Mit Kind im Restaurant

Ein ziemlich wilder Tanz

Kennen Sie das? Mit kleinen Kindern ins Restaurant zu gehen gleicht manchmal einem Tanz auf dem Vulkan. Prost Mahlzeit!

von Petra Fleckenstein
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Junge verschmiert Spaghetti Restaurant
Foto: © iStockphoto.com/ aphrodite74

Man gönnt sich ja sonst nichts

Werden Paare Eltern, stehen die Zeichen in mancher Hinsicht auf Verzicht. Statt nächtlicher Vergnügungs-Streifzüge durch die Clubs, heißt es um Mitternacht mit schreiendem Baby durch die Wohnung wandern. Zärtliche Stunden mit dem Geliebten machen Zoff ums Wickeln Platz und von langer Hand geplante Kinobesuche fallen flach, weil der Babysitter seinen Schnupfen pflegt. Aber eins können auch Eltern mit kleinen Kindern sich noch gönnen: Ein genüssliches Essen in einem guten Restaurant. Oder?

Entrée: Aufmarsch der Hauptdarsteller

Es scheint alles nach einer feststehenden Choreographie zu geschehen. Die Szenen gleichen sich wie zwei geklonte Mäuse, nur die Reihenfolge duldet einige Variationen. Als Kulisse denke man sich ein im Zeitgeist schwarz gestyltes Szene-Restaurant, denn auch Eltern wollen noch ein wenig angesagt sein. Es treten auf: Ein Paar, Anfang 30, zusammen mit der entzückenden Tochter im Alter von elf Monaten und einem knapp zweijährigen Knaben. An der Eingangstür verzögert sich der Einmarsch, da die Tür sich nicht so weit öffnen lässt, um den Baby-Jogger durch den Schlitz zu bugsieren. Schieben, drücken, Stühle rücken – der Tanz kann beginnen.

Modern Dance: Wo steht der Kinderstuhl (und gibt es derer zwei)?

Wo gerade noch Espressotassen klimperten und gedämpft über Kunst, das Eigenheim am Stadtrand oder das neueste Gucci-Parfum geplaudert wurde, erfüllt mit einem Mal barbarisches Gelärm die rauchgeschwängerte Luft. Die Kleine schreit. Und während Mutter Platz für den Kinderwagen schafft, sich ihres Mantels entledigt und dann schnell das brüllende Bündel an sich reißt, macht sich der Erzeuger flugs auf die Suche nach dem dezent versteckten Kinderstuhl. Gespräche verstummen, Augen blicken streng, "Limo" tönt es, davon ungerührt, lauthals aus dem Kindermund.

Slow Walz: Alles sitzt und man bestellt

Geschafft, Kinderbeine wurden zielgenau in die Hochstühle eingefädelt, das Lärmen ist verstummt, die Wickeltasche umständlich zwischen den Füßen verstaut, und das Publikum wendet sich wieder seinen Gesprächen zu. Gewählt ist schnell, nun heißt es einfach warten. Bewegungsfolge eins beginnt: Alle erreichbaren Gegenstände wie Aschenbecher, Blumenväschen und die Speisekarte aus handgeschöpftem Mailänder Papier aus der Reichweite vierer gieriger Kinderarme entfernen. Bewegungsablauf zwei: Stattdessen unverfängliche Materialien wie Pappbilderbücher und kleine Stofftiere aus der Wickeltasche kramen. Ruhe macht sich breit, Zeit für das Paar, um ein paar Takte von Mann zu Frau und umgekehrt zu plaudern.

Boogie Woogie: Was gibt es sonst zu tun?

Immerhin für fünf Minuten konnten Bilderbuch und Kuscheltier die Aufmerksamkeit der kleinen Gäste an sich binden. Betrachten, blättern, schmecken, riechen, runterwerfen... und immer wieder runterwerfen. Dann ist das Alte ausgereizt, und vier Kinderaugen tasten das Interieur nach neuen Reizen ab. Vielleicht am Ärmel des Schwesterchens zupfen, Mamas Ring vom Finger ziehen, das Traubensaftglas umstoßen, Papas Feuerzeug testen, die Tischkerze anbeißen? Der Variationen sind unendlich viele. Immerhin hält es die Kleinen noch auf ihren Stühlen. Das Essen lässt leider auf sich warten, und so drängt das junge Volk nun auf nach neuen Forschertaten. Raus aus dem Stuhl, auf dem Boden krabbeln (lebende Stolperschwellen für die Kellner), auf Papas Schoß sitzen, nach seinem Glas greifen, von da auf Mamas Schoß wechseln, wieder runter, den Baby-Jogger anschieben und allen den Weg verstellen. Ein unendlicher Reigen – doch, hurra, Erlösung naht!