Muss Schule immer Spaß machen?
urbia-Experte beantwortete Fragen zu Schule und Lernen
Bei unserer ersten Experten-Fragerunde hatten Sie die Möglichkeit, Fragen rund um das Thema richtiges Lernen zu stellen. Hier können Sie nun die Antworten des Lehrers und Buchautoren Michael Felten nachlesen.
"Wichtig ist die Einstellung der Eltern"
Liebe urbianer,
bei unserer ersten Experten-Fragerunde hatten Sie Gelegenheit, dem Kölner Lehrer und Buchautor Michael Felten Fragen rund um das Thema Schule und Lernen zu stellen. Wir danken allen, die mit ihren Fragen teilgenommen haben! Hier sind seine Antworten:
Wie lernen Kinder, dass manches einfach getan werden muss?
Frage: Dass nicht alles immer nur Spaß machen kann, ist klar. Wie bringe ich es meinem Sohn (14) bei, dass es Dinge im Leben gibt, die erledigt werden müssen, auch wenn man sie nicht gerne tut? Fach Deutsch: Er meint, ein Aufsatz von 5 - 8 Zeilen sei ok und mehr wolle die Lehrerin gar nicht. (Und das bei einer 5 in Deutsch, Realschule). Ich kann immer nur schlecht argumentieren mit dem Hinweis auf seine Zukunft, aber das perlt alles an ihm ab.
M. Felten: Sie haben Recht: Es gibt Dinge im Leben, die müssen erledigt werden, auch wenn man sie nicht gerne tut - und das sollten Heranwachsende mit der Zeit erfahren. Das Wichtigste auf Seiten der Eltern dabei ist vermutlich die innere Einstellung: dass Sie nicht lange darüber diskutieren, dass Sie es nicht wortreich zu begründen versuchen oder auf die Zustimmung des Jugendlichen warten, sondern dass Sie es wie selbstverständlich erwarten, vielleicht mal beiläufig erwähnen, Sie hätten auch nicht zu allem Lust, was Ihr Kind von ihnen erwartet, dass Sie gelegentlich fallen lassen, Schule sei halt sein Beruf, das sei normal, dass man nicht zu allem Lust habe. Hat Ihr Sohn dann erstmal begonnen, sich mehr zu bemühen, wird der Erfolg ihn vermutlich beflügeln. Übrigens ist es fraglich, ob es wirklich stimmt, dass die Lehrerin so wenig erwartet. Und selbst wenn es deren Mindesterwartung wäre - bei mangelhaften Deutschkenntnissen muss Ihr Sohn einfach dreimal so viel tun - er würde sich doch auch nicht mit halbem Familieneinkommen zufrieden geben, nur weil man damit so gerade nicht verhungert ...
Sind Jungen schlampiger als Mädchen?
Frage: Sind Jungen eigentlich grundsätzlich schlampiger als Mädchen? Was kann ich tun, damit meine Jungs (11 und 7) es lernen, auf ihre Sachen zu achten, halbwegs ordentlich zu schreiben und ihre Hefte einigermaßen ansehnlich zu halten? Vielen Dank!
M. Felten: Verallgemeinerungen sind hier nicht sonderlich hilfreich, es gibt sehr ordentliche Jungen wie auch schlampige Mädchen. Aber jedes Kind kann ein Mindestmaß an Selbständigkeit und Übersichtlichkeit lernen: etwa wenn sein Lehrer das von ihm verlangt, oder wenn seine Eltern in dieser Hinsicht ein gutes Vorbild abgeben - ohne es aber gleichzeitig dauernd zu mahnen und dadurch Abwehr zu erzeugen. Vielleicht sollte der Vater (oder eine andere männliche Identifikationsfigur) dabei auch ein Wörtchen mitreden. Und vielleicht gibt es ja auch bereits lobenswerte Ansatzpunkte? Andererseits brauchen Eltern nicht so zu tun, als könnten sie unleserlich Geschriebenes durchaus verstehen ...
Sollen Lehrer auch Animateure sein?
Frage: Ich bin selber GHS-Lehrerin und sehe mich mit Kindern konfrontiert, die zunehmend nur das Lernen, was ihnen Spaß macht. Oft bin ich für viele nur noch ein Animateur, der sein Bestes geben muss, damit er nicht wie mit einer Fernsehfernbedienung weggezappt wird (so ist das ja heute leider bei vielen Kiddis: wenn was keinen Spaß mehr macht, einfach wegzappen). Muss das denn wirklich so sein, dass ich als Animateurin in der Schule angestellt bin? Ich denke nämlich, dass es schon richtig ist, dass das, was mir Spaß macht, auch viel leichter zu lernen geht - logisch! Das merken wir ja auch bei uns! Die andere Seite ist aber die, dass wir nicht nur in einer Spaßgesellschaft leben und wir meiner Meinung nach in mancher Hinsicht zu wenig von den Kindern verlangen! Was ist später mal im Job? Wenn es mir da keinen Spaß macht, dann bin ich eben arbeitslos? Das ist doch keine Alternative! Es gibt im Leben so viele Situationen, die wir meistern müssen, ob es uns nun Spaß macht oder nicht. Und wenn man in der Schule Spaß und "Durchbeißen" sinnvoll anwendet, dann denke ich, dass wir auf dem rechten Weg sind!
M. Felten: Ich stimme Ihnen zu, Ihrem Standpunkt wie Ihren Beobachtungen. Wenn Erzieher meinen, sie müssten sich als Animateure geben, stellt das Kinder nur vorübergehend zufrieden - und macht sie ansonsten süchtig: ihre Erwartungen steigen ins Unerfüllbare, ihre tatsächlichen Fähigkeiten und ihre Belastbarkeit aber stagnieren, ja werden womöglich schwächer. Die "neuen Kinder" erwarten eigentlich etwas anderes von uns Erwachsenen:- dass wir deutlich zum Ausdruck bringen, was wir für richtig und notwendig halten- dass wir ersten Missmut ihrerseits riskieren und aushalten, ohne uns von ihnen gekränkt abzuwenden- dass wir sie bei Schwierigkeiten sensibel ermutigen. Dann werden sie wachsen können - und wir unsere Genugtuung erleben.
Mein Kind hat die Lust am Lernen verloren. Was kann ich tun?
Frage: Mein Sohn (11) war ein enorm wissbegieriges Klein- und Kindergartenkind, das sich aus freien Stücken und sehr lustvoll Lesen und Schreiben beibrachte (mit 4 Jahren) und gerne Lexika rauf und runter las. In der Schule ließ die Lust am Wissen der Welt aber rapide nach, er langweilte sich arg. Nachdem er eine Klasse übersprungen hatte, war der Stoff nicht mehr so unterfordernd wie zuvor, aber seine Lust am Lernen ist nie wieder zurückgekommen. Nun, in der weiterführenden Schule, kommt er zwar gut mit, aber lebhaftes Interesse, Spaß am Lernen habe ich kaum mehr bei ihm gesehen. Er findet alles öde (und wenn ich mir die Lernmaterialien ansehe, kann ich das auch oft nachvollziehen). Meine Frage: Wie kann ich meinem Sohn helfen, wieder Interessen zu entwickeln und wieder mehr Spaß und Freude am Lernen in ihm wecken? (hochbegabt ist er übrigens nicht.)
M. Felten: Ich müsste Ihre Situation genauer kennen. Lernen öde zu finden, ist ja in einem Teil der Jugendkultur auch trendy. Andererseits kann Lernen auch gar nicht immer Spass machen, es ist mal anstrengend, oder eintönig, oder das Thema gefällt einem nicht so oder man muss auf andere Schüler warten. Vielleicht könnte Ihr Sohn Gefallen an einer speziellen AG in der Schule finden (die müsste man evtl. erst noch ins Leben rufen!?), oder Sie können ihn hin und wieder auf Lern-Olympiaden bzw. -Wettbewerbe hinweisen, oder aber er entdeckt, wie befriedigend es sein kann, anderen Gleichaltrigen in schulischen Dingen zu helfen. Manchmal hat es aber auch gar nichts mit dem Lernen selbst zu tun, wenn die Lust am Lernen zurückgeht - etwa wenn man einen wichtigen nahestehenden Menschen verliert, oder wenn sich die Familienkonstellation verändert, durch die Geburt eines neuen Geschwisters oder das Hinzutreten eines neuen Partners der Mutter bzw. des Vaters ...
Sollen wir als Eltern die Vokabeln abfragen?
Frage: Meine Tochter (11) kommt nun ins 5. Schuljahr, Gymnasium. Ab jetzt wird sie richtig Englisch lernen. Soll ich sie nun beim Vokabellernen unterstützen, indem ich sie abfrage, oder sollte ihr das selbst überlassen bleiben?
M. Felten: Zunächst würde ich die Gepflogenheiten der Schule in dieser Hinsicht erkunden. Grundsätzlich ist es schön, wenn das häusliche Lernen die Sache des Kindes ist und bleibt. Warum sollte man den unnötigen Eindruck von Nichtzutrauen oder Kontrolle erwecken? Es spricht aber nichts dagegen - sondern alles dafür -, dass Sie sich für die ständigen Neuigkeiten in Englisch interessieren ("Lass uns doch mal ein bisschen Englisch miteinander reden!") oder sich über Vokabellerntechniken gestern und heute miteinander austauschen ...




