Essstörungen nehmen zu

Magersucht und Bulimie

Die Zahl der Essstörungen nimmt zu. Vor allem Mädchen sind von Magersucht und Bulimie betroffen. Wie können Eltern und Freunde den Kindern und Jugendlichen helfen?

Autor: Constanze Nieder
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"Wenn ich dünn bin, gehöre ich dazu"

Essstörung
Foto: © Fotolia

"Hallo, Pummelchen", auch wenn die Bezeichnung nett gemeint ist, kränkt sie die 15-Jährige zutiefst. Wer ein paar Pfunde zu viel auf die Waage bringt, hat es ganz schön schwer. Ein Blick auf die Teenie-Mode zeigt: Bauchfreie T-Shirts, schmalgeschnittene Hosen und Mini-Röcke bringen "Rettungsringe" und stämmige Beine erst recht zur Geltung. Unzufrieden über das eigene Aussehen beginnt die Jugendliche daher eine Diät, joggt und wiegt sich mindestens einmal am Tag, immer mit der bangen Frage, ob das kalorienreduzierte Essen auch endlich ins Gewicht fällt. Antreibende Kraft ist hierbei die Hoffnung: "Wenn ich erst richtig dünn bin, dann gehöre ich endlich dazu." Doch für viele beginnt hiermit nicht der Erfolgkurs, sondern vielmehr der Weg in eine Ess-Störung. Und die Zahl derjenigen, die sich zu dick fühlen, ist groß: Umfragen zufolge sind etwa 62 Prozent der 13- bis 19-Jährigen unzufrieden mit ihrem Gewicht.

Zahl der Ess-Störungen hat stark zugenommen

In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Essstörungen stark zugenommen. Aber was sind eigentlich Essstörungen? Viele, die den Begriff hören, verbinden ihn sogleich mit Gewichtsproblemen und denken dabei an Übergewicht. Menschen mit Essstörungen können jedoch untergewichtig, normalgewichtig oder übergewichtig sein. Essstörungen sind auch nicht zu verwechseln mit Ernährungsstörungen, den Mangelerscheinungen, die durch eine unzureichende oder falsche Ernährung entstehen. Allerdings ziehen Essstörungen in aller Regel Ernährungsstörungen nach sich. Den Betroffenen ist das jedoch egal. Sie lehnen ihren Körper ab und fühlen sich, unabhängig von ihrem tatsächlichem Körpergewicht, zu dick. Sie bemühen sich ständig darum, Diät zu halten. Unbeschwertes Genießen und gesunder Appetit sind für sie Fremdworte. Vielmehr empfinden sie Schuld- und Schamgefühle, wenn sie essen. Die Angst zuzunehmen sitzt ihnen dabei immer im Nacken. Wenn sie widerstehen können, sind sie stolz, fühlen sich unabhängig und mächtig. Hinter jeder Essstörung stehen große seelische Not und tiefliegende persönliche Probleme – das ist den meisten Erkrankten aber nicht bewusst. Der Beginn einer Essstörung liegt fast immer zwischen dem zehnten und 18. Lebensjahr – in den Jahren der Vorpubertät und Pubertät. Der überwiegende Teil (mindestens 80 Prozent) der Erkrankten sind Mädchen und Frauen im Alter bis zu etwa 35 Jahren. Die Zahl der männlichen Betroffenen (zwischen fünf und 20 Prozent) hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, beobachteten Experten.
Je nach tatsächlichem Körpergewicht und konkretem Essverhalten werden drei Formen schwerer Essstörungen unterschieden: Magersucht (Anorexia nervosa), Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa) und Esssucht mit Übergewicht (Adipositas). Im folgenden geht es um die Krankheiten Magersucht und Ess-Brechsucht.
Experten schätzen, dass etwa zwei bis vier Prozent aller Frauen im Alter von 18 bis 35 Jahren an einer Ess-Brechsucht (Bulimie) erkrankt sind. Nach neueren Untersuchungen in den westlichen Industrieländern erkrankt von 150 bis 200 Mädchen im Jugendalter eines an Magersucht. Zwar kommt die Magersucht auch bei Jungen vor, doch weitaus seltener: Unter 100 Erkrankten sind durchschnittlich etwa 95 Mädchen und nur fünf Jungen.

Magersucht

Man spricht dann von Magersucht, wenn durch Hungern und Nahrungsverweigerung das Körpergewicht absichtlich unter 15 Prozent des für Größe und Alter zu erwartenden Gewichtes gebracht wird. Neben dem Wunsch, dem Schlankheitsideal nahe zu kommen, kann ein weiterer Grund für die Gewichtsreduktion sein, dass einige Mädchen keine weiblichen Formen ausbilden wollen – durch Hungern versuchen sie das Wachsen von Busen, Po und anderen fraulichen Rundungen zu verhindern. Vor allem in der Pubertät sind viele heranwachsende Mädchen unzufrieden mit ihrem Körper.

Extreme Angst zuzunehmen

Trotz großen Hungergefühls sind viele der Magersüchtigen sportlich sehr aktiv. Ihre Gedanken kreisen hauptsächlich um ihr Körpergewicht und sie haben eine extreme Angst vor einer Gewichtszunahme, daher nehmen sie Appetitzügler oder Abführmittel. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) beschreibt in dem Informationsheft "Ess-Störungen" Magersüchtige als auffallend dünn, die "nicht mehr in Kontakt zu ihrem Körper stehen. Wichtig ist ihr Kopf, der kontrolliert und steuert. Der Körper ist ihr Feind, der gierig und bedürftig ist und bekämpft werden muss. Die Kontrolle gibt ihnen das Gefühl, autonom und unabhängig zu sein." Magersüchtige sind in aller Regel intelligent, leistungsorientiert, hartnäckig und setzen ihren Willen durch. Gleichwohl ist ihr Selbstwertgefühl außenorientiert, sie definieren es über einen makellosen Körper.

"Körperschemastörung"

Am häufigsten von dieser Krankheit betroffen ist die Altersgruppe von 15 bis 23 Jahren. Wobei eben der Anteil der Frauen bei rund 95 Prozent liegt. Magersüchtige vermeiden meist das Essen im Beisein anderer. Auffällig ist aber, dass sie gerne und viel für andere kochen, Rezepte sammeln und Kochbücher lesen. Selbst essen sie von den von ihnen zubereiteten Speisen aber nichts oder täuschen das Essen vor. Obwohl die Erkrankten sehr dünn sind, fühlen sie sich selbst "zu fett" – bei ihnen ist eine so genannte Körperschemastörung eingetreten. Selbst würden sie sich nicht als magersüchtig einstufen und leugnen auch die mit der Ess-Störung einhergehenden gesundheitlichen Risiken.

Hohe gesundheitliche Risiken

Zu folgenden körperlichen Folgeschäden kann es kommen: Absinken des Stoffwechsels, des Pulses, des Blutdrucks und der Körpertemperatur, was zu Müdigkeit, Frieren und Verstopfung führt; trockene Haut; brüchige Haare; Ausbleiben der Menstruation; in extremen Fällen auch Veränderung der Körperbehaarung und bei einer Erkrankungsdauer über mehrere Jahre kann es als Folge der hormonellen Veränderung auch zu Osteoporose kommen. Nach Angaben von Experten sterben zehn Prozent aller Magersüchtigen an ihrer Krankheit; bei 30 Prozent wird die Sucht chronisch; bei 30 Prozent tritt eine Heilung nach einer Behandlung ein und 30 Prozent erfahren eine "Spontanheilung" (das heißt ohne Behandlung).

Vor allem in der höheren Mittelschicht ist diese Krankheit häufig anzutreffen. Die BzgA informiert: "Magersüchtige kommen meist aus – von außen gesehen – sehr harmonisch erscheinenden Familien und hatten in dieser überbehüteten Atmosphäre keine Chance, sich selbst auszuprobieren und eine eigene Identität zu entwickeln. Oft ist es für die Kinder in diesen Familien schwer, sich selbst zu finden, an Grenzen zu geraten, sie zu spüren und auch zu setzen."

Wegen der erheblichen gesundheitlichen Gefahren sowie der fehlenden Selbsteinschätzung der Magersüchtigen sollte unbedingt eine medizinische Betreuung erfolgen, so der dringende Rat der BzGA. Dies böte in Verbindung mit einer Psychotherapie und der Betreuung der gesamten Familie eine gute Heilungschance.

Ess-Brechsucht

Auch die an Bulimie Erkrankten – zu 90 Prozent sind es Mädchen bzw. Frauen – sind extrem besorgt um ihre Figur und das Körpergewicht. Sie sind meist schlank, vom äußeren Erscheinungsbild weist nichts auf eine Erkrankung hin. Auch das Essverhalten haben sie in der Öffentlichkeit unter Kontrolle. Nach außen hin scheint alles perfekt. Aber sie verspüren immer wieder eine unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln, bekommen Essattacken: In möglichst kurzer Zeit "müssen" sie dann eine große Menge, meist sehr kalorienreicher Lebensmittel verschlingen. "Die Essanfälle finden meist im Verborgenen statt und laufen oft nach einem sich wiederholenden Ritual ab. Die Nahrung wird kaum gekaut und auf das Geschmacksempfinden selten geachtet. Da ein Sättigungsgefühl nicht wahrgenommen wird, werden Anfälle erst durch Bauchschmerzen, Erschöpfung, äußere Umstände (z.B. Termine, Störung von außen)oder aus Mangel an Essbarem beendet. Bei diesen Anfällen können 3000 bis 5000 Kilokalorien oder mehr verzehrt werden", wird in der Informationsbroschüre "Ess-Störungen" der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) erklärt.

Schuldgefühle nach Heißhungerattacken

Anschließend setzen Schuldgefühle ein, die bulimischen Frauen und Männer schämen sich, dass sie wieder einmal der Gier nicht widerstehen konnten. Hinzu kommt die Angst vor der Gewichtszunahme, der sie durch selbst herbeigeführtes Erbrechen vorbeugen wollen. Extreme sportliche Betätigungen, vorrübergehende Diäten, Fasten und die Einnahme von Appetitzüglern, Abführmitteln oder Schilddrüsenpräparaten sind weitere Maßnahmen, um das meist sehr niedrig festgelegte persönliche Körpergewicht zu erreichen.

Die Mehrzahl der an Bulimie erkrankten Personen ist zwischen 20 bis 30 Jahre und stammt meist aus der Mittelschicht. Häufig waren die Betroffenen vorher magersüchtig. Auch im Verlauf der Bulimie kann es zu Magersuchtsphasen kommen – die Grenzen zwischen Magersucht und Bulimie sind oftmals fließend.

Soziale Isolation

Im Laufe der Bulimie-Erkrankung kann es zu depressiven Verstimmungen kommen. Einher geht damit meist auch eine soziale Isolation: Um ihren Heißhungerattacken nachgehen zu können, brechen sie den Kontakt zu Freunden und Bekannten ab.Als körperliche Folgeschäden der Bulimie nennt die BzgA Schwellungen der Speicheldrüsen, Zahnschmelzschäden, Speiseröhreneinrisse, Magenwandperforation sowie Elektrolytenentgleisungen (Kalium-, Magnesiummangel), die zu Nierenschäden und Herzrhythmusstörungen führen. Möglicherweise kommt es auch zum Ausbleiben der Menstruation. Neben diesen gesundheitlichen Risiken sind die Betroffenen zusätzlich häufig noch in finanziellen Schwierigkeiten – hervorgerufen durch den großen Nahrungsmittelkonsum und Ausgaben für Abführmittel.


Schlankheitsideal setzt Frauen unter Druck

Sowohl bei der Magersucht als auch bei der Bulimie lassen sich nur schwer Einzelursachen bestimmen, die zu der Sucht geführt haben. Festzustehen scheint jedoch, dass Vorbilder in der Familie, beispielsweise eine diätbewusste Einstellung der Mutter, negative Auswirkungen auf das Essverhalten der Mädchen haben können. Für Professor Helmut Remschmidt, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Uni Marburg, steht außer Zweifel, dass an der Entstehung beider Krankheiten psychosoziale und soziokulturelle Faktoren beteiligt sind. "In diesem Sinne dürfte das in westlichen Ländern verbreitete Schlankheitsideal von großer Bedeutung sein, möglicherweise auch der Rollenwandel der Frau in den letzten Jahrzehnten, der durch vielfache Belastungen und Anforderungen gekennzeichnet ist", so Remschmidt.

Volle Konzentration auf den Körper

In diesem Zusammenhang ist in der DHS-Informationsbroschüre zu lesen: "Das gesellschaftliche Schlankheitsideal unterwirft insbesondere Frauen geradezu einem Diktat. Schlanksein wird als Synonym und Voraussetzung für Erfolg propagiert, für Anerkennung, Wertschätzung, Attraktivität und sexuelle Ausstrahlung. Es ist daher nur folgerichtig, dass sich Frauen, die in ihrer Identität verunsichert sind, auf ihren Körper konzentrieren und ihn zum Dreh- und Angelpunkt machen." Hinsichtlich des veränderten Rollenbildes der Frau heißt es weiter: "Frauen sollen einerseits weiblich sein, und das heißt: lieb, freundlich, anschmiegsam, emotional und ein wenig ängstlich. Andererseits aber wird ihnen als moderner Frau Leistungsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und Selbstsicherheit abverlangt. In dieser paradoxen Situation stellen sich Ess-Störungen als unterschiedliche Konfliktlösungsversuche dar."

Wie können Angehörige helfen?

Eltern, Geschwister und Partner von magersüchtigen oder bulimischen Frauen und Mädchen stehen den Folgen der Ess-Störung meist ratlos gegenüber. Die Angehörigen möchten gerne helfen, aber können meist kaum etwas ausrichten. Bärbel Wardetzki, Autorin und Psychotherapeutin gibt in dem Buch "Iss doch endlich mal normal. Hilfen für Angehörige von essgestörten Mädchen und Frauen" Ratschläge, wie Eltern und Partner zur Überwindung der Essstörungen beitragen können.

Aber wie kann es überhaupt erst so weit kommen? Warum greifen Eltern oder Partner nicht viel früher ein? Nach Ansicht der Psychotherapeutin nehmen die Angehörigen die Anzeichen der Erkrankung gar nicht richtig wahr und schieben den Verdacht beiseite. Oft sei es auch Angst und Hilflosigkeit und der Wunsch nach einer heilen Familie und Partnerschaft, die sie wegschauen lassen. Dieses Verhalten verstärkt die Essstörung allerdings noch mehr.

Eltern fühlen sich hilflos

Irgendwann müssen sie der Wahrheit aber ins Gesicht sehen und gleichzeitig erkennen, dass sie nichts ausrichten können. "Eltern fühlen sich durch die magersüchtige oder bulimische Tochter zum Teil ´kaltgestellt´, da sie sich ihnen verschließt, sich aggressiv abgrenzt und weder auf Druck noch auf gutes Zureden reagiert", so Wardetzki. Oft geben sich die Eltern die Schuld, dass es so weit kommen konnte. Doch neurotische Schuldgefühle, die aus Selbstanklagen resultieren, führen zu keiner Lösung, sondern dienen in erster Linie dazu, das System so zu erhalten, wie es im Moment ist, so die Psychotherapeutin. Auch wenn es den Eltern oder dem Partner schwer fällt, ist es gerade in dieser Situation wichtig loszulassen und die Verantwortung für die Genesung der Erkrankten abzugeben.

Wardetzki: "Hinter dem Loslassen steht Vertrauen. Vertrauen in die Tochter oder Partnerin, dass sie ihren Weg finden und gehen wird, auch wenn es im Moment gar nicht danach aussieht." Loslassen und Vertrauen seien wesentliche Haltungen, damit die Angehörigen ihr eigenes Leben zurückgewinnen können und die Tochter oder Partnerin ihre Essstörung überwinden kann.

Anlaufstellen und Hilfe

Weitere Informationen über Magersucht und Bulimie findest du unter anderem auf folgenden Internet-Seiten:


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