Hormontherapie und Schwangerschaft

Erfahrungsbericht: Tschüss Felix!

Mit 36 Jahren und Übergewicht wurde Elke Böinghoff erst nach einer Hormonbehandlung schwanger. Bei urbia erzählt sie, wie sie sich von ihrem Wunschkind bereits allzu früh wieder verabschieden musste.

Autor: Elke Böinghoff
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'Bei Ihrem Gewicht und Ihrem Alter...'

Frau traurig Kissen panther Werner Heiber
Foto: © Panthermedia, Werner Heiber

Elke Böinghoff aus Kamen ist 36 Jahre alt, verheiratet und wünscht sich ein Kind. Zu urbia kam sie, als sie sich zum Thema "Hormontherapie" im Internet schlau machte. Als sie dann schwanger wurde, blieb sie urbianerin. Doch die nach einer Hormontherapie eingetretene Wunschschwangerschaft endete jäh - mit einer Fehlgeburt. Sie schrieb ihre Erlebnisse auf - in der Hoffnung, "dass meine Geschichte doch auch für andere ganz interessant sein könnte." Dies ist ihr Erfahrungsbericht:

"Tja, das wird nicht leicht werden" – Der Arzt beugte sich – seine Stirn in Dackelfalten gelegt - über unsere Unterlagen. "Bei ihrem Gewicht und mit ihrem Alter…" Hallo?! Ich war doch gerade mal 36 Jahre. Klar, das war nicht gerade frühlingfrisch – aber zu alt um ein Kind zu bekommen? Doch wohl kaum. Und meine 124 Kilo waren natürlich auch nicht gerade schön, aber da habe ich schon dickere Frauen mit einer Masse Kinder gesehen. "Naja, und Sie sind ja auch schon über 40." Das ging gegen Alex, der neben mir saß, seine Stirn ebenfalls in Dackelfalten gelegt, wie immer, wenn ihm etwas nicht passt.

"Kinderwunschpraxis" – na, den Besuch hatten wir uns nun doch anders vorgestellt. Dass es für mich nicht leicht werden würde, schwanger zu werden, das wussten wir. Immerhin hatte ich vermutlich noch nie einen Eisprung gehabt, meine Periode kam seit der Pubertät im Abstand von fünf bis sechs Wochen – zu lang für einen Eisprung. "Aber da kann man mit Spritzen nachhelfen, das ist kein Problem", hatte meine Frauenärztin gesagt. Und da es eben um Spritzen ging, überwies sie mich dann an diese "Kinderwunschpraxis". Aber vielleicht war mein Fall einfach zu schwer, denn viel lieber als über die Hormonbehandlung für eine Schwangerschaft wollte der behandelnde Arzt gleich über künstliche Befruchtung sprechen. Doch das kam für uns – zumindest zunächst einmal – überhaupt nicht in Frage. Und als wir seinen Redefluss dahingehend stoppten, schwand sein Interesse an uns im Nu. Sei’s drum. Ich bekam jedenfalls einige Rezepte in die Hand gedrückt, ein Einweisungsgespräch mit einer der Arzthelferinnen und dann waren wir entlassen. Etwas betäubt, denn wir hatten doch mit etwas mehr Optimismus gerechnet. Immerhin waren wir doch bis auf meine verkorksten Hormone gesund.

Volltreffer beim ersten Mal

Zu Neujahr begann ich mit den Spritzen, was zwar nicht angenehm war, aber ich gewöhnte mich daran. So rammte ich mir die nächsten zehn Tage allabendlich eine kleine Spritze in den Bauch, nach sieben Tagen ging es zum Ultraschall und am zehnten Tag war tatsächlich eine Eiblase zu sehen. Mit einem süffisanten Grinsen und den Worten "Na denn, viel Erfolg"! schickte mich der Arzt am 13. Januar nach Hause, nicht ohne mir einzuschärfen, dass nicht nur der 14. sondern auch der 15. Januar "genutzt" werden sollten. Was wir auch eifrig taten, im festen Glabuen, dass es beim ersten Mal eh nicht funktionieren würde. Denkste. Zwei Wochen später sollte ich morgens zum Schwangerschaftstest antreten, am Nachmittag sollte ich dann nachfragen. Und während die Einstichstelle in meinem Arm langsam aber großflächig blau anlief, rief ich in der Praxis an, auf einem Zettel hatte ich mir extra notiert, nach einem neuen Rezept für die Spritzen zu fragen. "Herzlichen Glückwunsch, sie sind schwanger". "Nein" – es kam einfach so aus meinem Mund geschossen. Was denkt man sich nicht vorher alles aus, wie cool man bei einer solchen Neuigkeit reagieren will – und dann schoss mir einfach dieses ungläubige "Nein" aus dem Mund. Und dann ein "Wow" hinterher. Auch richtig cool. Und: "Das gibt’s doch gar nicht" gleich hinterher. Die Arzthelferin fand’s lustig, gratulierte mir noch einmal und erinnerte mich an die Hormonzäpfchen, die ich nun nehmen sollte.

'Wie, hat es etwa geklappt?'

Wie sag ich’s meinem Mann? Dazu fiel mir nichts ein, also beschloss ich, einfach die Situation abzuwarten. Ich war abends als erste zu Hause und hatte es mir schon auf der Couch gemütlich gemacht. Alex war noch beim Einkaufen, aber er wusste ja, dass ich heute das Ergebnis meines Tests erfahren würde. Ob er mich wohl von sich aus fragen würde? "Man, waren die bescheuert…" Mit diesen Worten stürmte Alex ins Wohnzimmer und erzählte mir irgendeine Story, die ihm beim Kauf von zwei Kästen Cola widerfahren war. Ich saß nur da und grinste ihn an und dachte, ich sollte doch einfach warten, bis er sein so ungeheuer aufregendes Erlebnis verarbeitet hat. Und dann, endlich, nach 20 Minuten, die Frage. "Was hat denn eigentlich der Arzt gesagt?". "Tja", sagte ich, und grinste ihn breit an. "Wie, hat es etwa geklappt?" Ich konnte nur nicken, weil ich sonst vor Lachen geplatzt wäre. Dieser Blick war einfach unbezahlbar. Da saßen wir also, ein Paar, zu alt und zu dick für Kinder und waren einfach so – mit etwas Anstupsen – schwanger geworden. So kann’s gehen.

Im Ultraschall etwas klein

Eigentlich verlief die Schwangerschaft ganz gut, es zwickte zwar hier und da mal, aber darüber machte ich mir keine Sorgen. Meine Frauenärztin fand das Kind im Ultraschall immer etwas klein, aber nicht besorgniserregend. Rosenmontag hatte ich einen halben Tag frei und beschloss, den Garten etwas auf Vordermann zu bringen. Abends hatte ich dann eine leichte Blutung. Zwar machte ich mir in der Nacht große Sorgen, doch am nächsten Morgen war wohl wieder alles in Ordnung. Keine Übelkeit oder so etwas trübte die Schwangerschaft, nur Schokolade verursachte mir plötzlich höllisches Sodbrennen, dem ich zunächst machtlos gegenüber stand, denn Tabletten wollte ich eigentlich keine nehmen. Doch nach einer schlaflosen Nacht mit furchtbaren Schmerzen im Oberbauch besorgte ich mir in der Apotheke einen Tee, der mir sehr gut half. Auch diese Nacht beantwortete mein Körper mit einer leichten Blutung am folgenden Abend. Ich merkte, ich musste mich wirklich schonen.

Am 2. März hatte ich dann den Termin für die Erstuntersuchung. Ein lästiger Ausfluss hatte mir Sorgen gemacht, doch die Frauenärztin beruhigte mich, das sei nur eine leichte und bei Schwangeren übliche Pilzinfektion. Mit einem Rezept für ein Pilzmittel in der einen Hand und einem dicken "Baby-Merchandising"-Paket in der anderen Hand verließ ich die Praxis. Am Montag sollte es in den Urlaub an die Nordsee gehen und am Sonntag wollten wir unseren Familien die frohe Botschaft überbringen. Alle freuten sich und beglückwünschten uns und so fuhren wir am Montag ganz beschwingt in den Urlaub.


'Ich kann keinen Herzschlag finden'

Doch so wirklich genießen konnte ich den Urlaub nicht, denn gleich am Dienstag fühlte ich mich irgendwie so merkwürdig schlapp und deprimiert. Am Donnerstag bekam ich am Abend eine ziemlich heftige Blutung, die ich aber auf das Pilzmittel schob. Am Freitagabend erneut, erst am Samstag war wieder alles gut. Redete ich mir ein. Mein Appetit war die ganze Woche über nicht gut gewesen, doch am Sonntagmorgen gab ich das Frühstück wieder von mir und mir war eigentlich den ganzen Tag über schlecht. Ich war einfach nur froh, dass es am Montag wieder nach Hause gehen sollte.

Am Montagmorgen machte ich gleich einen Termin bei meiner Frauenärztin aus, die mich wegen der Blutungen untersuchte. "Das kommt häufig nach diesem Pilzmittel vor", beruhigte sie mich, "aber zur Vorsicht können wir ja noch einmal ein Ultraschall machen." Im Ultraschall sah das Kind größer aus als beim letzten Mal doch die Ärztin starrte weiter gebannt auf den Bildschirm. Dann stupste sie mich in den Bauch, um die Lage des Kindes zu verändern. "Ich fürchte, ich kann keinen Herzschlag finden", teilte sie mir dann mit. Ich sah Tränen in ihren Augen und war selbst zu betäubt um irgend etwas sagen oder tun zu können. "Aber es ist doch größer, es ist doch gewachsen, oder?" "Ja, das schon, aber jetzt ist da kein Herzschlag mehr…" Ich war wie vor den Kopf gestoßen, bekam das, was mir die Ärztin sagte, nur am Rande mit. Wegen einer Bestätigung sollte ich zu einer zweiten Ärztin, die auch die dann notwendige Operation im Krankenhaus durchführen würde. Ich nickte nur und verstand nichts. Mit dem Terminzettel in der Faust verließ ich die Praxis – mit einem toten Kind im Bauch. Zu Hause setzte ich mich an den Küchentisch. Mit der rechten Hand hielt ich mich an der Tischplatte fest, erst nach einer halben Stunde merkte ich, wie fest sich meine Hand an der Tischkante festgeklammert hatte. Ich saß einfach nur so da und starrte vor mich hin. Keine Tränen – nichts. Ich rief meine Kollegin an und meldete mich für die nächsten Tage ab. In dürren Worten erklärte ich ihr die Situation, von meiner Schwangerschaft hatte ich auf der Arbeit noch nichts gesagt, so war meine Kollegin gleich doppelt überrascht. Doch das ließ sie sich, wie ich erwartet hatte, nicht anmerken, sondern begann gleich zu meckern, wie viel doch zu tun wäre und das könne sie alleine nicht schaffen und so weiter und so fort. Interessierte mich das? Nein. Ziemlich schnell legte ich wieder auf, ich hatte nun wirklich andere Probleme.

So etwas passiert - niemand hat Schuld

Alex war unterwegs zum Einkaufen und es dauerte eine Ewigkeit, bis ich seinen Schlüssel in der Haustür hörte. Kaum kam er zur Küchentür hinein, fing ich an zu weinen. Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln und brachte schließlich ein "Das Kind ist tot" heraus. Alex hielt mich einfach nur fest und sagte nichts. Wie wir den Tag dann hinter uns gebracht haben, weiß ich nicht mehr, aber Alex tröstende Anwesenheit und seine aufmunternden Worte halfen mir ungemein. Er wiederholte das, was auch meine Frauenärztin schon gesagt hatte, dass man nach einer Fehlgeburt oft leicht wieder schwanger wird. Und dass der Verlust in der zehnten Woche nicht so schlimm sei, wie wenn es später im fünften oder sechsten Monat passiert wäre.

Am nächsten Tag dann die Bestätigung der Diagnose – kein Herzschlag mehr. Auch diese Ärztin war sehr nett, tröstete mich mit ihrem medizinischen Fachwissen und bestätigte, dass so etwas eben passiere, niemand habe Schuld. Hätte ich mich mehr schonen müssen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Auch wenn diese Gedanken unweigerlich da sind, so führen sie doch zu nichts. Selbst meine Mutter, die mir sonst auch gerne mal an irgend etwas die Schuld gibt, sagte nur: "So etwas passiert eben." Auch meine Freundin rief ich an und erzählte unter Tränen, was passiert war. Und obwohl ich weinen musste, fühlte ich mich danach doch besser, ich und Alex waren nicht mehr allein auf der Welt mit unserem Wissen – allein das half schon.

Ein kurzer ambulanter Eingriff

Am Donnerstag um sieben Uhr war ich zur Ausschabung im Krankenhaus. Mir stand ein kurzer ambulanter Eingriff bevor, der mir keine größeren Sorgen bereitete. Nur das ganze Drumherum stellte ich mir schrecklich vor. Dieses Warten auf die Operation, das im Bett herumgefahren werden, Warten im OP, fremde Menschen, die um mich herumwuseln.

Um kurz nach 10 Uhr wurde ich dann im Bett runtergefahren. Im OP-Vorraum musste ich auf den OP-Tisch umsteigen, wurde dann mit einer vorgewärmten Decke zugedeckt und in den OP geschoben, wo mich der Narkosearzt schon erwartete. "So, jetzt kommt erst mal der Zugang und dann die Narkose", erklärte er mir jeden Schritt. Dann bekam ich noch eine Sauerstoffmaske auf und kaum hatte er zu mir gesagt: "Denken Sie an was Schönes, vielleicht den letzten Urlaub", war ich auch schon wieder wach. "Lieg ich schon wieder in meinem eigenen Bett"?, waren meine sicher nicht sehr geistreichen ersten Worte. Noch ziemlich benommen aber irgendwie auch euphorisch, dass ich alles heile überstanden hatte, dämmerte ich so vor mich hin. Gegen zwölf Uhr gab es Essen. Hühnerfrikassee. Seit fast zwei Wochen hatte ich nicht mehr richtig gegessen, vier Kilo abgenommen und keinen Hunger mehr verspürt. Doch jetzt, kaum stand das Essen auf dem Tischchen, knurrte mein Magen. War es das Adrenalin nach der OP, war es das Gefühl, dass "es" jetzt vorbei war? Ich weiß es nicht, jedenfalls verschlang ich das Hühnerfrikassee mit wahrem Heißhunger. Gegen 14 Uhr durfte ich mich anziehen, wurde noch einmal kurz von der Ärztin untersucht und für "entlassungswürdig" befunden. Alex kam und holte mich ab.

Felix winkte zum Abschied

Zum Glück hatte ich kaum Schmerzen, es war, als ob ich meine normale Periode hätte. Trotzdem fühlte ich mich die nächsten Tage körperlich und auch geistig irgendwie erschöpft, total kaputt. Und am Donnerstagabend tauchte das erste Mal "Felix" auf. Kaum schloss ich meine Augen, sah ich ein Kind – mein Kind, wie ich sofort "wusste". Dunkle Locken, ein engelsgleiches Gesicht wie eine Barockputte, mir freundlich zuwinkend. "Felix" taufte ich dieses Kind, der Name war mir einfach so ganz spontan eingefallen. Er stand da und winkte mir wie zum Abschied zu, mit einem Lachen im Gesicht. Doch er ging nicht, er stand einfach nur halb mir zugewandt da und winkte. Die Gestalt tauchte für Sekunden vor meinem inneren Auge auf, kaum öffnete und schloss ich die Augen, war auch Felix wieder da. Erst fand ich es tröstlich – "Guck, er ist nicht böse auf dich" – doch dann fand ich, er solle doch gehen. Aber Felix blieb und winkte mir freundlich zu. Mittlerweile sehe ich Felix immer seltener, nur hin und wieder winkt er mir noch freundlich zu. Und etwas Neues kann beginnen…

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