Babyklappe, anonyme oder vertrauliche Geburt?

Schwanger - und völlig überfordert

Was kann eine schwangere Frau tun, die aus einer Notsituation heraus ihr Baby nach der Geburt weder behalten will, noch möchte, dass ihr Umfeld davon erfährt? Neben Babyklappen und der Möglichkeit einer anonymen Geburt gibt es seit dem 1. Mai 2014 auch die "Vertrauliche Geburt". Was dies bedeutet, erfahren Sie hier.

Autor: Judith Harrass
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Welche Möglichkeiten haben Frauen, ihre Kinder in gute Hände zu geben?

junge Frau wird beraten
Foto: © Fotolia / Alexander Raths

Es gibt viele Gründe, die aus Sicht der überforderten Frauen dagegen sprechen können, ein Kind zu behalten: fehlender Partner, kein Rückhalt in der Familie, keine abgeschlossene Ausbildung, Krankheit, Drogenabhängigkeit, schwanger durch Vergewaltigung, verdrängte Schwangerschaft und viele mehr. 

Auch wenn die Gründe oft für andere nicht nachvollziehbar sind, nutzen manche dieser Frauen die Babyklappe oder die anonyme Geburt, um ihr Baby in den Händen anderer Menschen zu wissen, die sich gut um das Kind kümmern werden. Einige dieser Mütter holen ihr Baby nach einiger Zeit sogar zurück, etwa, wenn sie sich doch jemandem offenbart haben, und dann feststellen, dass sie wider Erwarten Unterstützung bekommen. 

Babyklappen oder Babyfenster

Babyklappen sind von außen zu öffnende Klappen, hinter denen sich ein gewärmtes Babybettchen verbirgt. Meist liegen hier auch Informationsblätter in mehreren Sprachen für die abgebende Person bereit und es besteht die Möglichkeit, eine Nachricht für das Kind oder  Fingerabdrücke zur späteren Identifizierung zu hinterlassen. Wenn die Person das Kind dort abgelegt und die Klappe geschlossen hat, ist diese von außen nicht mehr zu öffnen. Nach Ablauf einer Zeitspanne, in der die Person sich unerkannt entfernen kann, verständigt ein Alarm einen Bereitschaftsdienst, der sich um das Kind kümmert.

Einerseits bieten die Klappen die Möglichkeit, das Kind gut versorgt zu wissen, andererseits muss die Mutter die Geburt allein bewältigen, erhält keinerlei Beratung und Unterstützung und muss den Transport und die Abgabe des Kindes organisieren.

Außerdem kann die Abgabe völlig anonym erfolgen, sodass das Kind niemals eine Möglichkeit hat, mehr über seine Herkunft zu erfahren.

Angeboten werden diese seit 1999 zum Beispiel von der Caritas oder der Diakonie sowie von Krankenhäusern in vielen Städten. Ursprünglich, um zum Beispiel Drogenabhängigen, Prostituierten und anderen Frauen, die schlecht erreichbar durch Institutionen sind, eine Möglichkeit zu geben, ihr Kind unerkannt abzulegen, damit sie es nicht aussetzen oder töten. Allerdings ist die Zahl dieser Delikte trotz der Einrichtung der Babyklappen leider nicht rückläufig. Terre des Hommes führt das darauf zurück, dass diese Täterinnen in Panik handeln und nicht von den Hilfsangeboten erreicht werden.

Hilfetelefon "Schwangere in Not - anonym und sicher" *

Schwangere können sich rund um die Uhr an die Nummer 0800 40 40 020 wenden. Dort erhalten sie eine kostenlose und qualifizierte Erstberatung. Als 24-Stunden-Lotse vermittelt sie das Telefon auch an Beratungsstellen vor Ort weiter. Die Beratung ist anonym, barrierefrei und wird mehrsprachig angeboten.

Anonyme Übergabe

Die gleichen Träger bieten oft auch die Möglichkeit einer anonymen Übergabe an – hierbei besteht zumindest die Möglichkeit, die Mutter über ihre Optionen und über Hilfsangebote zu informieren. Hier wird ein Termin vereinbart, zu dem die Person das Kind in die Hände einer Betreuungsperson abgeben kann. Allerdings besteht auch hier die Gefahr für das Kind, niemals eine Chance zu erhalten, mehr über seine Herkunft zu erfahren, wenn die Mutter komplett anonym bleibt und auch nichts hinterlässt, das dem Kind später ausgehändigt werden soll.

Anonyme Geburten

Einige Kliniken bieten den Schwangeren an, ihr Kind ohne Angabe der Personalien unter medizinischer Aufsicht zur Welt zu bringen. Die Geburt wird dann aus Fördermitteln finanziert. Hier haben die Frauen den Vorteil, mit ihrem Kind vor, während und nach der Geburt medizinisch betreut zu werden und es gibt die Möglichkeit der Beratung und Hilfestellung.

Seit Mai 2014: die vertrauliche Geburt

Um nicht nur dem Wunsch der Mutter nach Anonymität gerecht zu werden, sondern auch dem Rechtsanspruch des Kindes auf Information nach seiner Herkunft, wurde nun die vertrauliche Geburt gesetzlich beschlossen.

Allein die Beratungsstelle nimmt hierbei den richtigen Namen der Frau auf und gibt die Daten verschlossen in einem Umschlag an das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) zur Aufbewahrung. Entscheidet sich die Mutter (innerhalb von 8 Wochen) nach der Geburt nicht für das Kind, kommt es zu einem Adoptionsverfahren. Das betroffene Kind kann ab dem vollendeten 16. Lebensjahr die Identität seiner leiblichen Mutter erfahren.

Auch hier ist positiv, dass die Mutter vor, während und nach der Geburt betreut wird.

Auf der ersten Stufe bieten die Schwangerschaftsberatungsstellen umfassende Hilfen und Beratung zur Lösung des Konflikts an, der den Wunsch nach Anonymität bedingt hat. Erst wenn feststeht, dass sich die Frau trotz guter Hilfsangebote nicht offenbaren möchte, wird sie
auf einer zweiten Stufe zur vertraulichen Geburt beraten.

Aber auch wenn eine Frau sich gegen die Möglichkeit der vertraulichen Geburt entscheidet: Das Angebot zur anonymen Beratung und die Hilfen stehen ihr jederzeit zur Verfügung.

Organisationen wie Terre des Hommes beklagen, dass die vertrauliche Geburt parallel zu Babyklappen und anonymer Geburt eingeführt wird. Sie hätten sich gewünscht, dass die vertrauliche Geburt alle anderen Angebote ersetzt, um ein einheitliches Vorgehen und eine Rechtssicherheit für alle Beteiligten zu schaffen. 

Immer noch fraglich bei all diesen (Not-)Lösungen ist die Rolle der Väter – allerdings haben die Mütter meist einen Grund, dessen Namen zu verschweigen: Oft ist er gegen das Kind, die Mutter hat sich schon von ihm getrennt, das Kind war Ergebnis eines Seitensprungs oder One-Night-Stands oder ähnliches. 

Mehr Informationen

Über die neuen Regelungen und Hilfen informiert ausführlich die vom BMFSFJ
herausgegebene Broschüre "Die vertrauliche Geburt - Informationen über das Gesetz
zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt".
Die Website www.geburt-vertraulich.de informiert zudem betroffene Frauen umfassend über die neuen und die bestehenden Hilfsangebote für Schwangere.

Ab 1. Oktober 2014 erhalten Schwangere hier das Angebot einer anonymen Online-Beratung.

 

* Das Hilfetelefon ist beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) angesiedelt und wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) finanziert.

Quellen

  • Anonyme Geburt und Babyklappen in Deutschland / Joelle Coutinho, Claudia Krell (unter Mitarbeit von Monika Bradna) 2011
  •  Das Problem der anonymen Kindesabgabe / Stellungnahme des deutschen Ethikrates 2009
  •  Zum »Entwurf eines Gesetzes zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt« / Stellungnahme von terre des hommes Deutschland e. V., 2013
  • Pressemitteilungen Nr. 62/2013 und Nr. 21/2014, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 

 

Interview mit Anne Rossenbach vom Sozialdienst katholischer Frauen

Wer ist bei Ihnen zuständig für die Babyklappe?

Das „Moses Baby Fenster“ ist angegliedert an unsere Mutter-Kind-Einrichtung „Haus Adelheid“. Ein Frau in Not hat damit die Alternative, das Kind nicht im Fenster abzulegen, sondern die im Haus 24 Stunden täglich an 365 Tagen im Jahr verfügbare Hilfe durch qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Anspruch zu nehmen. „Haus Adelheid“ ist in der Regel auch die Anlaufstelle, an die sich Mütter wenden, wenn sie ihr Kind anonym abgegeben haben.

Für die administrativen Fragen wie die Meldung des anonym aufgefundenen Kindes an das Jugendamt, die Polizei, das Standesamt etc. ist die Geschäftsführung zuständig. Da der Sozialdienst katholischer Frauen großen Wert auf Transparenz im Verfahren legt, ist das „Moses Baby Fenster“ als Teil der Jugendhilfe in das städtische Gesamtsystem integriert.

Wie ist der Ablauf, wenn ein Kind dort hineingelegt wird?

Wird ein Kind im „Moses Fester“ abgelegt, wird unmittelbar die diensthabende Mitarbeiterin per Signal informiert. Sie geht dann unverzüglich zum „Moses Fenster“, das auch vom Haus aus zugänglich ist, nimmt das Kind aus dem Fenster und folgt dann dem standardisierten und trainierten Verfahren:

Unmittelbar nach dem Auffinden des Kindes wird die Kinderklinik informiert. Bis zum Eintreffen des Babymobils wird das Kind versorgt, gewärmt, gehalten.

Nach dem Eintreffen der Sanitäter erfolgt eine erste medizinische Untersuchung, das Kind wird dann in die Klinik gebracht. Zeitgleich wird eine Kollegin aus der Abteilung „Vormundschaften“ hinzugezogen, die die Beantragung der Vormundschaft betreibt, vor allem aber als Ansprechpartnerin für die Ärzte zur Verfügung steht, das Kind betreut oder eine Ehrenamtliche einbindet, die das Kind während des Krankenhausaufenthaltes möglichst engmaschig betreut, um dem Kind Sicherheit und Zuwendung zu geben. Das Kind erhält möglichst frühzeitig einen Vor- und Zunamen. Der Vorname wird frei gewählt, den Nachnamen gibt dem Kind oft die Mitarbeiterin, die das Kind im Fenster aufgenommen hat. Uns ist es wichtig, dass das Kind von Beginn an nicht anonym oder als „Baby X“ behandelt wird. Die meisten Kinder wurden beim SkF am frühen Morgen oder im Laufe des Tages in das „Moses Fenster“ gelegt, so dass umgehend, spätestens aber bei Dienstbeginn die zuständigen Ansprechpartner beim Jugendamt und bei der Polizei informiert werden. 

Meldet sich die Mutter, wird per DNA-Analyse die Elternschaft gesichert. Entscheidet sie sich für die Rücknahme des Kindes, erhält sie alle notwendigen Hilfen zur Entlastung in der Notsituation, die bei ihr zur Abgabe des Kindes geführt hat (Mutter-Kind-Wohnen, Erziehungshilfe, Frühe Hilfen etc.). Kann sich die Mutter das Leben mit dem Kind nicht vorstellen, kann sie das Kind in Pflege geben oder zur Adoption freigeben. Auch in diesem Entscheidungsprozess wird sie begleitet. Die Mutter kann auch längerfristig beraten und betreut werden. 

Meldet sich die Mutter nicht, wird das Kind in eine Adoptivfamilie vermittelt. Diese Eltern wurden in der Regel über mindestens ein Jahr auf eine mögliche Adoption vorbereitet und können sich auch vorstellen, mit der dauerhaften Anonymität des Kindes umzugehen. Das ist heute, wo meist offenere Form der Adoption gewählt werden, nicht selbstverständlich.

Ab da läuft das Verfahren wie bei jeder anderen Adoption auch.

Wie viele Kinder wurden schon bei Ihnen abgegeben?

Seit 2000, als wir das Fenster eingerichtet haben, wurden 19 Kinder abgegeben. 

Ist die vertrauliche Geburt Ihrer Meinung nach eine Verbesserung?

Im Ablauf bei uns im Haus nicht - da bleibt eigentlich alles beim alten. Positiv ist aber, dass für alle Beteiligten eine Rechtssicherheit geschaffen wird und dass wir das Angebot dann auch bewerben dürfen. Davon versprechen wir uns, dass mehr Frauen Hilfe in Anspruch nehmen und dadurch besser beraten und versorgt werden können. Das „Moses Baby Fenster“ ist angegliedert an unsere Mutter-Kind-Einrichtung „Haus Adelheid“. Ein Frau in Not hat damit die Alternative, das Kind nicht im Fenster abzulegen, sondern die im Haus 24 Stunden täglich an 365 Tagen im Jahr verfügbare Hilfe durch qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Anspruch zu nehmen. 

Gibt es hier einen standardisierten Ablauf in allen Kliniken und Organisationen?

Verschiedene frühere Untersuchungen, zuletzt aber die Studie des Deutschen Jugendinstituts haben nachgewiesen, dass es die erwünschten Standards eben nicht gibt. Viele Kliniken oder Babyklappen sind in keiner Weise ins örtliche Jugendhilfesystem eingebunden, das heißt, sie arbeiten zum Teil ohne Betriebserlaubnis, melden das Auffinden eines Kindes erst Tage oder gar Wochen später. Hier fehlt es nicht an gutem Willen aber an Transparenz und Offenheit und das ist nach unserer Meinung in einer so heiklen Frage, in der es um das Leben und die Zukunft von Mutter und Kind geht, nicht tragbar.

Daher hat der SkF e.V. Köln gemeinsam mit dem SkF-Bundesverband sehr auf die Vereinbarung verbindlicher Standards gedrängt, die jetzt auch mit dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge erarbeitet und dann auch hoffentlich flächendeckend umgesetzt werden.

Allerdings kann niemand überprüfen, ob ein Träger, der sein Angebot ohne Genehmigung oder Wissen des zuständigen Jugendamtes betreibt, sich diesen Standards anschließen wird. Ein gewisses Dunkelfeld wird also bleiben.

Erreicht man die Frauen, die sonst die Babyklappe nutzen würden, mit dem Angebot der vertraulichen Geburt?

Das hoffen wird. Der Gesetzentwurf, der nun vorgelegt wurde, sieht die wissenschaftliche Überprüfung genau dieser Frage vor. Wir gehen aber davon aus, dass wir viele Frauen mit der Vertraulichen Geburt erreichen können. Die Frauen, die wir in unserer Arbeit kennengelernt haben, wollten Anonymität vor ihrem Umfeld und nicht vor ihrem Kind. 

Wie stehen Sie überhaupt zur vertraulichen Geburt?

Der SkF e.V. Köln hat sich sehr für die Einführung der Vertraulichen Geburt eingesetzt. Die Tatsache, dass die gesetzliche Neuregelung innerhalb des bestehenden Systems der Schwangerschaftsberatungsstellen umgesetzt werden soll, begrüßen wir sehr. Die Vertrauliche Geburt muss nun beworben, öffentlich bekannt gemacht und niedrigschwellig umgesetzt werden. Dann glauben wir an den Erfolg dieser Hilfseinrichtung für Frauen in Not. Auch wenn wir wissen, dass wir, wie jetzt auch schon, nicht alle Frauen werden erreichen können.   

Anne Rossenbach ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Köln.


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