(Un-)Fruchtbarkeit und Psyche

Wenn der Kinderwunsch die Seele belastet

Wenn der Wunsch schwanger zu werden Monat für Monat enttäuscht wird, erhalten Frauen oft den Rat, sich nicht auf den Kinderwunsch zu versteifen. Was ist dran am Zusammenspiel von Psyche und Fruchtbarkeit?

von Petra Fleckenstein
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Frau traurig Hand des Mannes Schulter
Foto: © iStockphoto.com/ pidjoe

Wenig hilfreich: Der Rat, sich nicht auf den Kinderwunsch zu versteifen

Viele Frauen und Männer trifft es vollkommen unerwartet, dass eine erwünschte Schwangerschaft auf sich warten lässt. Jahre lang haben sie möglicherweise peinlich auf Verhütung geachtet, vielleicht noch nach dem richtigen Partner Ausschau gehalten oder die Familiengründung aus beruflichen Gründen aufgeschoben. Wenn nach dem Absetzen der Verhütung die immer stärker werdende Sehnsucht nach einer Schwangerschaft Monat für Monat beim Einsetzen der Menstruation enttäuscht wird, geraten viele Paare – besonders Frauen – leicht in einen Teufelskreis. Mit jeder unerwünschten Monatsblutung wächst der tiefe Wunsch nach einem Baby und verstärkt sich die Verzweiflung über den Misserfolg. Zugleich erhalten Frauen mit Kinderwunsch von ihrer Umgebung den immer wiederkehrenden Rat, sich nicht auf den Kinderwunsch zu versteifen, da eine Fixierung auf den Wunsch, schwanger zu werden, die Chancen noch verschlechtere. Dieser sicher gut gemeinte Ratschlag stürzt jedoch die betroffenen Frauen in noch größere innere Not, da es ihnen nicht möglich ist, den Kinderwunsch einfach auf Kommando weniger werden zu lassen und da sie nun auch noch befürchten müssen, durch die Stärke ihres Wunsches seiner Erfüllung sogar entgegenzuwirken.

Aber ist überhaupt etwas dran an der weit verbreiteten Vorstellung, dass psychische Faktoren wie zum Beispiel Stress das Ausbleiben einer Schwangerschaft mitverursachen können? Und wenn dem so wäre, gibt es für Frauen mit starkem Kinderwunsch Möglichkeiten, die Anspannung abzubauen und sich weniger auf den Kinderwunsch zu versteifen?

Psyche und Fruchtbarkeit

Fast jeder hat von Frauen gehört, die just in dem Moment schwanger wurden, als sie von ihrem lang gehegten Kinderwunsch Abstand genommen und ihre Aufmerksamkeit vielleicht auf neue Lebensaufgaben gerichtet hatten. Dieses Phänomen – ein möglicher Zusammenhang von seelischen Faktoren und (Un-)Fruchtbarkeit – ist seit einiger Zeit auch Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen. Psychoanalytisch orientierte Forscher vermuten hinter medizinisch nicht zu klärender Unfruchtbarkeit bisweilen eine unbewusste Ablehnung der Schwangerschaft durch die Frau – basierend auf einem zwiespältigen Verhältnis zur eigenen Mutter und damit zur Mutterschaft. Der Heidelberger Psychologe, Psychotherapeut und Psychoanalytiker Dr. Tewes Wischmann hält diesen Ansatz jedoch für "unzureichend und in dieser Pauschalität falsch". Und die Bonner Professorin für gynäkologische Psychosomatik, Dr. Anke Rohde, betont, dass Kinderwunschpatienten keineswegs neurotischer sind als andere, sondern nichts anderes als einen "Ausschnitt aus der Normalbevölkerung" darstellen – ohne irgendwelche Auffälligkeiten, was ihre Persönlichkeit, Partnerschaft oder ihre Einstellung zur Sexualität betrifft.

Wenn Kinderwunschpatienten unter Stress und Anspannung leiden und vielleicht depressiver sind als ihre Mitmenschen, so kann dies weniger als Ursache, sondern eher als Folge des unerfüllten Kinderwunsches und der damit häufig verbundenen schweren Lebenskrise betrachtet werden, so Tewes Wischmann über die Ergebnisse der Studie "Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde". 1.000 Paare mit Kinderwunsch nahmen zwischen den Jahren 1994 und 2000 an dieser Studie und ein Teil von ihnen an psychologischen Beratungen teil. Es zeigte sich, dass sich durch die Gespräche die im Zusammenhang mit dem unerfüllten Kinderwunsch entstandenen seelischen Belastungen bei diesen Paaren verringerten. Dies verbesserte jedoch bei dieser Gruppe nicht die Schwangerschaftsrate. Sowohl bei Paaren mit als auch Paaren ohne psychologische Hilfestellung betrug die Schwangerschaftsrate rund 25 Prozent.

Stress und Hormonhaushalt

Beim Heidelberger Kinderwunschprojekt konnte also kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen psychischer Entlastung des Paares und einer Verbesserung der Schwangerschaftsrate der Frauen festgestellt werden. Dennoch gilt es als wissenschaftlich erwiesen, so Wischmann, "dass starker psychischer Stress (z.B. berufs- oder partnerschaftsbedingt) sowohl bei der Frau als auch beim Mann zu deutlichen Störungen des Hormonhaushalts führen kann". "Umgekehrt", heißt es in der Kinderwunsch-Broschüre Nr. 4 der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), "kann das wichtige Zusammenspiel von Körper und Seele die Fruchtbarkeit auch positiv beeinflussen. So können sich etwa Ruhephasen im Alltag oder gemeinsame Aktivitäten in der Partnerschaft, wie das Erleben harmonischer Stunden zu zweit, günstig auf die einzelnen körperlichen Funktionen auswirken und damit eine Schwangerschaft wahrscheinlicher machen."

Diese Annahme wird beispielsweise durch die Ergebnisse einer Studie von Alice D. Domar an 184 ungewollt kinderlosen Frauen in Boston/Massachusetts gestützt. Eine Gruppe von Wissenschaftlern behandelte einen Teil der Frauen mit Entspannungstechniken und verhaltenstherapeutischen Verfahren und ließ einer anderen ein psychosoziales Unterstützungsangebot zukommen. Beide Verfahren erwiesen sich gegenüber einer nicht behandelten Kontrollgruppe als sehr wirksam: In den beiden Behandlungsgruppen lag die Schwangerschaftsrate bei 55 und 54 Prozent, gegenüber nur 20 Prozent bei der Kontrollgruppe.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Erfahrung, die Mitarbeiter von Kinderwunschpraxen berichten: Danach entsteht ein beträchtlicher Teil aller Schwangerschaften nicht durch die Behandlung selbst, sondern beispielsweise während der Wartephase bzw. in einer Behandlungspause. Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen wäre, dass Paare in dem Augenblick, da sie einen Teil ihres Erfolgsdrucks und ihrer Ängste an die behandelnden Mediziner abgeben können, eine Entspannung erleben, die ihre Chancen schwanger zu werden verbessert.

Wenn der Kinderwunsch Denken und Fühlen beherrscht

Ein Zusammenspiel von Körper und Seele ist also – wie in allen Bereichen – sicher auch aus dem Bereich der (Un-)Fruchtbarkeit nicht wegzudenken. Dies sollte aber nicht dazu führen, Frauen, die versuchen schwanger zu werden, durch Hinweise wie "wenn Du Dich so versteifst, klappt es erst recht nicht", noch mehr unter Druck zu setzen. Was aber kann Frauen in der leidvollen monatlichen Warteschleife zwischen Eisprung und Menstruation wirklich entlasten? Wie können Frauen einem Zustand entgegen wirken, in dem ihr Kinderwunsch so übermächtig wird, dass er ihr ganzes Denken und Fühlen beherrscht und alles andere unwichtig erscheinen lässt?

Die eigene Erwartungshaltung überprüfen

Es kommt nicht selten vor, dass Paare so felsenfest damit gerechnet haben, schnell schwanger zu werden, dass sie sich bereits nach drei Monaten wegen des Ausbleibens einer Schwangerschaft große Sorgen machen und unter Erfolgsdruck setzen. Dabei sind "Wartezeiten zunächst einmal nichts Ungewöhnliches", heißt es in der Kinderwunsch-Broschüre der BzgA. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von Unfruchtbarkeit, wenn sich die erwünschte Schwangerschaft nach ein bis zwei Jahren regelmäßigen Geschlechtsverkehrs ohne Verhütung nicht einstellt.

Um sich nicht völlig unangemessen unter Druck zu setzen, ist es also wichtig, von vornherein einige Zeit einzuplanen, bis eine erwünschte Schwangerschaft möglicherweise Wirklichkeit wird. Prof. Anke Rohde weist in ihrem Artikel "Zur psychischen Situation ungewollt kinderloser Paare" darauf hin, dass auch bei einem jungen, gesunden Paar "die Schwangerschaftsrate nicht höher als 20 bis 30 Prozent pro Zyklus" ist. Außerdem ist zu bedenken, dass die Fruchtbarkeit mit dem Alter rapide abnimmt, so dass bei Frauen zwischen 25 und 33 Jahren nur noch mit einer Schwangerschaftswahrscheinlichkeit von 18 Prozent pro Zyklus zu rechnen ist.

Raus aus der Einsamkeit

Obwohl das sehnsüchtige und belastende Warten auf eine Schwangerschaft sehr häufig vorkommt - nach Dr. Tewes Wischmann im Artikel "Psychologische Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch" wartet jede dritte Frau "länger als ein Jahr auf eine Schwangerschaft" – fühlen sich Frauen in dieser Situation oft zunehmend einsam und neigen mehr und mehr dazu, sich zurückzuziehen. Dies hängt meist damit zusammen, dass ihre Umwelt hilflos auf ihre starken Emotionen reagiert und sie durch oberflächliche Kommentare wie "Du hast doch noch so viel Zeit" oder "sei froh, so kannst Du wenigstens am Wochenende ausschlafen" zu trösten versucht. Auch empfinden es viele Frauen als zunehmend unerträglich, mit Schwangerschaften von Freundinnen oder Verwandten konfrontiert zu werden.

In dieser Situation ist es enorm hilfreich, die wachsende Isolation zu durchbrechen und sowohl mit dem Partner im Gespräch zu bleiben als auch, sich mit anderen Frauen in der gleichen Situation auszutauschen. Diese Möglichkeit bieten die zahlreichen Selbsthilfegruppen (zu finden zum Beispiel über den Verein Wunschkind e.V.), aber auch die vielen Online-Foren wie zum Beispiel das urbia-Forum Kinderwunsch.

Wie man auf andere Gedanken kommt

Wenn der Kinderwunsch so mächtig wird, dass er das ganze Leben bestimmt und das verzweifelte Gefühl entsteht, ohne Kind habe das ganze Leben keinen Sinn, dann kann es sehr hilfreich sein, sich einmal eine Zeit lang in der Gruppe, mit dem Partner oder auch alleine mit folgenden Fragen zu beschäftigen: "Warum will ich/wollen wir eigentlich ein Kind?" "Was bedeutet ein Kind für mein/unser Selbstbewusstsein?" "Wie hat jeder von uns seine eigene Familie erlebt?" und "Wie könnte unser Leben ohne Kinder aussehen?" (zitiert nach BzgA: "Warum gerade wir?")

Sich mit diesen Fragen auseinander zu setzen soll keineswegs dazu dienen, sich den Kinderwunsch auszureden. Aber Klarheit über die eigenen tieferen Gründe für die große Sehnsucht nach einem Kind zu erlangen, kann die Aufmerksamkeit von der verzweifelten Fixierung auf den Kinderwunsch weg und hin zu anderen wichtigen Aspekten des eigenen Lebens lenken. Zum Beispiel speist sich der übermächtige Kinderwunsch möglicherweise auch davon, dass eine Frau sich ohne Kind nicht als vollwertig empfindet. Dann bietet es sich im nächsten Schritt an, einmal genau hinzusehen, wie es eigentlich kommt, dass sie sich ohne Kind minderwertig fühlt. Eine andere Möglichkeit für einen übermächtigen Kinderwunsch kann die Sehnsucht nach einer erfüllenden Aufgabe sein – dies besonders dann, wenn die Frau keine befriedigenden beruflichen Erfahrungen machen konnte und ein Kind vielleicht auch als Lösung ihrer beruflichen Unzufriedenheit gelegen käme. Nicht zuletzt kann der Kinderwunsch auch durch partnerschaftliche Probleme und die Hoffnung auf deren Lösung durch eine Schwangerschaft genährt werden.

Besonders schwer fällt Paaren, die sich ein Kind wünschen, die Frage nach Lebensperspektiven ohne Kinder zuzulassen. Auch dies soll natürlich nicht dazu dienen, den Kinderwunsch aufzugeben, sondern den übermäßig starken Erfolgsdruck zu verringern. "Eine in der Vorstellung zunächst schrecklich erscheinende Situation genauer anzusehen, bedeutet auch, dieser Situation durch genaues Betrachten einen Teil des Schreckens zu nehmen", heißt es dazu in der Kinderwunsch-Broschüre (4) der BzgA. Wer sich einmal Gedanken gemacht hat, welche Möglichkeiten, Perspektiven und Lebensträume er jenseits des Kinderwunsches noch hat, der kann die weiteren Versuche, schwanger zu werden, weniger verkrampft und psychisch belastet erleben.

Wer allerdings alleine, mit dem Partner oder durch die Selbsthilfegruppe keinen Ausweg aus der belastenden monatlichen Achterbahnfahrt zwischen Hoffen und Bangen findet, für den bietet sich eine psychologische Beratung an, wie sie zum Beispiel von Beratungsstellen der ProFamilia, Wohlfahrtsverbänden oder Frauengesundheitszentren angeboten wird. Zudem kooperieren manche Kinderwunschpraxen mit psychologischen Praxen. Da gerade in puncto psychologische Beratung bei vielen Frauen und Männern eine große Schwellenangst besteht, ist es wichtig zu wissen, dass meist schon wenige Gespräche ausreichen, um aus einer Sackgasse wieder herauszufinden.

Der Umgang mit dem Machbarkeitswahn

Paare, die vergeblich versuchen, schwanger zu werden, haben heute die Möglichkeit, durch neue medizinische Behandlungstechniken dem Storch auf die Sprünge zu helfen. Dies ist zunächst einmal erfreulich und tröstlich, birgt aber auch das Risiko, übergroße Erwartungen in die medizinischen Möglichkeiten zu setzen. Eine In-vitro-Fertilisationsbehandlung beispielsweise ist "in Deutschland nur in 14,7 Prozent pro durchgeführtem Versuch erfolgreich", schreibt Dr. Tewes Wischmann in der Fachzeitschrift "Gynäkologe".

Ebenso wie im Umgang mit dem Thema Sterben und Tod werden Menschen auch bei der Entstehung neuen Lebens mit der Einsicht konfrontiert, dass sich diese Bereiche unserer Existenz nach wie vor absoluter menschlicher Kontrolle entziehen. Dies zu akzeptieren und sich den unvorhersehbaren Wechselfällen des Lebens hinzugeben, ohne etwas mit aller Macht erzwingen zu wollen, ist eine Aufgabe, die sich allen Menschen – und so auch Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch – immer wieder stellt.

Lesen Sie dazu auch:

Das urbia-Special Kinderwunsch

Hilfreiche Links:

Die Kinderwunschseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Kinderwunschberatung der Uni Heidelberg

Wunschkind e.V., der bundesweite Verein der Selbsthilfegruppen zum Thema ungewollter Kinderlosigkeit

Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland (BKiD)

Aktueller Übersichtsartikel zum Stand der Forschung, von Dr. Tewes Wischmann: "Psychogene Fertilitätsstörungen - Mythen und Fakten"

Linkliste zum Thema Kinderwunsch

Ein Buch zum Thema:

Wie weit gehen wir für ein Kind?