Warum sie und nicht ich?
Neidgefühle: Schon wieder eine Freundin schwanger!
Eigentlich möchte man sich ja mitfreuen. Aber wer schon länger einen Kinderwunsch hegt und vergeblich auf ein Baby wartet, kann auch Neid oder Trauer empfinden, wenn eine Freundin oder Bekannte schwanger wird. Wie können beide Seiten damit umgehen?
Kinderwunsch und Neidgefühle
„Ich habe vorhin eine Bekannte getroffen, die vor 15 Monaten mit mir gleichzeitig schwanger wurde. Ich hatte eine Fehlgeburt, sie nicht. Heute habe ich sie mit dem Baby getroffen. Und da sagt sie freudestrahlend: ‚Wir wünschen uns jetzt das zweite Kind, haben diesen Monat angefangen, und was soll ich sagen: Ich bin schwanger!‘ Ich habe ihr natürlich ordentlich gratuliert und mir ihre kleine Maus im Wagen angeschaut. Aber jetzt fühl‘ ich mich so schlecht. Bei uns hat es seither nicht mehr geklappt, und sie kriegt schon das Zweite“, klagt eine Mutter in einem Kinderwunschforum. „Ich weiß, ich sollte ihr ihr Glück gönnen. Aber es ist so unfair!“
Neidgefühle werden im Alltag fast nie offen ausgesprochen. Doch das Internet erlaubt es in der Anonymität der Kinderwunschforen, auch dieses ungeliebte Gefühl in Worte zu fassen. Neid ist hier ein häufiges Thema, was zeigt, wie groß die emotionale Not oft ist. Dicht auf dem Fuße folgt dem Neid dabei fast immer auch noch ein anderes Gefühl: das Schuldgefühl. Schließlich kann es doch nicht richtig sein, einer Freundin ihr Glück nicht vorbehaltlos zu gönnen, oder? „Vor einer Woche hat mir meine beste Freundin erzählt, dass sie schwanger ist. Sie kennt ihren Freund gerade ein halbes Jahr und ist jetzt im dritten Monat. Das ist so ungerecht: Ich erleide zwei Fehlgeburten, und sie wird im ersten Anlauf schwanger. Warum passiert das immer Menschen, die es nicht zu schätzen wissen? Bin ich jetzt ein schlechter Mensch, weil ich so denke?“, fragt sich eine andere Userin.
Neid - das verbotene Gefühl
Doch warum tun wir uns mit dem Neid so schwer? „Neid ist ein tabuisiertes Gefühl. Wir ordnen es oft eher Kindern zu, aber nicht so gern uns Erwachsenen“, erklärt dazu Diplom-Psychologin Beatrix Weidinger–von der Recke. „Neid ist einfach vorhanden, aber es fällt schwer, ihn zuzugeben oder darüber zu reden. Im christlichen Kontext gilt er sogar als Todsünde, deshalb kann er vor allem bei christlich geprägten Menschen auch Schuldgefühle auslösen. Neid ist aber auch gesellschaftlich negativ sanktioniert“, erklärt die Therapeutin, die sich in ihrer Münchener Praxis unter anderem auf die Beratung von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch spezialisiert hat. „Wenn eine Frau also neidisch ist auf eine Freundin, die schwanger ist, bestraft sie sich oft gleich doppelt: Sie hat zum einen dieses fiese Gefühl und muss sich zusätzlich auch noch mit eigenen Schuldgefühlen auseinander setzen, da sie sich schlecht fühlt, weil sie neidisch ist.“ Dabei sei es wichtig zu akzeptieren, dass Neid eines unserer Grundgefühle und ganz normal ist. „Jeder ist gelegentlich neidisch.“







