"Man wird von Innen nach Aussen gewendet"

Adoption kein Zuckerschlecken

Claudia und Uwe Becker möchten ein Kind adoptieren. urbia sprach mit ihnen über das harte Bewerbungsverfahren, das beide auf Herz und Nieren überprüfen soll.

Autor: Constanze Nieder
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Ein Paar über ihr Adoptionsbewerbungsverfahren

Paar traurig Rueckenansicht iStock Juanmonino
Foto: © iStockphoto.com/ Juanmonino

"Schon als wir zusammen kamen, habe ich Uwe gesagt, dass ich auf jeden Fall ein Kind haben möchte", berichtet Claudia Becker*. Kurz nach ihrer Hochzeit setzte sie die Pille ab, in der Hoffnung möglichst schnell schwanger zu werden. Doch auch nach vier Jahren blieb der Kinderwunsch trotz dreimaliger Insemination unerfüllt.

Weitere medizinische Eingriffe und hormonelle Behandlungen kamen für die Rheinländerin nicht in Frage und so reifte bei dem Paar der Gedanke, ein Kind zu adoptieren. Claudia Becker nahm erstmals Kontakt mit dem zuständigen Jugendamt auf, um sich über die Vorgehensweise einer Adoption aufklären zu lassen.

Die Chance auf einen Säugling so wahrscheinlich wie eine Sternschnuppe

Knapp ein halbes Jahr später wurden Claudia Becker und ihr sieben Monate älterer Mann zu einem Informationsabend eingeladen. Dort trafen sie auf weitere fünf Paare, die ebenfalls ein Kind adoptieren wollten. "Es beruhigte, zu wissen, dass viele in der selben Situation wie wir sind", erinnert sich Claudia Becker.

Doch bereits an diesem ersten Abend ist dem Paar die "Blauäugigkeit", mit der es an die Adoption herangegangen ist, genommen worden. "Man hat uns gesagt, dass die Chance, einen Säugling zu bekommen, vergleichbar mit einer Sternschnuppe ist. Maximal bis 40 Jahre kann man noch ein Kleinkind bekommen. Uns rennt die Zeit weg", hieß es. Zudem hätten die Mitarbeiter der Adoptionsvermittlungsstelle nichts beschönigt. Im Gegenteil: "Sie haben eher ein Horrorszenario gezeichnet und uns damit konfrontiert, ob wir uns auch vorstellen könnten, ein suchtkrankes oder behindertes Kind anzunehmen. Es könnte auch passieren, dass das Kind HIV-infiziert ist und wir als Adoptiveltern dann Sterbebegleitung leisten müssten."

Zweifel, ob man der Situation gewachsen ist

Für einige Paare sei nach diesen drastischen Schilderungen eine Adoption nicht mehr in Frage gekommen. "Natürlich kommt man ins Grübeln, ob man einer solchen Situation gewachsen ist. Aber man kann ja auch bei einem leiblichen Kind nicht ausschließen, dass es behindert oder schwierig sein wird. Wir glauben aber, dass wir das Potenzial hätten, auch mit solchen Problemen fertig zu werden", schildern die beiden, die sich von ihrem Adoptionswillen nicht haben abbringen lassen.

Gleichwohl geben sie aber auch die Hoffnung auf ein leibliches Kind nicht auf. Das allerdings sollte man, so Claudia Becker, der Adoptionsvermittlungsstelle nicht auf die Nase binden, denn die setzt voraus, dass die eigene Kinderlosigkeit vollkommen verarbeitet ist und die Adoption nicht die zweitbeste Lösung sein darf.

(*alle Namen sind von der Redaktion geändert)

Gruppenspiele

Nach dem Informationsabend trafen sich die adoptionsbereiten Paare dreimal zu Gruppenspielen. Beim ersten Treffen ging es um das Nachspielen einer realen Geschichte: Ein zweijähriges Mädchen stand zur Adoption frei. Ihre Mutter war Prostituierte und ihr Vater Alkoholiker, der sich meist im Delirium befand. Die Eltern kümmerten sich nicht richtig um die Kleine, erfüllten nicht einmal ihre Grundbedürfnisse. Sie wurde dann von den Großeltern aufgenommen. Doch die waren mit der Erziehung des Kindes überfordert und als der Opa starb, wurde das Jugendamt eingeschaltet.

Das Kind kam in eine Adoptionsfamilie, doch die kam mit dem Mädchen überhaupt nicht zurecht. Als es dann Orangensaft in den Videorekorder geschüttet hat, lief das Fass über – das Kind kam in ein Heim, bis es in einer zweiten Adoptionsfamilie bleiben konnte. "Jeder Teilnehmer musste eine Person spielen. Wir standen im Kreis und reichten symbolisch das Mädchen von einem zum anderen. Es war erschreckend, was das Kind bereits alles erlebt hat. Aber zu erkennen, dass das Kind seine Vergangenheit im Gepäck hat, war Sinn des Spiels", erzählt Claudia Becker.

Ist die eigene Kinderlosigkeit verarbeitet?

Am zweiten Gruppenabend ging es um das Problem der eigenen Kinderlosigkeit. "Wie reagieren Sie, wenn Ihnen ein Paar mit einem Kinderwagen entgegen kommt?", war eine Frage, die thematisiert wurde. Außerdem spielten die Teilnehmer folgende Situation durch: An dem Geburtstag der Frau wird die Familie über den Adoptionswillen des Paares aufgeklärt. Unverständnis wie: „Was, Ihr wollt ein fremdes Kind aufnehmen? Warum?“, war dabei noch die harmloseste Variante.

Ohne Kommunikation läuft nichts

In drei Gruppen wurden die Paare am dritten Abend aufgeteilt. Jedes Team musste aus Zeitungspapier ein bestimmtes Tier basteln, allerdings unter erschwerten Bedingungen: Die Mitglieder der einen Gruppe hatten die Augen verbunden, sie durften aber miteinander reden; die Mitglieder der zweiten Gruppe durften nicht sprechen, sie hatten die Augen aber nicht verbunden; die Teilnehmer der dritten Gruppe konnten weder etwas sehen, noch durfte gesprochen werden. Das Tier dieser Gruppe war auch als solches überhaupt nicht zu erkennen. "Es wurde sehr deutlich, wie wichtig die Kommunikation ist. Wenn man mit dem Kind nicht spricht oder nicht an es herankommt, dann wird es sehr schwierig, ihm den Weg zu ebnen", so das Paar. Gleiches gelte auch für die Kommunikation zwischen den Ehepartnern.

Einzelgespräche mit der Adoptionsvermittlerin

An die Gruppenabende schlossen sich Einzelgespräche mit einem Betreuer der Adoptionsvermittlungsstelle an. Etwa acht Mal trafen sich Claudia und Uwe Becker im Jugendamt oder bei ihnen zu Hause mit der für sie zuständigen Psychologin, die sich ein umfassendes Bild von der Lebenssituation des Paares verschaffte. Uwe Becker: "Als die Betreuerin das erste Mal zu uns kam, ging sie zunächst durch das ganze Haus und guckte sich alles an." Ein Gespräch dauerte zwischen 90 und 120 Minuten. Dabei mussten das monatliche Nettoeinkommen sowie sämtliche Besitzverhältnisse offengelegt werden.

Es wurde aber auch genau nach den Beweggründen für eine Adoption, den Ursachen der Kinderlosigkeit sowie den Erziehungsvorstellungen gefragt. "Was empfinden Sie gegenüber Eltern, die sich von ihrem Kind trennen?", "Die Bewältigung welcher Probleme eines Kindes trauen sie sich zu?" oder "Wie würden Sie sich verhalten, wenn Ihr Kind später seine leiblichen Eltern kennenlernen möchte?", sind auftauchende Fragen. Bis ins Detail wird aber auch die Beziehung der Ehepartner unter die Lupe genommen. Dem Paar wurde nahegelegt, sich für eine teiloffene Adoption (die leiblichen Eltern lernen die Adoptiveltern kennen, kennen aber den Namen und Wohnort der Adoptiveltern nicht) zu entscheiden. Die Adoptionsvermittlungsstelle setze voraus, dass sich ein Elternteil zumindest die ersten Jahre ausschließlich um das Kind kümmert und in der Zeit nicht arbeiten geht.

"Man wird von Innen nach Außen gewendet", berichtet Claudia Becker, deren Gefühle zwischen Traurigkeit und Wut schwanken: "Ich hätte niemals damit gerechnet, dass uns die Kinderlosigkeit einmal betreffen könnte; dass wir in eine solche Situation kommen." Sie verschweigt auch nicht, dass die Partnerschaft durch diesen Umstand hart auf die Probe gestellt wurde.


"Wir dürfen uns jetzt bundesweit bewerben"

Knapp ein Jahr nach der ersten Kontaktaufnahme mit dem Jugendamt bekamen Beckers die Bestätigung, dass sie sich um ein Adoptionskind bewerben können. Der Abschlussbericht sowie der von ihnen ausgefüllte Fragebogen liegen beim zuständigen Jugendamt. Die Arbeitgeber müssen auch über das Adoptionsbewerbungsverfahren informiert werden. "Wir dürfen jetzt in ganz Deutschland die Jugendämter anschreiben und die können dann die Unterlagen über uns bei unserem zuständigen Jugendamt anfordern“, erläutert Claudia Becker und ergänzt: "Ob wir je ein Kind adoptieren können, ist ungewiss. Die Adoptionsvermittlungsstelle legt sich überhaupt nicht fest.

Bei einem befreundeten Paar hat es sechs Jahre lang gedauert. 80 Prozent ihrer Bewerbungen kamen sofort mit negativer Antwort wieder zurück. Die beiden haben gar nicht mehr damit gerechnet, dass es noch klappt und sind wieder in eine kleinere Wohnung gezogen. Dann kam aber der Anruf, dass ein Kind unterwegs sein, das sie in wenigen Tagen abholen könnten. Kurioserweise rief sie drei Monate später ein anderes Jugendamt an, das ebenfalls einen Säugling für sie gefunden hatte.“ Claudia und Uwe Becker machen sich zwar Hoffnungen, ein Kind bis vier Jahre adoptieren zu können, richten aber nicht ihr ganzes Leben danach aus: "Wir müssen mit beiden Situationen klar kommen."

Lesen Sie hierzu auch unsere Artikel Eltern gesucht und Auslandsadoption. Weitere Informationen und nützliche Links finden Sie unter www.adoptierte.de.

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