Bin ich schön?

Teenager: Der Traum vom perfekten Aussehen

Spätestens in der Pubertät wird das Aussehen immer wichtiger. Doch der in unserer Gesellschaft verbreitete Schönheitswahn wirkt sich negativ auf Selbstwertgefühl und Gesundheit mancher Teenager aus. Wie können Eltern ihre Kinder stark machen?

Autor: Sabine Ostmann
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Unzufrieden mit dem eigenen Aussehen

Teenager schminken
Foto: © fotolia.com/ prudkov

Stundenlang steht Nathalie vor dem Spiegel und probiert immer neue Outfits an. Fast ihr ganzes  Taschengeld gibt die 16-Jährige für Klamotten und Kosmetik aus. Doch es hilft alles nichts: Nathalie findet sich hässlich: „Meine Beine sind zu kurz und außerdem bin ich zu fett“, klagt sie. Also joggt sie fast täglich mehrere Kilometer und achtet strikt auf ihr Gewicht. „Ich weiß überhaupt nicht, was sie hat", meint ihre Mutter Christina. „Nathalie ist so hübsch und hat kein Gramm zu viel auf den Rippen. Aber ihre Freundinnen sind genauso. Alles dreht sich ums Aussehen und alle finden sich zu dick.“ Auch Jungs sind dem Schönheitswahn verfallen. Der Sohn von Christinas Schwester trainiert mehrmals in der Woche im Fitnessstudio, rasiert sich die Beine und geht nie aus dem Haus, ohne seine Frisur zu stylen. „Was ist bloß los mit denen?“, fragt sich Christina. 

Bei Jugendlichen steht gutes Aussehen ganz hoch im Kurs. Ihr Ziel: So schön und schlank sein wie die makellosen Models in den Beauty-Magazinen, so athletisch und muskelbepackt wie Fußball-Gott Christiano Ronaldo. Sie träumen von Model-Maßen und einer geraden Nase, von modellierten Oberkörpern und Muskelpaketen. Um ihren vermeintlich perfekten Vorbildern nachzueifern, haben 42 Prozent der 14-jährigen Mädchen schon einmal eine Diät gemacht. 92 Prozent der 15- bis 17-Jährigen haben sogar bereits über eine Schönheitsoperation nachgedacht – so das LBS-Kinderbarometer 2013. Ein weiteres Ergebnis der Studie zum Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen: Die Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen hängt stark von den Lebensbedingungen ab. Je schlechter sich die Jugendlichen in ihrer Familie, in der Schule und ihrem Wohnumfeld fühlen, desto ausgeprägter ist der Wunsch nach einer Veränderung ihres Körpers. 

Pubertät: Das große Hadern mit dem Aussehen 

Bin ich schön? Ist meine Nase vielleicht zu groß? Mein Busen zu klein? Mein Hintern zu dick? Die intensive Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen, das Ausprobieren neuer Outfits und neuer Rollen ist in der Pubertät völlig normal – ebenso der überkritische Blick in den Spiegel. Besonders Mädchen hadern mit ihrem Äußeren, denn sie verändern sich – zumindest auf den ersten Blick – deutlicher als Jungs. Das macht es für sie schwieriger, sich mit ihrer neuen Körperidentität anzufreunden. Zudem neigen Mädchen eher als Jungs dazu, sich mit Idealbildern zu vergleichen, und ihre Selbsteinschätzung hängt stark von der Bestätigung durch das andere Geschlecht ab. Jungs dagegen vergleichen sich eher mit anderen Jungs, doch auch sie finden sich oft unattraktiv und unproportioniert. Dagegen arbeiten sie mit viel Haargel und mitunter exzessivem Training in der Mucki-Bude an.

Wirklich neu ist das alles nicht. Wahrscheinlich haben auch Sie als Jugendliche fürs gute Aussehen manche Qual auf sich genommen: sich z.B. mit Jeans in die Badewanne gelegt, damit diese hauteng sitzen. „Alles ganz normal“, meint die Kölner Psychologin Gerhild von Müller. „Der Wunsch nach Attraktivität ist der gleiche wie früher, aber heute haben die Jugendlichen viel mehr Optionen: Fitnessstudios, Schönheits-Operationen und ständig neue Modetrends bieten neue Möglichkeiten, das Aussehen zu verändern. Sie erzeugen aber auch zusätzlichen Druck.“ 

Körperkult und Schönheitsterror

„Schöne Menschen bekommen mehr Aufmerksamkeit“, so von Müller. „Und das ist für Jugendliche immens wichtig. Gleichzeitig haben sie auch das Bedürfnis, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, sich von anderen abzuheben und als Individuum wahrgenommen zu werden. Bodystyling, Kosmetik und Klamotten sind für sie eine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen.“ Dabei stehen Jugendliche heute allerdings unter einem hohen Konkurrenzdruck. In unserer Gesellschaft sind viele Sicherheiten verloren gegangen. Je unsicherer Jobs und soziale Stellung, desto stärker wächst das Konkurrenzverhalten – und damit das Bedürfnis, einander auszustechen: mit dem perfekten Body, den coolsten Klamotten, dem heißesten Posing.

Nicht nur Jugendliche unterliegen dem Schönheitswahn. Körperkult gehört zum Zeitgeist. Mehr noch: Gutes Aussehen ist zu einem Gradmesser für Leistungsfähigkeit geworden und entscheidet über den „Marktwert“ eines Menschen. Und das nicht nur bei der Partnersuche, sondern auch im Freundeskreis und im Job. Gutes Aussehen ist Pflicht. Umgekehrt wird ein unattraktives Äußeres mit Faulheit und mangelnder Leistungsfähigkeit gleichgesetzt. Wer dick ist, gilt als Loser. Wer nicht den Schönheitsidealen unserer Zeit entspricht, ist selbst schuld. Gerade Jugendliche, die ihre Persönlichkeit, ihre körperliche und sexuelle Identität noch entwickeln, sind diesem Schönheitsterror besonders ausgesetzt.

Barbie und Ken – die Schönheitsideale von heute

Vor allem, so Gerhild von Müller, sei der Druck gewachsen, einem ganz bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen: Der „Barbiepuppenkörper“ ist zum Leitbild für weibliche Schönheit geworden: mager, mit unproportional langen Beinen und übergroßen Brüsten. Männliche Attraktivität wird durch den Ken-Typ vorgegeben: groß, glattrasiert, Sixpack, breiter Brustkorb und ausdefinierte Muskeln.

Diese Schönheitsideale werden bereits durch Kinderspielzeuge vermittelt, vor allem aber durch Werbung und Medien, insbesondere durch Casting-Shows wie „Germany's next Topmodel“ (GNTM). „Wohlgemerkt: Die Medien sind nicht ,schuld? an dieser Entwicklung. Doch durch die Bilder, die sie zeigen, prägen sie das Schönheitsideal und tragen massiv dazu bei, dass Jugendliche in der Pubertät ein verzerrtes Bewusstsein für ihren eigenen Körper entwickeln“, erklärt von Müller. Bei GNTM gibt es ein klar vorgegebenes Schönheitsideal. Wer diesem Bild nicht entspricht, hat versagt. Individualität und Persönlichkeit sind nicht gefragt, stattdessen ist Anpassung angesagt. Vor allem junge Mädchen vergleichen sich mit den superschlanken, durchgestylten Kandidatinnen und können dabei nur verlieren. Zurück bleibt das frustrierende Gefühl, nicht gut genug zu sein – darunter leidet das Selbstwertgefühl.

Eltern sollten gelassen bleiben

Und wie können Eltern mit dem „Schönheitsfimmel“ ihrer Kinder umgehen? Gerhild von Müller plädiert für Gelassenheit: „Probieren Sie als Mutter doch ruhig mal gemeinsam mit Ihrer Tochter neue Outfits an, lassen Sie sich von ihr beraten und gestehen Sie ihr modische Kompetenz zu. Oder machen Sie mal einen Work-out gemeinsam mit Ihrem Sohn und lassen Sie sich ein paar Fitness-Tipps geben. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass Sie es so lieben, wie es ist und dass es völlig ok ist, wie es ist. Damit helfen Sie ihm, sein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Das Wichtigste aber ist, dass Sie eine gute Beziehung zu ihrem Kind haben, dass Sie seine Sorgen und Nöte kennen. Denn nur so können Sie einschätzen, ob ‚Schönheitswahn’ ein vorübergehendes Phänomen ist, oder die Situation vielleicht ernster ist.

Den eigenen Umgang mit dem Aussehen hinterfragen

Was Eltern dagegen nicht tun sollten: Allen Wünschen ihrer Sprösslinge nachgeben. Es ist wichtig, auch mal nein zu sagen, wenn das Kind dauernd neue Markenklamotten oder Kosmetika will – das gilt natürlich erst recht, wenn es sich eine Schönheitsoperation wünscht.

Wer stark aufs Aussehen fixiert ist, wird immer nur sehen, was ihr oder ihm fehlt. Wenn das Kind mit seinem Aussehen hadert, sollten Eltern mit ihm darüber sprechen, weshalb es sich selbst so negativ sieht – und hinterfragen, wie es kommt, dass seine Vorbilder so toll aussehen. Denn so perfekte Körper, wie es Werbung und Medien vorgaukeln, gibt es in der Realität kaum. Jedenfalls nicht ohne spezielles Make-up und Bildbearbeitung, die nicht nur Schwabbelbäuche und Pickel verschwinden lässt, sondern auch bei der Oberweite einige Körbchengrößen dazu mogelt. Das können Sie mit einem Bildbearbeitungsprogramm zu Hause am Computer selbst ausprobieren. Bei dieser Gelegenheit können Sie vielleicht auch einmal einen kritischen Blick auf ihren eigenen Umgang mit dem Thema Schönheit werfen: Jammern Sie vielleicht über ihr dünnes Haar oder Ihr spitzes Kinn? Probieren Sie jede neue Diät aus oder stählen Sie sich im Studio, um sich Oberarme wie Michelle Obama anzutrainieren?

Wenn „Schönheitswahn“ gefährlich wird

Das Bemühen, dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, nimmt bei manchen Jugendlichen bedenkliche Ausmaße an. „Wenn sich bei Ihrem Kind alles nur noch um die äußere Erscheinung dreht, wenn die krumme Nase oder der vermeintlich zu dicke Hintern als Erklärung für alles herhalten muss, für Streit mit Freunden ebenso wie für Konflikte in der Schule, dann ist das eindeutig ein Alarmzeichen“, sagt Gerhild von Müller. Spätestens wenn Ihre Tochter nur noch auf Diät ist, wenn sie Anzeichen von Bulimie oder Magersucht zeigt, oder wenn Ihr Sohn bis zur totalen Verausgabung trainiert oder plötzlich unnatürliche Muskeln entwickelt, sollten Eltern reagieren. Oft ist es in dieser Phase allerdings sehr schwierig, die Jugendlichen zu erreichen, weil sie sich häufig extrem zurückziehen. Dann ist professionelle Hilfe nötig. Die finden Eltern bei Psychologen, Kinder- und Jugendärzten sowie bei den örtlichen Beratungsstellen des Kinderschutzbundes, der Jugendämter oder karitativer Einrichtungen.

Service 

  • Katharina Weiss: Schön!? Jugendliche erzählen von Körpern, Idealen und Problemzonen. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,95 Euro, ISBN 978-3862650385
  • Karin Kampwerth: Voll gut drauf: Schön und selbstbewusst im Handumdrehen. Thienemann, 2,99 Euro, ISBN 978-3522176903
  • Tanja Legenbauer: Wer schön sein will, muss leiden? Wege aus dem Schönheitswahn. Hogrefe-Verlag, 16,95 Euro, ISBN 978-3801718688

www.nummergegenkummer.de – kostenlose Beratung für Eltern sowie für Kinder und Jugendliche 

 

 


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