Wenn sich Pubertierende für ihre Eltern schämen

Mama, Du bist peinlich!

Wenn sich Kinder für ihre Eltern schämen, sind die oft ganz schön vor den Kopf gestoßen. Auf einmal ist Schluss mit Umarmungen, Abschiedsküsschen und gemeinsamen Einkaufstouren. Damit wollen sich Jugendliche von ihren Eltern lösen, sich von ihnen abgrenzen – und erwachsen werden.

Autor: Heike Byn
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Maedchen peinliche Mutter
Foto: © iStockphoto.com/ barsik

Die elfjährige Lea geht mit ihren Freundinnen in die Stadt und begegnet ihrer Mutter im Einkaufszentrum. Die trägt Sportklamotten und sieht ein bisschen zerzaust aus. Lea bleibt wie vom Blitz getroffen stehen, dreht sich um und verschwindet – ohne die Mutter anzusprechen oder in ihre Nähe zu kommen – um die nächste Ecke.

An einem verregneten Oktobermorgen fährt die Mutter des 13-jährigen Bens ihren Sohn zur Schule. Als sie ihn vor dem Schulhof absetzt, verabschiedet sie ihn mit einem Küsschen auf die Wange. Seine Kumpels sehen das und grinsen breit. Ben schreit: „Mama, du bist voll peinlich! Das machst Du nie wieder!“

Was soll das denn auf einmal? Die Mütter von Lea und Ben verstehen die Welt nicht mehr. Noch vor kurzem ist Lea liebend gern mit ihrer Mutter zum Shoppen gegangen. Ganz egal, welche Klamotten die Mutter dabei trug. Und hat nicht Ben sonst immer die Umarmungen und Zärtlichkeiten seiner Eltern genossen? Pubertät ist, wenn Eltern seltsam werden. So nehmen es zumindest die Heranwachsenden wahr. Sie fühlen sich nicht mehr wie Kinder und möchten auch nicht mehr so behandelt werden. Sie wollen cool wirken, irgendwie erwachsen und mit allen Mitteln von ihren Freunden oder Gruppen, denen sie angehören, anerkannt werden. Und das ist keineswegs mit  gluckenden Eltern vereinbar.

Alte Zeiten – neue Zeiten

Auf die Eltern wirkt das wie ein Schock: Söhne und Töchter schubsen sie mit Macht vom Podest, auf dem es sich bisher so bequem als Traum-Mama und -Papa leben ließ. Doch die Zeiten des eng verbundenen Eltern-Kind-Teams sind vorbei, die Eltern entzaubert. Das tut weh, verletzt die eigene Eitelkeit und das Selbstwertgefühl. Keine Zeit zum Wundenlecken, appelliert der Familien- und Kommunikationsberater Jan-Uwe Rogge an die Eltern und fordert: „Gönnen Sie den Jugendlichen das Gefühl, Sie besiegt zu haben. Sie sind für eine gewisse Zeit keine Vorbilder mehr. Tun Sie Ihren Teil dazu, ein erwachsener Partner ihrer Kinder zu werden.“

Um jeden Preis Teil einer Gruppe sein

Doch was finden Teenager wie Lea und Ben eigentlich an ihren Eltern so peinlich, dass sie sich täglich die Hand vor den Kopf schlagen, die Augen verdrehen und ihre Mütter und Väter vorwurfsvoll ansehen? „Jugendliche sind in der Öffentlichkeit vom Verhalten, Aussehen oder den Meinungen der Eltern oft unangenehm berührt. Sie möchten dann nicht mit den Eltern gleichgesetzt werden“, erklärt Klaus Fischer, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut aus Schmallenberg bei Siegen. Er hat sich lange mit dem Phänomen des so genannten Fremdschämens beschäftigt. Das fühlt sich so an, als würde man vor jemandem bloßgestellt. Besonders bei Menschen, die einem nahe stehen schämt man sich dafür, wie sie aussehen und wie sie sich verhalten. Denn man denkt, dass Fremde vom jeweils anderen auf einen selbst schließen.

In der Entwicklung von Kindern bis zu zehn, zwölf Jahren gehört ein gewisses Maß an Fremdschämen zur Entwicklung hinzu. Sie schämen sich dabei für andere vor allem deshalb, weil sie dadurch ihre Zugehörigkeit zu gleichaltrigen Freunden umso besser zeigen können. Deshalb beobachten Kinder dieses Alters auch sehr genau, was Gleichaltrige blöd finden oder mögen: Hannah Montana statt Rolf Zuckowski, „Star Wars“ statt „Löwenzahn“. Lieber passen sie sich den Normvorstellungen an, denn als Außenseiter zu gelten. Ein soziales Leben außerhalb der Gruppe können sie sich noch nicht vorstellen.

Notwendiger Ablösungsprozess

Mit Beginn der Pubertät hat die Fremdscham meist einen anderen Grund: jetzt wollen sich die Jugendlichen von den Eltern abgrenzen, um ihre eine eigene Identität zu suchen. Die Abgrenzung ist ein nötiger Prozess für die spätere Ablösung vom Elternhaus. Und das klappt nur, wenn man sich nicht mehr komplett mit dem Handeln und Leben der Eltern identifiziert. Die Folge: Teenager finden es auf einmal peinlich, wenn ihnen die Mutter den Sportbeutel in die Schule bringt oder sie zum Abschied knuddelt. Es ist völlig in Ordnung, wenn sie nicht mehr Händchenhaltend mit ihren Eltern gehen wollen oder sich an der Schule in einer Seitenstraße vom Vater absetzen lassen. Denn es ist ein Zeichen dafür, dass die Jugendlichen genau das Richtige machen. Schließlich erfordert es auch Mut, Kritik an den Eltern zu äußern. Dabei vertrauen die Jugendlichen ganz instinktiv darauf, dass ihre Beziehung das aushält.

„Von Zeit zu Zeit sollten aber auch die Eltern einmal nachfragen, warum der Nachwuchs etwas peinlich findet und welches Verhalten man sich stattdessen von den Eltern wünscht“, meint Jan-Uwe Rogge. „Was aber noch lange nicht heißt, dass die Eltern dann alle Wünsche erfüllen. Denn auch sie sind eigenständige Menschen mit eigenem Willen und sollen sich nicht verbiegen. Erst recht nicht vor den eigenen Kindern.“

Forever young? Nein, danke!

Viele Väter und Mütter machen es ihren Kindern unnötig schwer, sie doof zu finden, indem sie ihren Sprösslingen nacheifern und sich als möglichst coole Eltern in Outfit und Benehmen geben. Väter laufen in Chucks herum und tragen Basecaps falsch herum auf ihrem schütteren Haar. Mütter zwängen sich in „Hello Kitty“-T-Shirts, um ihre schlanke Linie zu betonen. Sie sehen damit aber nur von hinten gut aus. In solchen Fällen plakativ aufgetragener Jugendlichkeit haben nicht die Kinder das Problem, sondern die Eltern: Sie wollen selber nicht erwachsen werden. „Jugendliche wollen keine ‚forever-young’-Mütter und Väter. Mit 35 muss Schluss sein mit Einkaufen bei H&M“, meint Jan-Uwe Rogge in seinem Buch „Pubertät. Loslassen und Halt geben“. „Sie wollen vielmehr Eltern, die sich ihrem Alter entsprechend verhalten und die man dafür kritisieren kann, dass sie so sind, wie sie sind.“ Erwachsen, größtenteils ‚vernünftig’, lebenserfahren und in vielem abgeklärter als die Kinder.

10 Gebote und Verbote für Eltern

  1. Stellen Sie vernünftige Regeln auf und seien Sie flexibel bei deren Einhaltung. Lassen Sie Spielräume
  2. Trauen Sie Jugendlichen etwas zu und fordern Sie sie
  3. Unterstellen Sie immer wieder, dass Sie für die Jugendlichen wichtig sind, auch wenn es sich manchmal anders anhört
  4. Erziehung findet bei Jugendlichen nebenbei statt (beim Spaziergang, während der Autofahrt, beim Einkauf)
  5. Drängen Sie sich nicht auf, aber stehen Sie zur Verfügung
  6. Versuchen Sie nicht, jugendlicher zu sein als die Jugendlichen, es hilft Ihnen nicht. Jugendliche achten „richtige“ Erwachsene mehr als „Berufsjugendliche“. Sie wollen keine 40-jährigen Freunde
  7. Lassen Sie sich nie an Orten blicken, die Jugendliche für sich reserviert haben: Treffpunkte, Jugendzentren, Discos
  8. Ermöglichen Sie Jugendlichen, ohne Gesichtsverlust und Grenzüberschreitungen, Regelverletzungen wieder zu korrigieren
  9. Halten Sie sich mit Ihrer Meinung über Musik, Hobbys und Kleidung der Jugendlichen zurück
  10. Stellen Sie Jugendliche nie bloß, sie sind ausgesprochen verletzlich

(Quelle: Klaus Fischer: Hilfen für Eltern 2. Pubertät: Wenn die Eltern komisch werden, erhältlich unter www.fischer-erziehungshilfen.de)

 

Buchtipps

  • Jan-Uwe Rogge: Pubertät – Loslassen und Haltgeben. rororo 2010, 352 Seiten, 9,99 Euro. ISBN 978-3499626555
  • Jesper Juul: Pubertät. Wenn Erziehen nicht mehr geht. Gelassen durch stürmische Zeiten. Kösel 2010, 208 Seiten, 16,95 Euro. ISBN 978-3466308712
  • Manfred Spitzer / Norbert Herschkowitz: Pubertät ist, wenn Eltern seltsam werden. Audio CD, 14,95 Euro. ISBN 978-3902533210


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