Mit dem Baby gleich nach Hause
Die ambulante Geburt
Ist bei der Entbindung alles gut gelaufen, kann eine Mutter auf Wunsch direkt danach aus dem Geburts- oder Krankenhaus wieder nach Hause gehen und das Wochenbett, umsorgt von der Familie, gleich in den eigenen vier Wänden beginnen. Dort kümmert sich dann täglich die Hebamme um Mutter und Kind.
Ambulante Geburt - was versteht man darunter?
Während viele Frauen es angenehm finden, nach der Geburt im Krankenhaus rundum versorgt zu werden, fühlen andere sich in der Atmosphäre einer Klinik nicht besonders wohl. „Ich mag Krankenhäuser nicht“, sagt beispielsweise Mandy. „Mit anderen Leuten im Zimmer liegen, die Toiletten teilen, diese ganzen Routinen, die Unruhe durch die vielen Personalwechsel, das ist alles nicht mein Ding.“ Nach der Geburt ihrer Tochter ging sie deshalb nach wenigen Stunden wieder nach Hause, wo sie in den nächsten zwei Wochen jeden Tag von ihrer Hebamme besucht wurde.
Im Fachjargon nennt sich das „ambulante Geburt“. Konkret heißt ambulant in der Medizin: Ein Patient geht noch am Tag eines Eingriffs wieder heim. „Bei Geburten zählen dazu ganz klar Klinikentbindungen, wenn die Mutter das Krankenhaus nach wenigen Stunden wieder verlässt, aber auch Entbindungen in Geburtshäusern und sogar Hausgeburten, weil man nach der Geburt eben zu Hause ist“, erklärt Denize Krauspenhaar. Sie ist seit 1999 Hebamme, war zunächst kurz in einem Krankenhaus tätig, dann freiberuflich für Haus- und Beleggeburten, seit 2005 in einem Geburtshaus im hessischen Idstein. Immer wieder stellt sie fest: „Viele Frauen wissen gar nicht, dass es ambulante Geburten gibt. Die klassische Klinikgeburt mit Stationsaufenthalt ist eine solche Selbstverständlichkeit geworden, dass sich oft gar nicht weiter informiert wird.“ Eine Erhebung des AQUA-Instituts zur Verweildauer nach der Geburt zeigt, dass 2009 nur 3,2% aller Gebärenden (20.282 von 638.826 Frauen) das Krankenhaus innerhalb von 24 Stunden verlassen haben. Im Geburtshaus oder daheim kommen pro Jahr rund 10.000 Kinder zur Welt, gibt die „Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe e.V.“ (QUAG) an.
Für den Beginn des Wochenbetts in den eigenen vier Wänden spricht einiges: „Sowohl Mütter als auch Babys sind daheim meist deutlich entspannter, zufriedener und kommen besser an“, haben Denize Krauspenhaar und viele ihre Kolleginnen beobachtet. „Zu Hause ist alles natürlicher und ruhiger, es gibt zum Beispiel nur sehr selten Schwierigkeiten beim Stillen, auch weil nicht so viele verschiedene Ratschläge auf die Familie einprasseln.“ Zudem eröffnen die verschiedenen Varianten ambulanter Entbindungen Frauen ganz individuelle Möglichkeiten des Gebärens, je nach Persönlichkeit, Vorgeschichte und Verlauf der Schwangerschaft.
Ambulante Geburt in der Klinik
Trotz Abneigung gegen Krankenhäuser war Mandy klar: Für die Geburt ist ihr die Sicherheit einer umfassenden medizinischen Versorgung wichtig. Bereits ihre erste Entbindung hatte sehr lange gedauert und einige Schwierigkeiten gemacht. „Da wollte ich beim zweiten Kind nichts auf Spiel setzen.“ Die Entscheidung hat sich für Mandy als richtig erwiesen: Die Wehen, eingeleitet zwei Wochen nach Termin, dauerten gut 24 Stunden. Mandy wurde immer erschöpfter, bei ihrer Tochter stimmte zwischenzeitlich die Sauerstoffversorgung nicht, es wurden Wehenhemmer eingesetzt. „Dann ging es plötzlich sehr schnell, und als die Kleine da war, war auch alles total ruhig und entspannt.“ Vom Klinikteam hat sie sich gut betreut gefühlt: „Fast die ganze Zeit über waren zwei Hebammenschülerinnen bei mir, das Klima im Kreißsaal war prima, nach der Geburt hat die Ärztin die U1 ganz in Ruhe beim Baden gemacht.“
Frauen, die auch bei einer Klinikgeburt die vertraute Hebamme an ihrer Seite wissen wollen, müssen dafür jemanden finden, der Beleggeburten im gewünschten Krankenhaus durchführen kann. Auch wenn das nicht überall möglich ist, „haben viele Kliniken Verträge mit Beleghebammen, weil das gut für Image und für die Geburtenzahlen ist“, weiß Denize Krauspenhaar. Ansonsten sind auch kurzfristige Entscheidungen für eine ambulante Entbindung gar kein Problem: „Es gibt keine Vorschrift, dass man die Absicht einer ambulanten Geburt schon bei Ankunft in der Klinik angeben und sich dann zwingend daran halten muss“, sagt Denize Krauspenhaar. „Viele Frauen, vor allem Zweitgebärende, entscheiden sich erst nach der Geburt spontan zum Gehen, weil sie sich fit genug fühlen und gern nach Hause wollen.“ Das dürfen sie gegen Unterschrift jederzeit, betont die Hebamme, auch wenn Krankenhäuser wünschen, dass die jungen Mütter mindestens vier Stunden nach der Geburt bleiben. Weder ein noch fehlender Name fürs Kind noch ein Dammriss oder eine PDA sind zwingende Gründe zum Verweilen: „Den Namen kann man später nachreichen, das andere hat die Hebamme bei der Nachsorge im Blick.“ Im Gegenzug kann eine Frau, die ursprünglich ambulant entbinden wollte, sich dann aber nicht kräftig genug fühlt, natürlich in der Klinik bleiben. Gab es ernsthafte Komplikationen wie starke Blutungen oder einen Kaiserschnitt oder treten Anpassungsstörungen beim Kind auf, ist eine weitere Überwachung im Krankenhaus selbstverständlich. Freiwillig verweilen am liebsten Mütter, die bereits zwei oder mehr Kinder haben und ein paar Tage auf den Haushaltstrubel verzichten möchten.
Mandy ist mit ihrer Ankündigung, nicht auf Station zu bleiben, auf keine Schwierigkeiten gestoßen. Ein paar Stunden nach der Entbindung wurden Mutter, Baby und Vater daheim vom großen Bruder empfangen und sofort von der Hebamme besucht. „Ich würde es jederzeit wieder so machen“, bilanziert Mandy. Einen Aspekt hält sie dabei für ganz entscheidend: „Ich habe, unterstützt von meinem Mann, von Anfang ganz klar angesagt, was ich will und was nicht, deshalb kam nie eine Diskussion auf. Man muss sehr resolut sein.“

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