Geburtsbegleitung zwischen den Kulturen

Porträt: Die Salsa-Hebamme aus Peru

Während ihrer Ausbildung in ihrer peruanischen Heimatstadt Chiclayo verliebte sich Maria Christ in einen deutschen Arzt. Seit zehn Jahren lebt sie mit ihm bei Berlin, bietet heute als selbstständige Hebamme Salsa-Kurse für Schwangere an und staunt immer noch über die Fragen der werdenden Mamas in Deutschland.

Autor: Maja Roedenbeck
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Als Hebamme die guten Ansätze aus zwei Kulturen verbinden

Maria Christ Salsa-Hebamme
Salsa-Bewegungen für den Beckenboden: Maria Christ (Mitte) beim Rückbildungskurs
Foto: © Maria Christ

Sie ist einer jener fröhlichen, aufgeschlossenen Menschen, in deren Gegenwart man sich sofort wohl fühlt. Von der Unsicherheit, die Maria Christ in ihren ersten Jahren in Deutschland plagte, ist nichts mehr zu spüren. „Während meines Praktikums in der Geburtsklinik Berlin-Buch merkte ich bald, dass hier ganz anders mit Schwangerschaft und Geburt umgegangen wird als in meiner Heimat und dass ich vieles ganz neu lernen musste“, erinnert sich die 35-Jährige, „Dabei kann man aber nicht sagen, dass es in einem Land besser gemacht würde als im anderen. Ich versuche bei meiner Arbeit, die guten Ansätze aus beiden Kulturen zu verbinden.“

Deutsche Frauen sollten mehr in die Kraft der Natur vertrauen

Erstaunt registrierte Maria Christ zum Beispiel die vielen Vorsorgetermine, zu denen die deutschen Frauen während der Schwangerschaft gehen. „Ultraschall- oder Blutuntersuchungen muss man in meiner Heimat selbst bezahlen, und viele Peruanerinnen können sie sich nicht leisten“, erzählt sie, „deshalb müssen sie allein auf die Kraft der Natur vertrauen.“ Trotz der klaren Vorteile der Rundumversorgung in Deutschland – ein bisschen mehr Vertrauen in die Natur, so die Hebamme, täte auch den deutschen Schwangeren gut: „Denn hier ist es doch so: Wenn auch nur die kleinste Auffälligkeit im Ultraschall festgestellt wird, die sich hinterher als völlig harmlos herausstellt, sind die Frauen total verunsichert und können die Schwangerschaft überhaupt nicht mehr genießen.“ Auch die Ratgeber, die viele werdende Mamas verschlingen, würden eher neue Fragen aufwerfen als beruhigen. „Leider“, findet Maria Christ, „kommen sie jetzt auch in Peru in Mode.“

Sanfte Geburtsmethoden stiften Verwirrung

Doch bei aller Skepsis hielt die deutsche Schwangerenversorgung auch positive Überraschungen für sie bereit. Sanfte Geburtsmethoden wie die Wassergeburt gab es in ihrem Ausbildungskrankenhaus nämlich nicht, und auch keine Geburt ohne Dammschnitt. In Peru galt die Devise: Das Baby muss so schnell wie möglich raus. Die Frauen wurden angehalten, früh mitzupressen. „Ich habe mich monatelang gewundert, wie es möglich sein kann, dass ein Baby ohne Dammschnitt das Licht der Welt erblickt“, erinnert sich die Peruanerin mit den Perlenohrringen kichernd, „Irgendwann dachte ich, die frühen Sexualkontakte der deutschen Frauen, die ich aus meiner Heimat so nicht kannte, seien der Grund dafür! Als ich diese Vermutung meinen Kollegen erzählte, lachten sie sich kaputt.“ Man lernt eben nie aus.

Auch von den Erfolgen der Behandlung von Schwangeren mit der Akupunktur erfuhr Maria Christ erst hier in Deutschland. „Anfangs war ich skeptisch“, gibt sie zu, „habe mich aber in meinen eigenen Schwangerschaften mit den Nadeln behandeln lassen und erstaunt gemerkt, dass ich wirklich etwas spürte.“ Heute, nach einer entsprechenden Fortbildung, setzt sie die Akupunktur auch bei ‚ihren’ Schwangeren erfolgreich ein – gegen Übelkeit, Sodbrennen und gelegentlich sogar, um ein Baby aus der Beckenendlage noch kurz vor dem Termin in die richtige Geburtsposition zu drehen.

Probleme mit dem Stillen gab es in Peru kaum

Nach einigen Jahren im Angestelltenverhältnis entschloss sich Maria Christ, die inzwischen selbst Mutter einer Tochter (6) und eines Sohnes (2) ist, von nun an selbstständig zu arbeiten. Dass sich die deutschen Frauen von einer Vor- und Nachsorgehebamme betreuen lassen, hatte sie zunächst ebenfalls überrascht. In Peru arbeiten Hebammen nur im Kreißsaal und leisten Geburtshilfe. „Viele Familien leben dort noch traditionell im großen Clan in einem großen Haus. Mutter, Tanten, Omas und Schwestern, die selbst schon Kinder haben und meist Hausfrauen sind, kümmern sich um die Schwangere und beantworten ihre Fragen“, erzählt die Wahldeutsche, „Die Frauen kommen, wenn die Geburt losgeht, eher zu spät ins Krankenhaus, weil sie sich zu Hause gut aufgehoben fühlen. Hier kommen sie zu früh und müssen noch mal nach Hause geschickt werden.“ Allerdings: Die Strukturen in Peru ändern sich. Auch dort möchten immer mehr junge Frauen eine Ausbildung machen, um unabhängig von der Familie zu sein. Auch dort werden sie in Zukunft immer öfter Hilfe von außen in Anspruch nehmen.

Viele Ängste und Sorgen, die die Schwangeren hierzulande plagen und mit denen sie bei der Vor- oder Nachsorge konfrontiert wird, kannte Maria Christ aus ihrer Heimat gar nicht. „Frauen, die einen Milchstau oder zu wenig Milch haben oder die schon mit wunden Brustwarzen aus dem Krankenhaus kommen, sind mir hier zum ersten Mal begegnet“, sagt sie, „Das liegt an dem Stress, den die frischgebackenen Mamas schon im Wochenbett haben, weil sie alles allein organisieren müssen, weil die Verwandten weit weg wohnen und die Großeltern selbst noch arbeiten gehen.“

Das Gefühl für den eigenen Körper ist das Wichtigste überhaupt

Auch an die Fragen der deutschen Schwangeren zur pränatalen Diagnostik musste sich Maria Christ erst gewöhnen. Sie beantwortet sie gewissenhaft, versteckt aber auch ihre südamerikanische Natürlichkeit nicht. „Die Frauen wollen von mir wissen, ob sie eine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen sollen, und sind ganz erstaunt, wenn ich entgegne: Nun erzähl mir doch erstmal, wie es dir geht! Fühlst du dich wohl?“, erzählt die Hebamme, „Dabei ist das Gefühl für den eigenen Körper das Wichtigste überhaupt in der Schwangerschaft. Es darf nicht sein, dass eine Frau unter der Geburt aufs CTG schaut und darauf wartet, die nächste Wehe zu SEHEN, anstatt in ihren Körper hinein zu horchen, um sie zu SPÜREN!“

Ungewöhnliche Geburtsvorbereitung: Salsa-Kurse für Schwangere

Den Frauen dabei helfen, das Gefühl für ihren Körper wieder zu finden – das ist Maria Christ zur Herzensangelegenheit geworden. Und ihr Wundermittel ist der lateinamerikanische Tanz. „Ich tanze, seit ich denken kann, Salsa und Merengue“, erzählt sie leidenschaftlich, „Und ich dachte, durch die lateinamerikanische Musik und die dazugehörigen Bewegungen könnte ich den Frauen besser als mit großen Worten klarmachen, was ich mit Lockerheit, Natürlichkeit und Körpergefühl meine.“

Dank Salsa ein entspanntes Becken bei der Geburt

Zum ersten Salsa-Kurs für Schwangere (www.salsa-fuer-schwangere.de), in dem sie die Musik und Tanzbewegungen mit Gymnastik, Übungen auf dem Pezziball und einer abschließenden Informationsrunde verband, erschienen zwei Frauen. Inzwischen hat sich das ungewöhnliche Angebot herumgesprochen. Die Kurse für bis zu acht TeilnehmerInnen sind immer wieder schnell ausgebucht. „Anfangs bewegen sich die Frauen noch etwas verkrampft, viele entdecken überhaupt erst ihr Becken“, berichtet Maria Christ, „Doch über kurz oder lang bringt der Salsa bei jeder das Bauchgefühl zurück und trainiert die Körperwahrnehmung. Die üblichen Rückenbeschwerden gegen Ende der Schwangerschaft werden weniger. Und dann gehen ‚meine’ Frauen lockerer in den Kreißsaal als manch andere.“ Unter den Wehen werden sie zwar keinen Salsa tanzen, doch dass das Beckenkreiseln dem Kind den Weg in den Geburtskanal weist, gehört ja auch hierzulande zum Allgemeinwissen. „Das ist wie mit einer Tüte Äpfeln. Wenn man sie rhythmisch schüttelt, rutschen die Äpfel tiefer hinein“, veranschaulicht die Hebamme.

Auch die werdenden Väter profitieren vom "Tanzkurs"

In ihren Kursen tauchen immer öfter auch Männer auf – die Partner der Schwangeren. „Anfangs sind sie schüchtern, aber wenn sie merken, dass ihr von der Schreibtischarbeit im Büro geplagter Rücken sich beim Tanzen erholt, kommen sie gern wieder“, lacht die Peruanerin. Es geht ja auch nicht darum, ausgerechnet während der Schwangerschaft zum Salsa-Profi zu werden. Es geht darum, gemeinsam Spaß zu haben, und darum, die Unsicherheiten und Ängste, die die Ankunft eines Babys naturgemäß mit sich bringt, für ein Weilchen zu vergessen.

Es muss übrigens nicht unbedingt Salsa und auch kein spezieller Kurs für Schwangere sein. Werdende Mütter, die nicht im Nordosten Berlins wohnen und bei Maria Christ mitmachen können, finden sicher auch in ihrer Region ähnliche Angebote in Geburtshäusern, Tanzschulen, Volkshochschulen oder Sportvereinen. Viele südamerikanische, orientalische oder afrikanische Tänze, so beispielsweise auch der Bauchtanz, eignen sich für Schwangere. Wichtig ist, dass sich die Bewegungen auf Becken, Oberschenkel und Bauch konzentrieren. Walzer und Foxtrott kommen demnach nicht infrage. Maria Christ empfiehlt das Tanzen auch für die Rückbildungsgymnastik: „Der Beckenboden wird beim Salsa ganz automatisch mittrainiert, und mehr Spaß macht es auch!“

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