Mehr Geborgenheit im Krankenhaus
Der hebammengeleitete Kreißsaal
Der normale Kreißsaal einer deutschen Klinik steht regulär unter der Leitung und Verantwortung eines Arztes. In 13 deutschen Kreißsälen allerdings haben ausschließlich die Hebammen das Sagen und betreuen Geburten völlig eigenständig. Wie funktioniert so ein Hebammenkreißsaal und welche Vorteile bietet er Gebärenden?
Ärzte müssen draußen bleiben
Hängt an einem der fünf Räume im Kreißsaal des Klinikums Bremerhaven Reinkenheide ein Schild mit der Aufschrift „Hebammenkreißsaal“, wissen alle: Hier bleiben Hebamme(n) und Gebärende unter sich. Die Hebamme trägt die volle Verantwortung für den gesamten Geburtsverlauf, von der Eingangsuntersuchung über die Betreuung während aller Wehenphasen bis hin zur Geburt und den ersten Untersuchungen des Babys allein. Ein Arzt darf hier zu keiner Zeit eingreifen – es sei denn, er wird ausdrücklich dazugebeten.
Dieses Betreuungskonzept des sogenannten hebammengeleiteten Kreißsaals ist kein Ersatz für den üblichen ärztlich geleiteten Kreißsaal, sondern gilt als Ergänzungsangebot einer Geburtsstation. In der Tat sind die Unterschiede zur normalen Klinikgeburt in Bremerhaven auf den ersten Blick kaum ersichtlich: Hebammengeburten unterliegen zwar genau definierten eigenen Regeln, finden aber im gleichen Kreißsaal statt wie alle anderen Geburten. Nur besagtes Türschild wandelt einen Raum auch sichtbar in einen besonderen Ort, quasi ein kleines Geburtshaus mitten in der Klinik, abgeschirmt von der Krankenhausatmosphäre. „Das hat, im Gegensatz zu Häusern, in denen es tatsächlich zwei getrennte Säle gibt, den Vorteil, dass wenn doch ein Arzt dazukommen soll, die Frau nicht mitten in der Geburt verlegt werden muss“, erklärt Alina Chamiec, die leitende Hebamme. Sie war dabei, als 2003 dieser erste deutsche Hebammenkreißsaal eröffnet wurde. Als Vorbild dienten die „Midwife-led maternity units“, die es bereits seit Ende der 1980er in Großbritannien sowie in der Schweiz, Österreich, Dänemark und Schweden gibt. Ziel solcher Einrichtungen war und ist es, die steigenden Eingriffe in den Geburtsverlauf bei gesunden Schwangeren zu senken, die Geburt auch im Krankenhaus wieder zu einem natürlicheren, nicht von der Medizin bestimmten Vorgang zu machen. Denn: Während die Weltgesundheitsorganisation WHO erhoben hat, dass eigentlich gut 70 Prozent aller Geburten problemlos physiologisch, also ohne jegliche Interventionen, ablaufen könnten, erleben das in Deutschland nur etwa acht Prozent aller Gebärenden. Doch obwohl Hebammen Geburten bei uns eigenverantwortlich betreuen dürfen und dafür ausgebildet sind, wurde das Konzept einer Geburt im Krankenhaus ganz ohne Anwesenheit eines Arztes in Bremerhaven zunächst mit einiger Skepsis betrachtet und brauchte viel Überzeugungsarbeit, erinnert sich Alina Chamiec. „Aber jetzt ist unser Modell Normalität, überall akzeptiert und alle freuen sich, dass es funktioniert.“ Die Anzahl der Geburten ist dadurch allerdings nicht gestiegen.
Komplikationslose Schwangerschaft ist Voraussetzung für Hebammengeburt
Rund 1000 Frauen entbinden jährlich in Reinkenheide. Etwa 20 Prozent der Schwangeren (also ca. 200) planen eine Hebammengeburt und 50 bis 60 Prozent von ihnen entbinden tatsächlich so. Bei einigen Frauen wird aufgrund eines Kriterienkataloges entschieden, dass sie für diese Geburtsform doch nicht in Frage kommen. „Voraussetzung ist eine problemlose Schwangerschaft und eine erwartete komplikationslose Geburt“, erklärt Alina Chamiec. Die werdenden Mütter müssen deshalb mindestens einmal, möglichst zweimal vor Entbindungstermin zu Vorsorgeuntersuchungen in die Klinik kommen, um feststellen zu können, ob eine Hebammengeburt wirklich möglich ist und um Wünsche und Erwartungen zu besprechen. Bei anderen Schwangeren wird während der Geburt doch noch ein Arzt dazugezogen. „Meistens, weil die Frauen eine Schmerztherapie wollen. Einen echten Notfall habe ich bisher nie erlebt“, sagt Chamiec. Für sie und ihre Kolleginnen ist es das Schönste zu sehen, dass Frauen den Mut für eine Hebammengeburt aufbringen: „Dass diese Frauen eine natürliche Geburt wirklich als normal ansehen, dass sie sich deshalb für etwas Neues entscheiden, noch dazu in einer Zeit, in der die Schwangerschaft oft als Krankheit behandelt wird, und dass sie das durchhalten, ist einfach toll, das wünsche ich noch vielen mehr.“







