Gut gemeint und doch daneben

Heute schon dein Kind gefördert?

Besonders die Werbung spricht ständig sehr gerne davon, dass Eltern mit diesem Buch, diesem Spielzeug oder dieser App ihr Kind optimal "fördern". Ein ironisch-kritischer Blick auf den inflationär um sich greifenden Förder-Boom.

Autor: Petra Fleckenstein
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War das schön! Heranwachsen ohne umfassende Förder-Anstrengungen

Mutter Kleinkind spielen panther Monkeybusiness Images
Foto: © panthermedia, Monkeybusiness Images

Früher war es doch wirklich leichter! Man schaukelte sein Kind im Arm, weil es einen einfach so überkam, verfiel beim Wickeln ganz spontan in fröhliche Kuckuck-Spiele, streichelte das Baby, weil einen die Lust dazu anwandelte und schmuste eben schlichtweg, weil mal es lieb hat. Und erst die Kinder! Sie brabbelten, krabbelten, lernten sprechen und laufen und sie spielten – einfach so, von ganz alleine. Quasi, wie ihnen der Schnabel und die Füße gewachsen waren. Und es wurden sogar ganz passable Jugendliche und Erwachsene aus ihnen.

Waren das Zeiten der Unschuld, als alles noch zum Selbstzweck geschah und geschehen durfte und Kinder groß, fit und klug wurden, ohne, ja, ohne allumfassende Förder-Anstrengungen ihrer Lieben zu benötigen.

Heute geht das offenbar nicht mehr! Nicht einfach lustvoll Bauklötzchen übereinander stapeln, weil das jedem Kleinkind Spaß macht, liebe Mütter! Nein, FÖRDERN heißt die Dauer-Devise. Schöne neue Kinderzimmerwelt: Kleinkind stürzt sich juchzend auf bunte Holzquader, Mama denkt, oh ja, das fördert das Raumgefühl, die Motorik, die Koordinationsfähigkeit, da spiel ich doch gleich ein wenig mit und zeig meiner Maus, wie man die schön gerade stapeln kann... Was, sie will das gar nicht so? Ob das wohl förderlich ist? Nee, Lale, so wird’s gemacht, wie bitte, Du hast keine Lust mehr? Keine Ausdauer dieses Kind, muss es wohl mehr fördern... usw.

Mozart im Mutterleib, chinesisch im Kindergarten

Oder nehmen wir den Kindergarten. Da wird ja hoffentlich auch Englisch angeboten. Wie sonst soll unser kleiner Lukas, Paul oder Jonas fit werden für die Herausforderungen einer globalisierten Welt? Ein Zeitfenster nennt man das doch, das sich schon ganz bald brutal schließt und dann muss das arme Kind am Ende die Fremdsprache bei fest verschlossenem (Zeit-)Fenster in Grundschule oder Gymnasium pauken, das kann ja nicht gut gehen.

Überhaupt fragt man sich manchmal, ob man nicht vor der Geburt bereits Entscheidendes versäumt hat. Denn obwohl doch Mozart so gut für die Verschaltung der Synapsen sein soll, wurde es verpasst, den Fötus mit einem Anfangsfundus an Mozartsonaten bekannt zu machen. Wie sollen die Kleinen denn später gegen die Konkurrenz aus Übersee bestehen, wo die Amerikaner mal wieder viel schneller sind und längst embryonalen Sprachunterricht erteilen, und später kriegt das Baby noch eine chinesische Nanni, denn wer weiß, wofür’s gut ist?

Kürzlich kam Papa mit einem Kleinkindcomputer ins Haus, weil der Hersteller versprochen hatte, dass genau dieser unschlagbar gut das logische Denken fördert. Und Papa stellte sich vor, wie Jonas später mal kompetent Gleichungen nach x auflösen soll, wenn ihm diese entscheidende Förderung im Krabbelalter vorenthalten wurde? Und wollen wir nicht alle nur das Beste für unser Kind?

Können straffe Zielvorgaben die Entwicklung auch stören?

Also fördern, bis der Arzt kommt, das ist doch das Beste oder etwa nicht? Bisweilen hört man da ja auch kritische Stimmen. Zum Beispiel der renommierte Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann. Der meint in seinem Buch „Die Kunst der Elternliebe“, dass das Kind gar nicht richtig zum Spielen kommt, wenn das Spielzeug, das vor einem Baby aufgebaut wird, insgeheim einem pädagogischen oder motorisch oder kognitiv fördernden Ziel dient. Das soll einer verstehen, wo es doch im gleichen Buch heißt, Babys Spiel sei „tiefer Ernst“. Ist es etwa nicht so, dass Babys durchs Spielen alles ausprobieren und lernen?

Naja, meinen dann die Förderkritiker, das ist wohl richtig, aber es funktioniert eben nur, wenn da nicht ständig ein Erwachsener mit straffen Zielvorgaben im Kopf daneben sitzt und das Kind beim freien Spielen und Erforschen stört. Da gibt es ja auch ein afrikanisches Sprichwort: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Ja, und haben nicht immer wieder Philosophen und Reformpädagogen betont, dass Kinder wie Blütenknospen sind, die sich auf jeden Fall zu einer wunderschönen Blume entwickeln, ganz von innen heraus und aus eigener Kraft, wenn wir ihnen nur den geeigneten Nährboden bereiten und sie ansonsten einfach wachsen lassen?

Vielleicht dürfen wir also entspannen und hören künftig einfach weg, wenn wieder – besonders aus der Ecke der Kinder-Lernsoftware-Industrie – gebetsmühlenartig das „Förder“-Zauberwörtchen ertönt, um unser Elterngewissen zu beschwören. Kuscheln, Spielen, Hüpfen, Rennen - einfach, weil es Spaß macht, gut tut und weil Kinder es gerne mögen: das reicht!


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