So hilfst du deinem Kind

Probleme beim Sprechenlernen

Wenn ein Kleinkind "tutt mal", statt "guck mal" sagt, klingt das noch süß. Im fortgeschrittenen Kindergartenalter deutet dies jedoch auf eine Sprachentwicklungsstörung hin. Wie diese zu erkennen und zu behandeln ist, verrät unser Artikel.

Autor: Rita Steininger
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Wie lernen Kinder sprechen: Eltern bemerken Probleme zuerst

Kleinkind sprechen
Foto: © Panthermedia, Thomas Ix

Hast du hin und wieder das beunruhigende Gefühl, mit der sprachlichen Entwicklung deines Kindes könnte etwas nicht in Ordnung sein? Vielleicht hat dein Kind erst spät zu sprechen begonnen und seither nur langsam seinen Wortschatz erweitert und seine Ausdrucksfähigkeit, Grammatik und Artikulation verbessert. Verwandte, Freunde und Nachbarn überhäufen dich vermutlich mit gut gemeinten Ratschlägen. Die einen versuchen dich zu beruhigen ("Keine Panik, das Sprechen kommt schon noch!"), die anderen schüren deine Ängste ("Da würde ich aber mal ganz schnell was unternehmen!"), wieder andere warten mit altbekannten Weisheiten auf ("Das kommt davon, weil die Kinder heutzutage ständig vor der Flimmerkiste sitzen!"). Und du stehst dazwischen und bist ratlos.

Genau diese Erfahrung machte ich selbst, als unser zweites Kind noch nicht ganz drei Jahre alt war. Damals suchte ich als Erstes Rat beim Kinderarzt, wurde aber leider nur vertröstet ("Bei der Vorsorgeuntersuchung nächstes Jahr werden wir sehen..."). Ein Termin in der Universitätsklinik, den ich auf eigene Initiative vereinbarte, brachte schließlich die Diagnose: Sprachentwicklungsstörung! Nun wendete sich das Blatt. Von seinem dritten Lebensjahr an bekam mein Sohn über lange Zeit Förderung und therapeutische Hilfe – von der Logopädie und Ergotherapie bis hin zur individuellen Förderung im Kindergarten und in der Schule. Auf diese Weise konnte er große sprachliche Fortschritte machen und sich insgesamt prächtig entwickeln. Heute bin ich sehr dankbar für diese guten Erfahrungen, die ich inzwischen in einem Buch mit dem Titel "Wie Kinder richtig sprechen lernen" zusammengefasst habe (Verlag Klett-Cotta). Ich kann alle Eltern, die sich in einer ähnlichen Lage befinden, nur ermutigen: Nimmt euer Bauchgefühl ernst! Lass dich nicht vertrösten, sondern ergreife im Zweifelsfall selbst die Initiative. Es gibt vielerlei Möglichkeiten, kompetente Hilfe zu bekommen. Man muss nur wissen, wo und wie.

Stationen der Sprachentwicklung

Wie verschaffen sich Eltern aber erst einmal Klarheit darüber, ob sie nur überbesorgt oder ob ihre Zweifel tatsächlich berechtigt sind? Zunächst einmal sollten sie versuchen, Vergleiche zu anderen (gleichaltrigen) Kindern zu ziehen. Das erleichtert in jedem Fall die Einschätzung. Doch darf man sich auf eine solche Bewertung allein nicht verlassen, denn Kinder können sich sehr unterschiedlich entwickeln.

Richtig sprechen lernen ist auch eine Frage der Entwicklung: Eltern können die sprachlichen Fähigkeiten des Kindes anhand der folgenden Stationen zu überprüfen. Die Angaben beziehen sich auf Spätentwickler, das heißt, 90 bis 95 Prozent der Kinder beherrschen im jeweiligen Alter die angegebenen Fähigkeiten, die meisten sind sogar schon ein gutes Stück weiter.

  • Mit zwölf Monaten kann ein Baby seine jeweilige Stimmung (Freude, Unbehagen) durch entsprechende Laute zum Ausdruck bringen. Es dreht den Kopf um herauszufinden, aus welcher Richtung ein Ton kommt.
  • Am Ende des zweiten Lebensjahres sollte das Kind mindestens Einwortsätze sprechen und sein Wortschatz sollte mehr als fünf Begriffe umfassen. Mit zwei Jahren und sechs Monaten sollte es in der Lage sein, sich selbst beim Namen zu nennen, Substantive mit dem Artikel (der, die, das) zu gebrauchen und sich in Zweiwortsätzen auszudrücken.
  • Mit drei Jahren kann das Kind einfache Fragen formulieren ("Heißt du?") und doppelte Anweisungen korrekt befolgen ("Leg dich hin und mach die Augen zu!"). Es sollte sich mindestens in Dreiwortsätzen äußern. Mit drei Jahren und sechs Monaten sollte es ein Erlebnis so schildern können, dass man den Sinn des Erzählten versteht.
  • Am Ende des vierten Lebensjahres schließlich kann das Kind Sätze mit Nebensätzen bilden ("Mama redet leise, weil Papa schläft"), Fragen mit "wer, wann, wo, warum" formulieren und kurze Geschichten nacherzählen.

Wie gesagt, es handelt sich hier nicht um Durchschnittswerte, sondern um Mindestanforderungen. Wenn ein Kind die genannten Anforderungen also nicht erfüllt, kann das ein deutlicher Hinweis auf Sprachentwicklungsprobleme sein.

Woran man eine Sprachentwicklungsstörung erkennt

Sprachentwicklungsstörungen kommen Schätzungen zufolge bei mindestens fünf Prozent aller Kinder vor; manche Schätzungen sprechen sogar von bis zu 20 Prozent.

Eine Sprachentwicklungsstörung liegt dann vor,

  • wenn das Kind ein eingeschränktes Sprachverständnis hat, also Gehörtes nicht oder nur zum Teil verstehen kann und daher des öfteren falsch oder gar nicht reagiert,
  • wenn sein Wortschatz eingeschränkt ist, so dass es weniger Wörter als andere Kinder im gleichen Alter beherrscht,
  • wenn seine Grammatik fehlerhaft ist und es beispielsweise Schwierigkeiten mit dem Satzbau, mit Vergangenheitsformen oder mit dem Gebrauch von Artikeln hat ("der Katze gelaufen hat"),
  • wenn es Probleme mit der Artikulation hat, also bestimmte Laute nicht richtig bilden kann und sie daher ersetzt oder auslässt (statt "Banane" sagt es "Mane").

Natürlich gehören solche Schwierigkeiten bis zu einem gewissen Alter zur normalen Sprachentwicklung. Wenn ein Kind also mit zwei Jahren "Mane" statt "Banane" sagt, entspricht das dem normalen Entwicklungsstand in diesem Alter. Bei einem vierjährigen Kind würde es allerdings auf Sprachprobleme hindeuten.


Ärztliche Untersuchung und logopädische Behandlung

Bei Verdacht auf Sprachprobleme solltest du dein Kind unbedingt untersuchen lassen. Du kannst dich dazu an deinen Haus- oder Kinderarzt, an einen HNO-Arzt, einen niedergelassenen Phoniater (einen Arzt für Stimm-, Sprach- und Sprechstörungen) oder an die Abteilung für Stimm- und Sprachstörungen einer Universitätsklinik wenden. Dort wird das Kind umfassend untersucht: Mit einer HNO-Untersuchung stellt man fest, ob sein Gehör in Ordnung ist (gutes Hören ist eine wesentliche Voraussetzung für eine gesunde Sprachentwicklung), anhand einer audiologischen Untersuchung wird die Hörfähigkeit noch genauer überprüft, und zum Schluss wird ein logopädischer Befund erhoben. Anschließend erhalten die Eltern eine ärztliche Verordnung für eine gegebenenfalls anstehende Therapie.

Normalerweise empfiehlt der Arzt bei Sprachstörungen eine logopädische Behandlung, die sprechen lernen fördern kann. In dieser Therapie versucht man auf spielerische Weise, die Sprechfreude des Kindes zu wecken, damit es über die Kommunikation seinen Wortschatz und sein Sprachverständnis erweitern kann. Außerdem bietet die Logopädin oder der Logopäde dem Kind Horchspiele an, die es zum genauen Zuhören bewegen sollen, Pustespiele, die seine Mundmotorik verbessern, und Konzentrationsspiele, die seine Lernfähigkeit steigern.

Weitere Therapie- und Fördermöglichkeiten

Im Gegensatz zur Sprachentwicklungsverzögerung, bei der die Entwicklung des Kindes nur zeitlich verzögert, sonst aber in allen Bereichen in ähnlichen Schritten wie normalerweise verläuft, ist die Sprachentwicklungsstörung (siehe oben) ein sehr komplexes Problem. Es erfordert daher über eine logopädische Therapie hinaus gewöhnlich noch weitere Fördermaßnahmen. Häufig beruht eine Sprachentwicklungsstörung auf Wahrnehmungsstörungen: Aufgrund einer gestörten Verarbeitung von Sinnesreizen ist das Gehirn nicht in der Lage, die Informationen, die ihm von einzelnen Sinnesorganen (Augen, Ohren, Nase, Zunge, Haut, Muskeln und Gelenke, Gleichgewichtsorgan) übermittelt werden, in sinnvoller Weise zu verarbeiten. Dafür kann es verschiedene Ursachen geben: von den erblichen Anlagen über Probleme in der Schwangerschaft bis hin zu Komplikationen bei der Geburt oder schweren Erkrankungen im Baby- und Kleinkindalter.

Zur Behandlung von Wahrnehmungsstörungen stehen verschiedene Therapien zur Auswahl:

  • Ergotherapie zielt vor allem auf die Verbesserung der Handgeschicklichkeit und Feinmotorik, aber auch der Grobmotorik. Der Therapeut bietet dem Kind Spiele an, die Spaß machen und Erfolgserlebnisse vermitteln: zum Beispiel Basteln und Werken mit Holz, Ton, Stein oder Textilien. An Übungsgeräten kommen unter anderem Schaukel, Hängematte, Rollbrett, Pedalo, Ball oder Bällebad zum Einsatz. Der Behandlungsschwerpunkt richtet sich jeweils danach, in welchem Bereich die Wahrnehmungsprobleme des Kindes liegen.
  • Heilpädagogische Einzelförderung ist ratsam, wenn das Kind Beeinträchtigungen in mehreren Teilleistungsbereichen zeigt: zum Beispiel in Sprache, Motorik und Wahrnehmung. Die Förderung lehnt sich stark an die Spieltherapie an.
  • Psychomotorik versteht sich als ganzheitliche Entwicklungsförderung und findet gewöhnlich in Gruppen statt. Durch gemeinsames Spielen, kreatives Gestalten und Bewegung können die Kinder ihre Motorik, Körperwahrnehmung und gleichzeitig ihre sozialen und kommunikativen Fähigkeiten verbessern.
  • Rhythmik findet ebenfalls in Gruppen statt. Dabei werden nicht nur Musikinstrumente wie Klavier, Triangel oder Trommel eingesetzt, sondern auch speziell entwickelte Geräte, die zu Spiel, Bewegung und kreativer Gestaltung anregen sollen: Schlaghölzchen, Reifen, Rasselbüchse oder Zauberschnur.
  • Audio-Psycho-Phonologie nennt sich ein spezielles "Horchtraining" über Kopfhörer, das nicht nur die Hörwahrnehmung, sondern auch alle darauf aufbauenden Funktionen verbessern soll: Gleichgewicht, Konzentration, räumliche Orientierung, Motorik und Sprache.

Individuelle Förderung im Kindergarten und in der Schule

Um noch einmal auf das eingangs erwähnte Abwarten und Vertrösten zurückzukommen: Damit sind die Eltern von Kindern mit Sprachschwierigkeiten meistens schlecht beraten. Das Problem ist, dass Sprachprobleme bei der U 7, der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchung im Alter von zwei Jahren, oft noch nicht erkannt werden. Wartet man dann bis zur U 8 (im Alter von vier Jahren), vergehen zwei Jahre kostbarer Entwicklungs- und Förderzeit ungenutzt. Eine ärztliche Abklärung noch vor dem Kindergarteneintritt ist auch deshalb anzuraten, weil man dann in Ruhe überlegen kann, welche Einrichtung für das Kind am besten geeignet ist: ein "normaler" Kindergarten oder eine Einrichtung mit kleineren Gruppen und eventuell besonderen Förderplätzen. Individuelle Förderung bieten vor allem Integrationskindergärten, heilpädagogische Tagesstätten und Sprachheilkindergärten. Die beiden Letztgenannten, aber auch einige Integrationskindergärten, haben den Vorteil, dass sie Therapie- und Förderstunden – wie zum Beispiel Logopädie, Ergotherapie, Rhythmik oder Psychomotorik – im Haus anbieten. Für die Eltern bedeutet das eine große Entlastung: Sie brauchen ihr Kind nicht regelmäßig selbst zur Therapie zu bringen.

Sollte sich vor dem Schuleintritt herausstellen, dass das Kind noch sehr mit seinen Sprachschwierigkeiten zu kämpfen hat, kann es statt in der Regelschule eventuell auch in einer Sprachheilschule unterkommen. Dort erhält es so lange individuelle Förderung, bis ein nahtloser Wechsel an die Regelschule möglich ist. In Sprachheilschulen sind die Klassen deutlich kleiner als sonst (meistens sind es nur zwölf bis 14 Kinder). Die Kinder werden von speziell ausgebildeten Sprachheilpädagogen unterrichtet und erhalten zusätzlich zum Klassenunterricht auch separate Therapiestunden in Kleingruppen. In vielen Sprachheilschulen werden noch weitere Fördermöglichkeiten angeboten, zum Beispiel Psychomotorik oder besonderer Sportunterricht für motorisch auffällige Kinder.

Buchempfehlung:

Rita Steininger. Wie Kinder richtig sprechen lernen. Sprachförderung – ein Wegweiser für Eltern. Klett-Cotta, 2004

In diesem Ratgeber sind die verschiedenen Therapie- und Fördermöglichkeiten, aber auch mögliche Anzeichen und Ursachen für Sprachentwicklungsprobleme genau beschrieben. Mit weiterführenden Informationen und Adressen sowie Anregungen für die Förderung zu Hause kann das Buch eine wichtige Orientierungshilfe für betroffene Eltern sein.

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