Mehr Geborgenheit im Krankenhaus

Der hebammengeleitete Kreißsaal

Der normale Kreißsaal einer deutschen Klinik steht regulär unter der Leitung und Verantwortung eines Arztes. In einigen Kreißsälen haben jedoch ausschließlich die Hebammen das Sagen und betreuen Geburten völlig eigenständig. Wie funktioniert so ein Hebammenkreißsaal und welche Vorteile bietet er Gebärenden?

Autor: Kathrin Wittwer
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Ärzte müssen draußen bleiben

Glückliche Mutter nach der Geburt
Foto: © iStockphoto.com/ Mikhail Tchkheidze

 

Hängt an einem der fünf Räume im Kreißsaal des Klinikums Bremerhaven Reinkenheide ein Schild mit der Aufschrift „Hebammenkreißsaal“, wissen alle: Hier bleiben Hebamme(n) und Gebärende unter sich. Die Hebamme trägt die volle Verantwortung für den gesamten Geburtsverlauf, von der Eingangsuntersuchung über die Betreuung während aller Wehenphasen bis hin zur Geburt und den ersten Untersuchungen des Babys allein. Ein Arzt darf hier zu keiner Zeit eingreifen – es sei denn, er wird ausdrücklich dazugebeten.

Dieses Betreuungskonzept des sogenannten hebammengeleiteten Kreißsaals ist kein Ersatz für den üblichen ärztlich geleiteten Kreißsaal, sondern gilt als Ergänzungsangebot einer Geburtsstation. In der Tat sind die Unterschiede zur normalen Klinikgeburt in Bremerhaven auf den ersten Blick kaum ersichtlich: Hebammengeburten unterliegen zwar genau definierten eigenen Regeln, finden aber im gleichen Kreißsaal statt wie alle anderen Geburten. Nur besagtes Türschild wandelt einen Raum auch sichtbar in einen besonderen Ort, quasi ein kleines Geburtshaus mitten in der Klinik, abgeschirmt von der Krankenhausatmosphäre. „Das hat, im Gegensatz zu Häusern, in denen es tatsächlich zwei getrennte Säle gibt, den Vorteil, dass wenn doch ein Arzt dazukommen soll, die Frau nicht mitten in der Geburt verlegt werden muss“, erklärt Alina Chamiec, die leitende Hebamme. Sie war dabei, als 2003 dieser erste deutsche Hebammenkreißsaal eröffnet wurde. Als Vorbild dienten die „Midwife-led maternity units“, die es bereits seit Ende der 1980er in Großbritannien sowie in der Schweiz, Österreich, Dänemark und Schweden gibt. Ziel solcher Einrichtungen war und ist es, die steigenden Eingriffe in den Geburtsverlauf bei gesunden Schwangeren zu senken, die Geburt auch im Krankenhaus wieder zu einem natürlicheren, nicht von der Medizin bestimmten Vorgang zu machen. Denn: Während die Weltgesundheitsorganisation WHO erhoben hat, dass eigentlich gut 70 Prozent aller Geburten problemlos physiologisch, also ohne jegliche Interventionen, ablaufen könnten, erleben das in Deutschland nur etwa acht Prozent aller Gebärenden. Doch obwohl Hebammen Geburten bei uns eigenverantwortlich betreuen dürfen und dafür ausgebildet sind, wurde das Konzept einer Geburt im Krankenhaus ganz ohne Anwesenheit eines Arztes in Bremerhaven zunächst mit einiger Skepsis betrachtet und brauchte viel Überzeugungsarbeit, erinnert sich Alina Chamiec. „Aber jetzt ist unser Modell Normalität, überall akzeptiert und alle freuen sich, dass es funktioniert.“ Die Anzahl der Geburten ist dadurch allerdings nicht gestiegen.

Komplikationslose Schwangerschaft ist Voraussetzung für Hebammengeburt

„Voraussetzung ist eine problemlose Schwangerschaft und eine erwartete komplikationslose Geburt“, erklärt Alina Chamiec. Die werdenden Mütter müssen deshalb mindestens einmal, möglichst zweimal vor Entbindungstermin zu Vorsorgeuntersuchungen in die Klinik kommen, um feststellen zu können, ob eine Hebammengeburt wirklich möglich ist und um Wünsche und Erwartungen zu besprechen. Bei anderen Schwangeren wird während der Geburt doch noch ein Arzt dazugezogen. „Meistens, weil die Frauen eine Schmerztherapie wollen. Einen echten Notfall habe ich bisher nie erlebt“, sagt Chamiec. Für sie und ihre Kolleginnen ist es das Schönste zu sehen, dass Frauen den Mut für eine Hebammengeburt aufbringen: „Dass diese Frauen eine natürliche Geburt wirklich als normal ansehen, dass sie sich deshalb für etwas Neues entscheiden, noch dazu in einer Zeit, in der die Schwangerschaft oft als Krankheit behandelt wird, und dass sie das durchhalten, ist einfach toll, das wünsche ich noch vielen mehr.“

Frauen wollen in Sicherheit, aber selbstbestimmt gebären

Eine solche Frau ist Lea*. Sie plant, ihren Sohn mit einer Hebammengeburt im Hochwaldkrankenhaus im hessischen Bad Nauheim zu entbinden. „Ich habe in meinem Leben schon einige Operationen hinter mir, auch eine Not-OP durch eine Eileiterschwangerschaft. Mir reicht es erst einmal mit Ärzten“, erzählt sie. „Bei dieser Schwangerschaft war es mir von Anfang an wichtig, diese Phase meines Lebens nicht zu pathologisieren. Ich will keine Patientin sein, sondern diese ganz natürlichen Vorgänge als Frau erleben.“ Ein Arzt ist ihrer Meinung nach hier nicht zwingend nötig. „Außerdem habe ich schon zu oft gehört, dass die Ärzte sich irgendwann ungeduldig einmischen und auf einen Kaiserschnitt drängen. Ich will aber nicht, dass meiner Hebamme reingeredet wird. Sie ist eine kundige Fachfrau, und ich vertraue darauf, dass sie weiß, was richtig ist, auch im Notfall.“

Lea verspricht sich von ihrer Entscheidung eine natürliche Geburt, von Anfang bis Ende betreut von der vertrauten Hebamme. „Ein Schichtwechsel zwischen Hebammen wäre der Horror für mich.“ Deshalb ins Geburtshaus zu gehen, traut sich Lea allerdings nicht. „Der Gedanke, dass für den außergewöhnlichen Notfall ein Arzt sofort zur Stelle sein kann, hat schon etwas Beruhigendes. Das klingt vielleicht ziemlich verrückt, aber zum Glück gibt es ja für Menschen wie mich diese Zwischenlösung des Hebammenkreißsaals.“ Diese Erwartungen und Gründe entsprechen den Ergebnissen etlicher Studien und Untersuchungen: Die Aspekte Selbstbestimmung und Geborgenheit, das Gefühl, gut aufgehoben zu sein, ohne kontrolliert zu werden, sind die wichtigsten Entscheidungskriterien für eine Hebammengeburt im Krankenhaus – und auch die Gründe für eine generell große Zufriedenheit mit der Geburt. „Die Frauen beurteilen vor allem die Ruhe positiv und nehmen fürs Selbstbewusstsein mit, dass sie es ohne Unterstützung der Medizin geschafft haben“, bestätigt Alina Chamiec aus ihren Erfahrungen. Die kontinuierliche Betreuung während der Geburt trägt ebenfalls viel dazu bei, dass fast alle Frauen Hebammengeburten sehr positiv bewerten, sie weiterempfehlen und auch selbst noch einmal so entbinden würden.

Sanfte Methoden, um das Baby in die richtige Position zu bringen

Außergewöhnlich: Geburtshaus betreut Hebammenkreißsaal in Klinik

Im Bad Nauheimer Hochwaldkrankenhaus gibt es das Betreuungskonzept der Hebammengeburt erst seit April 2011. Und das in einer bislang einzigartigen Konstellation: „Normalerweise entscheidet eine Klinik, dass sie einen solchen Kreißsaal anbieten will und richtet das entsprechend ein. In Bad Nauheim sind wir vom Geburtshaus Holzheim dafür verantwortlich“, erklärt Sven Stoffer, Geschäftsführer des Geburtshauses. „Uns liegt daran, den Frauen jede Wahl- und Entscheidungsfreiheit über die Art ihrer Geburt zu lassen, sei es daheim, im Geburtshaus oder als Beleggeburt in der Klinik. In einem Gespräch über Belegverträge kamen wir auf den Hebammenkreißsaal als Ergänzungslösung und in beiderseitigem Einverständnis auf unser spezielles Konzept, in dem wir die Kriterien unserer Geburtshausgeburten auf die Hebammengeburten in der Klinik übertragen haben.“ Während in Bremerhaven ausschließlich in der Klinik angestellte Hebammen solche Geburten durchführen können, arbeiten in Bad Nauheim hingegen also nur Beleghebammen nach diesem Konzept. In den ersten vier Monaten haben fünf Frauen das Angebot genutzt.

Hebammenkreißsaal – die Zukunft der klinischen Geburtshilfe?

Aktuell gibt es in 16  deutschen Kliniken mit Entbindungsstationen Hebammenkreißsäle. Dass es noch nicht mehr sind, liegt für Susanne Steppat vom Deutschen HebammenVerband hauptsächlich an der stark ausgeprägten Arztdominanz in der deutschen Geburtshilfe und der Skepsis, wie sie auch in Bremerhaven anfangs herrschte: „Ein Projekt wie der Hebammenkreißsaal muss von allen Beteiligten in einer Klinik voll mitgetragen werden. Allerdings haben Ärzte oft nur wenige Erfahrungen mit physiologischen Geburten und sind misstrauisch, ob das funktioniert. Manche haben zudem Sorgen, selber kaum noch normale Geburten betreuen zu können“, erklärt Steppat, die lange selbst als leitende Hebamme in Kliniken gearbeitet hat. „Und natürlich muss es der Chefarzt für sinnvoll befinden und einen Gewinn für sein Haus sehen.“ Außerdem gibt es durchaus Hebammen, die aus Haftungsgründen vor der alleinigen Verantwortung für eine Geburt zurückschrecken. Dabei, ist Susanne Steppat überzeugt, ist der Hebammenkreißsaal das erstrebenswerte Zukunftsmodell klinischer Geburtshilfe: „Vor allem könnten viel mehr Frauen hierdurch eine sichere physiologische Geburt erleben, mit all ihren positiven Auswirkungen auf Mutter und Kind, aber auch Hebammen wieder deutlich besser arbeiten.“ Für eine flächendeckende Verbreitung des Hebammenkreißsaals müssten sich jedoch auch Gesundheitspolitik und Krankenkassen einsetzen, meint Steppat.

Das sagt die Forschung über Hebammenkreißsäle

Beweise für die Vorteile des Hebammenkreißsaals liefert die Hebammenforschung. In Deutschland beschäftigte sich damit zum Beispiel der „Verbund für Hebammenforschung“ an der FH Osnabrück. Die Wissenschaftler geben nach eigenen Studien und nach Ergebnissen von internationaler Forschungsarbeit unter anderem an, dass

  • gesunde Frauen in einem Hebammenkreißsaal genauso sicher gebären wie in den ärztlich geleiteten
  • im Hebammenkreißsaal deutlich mehr Spontangeburten und deutlich weniger Eingriffe stattfinden, z.B. werden
    • weniger Geburten eingeleitet
    • weniger Wehenverstärkende Medikamente verabreicht
    • weniger Schmerzmittel gegeben bzw. PDA gesetzt
    • weniger Dammschnitte durchgeführt
      (Dammrisse kamen ähnlich oft vor wie bei ärztlich geleiteten Geburten)
  • in Hebammenkreißsälen häufiger Massagen und Entspannungsbäder gegen Schmerzen zum Einsatz kommen
  • die Frauen eine größere Bandbreite an Gebärpositionen nutzen
  • die Gebärenden nach der Geburt deutlich mobiler sind
  • Frauen mit der Betreuung im Hebammenkreißsaal besonders zufrieden sind

Zum Weiterlesen (Fachliteratur)

  • Nicola H. Bauer: Der Hebammenkreißsaal. Ein Versorgungskonzept zur Förderung der physiologischen Geburt. Unipress. 2011. ISBN-13: 978-3899717969. 41,90 Euro.

In diesen deutschen Kliniken gibt es einen Hebammenkreißsaal (Stand März 2016)

Hier eine Karte mit Hebammenkreißsälen des Hebammenverbandes.

 

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