter aber auch noch einen anderen Aspekt: "Viele Dinge kommen aus dem Unterbewusstsein. Bestimmte Ereignisse oder Gefühle, wie beispielsweise die Trauer über den Tod eines Haustieres, finden in den Bildern ihren Ausdruck. Das Malen bietet somit auch eine Möglichkeit, seine Erlebnisse zu verarbeiten." Diesen Ansatz greift auch die Kunstpädagogin Heike Fröhlich auf, wenn sie Schulklassen durch das Museum Baden in Solingen führt und das Thema Portraitzeichnungen auf dem Programm steht. Zunächst werden ausgestellte Portraits angeschaut und besprochen. Im Atelier sollen die Kinder und Jugendlichen dann sich selbst malen. "Wie fühlt ihr euch? Was sind traurige, was sind fröhliche Farben?", gibt Heike Fröhlich Anregungen, stellt aber keine Anforderungen an das Bild: Je nach Können und Vorstellung fertigen die Schüler realistische oder abstrakte Eigenportraits an.

Solchermaßen inspiriert frage ich Carlina, wie die Einladungskarten für ihren Geburtstag aussehen sollen. Ich hatte mit Herzchen- oder Prinzessinnenmotiv gerechnet. "Das sollen Luftballons sein, die sind so schön bunt und sehen lustig aus." Oh je, denke ich, Ballons mit Transparentpapier und Kleister... Kreativität hin oder her, entweder muss mein Mann bei der Bastelaktion dabei sein oder Louisa wird bei der Oma untergebracht – wie sollen sonst zehn Einladungen pünktlich fertig werden?

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Und mehr Anregungen für dein Zuhause gibt es bei www.zuhause-erleben.de.


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