Abgeschoben oder gut aufgehoben?

Internat - eine Chance für mein Kind?

Kann es gut für ein Kind sein, nicht mehr bei seiner eigenen Familie zu wohnen, um in einem Internat in die Schule zu gehen? Unser Artikel zeigt: Manche Familien machen damit sehr gute Erfahrungen. Lesen Sie außerdem, was bei der Auswahl eines Internats zu beachten ist.

Autor: Susanne Kailitz
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Schiebe ich mein Kind nur ab?

Mädchen Schule
Foto: © fotolia.com/ lightpoet

Eines ihrer Kinder ins Internat geben? Lange Zeit war diese Vorstellung für Barbara Michel* unvorstellbar. „Der Gedanke hatte für mich immer etwas von Abschieben. Aber inzwischen sehe ich: Uns tut das allen gut.“ Seit einem Jahr lebt Markus, der älteste Sohn der 54-Jährigen in einem so genannten Landschulheim in Bayern. „Für uns hat dieser Schritt Ruhe in die Familie gebracht: Er fühlt sich wohl dort und ich muss kein schlechtes Gewissen haben.“ Das hatte für Barbara Michel lange zum Leben gehört: Die dreifache Mutter leitet in Leipzig das Unternehmen ihrer Familie, arbeitet viel und hart. Ihr Mann arbeitet bei einer Versicherung und hat ebenfalls ein großes Arbeitspensum. Als ihr Ältester dann Schwierigkeiten in der Schule bekam, „da konnte ich mich um nichts mehr so kümmern, wie ich es eigentlich gewollt habe: Durch meine beruflichen Verpflichtungen hatte ich einfach nicht die Zeit, wirklich jeden Nachmittag mit ihm zu pauken, im Job war ich abgelenkt, weil ich mir Sorgen um ihn gemacht habe und für meine beiden anderen Kinder war auch nicht mehr genug Zeit.“ Lange suchte die Familie nach Lösungen, aber nichts funktionierte richtig.

Die Gemeinschaft tut gut

„Auf die Idee mit dem Internat ist er dann selbst gekommen - und ich war irgendwann so weit, dass ich dachte: Warum eigentlich nicht?“ Ihrem Sohn habe die Abnabelung von zu Hause gut getan, mit dem strikten Ablauf in seiner neuen Umgebung komme er gut zurecht. Inzwischen müsse man sich um sein Abitur keine Sorgen mehr machen. „Und ich habe mich von der Vorstellung verabschiedet, dass ein Jugendlicher nur in seiner Familie gut aufgehoben ist. Ich staune immer wieder, wie selbständig und selbstbewusst mein Sohn in Bayern geworden ist, wie gut es ihm tut, sich in einer Gemeinschaft von Gleichaltrigen einfügen zu müssen.“

Nicht immer fiel es Barbara Michel so leicht, über die Vorteile ihrer Entscheidung zu sprechen. „Im Bekanntenkreis wird man natürlich erstmal schräg angeschaut. Viele denken sofort, man habe als Mutter versagt. Dass ich aber auch dem Unternehmen verpflichtet bin, dass seit mehr als 150 Jahren von unserer Familie geführt wird und nicht einfach meine Mitarbeiter entlassen kann, weil ich gerade andere Prioritäten habe, sieht keiner.“ Michel hat sich vorgenommen, sich von den Meinungen anderer nicht mehr irritieren zu lassen. „Jede Familie muss den Weg finden, der gut für sie ist. Unserer ist eben das Internat.“

Diese Schulform hat ihren Preis

Für diesen Weg zahlt sie monatlich gut 2.600 Euro. Dafür bekommt sie die Unterbringung ihres Sohnes in einem Zweibettzimmer, ein großes Freizeitangebot mit vielen  Sportkursen, Debattierclub, Chor und Theatergruppe. Und die Gewissheit, dass erfahrende Pädagogen das leisten können, wofür für sie und ihren Mann kein Raum war: sich darum zu kümmern, dass Markus mit dem Stoff zurecht kommt.

Dafür zahlt Barbara Michel einen Preis, der für viele Familien nicht aufzubringen wäre und für die Internat deshalb keine Option wäre. Denn eines ist Fakt: Die meisten Internate kosten richtig Geld, auch wenn sich die meisten von ihnen über Stipendien und Förderprogramme um eine ausgewogene soziale Mischung bemühen. Für staatliche Einrichtungen müssen die Familien rund 300 Euro pro Monat zahlen, ab 500 Euro monatlich kosten konfessionelle Internate. Private Internate und so genannte Eliteschulen können mehrere tausend Euro kosten.

Markus Bienecker, Geschäftsführer der Internatsberatung DIE-INTERNATE.de, weiß, warum das so ist: „Eine optimale Förderung und Betreuung der Schüler und Schülerinnen setzt ausreichend und hervorragend qualifiziertes Personal voraus. Hierauf entfallen bis zu drei Viertel der Kosten im Bildungsbereich. Den Unterschied zwischen einem günstigen oder teuren Internat liegt dann vor allem im Betreuungsschlüssel und in den Gruppen- und Klassengrößen."

Möglichkeiten für weniger wohlhabende Familien

Doch Internate sind nicht nur eine Option für wohlhabende Familien. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass Schüler in bestimmten Fällen unterstützt werden müssen - etwa dann, wenn das Kind einer besonderen Betreuung oder Hilfe im Bereich der Erziehung, des Lernens, des Verhaltens oder der Konzentration bedarf. Auch wenn die nötige Erziehung zu Hause nicht möglich ist, kommt ein Internat als Alternative in Betracht. Damit die Kosten anteilig oder komplett vom Jugendamt übernommen werden, sind amtsärztliche Atteste oder pädagogische und psychologische Gutachten nötig.

Kommt diese staatliche Hilfe nicht in Frage, können auch Stipendien, die die meisten Internate anbieten, eine Lösung sein. Gute Leistungen, Engagement und hohe Motivation sind dafür in der Regel die Voraussetzungen, die in einem Bewerbungsverfahren geprüft werden. Ebenso gibt es die Möglichkeit, den Aufenthalt über BAföG oder Bildungskredite zu finanzieren. Grundsätzlich gilt: Staatliche Internate sind deutlich preiswerter als private Häuser, sie sind aber meist besonders begabten Schülern vorbehalten.

* Namen der Familie geändert

Welches Internat für welche Familie?

Doch welches Haus soll es nun für welche Familie sein? Rund 300 Internate gibt es in Deutschland. Sie unterscheiden sich zum Teil gravierend - sowohl in Ausrichtung, Betreibern und Kosten. Die meisten von ihnen sind in privater Hand, einige wenige befinden sich in öffentlicher Trägerschaft. Die meisten von ihnen sind „staatlich anerkannte Privatschulen“ mit ähnlichen Befugnissen wie öffentliche Schule - etwa, Prüfungen abzuhalten und  Zeugnisse auszustellen. Ergänzungsschulen dagegen bereiten ihre Schüler auf Prüfungen vor, die extern abgelegt werden müssen.

Während konfessionelle Internate Wert auf eine religiöse Komponente legen, arbeiten etwa Häuser der Internate Vereinigung nach reformpädagogischen Konzepten. Zudem gibt es Angebote der Sport- und der  Hochbegabtenförderung ebenso wie Häuser, die spezialisiert sind auf  Kinder und Jugendliche mit Teilleistungsschwächen oder Verhaltensauffälligkeiten. Die Auswahl ist immens - und der Weg in die Einrichtungen höchst unterschiedlich. Die meisten staatlichen Internate wählen ihre Schüler nach Eignungstests aus, in anderen Häusern ist allein der Geldbeutel der Familien ausschlaggebend.

Wichtig: vor Ort einen Eindruck verschaffen

Experten empfehlen den Familien daher, sich umfassend zu informieren. Wichtige Fragen sind: Was wollen wir? Geht es um eine möglichst gute Bildung mit vielen Angeboten, die staatliche Schulen nicht offerieren können? Ist ein bestimmter Erziehungsstil wichtig? Besteht die Gefahr, dass mein Kind unter Heimweh leidet? Kann ich die Kosten für die Einrichtung dauerhaft aufbringen?

„Es gibt nicht gute oder schlechte Internat“, sagt der der Schulexperte  und ehemalige Leiter des schulpsychologischen Dienstes des Rheinisch-Bergischen Kreises Leonard Liese, „es gilt, die Einrichtung zu finden, die dem Kind in seiner aktuellen Lebenssituation gerecht werden kann.“ Liese empfiehlt, sich keinesfalls nur auf eine gute Recherche in Internet und Broschüren zu verlassen. „Nichts kann den Augenschein ersetzen! Im Grunde erfährt man nur vor Ort, welche Angebote es wirklich gibt und wie die Stimmung im Haus ist. Wer wirklich einen Eindruck vom Geist eines Internats gewinnen will, sollte auf Besuche bei laufendem Betrieb achten.“ Empfehlenswert sei auch, sich mit anderen Eltern oder Ehemaligen in Verbindung zu setzen.

Er habe in seiner langen Laufbahn viele Schüler erlebt, deren Schullaufbahn ohne Internat wohl gescheitert wäre, sagt Liese - genauso habe er aber auch gesehen, wie verheerend es ende könne, wenn ein Kind in einer schwierigen Situation ins Internat abgeschoben werde. „Deshalb ist mein dringender Rat: Internate sollen nur für Leute in Betracht gezogen werden, die das auch wollen.“

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