Zahlen-Qualen

Dyskalkulie: Kinder mit Rechenschwäche

Schwierigkeiten mit der Mathematik oder eine echte Rechenschwäche? Für Eltern ist eine Einschätzung oft nicht einfach, während das Kind leidet und sich unverstanden fühlt. Unser Artikel beschreibt das Phänomen Dyskalkulie und gibt Anregungen zum Umgang damit.

Autor: Heike Byn
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Panik vor dem Matheunterricht

Kinder Rechenschwaeche
Foto: © Panthermedia.net/ Alexandra Buss

Steht Mathematik auf dem Stundenplan, ist der Schultag für den zehnjährigen Ben Schlegel gelaufen. Denn schon beim Addieren von zweistelligen Zahlen im Kopf streiken seine grauen Zellen. Das kleine Einmaleins kann er immer noch nicht auswendig und wie man Zahlen teilt, bleibt für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Auch daheim endet das Erledigen der Mathe-Hausaufgaben oft mit Ärger und Frust, denn Bens Mutter kann nicht verstehen, warum sich ihr Sohn selbst mit leichten Rechenwegen so schwer tut. „Ich fühle mich unendlich hilflos, weil ich ihm Mathe anscheinend nicht so erklären kann, das er es versteht“, erzählt Simone Schlegel.

Woran erkennt man Dyskalkulie?

Inzwischen hat Bens Mutter den Verdacht, dass er beim Rechnen oft gar nicht weiß, was er da eigentlich macht und wie er vorgehen soll. „Er ist ansonsten ein kluges Kerlchen, vielleicht hat er ja eine Rechenschwäche?“, sorgt sich die Mutter von zwei Söhnen. Tatsächlich könnten Bens Schwierigkeiten Anzeichen von Dyskalkulie, also Rechenschwäche, sein. Für Menschen mit Dyskalkulie sind Zahlen und Rechenaufgaben ohne Sinn und Inhalt. Bei Schülern nehmen die Probleme im Unterricht von Jahr zu Jahr zu. Damit ihnen geholfen werden kann, ist es wichtig, dass Eltern bereits erste Hinweise für eine Rechenschwäche erkennen und dann Hilfe suchen. Erste Signale können sein:

  • dem Kind fällt erstes, anschauliches Rechnen mit Gegenständen schwer
  • besondere Schwierigkeiten bereiten ihm Zehner-Übergänge und der Wechsel zwischen den Rechenarten
  • das Kind versteht weder die Zerlegung von Zahlen noch Platzhalter- oder Umkehr-Aufgaben
  • es rechnet gar nicht richtig, sondern zählt nur – zum Beispiel mit Fingern oder Gegenständen
  • es braucht sehr lange, bis es überhaupt zu einem Ergebnis kommt

Erfinden von eigenen Rechenregeln

Etwa fünf bis 15 Prozent der Kinder leiden an Rechenschwäche. Doch noch immer ist unter Eltern und Lehrern wenig bekannt, dass einigen Kindern anscheinend wichtige Voraussetzungen fehlen, um Rechenoperationen überhaupt verstehen zu können. Sie rechnen dann zum Beispiel die Aufgabe 5 + 5 = 10 erfolgreich aus, doch wenn sie 5 + 6 rechnen sollen, haben sie große Schwierigkeiten. Sie erkennen nicht, dass die Zahlen 5 und 6 nur einen Ziffernwert voneinander getrennt sind. Außerdem rechnen Kinder mit Dyskalkulie an Stellen, an denen es nichts zu rechnen gibt. Sie wenden ihre eigenen Rechenregeln an (etwa 10 + 10 = 200) und produzieren willkürliche Ergebnisse, ohne die Gesetze der Logik zu beachten. Häufig vertauschen sie Zehner und Einer, wodurch sie zum Beispiel 46 mit 64 verwechseln. Mit zum Teil abenteuerlichen Strategien können sie ihre Rechenschwäche vielleicht noch in der Grundschule kompensieren, doch spätestens auf der weiterführenden Schule wird die Dyskalkulie zum ernsten und auch sozialen Problem: Einige Betroffene müssen wegen miserabler Mathenoten in Kombination mit einem weiteren Defizit-Fach die Klasse wiederholen. Und selbst nach dem Schulabschluss geht ihr Leiden weiter, denn es gibt keinen Beruf, bei dem nicht ein Minimum an Rechenkompetenz nötig ist.

Test bei erfahrenen Therapeuten

Ob aber ein Kind lediglich Schwierigkeiten mit der Mathematik hat, oder eine echte Dyskalkulie – das können Eltern alleine nicht mit Sicherheit feststellen. Deshalb bietet sich bei einem Anfangsverdacht an, erstmal mit der Lehrkraft darüber zu sprechen. Bestätigt sie die Befürchtung der Eltern mit eigenen Beobachtungen, führt der nächste Weg Eltern und Kind zum Lerntherapeuten oder in eine Beratungsstelle. Dort steht dann erstmal eine ausführliche Diagnostik an.

Im Gegensatz zur Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) steckt die Forschung zur Dyskalkulie noch in den Kinderschuhen. Es gibt allerdings deutliche Hinweise darauf, dass die Fähigkeit mit Zahlen umzugehen schon in den Genen steckt.

Behandlung mit Erfolg

In vielen Fällen vergeht allerdings viel Zeit, bevor Eltern professionelle Hilfe suchen. Sie meinen, mit mehr Üben würde sich das Problem schon von alleine lösen. Doch selbst Nachhilfeunterricht hilft den Kindern nicht. Das Ergebnis: Irgendwann haben die Kinder überhaupt keine Lust mehr zum Rechnen – und aus der anfänglichen Rechenunlust wird bald eine generelle Schulunlust. Langfristig nützt bei Dyskalkulie nur eine spezielle Therapie, die dem Kind hilft, die Grundlagen fürs Rechnen neu und auf eine ganz bestimmte Art zu lernen. Wichtig: Eltern müssen bei der Suche nach qualifizierter Hilfe nach der Aus- und Fortbildung des Therapeuten fragen. Derzeit tätige Therapeuten verfügen in der Regel über ein Hochschulstudium mit den Kernfächern Pädagogik, Medizin oder Psychologie. Es muss sichergestellt sein, dass die therapierende Person oder Einrichtung über eine Qualifikation im pädagogisch-psychologischen Bereich verfügt. Außerdem darf man getrost zusätzliche Erfahrung und Ausbildung in der Arbeit mit rechengestörten Kindern erwarten.

Fest steht eines: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Intelligenzmangel und Rechenschwäche. Eine Rechenschwäche ist auch keine unheilbare Krankheit. Wird das Problem rechtzeitig erkannt, stehen die Chancen für eine weitgehende Behebung der Rechenschwäche gut. Die Therapien sind auf die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten. Damit eine entspannte Lernsituation entsteht, gehen die Therapeuten zum Beispiel mit dem Kind während des Rechnens an einem großen Zahlenstrahl auf dem Boden entlang und üben das Mathematisieren in Rollenspielen. Oder die Kleinen trainieren mit speziellen Computerprogrammen ihr Zahlenverständnis.

Die unrühmliche Rolle der Schule

Eine Berücksichtigung der Dyskalkulie findet bundesweit in den Schulen praktisch nicht statt. Es gibt bisher nur in wenigen Ländern Erlasse, die sich mit der Problematik der Rechenschwäche befassen. Dementsprechend ist ein so genannter Nachteilsausgleich oder eine Förderung bei Dyskalkulie im Schulrecht nicht vorhanden. Voraussetzungen für die Beantragung eines Nachteilsausgleiches und die Feststellung einer Dyskalkulie werden deshalb in den Bundesländern sehr unterschiedlich gehandhabt. Daher empfiehlt es sich, dass Eltern mit dem zuständigen Lehrer darüber sprechen. Manchmal weiß der aber auch nicht weiter. Dann sollten sich Eltern an die Schulberatung oder den Schulpsychologischen Dienst oder den Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie wenden.

Wie Eltern zusätzlich helfen können

Jedes Kind, das an Dyskalkulie leidet, braucht ganz besonders viel Verständnis und Unterstützung von seinen Eltern. Da die Kinder oft sehr unter ihren schwachen schulischen Leistungen leiden, ist es wichtig, dass sie Erfolgserlebnisse in anderen Bereichen haben. Das können andere Schulfächer, Hobbys oder sonstige Freizeitbeschäftigungen sein. Auch wenn es für das Kind notwendig ist, mehr zu üben als Andere, sollten Eltern ihm dennoch genügend Zeit für Dinge einräumen, die ihm Spaß machen und die es aufbauen.

Da Kinder mit Dyskalkulie oft länger als andere für ihre Lernfortschritte brauchen, müssen Eltern ihr Tempo dem des Kindes anpassen. Dazu gehört auch, bereits kleinste Erfolge zu erkennen und das Kind dafür zu loben.Oft geben gerade die Hausaufgaben Anlass für tägliche Streitereien, die das Eltern-Kind-Verhältnis dauerhaft belasten. Eine Möglichkeit, die ständigen Konflikte zu entschärfen, kann es sein, eine Vertrauensperson aus der Familie oder dem Freundeskreis zu finden, der die Hausaufgabenbetreuung beim Kind übernimmt.

Infos

Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BFL) e.V.
Beratungstelefon: 0700 / 285 285 285
E-Mail: info@bvl-dyskalkulie.de
Internet: www.bvl-dyskalkulie.de

Buchtipps:
Armin Born / Claudia Oehler: Kinder mit Rechenschwäche erfolgreich fördern.
Ein Praxishandbuch für Eltern, Lehrer und Therapeuten.
Kohlhammer Verlag 2008, 220 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 978-3170201071

Miriam Stiehler: Mit Legosteinen Rechnen lernen: Mathematisches Verständnis kindgerecht fördern.
Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, 139 Seiten, 16,90 Euro. ISBN 978-3525701041

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