Mehr als ein Modethema

Ist mein Kind hochbegabt?

Woran erkenne ich, dass mein Kind hochbegabt ist und was ist im Umgang mit hochbegabten Kindern wichtig? urbia befragte eine Expertin zu diesem Thema, das sich wachsender Aufmerksamkeit erfreut.

Autor: Petra Fleckenstein
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Einfach nur Chancengleichheit

Junge Mikroskop
Foto: © panthermedia.net/ Grischa Georgiew

Das Thema Hochbegabung erfreut sich seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit. Dennoch ist die Vorstellung eines hochbegabten Kindes oder eines Kleinkindes, das hochbegabt ist, noch immer mit zahlreichen Vorurteilen behaftet. Die einen setzen Hochbegabung schlichtweg mit sehr guten schulischen Leistungen gleich, andere vermuten umgekehrt hinter jedem verhaltensauffälligen Kind ein verstecktes Genie. Eltern hochbegabter Kinder werden gerne für Ehrgeizlinge gehalten, die ihren Nachwuchs einer Dressur unterzogen haben. Und Hochbegabung in der Schule gilt bisweilen eher als Makel denn als willkommene Gabe, seit sich herumgesprochen hat, dass sich gerade Hochbegabte zu Schulversagern wandeln können.

Der Umgang mit dem Thema ist nicht einfach. Denn er konfrontiert alle Normalbegabten mit dem nicht unbedingt angenehmen Gefühl, dass da andere besser ausgestattet ins Leben gehen und sich spielerisch zu großartigen Leistungen aufschwingen können, während man selbst sich womöglich stets - auch mit viel Fleiß - nur im Mittelfeld bewegen wird. Vielleicht führt dies zu den versteckten und bisweilen offenen Anfeindungen, mit denen hochbegabte Kinder zum Beispiel in der Schule zu kämpfen haben. Zum anderen sind unser Schulsystem und das pädagogische Personal bislang auf die angemessene Förderung von Kindern des oberen Leistungspektrums nicht ausreichend eingestellt und vorbereitet. Das kann zu Überforderung der Lehrerschaft und bedrückender Unterforderung des hellwachen und lernhungrigen Kindes führen.

Zur Lösung des Problems mag es vielleicht beitragen, dem Thema Hochbegabung den Nimbus des Exotischen zu nehmen und einen möglichst nüchternen Umgang mit dem Phänomen anzustreben. In Deutschland gibt es rund 1,5 Millionen überdurchschnittlich intelligente und etwa 300.000 hochbegabte Schulkinder. Und sie, das betonen Vertreter von Hochbegabten-Institutionen, haben die gleichen Bedürfnisse wie andere Kinder auch. Sie wollen geliebt werden und sich ihren individuellen Anlagen entsprechend entfalten dürfen. Nur darum geht es also - um Chancengleichheit für alle Kinder.

Diesen Ansatz vertrat auch die Kölner Diplom-Psychologin Dr. Ida Fleiß, die nach jahrelanger Beschäftigung mit Hochbegabten ein Buch zum Thema veröffentlichte. urbia sprach mit ihr über die Bedürfnisse und Probleme hochbegabter Kinder.

Woran kann man die Hochbegabung seines Kindes erkennen?

Frau Dr. Fleiß, Sie haben soeben das Buch "Hochbegabte und Hochbegabung" veröffentlicht. Was unterscheidet Ihr Buch von anderen zum Thema?

Fleiß: Es ist aus der Praxis entstanden und nicht als wissenschaftliches Werk gedacht. Der Unterschied zu anderen Büchern über Hochbegabung liegt darin, dass hochbegabte Menschen aus ihrem Leben berichten: wie sie ihre Hochbegabung erleben, welche Erfahrungen sie damit machen usw. Damit möchten sie anderen Betroffenen Mut machen, aber auch Vorurteile und falsche Erwartungen in der Öffentlichkeit abbauen.

Kinder sind meist aufgeweckt, interessiert und haben ein hervorragendes Gedächtnis. Wann aber beginnt Hochbegabung? Wie wird Hochbegabung aktuell definiert?

In der Wissenschaft mit einem IQ über 130 oder in Prozenten: besser als 98 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Das Thema Hochbegabung ist in (fast) aller Munde. Gibt es immer mehr Hochbegabte?

Nein, es wächst nur die Sensibilität für dieses Thema.

Was unterscheidet sie von anderen Kindern?

Auf Seite 22 meines Buches habe ich hierzu eine Liste veröffentlicht:

Woran erkennt man, ob ein Kind hochbegabt ist?

  • Es verfügt über einen ungewöhnlichen Wortschatz
  • erfasst komplexe Sachverhalte schnell und richtig
  • sein Gedächtnis ist außergewöhnlich gut
  • beschäftigt sich selbst und ist mit hoher Konzentration und Ausdauer bei Dingen, die es sehr interessieren.
  • seine Sprache ist ausdrucksvoll und differenziert
  • es verfügt über eine sehr gute Beobachtungsgabe
  • Lesen und Schreiben hat es sich schon vor dem Eintritt in die Schule selbst beigebracht
  • Zählen und Rechnen macht ihm Spaß (auch mit größeren Zahlen)
  • es hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden
  • gegenüber Autoritäten verhält es sich eher kritikbereit
  • es zeigt ein für ein Kind seines Alters ungewöhnliches Interesse an Umweltfragen, Philosophie, Politik oder aktuellen wissenschaftlichen Fragestellungen.

Was können Eltern für ihre hochbegabten Kinder tun?

Warum ist es wichtig, Hochbegabung zu erkennen und zu fördern?

In erster Linie darum, um Fehlentwicklungen wie Leistungsverweigerung durch Unterforderung, Isolierung aufgrund Andersseins zu vermeiden, aber auch, um die Lernfreude des Kindes zu steigern, seine Lust zur persönlichen Entwicklung zu fördern. Das alles führt dazu, dass sich das Kind glücklich fühlt.

Haben Sie einen Rat für Eltern hochbegabter Kinder, wie sie am besten damit umgehen sollten?

Frühzeitig durch Fachpsychologen abklären lassen, ob das Kind auch tatsächlich hochbegabt ist. Sich Förderangebote ansehen (DGhK, Hochbegabtenförderung e.V., "die hauslehrer" u.a.m.), Ratgeber kaufen (Taschenbücher), mit den Lehrern sprechen und mit Eltern ebenfalls hochbegabter Kinder Erfahrungen austauschen.

Hochbegabte Kinder brauchen - wie alle Kinder – in erster Linie:

  • die Liebe ihrer Eltern (Zuwendung, Geborgenheit, Wärme)
  • Vorbilder, an denen sie sich orientieren können
  • Herausforderungen, an denen sie wachsen und ihre Grenzen kennen lernen können
  • und Anerkennung (Lob, konstruktive Kritik, Verbote), damit sie ihr eigenes Handeln und Verhalten bewerten können.

Die Guten noch besser machen?

Sie zitieren in ihrem Buch aus einem Zeit-Artikel: "Die wenigen Guten noch besser zu machen, das gilt bei vielen Lehrern, Eltern und Schulpolitikern heute als ungerecht und undemokratisch." Wie stehen Sie dazu?

Die Guten werden nicht "besser" gemacht. Sie werden nur gemäß ihren Begabungen behandelt. Sie haben ebenso ein Recht auf ihre Begabungsentfaltung wie normalbegabte Kinder (siehe "Die Rechte des Kindes").

Was müsste sich in unserem Bildungssystem Ihrer Ansicht nach ändern, damit es auf Hochbegabte angemessen reagieren kann?

Mehr Flexibilität des Lehrplans, kreative Unterrichtsgestaltung, Aus-, Fort- und Weiterbildung des Lehrpersonals in Fragen der Hochbegabung.

Ist das Überspringen von Klassen ein Allheilmittel? Besteht nicht die Gefahr, dass das Kind im Klassenverband zum Außenseiter wird?

Überspringen von Klassen nützt nur kurzfristig. Bald beginnt bei Hochbegabten wieder die Langeweile. Auch soziale Probleme sind nicht zu unterschätzen.

Besteht bei hochbegabten Kindern, wenn sie eine gute - möglicherweise außerschulische - Förderung erfahren, die Gefahr der allzu großen Kopflastigkeit?

Das kann eintreten, wenn man der Wissensvermittlung höchste Priorität einräumt. Fördert man auch andere Aspekte (soziale, musische Talente), dann ist diese Gefahr geringer.

Haben es hochbegabte Kinder später leichter im Beruf als Normalbegabte?

Nein.

Wie können Hochbegabte und Normalbegabte miteinander auskommen?

Wie können Hochbegabte und Normalbegabte miteinander auskommen? (Sie zitieren in ihrem Buch Dr. Zobel, der darunter litt, "mit ödestem Mittelmaß zu tun zu haben". Umgekehrt ist der Umgang Normalbegabter mit Hochbegabten immer wieder von unterschwelligen Ressentiments belastet).

Bei guter Sozialkompetenz, gegenseitiger Achtung und Verständnis füreinander (Toleranz) werden solche "Probleme" entschärft.

Sie selbst testen Kinder und Erwachsene auf Hochbegabung. Immer wieder wird jedoch kritisiert, dass Intelligenz-Tests nicht aussagekräftig genug oder zu einseitig seien. Wie stehen Sie dazu?

Es gibt keine (bessere) Alternative zu Intelligenztests. Die Intelligenzforscher/Begabungsforscher achten dabei auf strengste Einhaltung der Qualitätskriterien.

Welche Aspekte zum Thema möchten Sie noch ansprechen?

Es besteht noch immer das Vorurteil, dass hochbegabte Kinder Probleme haben oder machen müssen. Es gibt viele glückliche hochbegabte Kinder und Erwachsene. Es kommt immer auf sehr viele Einflussfaktoren (soziale Umwelt, Offenheit und Aufgeschlossenheit von Eltern und Lehrern usw.) an, wie sich Hochbegabung äußert bzw. auswirkt.

Hier können Sie das Buch von Frau Dr. Ida Fleiß direkt bestellen

Kontakte und Informationen zum Thema Hochbegabung:

Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind

Hochbegabtenförderung e.V. 

die Hochbegabung: Expertenliste

 

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