Sie schubsen, hauen, rennen einfach los

Kleinkind: Der weite Weg zur Selbstkontrolle

Bei kleinen Kindern sind Fühlen und Handeln eins: Sie rennen los, wenn ihnen danach ist, sie schubsen ein anderes Kind, wenn sie wütend sind, oder schreien „Papa ist blöd!“, wenn sie sich machtlos fühlen. Wann und wie lernen Kinder Selbstkontrolle?

von Gabriele Möller
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Drei Kleinkinder im Gras
Foto: © iStockphoto.com/ dejanristovski

Kleinkindalter: Das meiste passiert ganz von selbst

Kleine Kinder sind bekanntlich noch wundervoll spontan. Meine Tochter war einmal beim Fußball mitten im Elfmeterschießen, als sie plötzlich wie angewurzelt stehen blieb und weltvergessen sagte: „Guck mal, da krabbelt ein Käfer auf dem Grashalm!“ Nähert sich auf der Straße die Lieblingsnachbarin, die ab und zu bei uns babysittet, kann es schonmal passieren, dass sie von meinem kleinen Sohn eine Umarmung und einen Kuss verehrt bekommt, ohne zu wissen, wie ihr geschieht.  Doch der überwältigende Drang, jeden Gedanken und jedes Gefühl sofort in eine Tat umzusetzen, hat auch Schattenseiten. Dann rennt ein Kleinkind vielleicht mitten im Straßenverkehr los, weil da einfach so viel Kraft im Bauch ist. Oder es sprudelt ihm vor Staunen ganz von selbst aus seinem Mund: „Guck mal, der Mann da hat ja nur ein Bein!“ Eines Tages liegt vielleicht auch dieses Spielzeug im Kindergarten, das es schon lange haben möchte – auch wenn klar ist, dass es eigentlich jemand Anderem gehört. Aber die Hand greift fast automatisch danach.

Kleine Beine entwickeln ein Eigenleben

Solche fast unwiderstehlichen Impulse eines Kindes müssen förmlich mit den Wünschen der Eltern kollidieren. Diese möchten meist, dass ihr Kind rasch lernt, Gefahren zu meiden, andere nicht zu verletzen und höflich zu sein. Eltern und Kind nehmen dieselbe Situation dabei völlig unterschiedlich wahr. Wenn ein Kind, das vor kurzem laufen gelernt hat, sich von der Hand losreißt, tut es dies aus purer Freude am Laufen und vielleicht auch am frisch entdeckten, entwicklungsbedingten Eigensinn. Die Eltern jedoch haben naturgemäß in diesem Moment wenig Verständnis für solche Regungen. Sie eilen erschrocken hinterher, greifen den Ausreißer - und halten ihm erst einmal eine empörte Standpauke. Sie erklären, warum das Weglaufen gar nicht geht und wie gefährlich es ist, vor allem an der Straße. Trotzdem rennt das Kind noch monatelang bei jeder sich bietenden Gelegenheit los. Viele ratlose Eltern fragen sich jetzt, wie sie ihr Kind noch „zur Vernunft“ bringen sollen.

Die Folgen absehen – für ein kleines Kind unmöglich

Hier aber liegt schon das Missverständnis: Vernunft setzt das Bedenken und Bewerten eines Vorhabens voraus. Dabei überschätzen Erwachsene die Fähigkeiten kleiner Kinder oft. Denn je jünger das Kind, desto weniger kann darüber nachdenken, ob das, was es vorhat, auch wirklich richtig, ungefährlich, sinnvoll oder erwünscht ist. Die Folge dieser Überschätzung der kindlichen Fähigkeiten ist oft Verunsicherung bei den Altvorderen: Wenn ein kleines Kind trotz Erklärungen und Ermahnungen ständig wegläuft, andere Kinder bei großer Entrüstung auch mal schlägt, etwas mitgehen lässt oder generell oft „nicht hört“, beschleicht Eltern leicht das Gefühl, hinter diesem Verhalten stecke eine Absicht, vielleicht gar der Ansatz zu einem gestörten Verhalten oder einer schwierigen Persönlichkeit. „Die Eltern unterstellen hier etwas, was für sie als Erwachsene Sinn gibt. Da wo Natur sich meldet, deuten sie Charakter“, beschreibt die Psychotherapeutin und Autorin Ursula Neumann das Dilemma.

Schnelle Eltern gefragt

Für das im Straßenverkehr losrennende Kleinkind bedeutet das: Hier helfen keine entrüsteten Vorhaltungen oder gar „Konsequenzen“, auch wenn eine knappe Erklärung der Gefahr richtig ist. Kleinkinder darf man schlicht nicht aus den Augen lassen, da hilft alles nichts. Und sprinten sie mal los, muss auch der Erwachsene die Beine in die Hand nehmen, um den Sprössling vor Schaden zu bewahren. Das gilt auch für Kleinkinder, die in Richtung des heißen Ofens tapsen, Blumenerde aus Töpfen buddeln oder den Inhalt des Putzschranks erkunden möchten. Wer seine Wohnung kindersicher macht, kann sich aber schon viele Schrecksekunden (und fruchtlos verhallende) Ermahnungen ersparen.

Impulskontrolle – die ewige Baustelle

Natürlich kann und wird ein Kind im Laufe der Zeit lernen, Einfluss auf sein Tun zu bekommen. Sich also auch mal zu bremsen, wenn es ahnt, dass etwas gefährlich, verletzend oder kränkend sein könnte. Diese sogenannte Impulskontrolle aber erfordert nicht nur eine gewisse Einsicht, sondern vor allem eine große innere Kraft. Sie braucht daher viel Zeit, um sich zu entwickeln. Erste Erfolge sind oft erst im Alter von zwei bis drei Jahren zu erhoffen. Eltern, Erziehern und Lehrern kann es dabei jedoch meist gar nicht schnell genug gehen – was unrealistisch ist, vor allem wenn man bedenkt, wie schwer es noch für Erwachsene ist, sich in emotional aufgeladenen Momenten zu beherrschen. „Bis ein Kind gelernt hat, bei starken Emotionen nicht sofort auf die Motorik (Bewegung) zurückzugreifen, ist es ein langer Entwicklungsweg“, betont auch Diplom-Psychologe Andreas Engel von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke).

Worte genügen nicht, wenn die Gefühle toben

Doch wie kann ein Kind allmählich lernen, seine Impulse zu kontrollieren? Hier ist es zwar wichtig, ihm auch zu erklären, warum ein Verhalten gefährlich, unhöflich oder sonstwie ungünstig ist. Doch Reden allein genügt nicht. „Haben Sie schon einmal versucht, Ihrem Kind die Angst vor der Spritze beim Arzt auszureden?“ fragt der Psychotherapeut Dr. Lawrence E. Shapiro hierzu provozierend. „Sprechen beeinflusst die Kontrollzentren im denkenden Teil des Gehirns, hat aber relativ wenig Auswirkung auf die emotionale Kontrolle“, so Shapiro, der sich mit der Entwicklung der emotionalen Intelligenz bei Kindern befasst. Erziehende müssten sich daher an den denkenden und den emotionalen Teil des kindlichen Gehirns wenden. „Wir müssen unsere Kinder trainieren, die ersten körperlichen Anzeichen für ihre emotionalen Reaktionen zu erkennen, damit sie Selbstkontrolle lernen.“

Wenn der Drache zu rumoren beginnt

Wer also früh bemerkt, dass sich gerade ein Wutknubbel im eigenen Bauch zusammen rollt, dass sich die Fäuste ballen und die Augenbrauen steil nach unten wollen, kann manchmal die Notbremse ziehen, bevor ein kleiner Kita-Kollege dran glauben muss und sich einen saftigen Schubser einfängt. Doch dafür muss schon ein wenig Übung mit den eigenen Gefühlen vorhanden sein. Und damit die kommt, ist im Alltag die Erfahrung wichtig, dass alle Gefühle erlaubt sind, und zwar nicht nur die guten. Dass Gefühle also von den Großen nicht weggeredet („Das war doch gar nicht schlimm! Nun lach doch mal!“) oder einfach abgeschnitten werden („Jetzt tut es schon gar nicht mehr weh!“). Ein kleiner Mensch „darf seine Gefühle leben, darf traurig, verzweifelt oder hilfsbedürftig sein, ohne Angst haben zu müssen, die Mutter damit unsicher gemacht zu haben. Er darf böse werden, wenn er seine Wünsche nicht befriedigen kann“, fordert Alice Miller, Psychoanalytikerin und Autorin. Denn nur so könne ein Kind seine Bedürfnisse wahrnehmen und integrieren, und müsse sie nicht abspalten. Das Annehmen der eigenen Emotionen ermögliche erst die Fähigkeit, diese auch zu regulieren, weil das Kind nur so mit ihnen umzugehen lerne.