Ein Vater bei der Geburt

Erdbeben im Kreißsaal

Andrew McKenna hat die Geburt seines Sohnes live erlebt - und dabei einiges mitgemacht. Lesen Sie bei urbia alles über seine emotionale Achterbahnfahrt.

Autor: Andrew McKenna
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Bier statt Entbindungsstation

Eltern Baby nach Kaiserschnitt
Foto: © iStockphoto.com/ marcos77

Keine zwölf Stunden nachdem bei meiner Frau die Wehen eingesetzt hatten, schickte mich der behandelnde Arzt in die Kneipe.

Wenn Ihnen ein Doktor Bier verschreibt, dann geht es Ihnen wirklich schlecht. Also taumelte ich ins nächstgelegene Hotel und sah dabei aus, als sei ich soeben von Außerirdischen entführt worden.

Der Barkeeper schloss aus meinem gehetzten Blick: „Sie kommen aus der Entbindungsstation.“ Woher wusste er das? „Normalerweise kommt hier einer rein gerannt und torkelt wieder raus. Die werdenden Väter torkeln rein und rennen raus!“ Kunststück – sind wir doch völlig durch den Wind.

Für einen Mann sind Wehen wie eine ungebremste Achterbahnfahrt, die ihn in kürzester Zeit zwischen abgrundtiefer Verzweiflung und höchster Erregung hin und her wechseln lässt. Es ist schrecklich – und wundervoll zugleich. Nie hat man sich so erschöpft und doch lebendig gefühlt.

Man will helfen, aber man kann es nicht. Sie könnten sterben für eine Mahlzeit, doch der Automat im Krankenhaus spuckt nur Kartoffelchips aus – und Sie haben schon zwölf Packungen intus. Und gerade dann, wenn Sie glauben, der Gipfel der Tortur sei erreicht, gerade dann wird es noch viel schlimmer. Durcheinander? Das werden Sie sein!

Kein Buch kann Sie darauf vorbereiten. Wenn die Wehen einsetzen, sind Sie aufgeregt und nervös, als Unterstützung völlig unbrauchbar und ein wenig ängstlich.

Theorie und Praxis

Wenn Sie in dieses Meer an Emotionen eintauchen, mag Ihre gemeinsame akribische Geburtsvorbereitung für Sie den Anschein einer Rettungsinsel haben, an der Sie sich festhalten können; erwarten Sie jedoch nicht, dass sie schwimmt.

Carol hatte eine Hausgeburt geplant. „Wenn sie mir Schmerzmittel geben, verklage ich sie!“ Alles schön und gut. Dumm nur, dass sie 17 Tage über der Zeit war und ins Krankenhaus eingewiesen werden musste. Bye-bye, du schöner Plan.

Als ich sie trösten wollte, begannen die Kontraktionen. Oh diese Schmerzen, und für sie umso schlimmer. Stellen Sie sich vor, Sie sind an einen Stuhl gefesselt und müssen mit ansehen, wie Ihre Liebste stundenlang einfach so daliegen muss, zur Untätigkeit verdammt.

Die einzige Möglichkeit, diesen Stress auszuhalten, ist, sich immer wieder daran zu erinnern, dass Mutter Natur die Geburt nicht umsonst so schmerzhaft angelegt hat. Wieso war das so? Wenn ich das wüsste. Aber man muss akzeptieren, dass diese Qualen normal sind.

Wir hatten alles fein säuberlich geplant. Dass ich sie massieren würde. Wir hatten Bücher gekauft. Wir hatten das Ganze sogar geübt. Jetzt wollte sie nicht, dass ich sie auch nur anfasste, was mich meine Hilflosigkeit und Verwirrung nur noch stärker empfinden ließ.

Mir blieb lediglich, ihr Mut zuzusprechen, sie zum tiefen Atmen anzuhalten, mit ihr über Gartenarbeiten und unser nächstes gemeinsames Urlaubsziel zu diskutieren, während die Hebamme ihr beim Pressen half.

Hebammen sind großartig, wenn es darum geht, einen mit Belanglosigkeiten abzulenken – und es hilft wirklich. Aber es verleiht dem Ganzen eine bizarre Dimension: „Ich fliege nach Mallorca nächste Woche... ‚Aahhh!’... zwei Wochen Halbpension. ‚Uuhhh!’... Fahren Sie auch weg?’ Oohhh...’“

Seinen Mann stehen

Nach zehn Stunden Wehen fühlen Sie sich, als habe jemand Hackfleisch aus Ihrem Gehirn gemacht. An Entspannung nicht zu denken. Und dann ist es Ihre Pflicht, all die Verwandten anzurufen und Ihnen zu sagen, dass es nichts gebe, was Sie ihnen erzählen könnten und dass sie das doch bitte auch allen anderen sagen sollten.

Währenddessen wird Ihre Partnerin so mit ihren Wehen beschäftigt sein, dass Sie für sie sprechen müssen, indem sie den Ärzten sagen, was sie will und was nicht (zu diesem Zeitpunkt haben sie von beidem natürlich noch keinen blassen Schimmer).

All diese Dinge erwarten Sie bei normal verlaufenden Wehen, aber ein Mann muss vor allem dann einen klaren Kopf bewahren, wenn etwas schief läuft – wie bei uns.

Nach 18 zermürbenden Stunden hatte sich Carols Muttermund um sechs Zentimeter geweitet, war dann aber so geblieben. Das Baby lag verkehrt herum, sein Köpfchen zu einer Seite gedreht, und das Wort „Kaiserschnitt“ stand dem behandelnden Arzt ins Gesicht geschrieben.

Mir rutschte das Herz in die Hose. Ein Kaiserschnitt war Carols schlimmster Albtraum.

Unsere wundervolle Hebamme hielt ihr die Hand. „Sie waren bis jetzt schon verdammt gut“, flüsterte sie, „aber für das Baby und Sie ist es jetzt genug.“ Carol schüttelte ihren Kopf und fixierte mich mit glasigem Blick.
Was ich gemacht habe? Ich hielt ihre Hand.

„Du warst bis jetzt schon verdammt gut“, flüsterte ich, „aber für das Baby und Dich ist es jetzt genug.“

„O.K.“, seufzte sie. Erstaunlich! Beweis dafür, dass wir Kerle in Krisensituationen durchaus das Richtige tun können, wenn auch nicht besonders originell.

Aber das Trauma der Wehen ist nichts im Vergleich zur eigentlichen Geburt. Gerade haben Sie eine neue Emotion verarbeitet, schon kommt eine weitere dazu. Diese Erfahrung ist es, die Sie am meisten umhaut.

Frisch gebackene Väter können diese Erfahrung nicht wirklich beschreiben – außer einem verklärten und sentimentalen Blick kriegen sie nichts zustande. Kein Wunder: Sie trifft einen mit voller Wucht und hinterlässt ein Häufchen Elend.

Als der Chirurg unseren Sohn von 3740 g empor hielt, war ich erschüttert. Das Leben im Bauch Ihrer Frau steht in keinem Verhältnis zum diesem rosa Würmchen im Arm des Arztes.

Egal ob Junge oder Mädchen: Es ist ein BABY! Und es ist unseres. Du hast das geschafft! Und jede Sekunde des Schmerzes war es wert.

Denken Sie also daran, wenn die Reihe an Sie kommt, dieses Erdbeben im Kreißsaal durchzustehen. Und wenn der Arzt Sie in die Kneipe schickt: Zwei doppelte Whiskys sind die perfekte Medizin.

Aus dem Englischen übersetzt von Martin Schneider


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